Seite 3: Wovor haben Schweden Angst?

Der 48-jäh­rige Immo­bi­li­en­un­ter­nehmer und Ex-Militär, der einst als Batail­lons­kom­man­deur einer Spe­zi­al­ein­heit nach Öster­sund kam, ist der Motor in diesem Klub. Die Frage ist doch“, sagt er, wie kann man kon­kur­renz­fähig sein als kleiner Verein mitten im Wald?“ Nach dem geschei­terten Ver­such, ins wirt­schaft­liche Risiko zu gehen, suchte der ÖFK nach neuen Stra­te­gien, ach, im Grunde gleich nach einer neuen Iden­tität. Irgend­wann kam Karin Wahlén mit dem Vor­schlag, kul­tu­relle Aspekte ins Klub­leben zu inte­grieren. 

Anfangs sah das so aus, dass die Spieler ins Theater gingen oder Kunst­aus­stel­lungen besuchten, immer auf der Suche nach neuer Inspi­ra­tion. Bis eines Tages die bekannte schwe­di­sche Autorin Mar­tina Haag zu Gast war und ein Gespräch mit Kind­berg führte, das alles ver­än­derte.

Angst vor der Bühne

Daniel“, habe die Schrift­stel­lerin gesagt, weißt du, wovor Schweden von allen Dingen am meisten Angst haben?“ – Sterben wahr­schein­lich“, lau­tete Kind­bergs Ant­wort. – Nein, nein“, erwi­derte Haag. Es gibt Unter­su­chungen dar­über. Es ist die Angst, auf eine Bühne zu gehen und vor anderen Leuten zu spre­chen oder etwas auf­zu­führen.“ In diesem Moment machte es bei Kind­berg Klick“ und der Öster­sunds FK hatte sein Allein­stel­lungs­merkmal gefunden.

Nach all den Dingen, die sie in den letzten Jahren getan haben, ist die Musik­revue wahr­schein­lich die bis­lang größte Her­aus­for­de­rung. Mit Hilfe einer Gesangs­leh­rerin und des Betrei­bers einer lokalen Musik­schule haben alle gemeinsam ein Dut­zend Songs erar­beitet, kom­plett mit Arran­ge­ment und Büh­nen­cho­reo­grafie. Chef­trainer Graham Potter, ein 41-jäh­riger Eng­länder, wird gleich beim ersten Song ein Solo singen, wobei es sich um die inof­fi­zi­elle Natio­nal­hymne der Pro­vinz Jämt­land han­delt, dar­ge­boten in der Regio­nal­sprache Jamska. Mehr Iden­ti­fi­ka­tion ist kaum mög­lich.

Raus aus der Kom­fort­zone

Potter, der seit Anfang 2011 in Öster­sund arbeitet, stand von Anfang an voll hinter den Kul­tur­ak­ti­vi­täten des Klubs. Der ehe­ma­lige Pre­mier-League-Spieler des FC Sout­hampton fand die Idee reiz­voll, einen anderen Pro­fi­verein zu erschaffen. Dieses Kul­tur­ding ist ein wich­tiger Teil davon. Es ist ein­zig­artig und nichts, was wäh­rend meiner Spie­ler­kar­riere in Groß­bri­tan­nien vor­stellbar gewesen wäre.“ 

Die dahin­ter­ste­hende Phi­lo­so­phie han­delt im Kern davon, dass die Fuß­baller aus ihrer seit vielen Jahren bewohnten Kom­fort­zone her­aus­treten, ihre Grenzen aus­testen und dabei selbst­be­wusster werden und als Gemein­schaft zusam­men­rü­cken. In Pot­ters ersten beiden Jahren stieg der ÖFK zweimal auf, 2015 gelang dann tat­säch­lich der Einzug in die Alls­venskan. Dort steht der Verein nach zwanzig von dreißig Spielen im geho­benen Mit­tel­feld.