Seite 2: Die Maschinerie hinter Özil

Özil bleibt stets höf­lich, das schon, trotzdem merkt man, dass er sich in künst­li­chen Situa­tionen, in Inter­views oder auf Pres­se­kon­fe­renzen, selten richtig wohl fühlt. Ohne den Ball am Fuß wirkt er fragil, bei­nahe ängst­lich. Wie ein Kind, das die Eltern gegen seinen Willen auf eine Fami­li­en­feier mit­ge­nommen haben und das am liebsten ganz schnell heim möchte, zurück zu den Freunden, auf den Bolz­platz, an die Play­sta­tion. Berichtet wird natür­lich trotzdem. Über Pop­star-Stern­chen an seiner Seite, seine Reise nach Mekka, die lei­dige Natio­nal­hym­nen­dis­kus­sion oder den Streit mit seinem Vater Mus­tafa, den er vor zwei Jahren von seiner Bera­ter­funk­tion ent­band und durch seinen Bruder ersetzte. Özils Geschichte ist auch eine Tele­no­vela. Und wenn es doch mal um Fuß­ball geht, ist das Haupt­thema: seine Kör­per­sprache. Özil, das lust­lose Genie, der Spieler, der bei Rück­ständen die Schul­tern hän­gen­lässt.

Jetzt zieht er die Schul­tern hoch. Er mes­utö­zilt: Wert hat nur das, was Trainer sagt.“ Er meint: Was wissen die Leute schon über mich?

Viel­leicht hatte dieses Treffen auch des­wegen einen Vor­lauf von über einem halben Jahr. Außerdem muss man wissen: Um Özil hat sich in den letzten Jahren eine große Gruppe von pro­fes­sio­nellen Küm­me­rern und Hel­fern for­miert. Die meisten sind Freunde, Ver­wandte, Bekannte. Eine Firma in Mün­chen orga­ni­siert die Pres­se­ar­beit, die Özil Mar­ke­ting GmbH in Düs­sel­dorf küm­mert sich um die Ver­mark­tung. Es gibt etwa Hubert Raschka, einen Berater, er ist der erste Ansprech­partner. Es gibt Dr. Erkut Sögüt, einen Rechts­an­walt und lizen­zierten Spie­ler­be­rater, der zwi­schen London und Düs­sel­dorf hin- und her­jettet. Dann ist da noch Mutlu Özil, der Bruder und Geschäfts­führer an der Düs­sel­dorfer Königs­allee. Oder Serdar Özil, der Cousin, der mit Mesut in London lebt. Sie wägten ab, fragten, wie die Stoß­rich­tung der Geschichte sei, 11 FREUNDE, na ja, haben auch nicht immer positiv berichtet. Und über­haupt, so denken sie wohl: Was bringt eine Repor­tage jemandem, der mit einem 15-sekün­digen Insta­gram-Video seines Hundes 1,2 Mil­lionen Fol­lower erreicht? Der bei Twitter mehr Fans hat als Kobe Bryant und bei Face­book fast dop­pelt so viele wie Madonna?

Wie mensch­liche Wider­haken

Schließ­lich kam aber das Okay von seinen Bera­tern. Man wolle es ver­su­chen, am 15. Oktober, an seinem 28. Geburtstag, eine gemein­same Fahrt durch London. Und viel­leicht ist das wirk­lich der beste Rahmen, um Özil nahe zu kommen, nicht nur räum­lich auf dem Bei­fah­rer­sitz. Ein biss­chen plau­dern, ein wenig den Regen im Schein­wer­fer­licht beob­achten, die Streets of London, dazu Türkpop. Und auch wenn Özil anfangs etwas schweigsam ist, scheint er guter Dinge. Eben hat Arsenal 3:2 gegen Swansea gewonnen, und er machte das zwi­schen­zeit­liche 3:1. Ein Vol­ley­schuss unter die Latte. Die Fans sangen: We’ve got Ozil. Mesut Ozil. I just don’t think you under­stand. He’s Arsene Wenger’s man. He’s better than Zidane.“ War es jemals so laut beim FC Arsenal?

Özil tritt auf die Bremse, die nächste rote Ampel, das gleiche Schau­spiel. Meeeesut! Mesut! Happy Bir­thday! Great Goal! Und dann kommt ein Mann von vorne, schreibt rasch eine Bot­schaft auf einen Zettel und hält ihn an die Front­scheibe: Bir Selam! Emin aus Essen“, viele Grüße von Emin aus Essen. Özil, leise, aber bestimmt: Be careful!“ Ein Junge wie­der­holt für die anderen: Careful! Don’t scratch his car!“ Özil fährt langsam an, aber es geht nicht vor­wärts, die Kinder hängen am Wagen wie mensch­liche Wider­haken. Also gut. Noch der Junge und der da hinten, und dann ruft noch einer etwas auf Tür­kisch. Okay, der auch noch. Meeeesut! Aşkım! Meine Liebe!