Seite 5: Der Schwur von der Olgastraße

Dann erzählt er seine Lieb­lings­an­ek­dote, die sich zutrug, als Özil bereits Profi auf Schalke war. Krabbe traf damals in der Kan­tine einen Schüler, der aus der Klasse ver­wiesen worden war, weil er seine Haus­auf­gaben nicht gemacht hatte. Ich soll einen Text über mein Idol schreiben“, sagte der Junge. Wer ist denn dein Idol?“, fragte Krabbe. Mesut Özil. Aber ich weiß nicht, was ich schreiben soll“, ant­wor­tete der Schüler. Krabbe holte sein Handy raus, wählte Özils Nummer und übergab das Telefon. Sprich doch mal mit ihm. Viel­leicht fällt dir dann was ein.“ Der Schüler und der Fuß­ball­profi unter­hielten sich ein paar Minuten auf Tür­kisch, dann schrieb der Junge seinen Text und kehrte mit strah­lenden Augen in die Klasse zurück. Krabbe macht eine Pause. Dann sagt auch er diesen Satz: Mesut hat nie ver­gessen, wo er her­kommt.“

Wie passen solche Erzäh­lungen zu den Zei­tungs­be­richten aus jener Zeit? Als Özil 2008 vor dem Wechsel zu Werder Bremen stand, schrieb etwa die Welt“ von einem Profi mit Image­pro­blemen“. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung ver­fes­tigte sich das Bild eines Jung­profis, der sich nicht an Abspra­chen hält, eine Mario­nette seines Vaters ist und sich vom vielen Geld ver­rückt machen lässt. Es ist, wie so häufig, alles eine Frage der Per­spek­tive. So auch der aktu­elle Ver­trags­poker bei Arsenal. Es heißt, Özil könnte bald über zehn Mil­lionen Pfund im Jahr ver­dienen. Was einen Stun­den­lohn von über 1200 Euro macht. Eine Summe, die einige seiner alten Bolz­platz-Freunde im Monat bekommen. Natür­lich kann man da fragen, was so etwas mit einem Men­schen macht. Man kann sich wun­dern, wofür jemand so viel Geld braucht. Und man kann staunen, wie man über diesen Irr­sinn die Olga­straße nicht ver­gessen kann. Heute, an seinem 28. Geburtstag, ist die Olgastraße mit Sack und Pack nach London gekommen. Es sind Bro­thers From Ano­ther Mother, wie man so sagt, Bros, Brudis, Habibis, ein gutes Dut­zend Jugend­freunde. Sie nennen Özil Mesut Abi“, großer Bruder. Und wenn man ihre gemein­same Geschichte hört, wirkt einiges ganz schön kit­schig, aber es rührt auch an, weil ein Traum tat­säch­lich wahr wurde.

Der Schwur von der Olgastraße

Für viele von ihnen begann 2012 ein neues Leben. Damals grün­dete Özil gemeinsam mit seinem Vater die Özil Mar­ke­ting GmbH. Heute ist nicht nur sein Bruder Mutlu Geschäfts­führer, auch einige seiner besten Freunde hat er ange­stellt. Wenn man ihn nach der Firma fragt, sagt er: Ich wollte, dass sich nie­mand sorgen muss. Und ich wollte mit meinen Freunden in den Urlaub fahren, und das konnten wir früher oft nicht.“ Denn früher, als sie noch andern­orts beschäf­tigt waren, musste Özil darauf hoffen, dass sie von ihren Chefs frei bekommen. Außerdem hätten sie sich schon damals, in der Olgastraße, geschworen: Wenn einem der Auf­stieg gelingt, ganz nach oben, dann nimmt er die anderen mit. Ein Satz, der klingt wie aus der Bio­grafie eines Musi­kers, der es eines Tages von der Bronx in den Madison Square Garden schafft und seine kom­plette Gang von einst als Hin­ter­grund­sänger mit auf die Bühne schleppt. Ganz egal, ob die Mikro­fone ange­schlossen sind.

Die meisten seiner Freunde haben boden­stän­dige Berufe erlernt. Baris, Özils bester Freund, war früher Auto­händler. Erkan, eben­falls aus der Jugend­clique, arbei­tete als Tank­wart. Beide sind in Özils Firma im Bereich Scou­ting & Bera­tung“ tätig. Sie wurden ange­lernt von Erkut Sögüt, dem Rechts­an­walt. Er ist so etwas wie der stra­te­gi­sche Kopf des Unter­neh­mens. Für Außen­ste­hende mag dieses Geflecht dubios wirken. Als hätte jemand eine rie­sige Entou­rage als mensch­li­ches Schutz­schild um sich ver­sam­melt. Und man stellt sich vor, wie vor der VIP-Box all die Jungs Schlange stehen, die Özil im Affen­käfig mal ein Tor auf­ge­legt haben. Aber so ist das nicht. Das beste Bei­spiel ist Erkan. Der junge Mann, Base­ballcap, weißes Shirt, weiße Sneaker, kennt Özil seit Kin­der­tagen. Er ist der jüngste Mit­ar­beiter in der Agentur. Als er ver­gan­genes Jahr Vater wurde, war es für Özil logisch, dass sie ihn auch ein­stellen. Schließ­lich könne der Jugend­freund mit dem Geld von der Tank­stelle keine Familie ernähren.