Der fol­gende Text stammt aus der 11FREUNDE-Aus­gabe #181, erschienen im November 2016.

Gleich geht der Wahn­sinn los. Mesut Özil lenkt sein Auto aus der Tief­ga­rage des Emi­rates. Er blickt hinauf zur Aus­fahrt. Schweigt. Die letzten Sekunden Stille vor dem Sturm. An der Schranke warten sie bereits, sie stehen nach jedem Arsenal-Heim­spiel dort, zahl­reiche Fans, viele sehen aus wie er. Jungs mit Mesut-Fri­suren, Mesut-Brillis, Mesut-Tri­kots. In den Händen halten sie Stifte, Pro­gramm­hefte, Schals und Smart­phones. Schon mal über getönte Scheiben nach­ge­dacht? Sind ver­boten“, sagt Özil. Aber nervt das nicht? Ich war doch selbst mal Fan. In Madrid war vieles distan­zierter, die Polizei hat alle Straßen um das Sta­dion abge­rie­gelt, überall Secu­rity.“ Er fährt langsam auf die Aus­fahrt zu, kaum schneller als 20 Stun­den­ki­lo­meter. Jetzt geht der Wahn­sinn los.

Die Fans laufen neben dem Auto her, klopfen an die Scheiben, immer und immer wieder. Özil, frisch geduscht, Trai­nings­anzug, Sneaker, dreht die Musik leiser. Tarkan, der Türkpop-Sänger, flüs­tert nur noch, Kuzu Kuzu“ heißt das Lied, es han­delt von Liebe und Sehn­sucht. An der ersten roten Ampel hält er an, lässt das Fenster her­unter, und die Kinder drü­cken sich bei­nahe kopf­über in sein Auto. Mesut! Mesut!“, japsen sie, voll­kommen erschöpft vom Gerenne. Sie rufen: Great Goal!“ Oder: Please stay at Arsenal! Pleeeease!“ Ein älterer Herr streckt ihm ein Klein­kind ent­gegen, wohl in der Hoff­nung, dass er, der Zau­berer von Oz, seinen Filius in einen Wun­der­spieler ver­wan­delt. Özil unter­schreibt ihre Mit­bringsel, er lässt sich foto­gra­fieren, nimmt ihre Smart­phones ent­gegen, ein paar Sel­fies, pleeeease, er macht alles mit, was sie von ihm ver­langen. Nach etwa fünf Minuten sagt er: Be careful“ und fährt weiter, die nächste Ampel bereits in Sicht­weite.

Wer Özils Spiel nicht liebt, liebt den Fuß­ball nicht“

Arsène Wenger

Jetzt aber schnell, eine Ein­stiegs­frage. Viel­leicht zur aktu­ellen Form. Neu­lich konnte man von einer Ernäh­rungs­um­stel­lung lesen, grüner Tee, weniger Brot. Was ist dran? Ich habe ein paar Klei­nig­keiten geän­dert, ich bin defi­nitiv auf einem guten Weg“, sagt er. Auf einem guten Weg? Der Guar­dian“ hat Özil zuletzt mal wieder mit Arsenal-Legende Dennis Berg­kamp ver­gli­chen, der TV-Sender Sky belegte anhand seiner Pass­sta­tistik, dass er der krea­tivste Spieler in der Geschichte der Pre­mier League ist. Auch in Deutsch­land werden gerade Hymnen auf ihn ver­fasst. Die Süd­deut­sche Zei­tung“ befand nach dem Län­der­spiel gegen Tsche­chien etwa, dass wir gerade den besten Mesut seit der Olgastraße“ erleben, also den besten Özil, seit er auf dem Bolz­platz in Gel­sen­kir­chen-Bis­marck die älteren Jungs beim Dribb­ling ste­hen­ließ wie Tisch­ki­cker­fi­guren. Also, Mesut: Mal ehr­lich, Sie sind doch in der Form Ihres Lebens! Özil, immer noch etwas unsi­cher, wer da auf dem Sitz neben ihm Platz genommen hat, mag Eigenlob nicht, und das ist ja eigent­lich eine gute Eigen­schaft. Er bleibt erst mal bei den unver­bind­li­chen Pro­fi­sätzen, wie man sie von ihm kennt: Die Saison ist noch jung, und ich muss weiter an mir arbeiten.

Mesut Özil hat über 80 Län­der­spiele gemacht. Er ist deut­scher Pokal­sieger geworden, eng­li­scher Pokal­sieger, spa­ni­scher Meister und Welt­meister. José Mour­inho sagt über ihn: Es gibt keine Kopie von Özil, nicht mal eine schlechte.“ Arsène Wenger sagt: Wer Özils Spiel nicht liebt, liebt den Fuß­ball nicht.“ Er spielt Pässe aus dem Fuß­ball­ge­lenk, die Denk­sport­auf­gaben für Phy­siker sein könnten. Er ist seit zehn Jahren Fuß­ball­profi. Er stand immer da, wo auch die Mikro­fone waren, trotzdem war es nie leicht, ihm nahe zu kommen.

Özil bleibt stets höf­lich, das schon, trotzdem merkt man, dass er sich in künst­li­chen Situa­tionen, in Inter­views oder auf Pres­se­kon­fe­renzen, selten richtig wohl fühlt. Ohne den Ball am Fuß wirkt er fragil, bei­nahe ängst­lich. Wie ein Kind, das die Eltern gegen seinen Willen auf eine Fami­li­en­feier mit­ge­nommen haben und das am liebsten ganz schnell heim möchte, zurück zu den Freunden, auf den Bolz­platz, an die Play­sta­tion. Berichtet wird natür­lich trotzdem. Über Pop­star-Stern­chen an seiner Seite, seine Reise nach Mekka, die lei­dige Natio­nal­hym­nen­dis­kus­sion oder den Streit mit seinem Vater Mus­tafa, den er vor zwei Jahren von seiner Bera­ter­funk­tion ent­band und durch seinen Bruder ersetzte. Özils Geschichte ist auch eine Tele­no­vela. Und wenn es doch mal um Fuß­ball geht, ist das Haupt­thema: seine Kör­per­sprache. Özil, das lust­lose Genie, der Spieler, der bei Rück­ständen die Schul­tern hän­gen­lässt.

Jetzt zieht er die Schul­tern hoch. Er mes­utö­zilt: Wert hat nur das, was Trainer sagt.“ Er meint: Was wissen die Leute schon über mich?

Viel­leicht hatte dieses Treffen auch des­wegen einen Vor­lauf von über einem halben Jahr. Außerdem muss man wissen: Um Özil hat sich in den letzten Jahren eine große Gruppe von pro­fes­sio­nellen Küm­me­rern und Hel­fern for­miert. Die meisten sind Freunde, Ver­wandte, Bekannte. Eine Firma in Mün­chen orga­ni­siert die Pres­se­ar­beit, die Özil Mar­ke­ting GmbH in Düs­sel­dorf küm­mert sich um die Ver­mark­tung. Es gibt etwa Hubert Raschka, einen Berater, er ist der erste Ansprech­partner. Es gibt Dr. Erkut Sögüt, einen Rechts­an­walt und lizen­zierten Spie­ler­be­rater, der zwi­schen London und Düs­sel­dorf hin- und her­jettet. Dann ist da noch Mutlu Özil, der Bruder und Geschäfts­führer an der Düs­sel­dorfer Königs­allee. Oder Serdar Özil, der Cousin, der mit Mesut in London lebt. Sie wägten ab, fragten, wie die Stoß­rich­tung der Geschichte sei, 11 FREUNDE, na ja, haben auch nicht immer positiv berichtet. Und über­haupt, so denken sie wohl: Was bringt eine Repor­tage jemandem, der mit einem 15-sekün­digen Insta­gram-Video seines Hundes 1,2 Mil­lionen Fol­lower erreicht? Der bei Twitter mehr Fans hat als Kobe Bryant und bei Face­book fast dop­pelt so viele wie Madonna?

Wie mensch­liche Wider­haken

Schließ­lich kam aber das Okay von seinen Bera­tern. Man wolle es ver­su­chen, am 15. Oktober, an seinem 28. Geburtstag, eine gemein­same Fahrt durch London. Und viel­leicht ist das wirk­lich der beste Rahmen, um Özil nahe zu kommen, nicht nur räum­lich auf dem Bei­fah­rer­sitz. Ein biss­chen plau­dern, ein wenig den Regen im Schein­wer­fer­licht beob­achten, die Streets of London, dazu Türkpop. Und auch wenn Özil anfangs etwas schweigsam ist, scheint er guter Dinge. Eben hat Arsenal 3:2 gegen Swansea gewonnen, und er machte das zwi­schen­zeit­liche 3:1. Ein Vol­ley­schuss unter die Latte. Die Fans sangen: We’ve got Ozil. Mesut Ozil. I just don’t think you under­stand. He’s Arsene Wenger’s man. He’s better than Zidane.“ War es jemals so laut beim FC Arsenal?

Özil tritt auf die Bremse, die nächste rote Ampel, das gleiche Schau­spiel. Meeeesut! Mesut! Happy Bir­thday! Great Goal! Und dann kommt ein Mann von vorne, schreibt rasch eine Bot­schaft auf einen Zettel und hält ihn an die Front­scheibe: Bir Selam! Emin aus Essen“, viele Grüße von Emin aus Essen. Özil, leise, aber bestimmt: Be careful!“ Ein Junge wie­der­holt für die anderen: Careful! Don’t scratch his car!“ Özil fährt langsam an, aber es geht nicht vor­wärts, die Kinder hängen am Wagen wie mensch­liche Wider­haken. Also gut. Noch der Junge und der da hinten, und dann ruft noch einer etwas auf Tür­kisch. Okay, der auch noch. Meeeesut! Aşkım! Meine Liebe!

Özil zeigt auf die nächste Kreu­zung, 200 Meter ent­fernt, direkt neben einem Pub. Er sagt: Da geht’s noch mal ab.“ Und dann: Du darfst nicht ver­gessen, wo du her­kommst.“ Auch so ein Satz aus dem Bau­kasten, ein Kalen­der­spruch. Eigent­lich. Bei Özil hat er einen anderen Klang. Auch wenn man sich hier, in diesem Pulk von Fans, kaum vor­stellen kann, wie ein Mensch auf dem Boden bleibt, wenn ihn andere an jedem Wochen­ende in den Himmel heben.

Wer wissen will, wie der Boden aus­sieht, auf dem Özil bleiben möchte, muss ins Ruhr­ge­biet fahren. Nach Gel­sen­kir­chen. In seinen alten Stadt­teil Bis­marck, ris­siger Asphalt, schim­me­lige Haus­fas­saden, Eck­kneipen-Romantik. In die Olgastraße, zu dem ein­ge­zäunten Bolz­platz, den die Jungs Affen­käfig“ nennen. An seine alte Schule Berger Feld, die sich im Schatten der Schalker Arena befindet. Und nach Essen, zu Werner Kik, wo alles begann.

Der Gold­junge von der Olgastraße

Kik, 77, graue Bund­fal­ten­hose, grünes Polo­hemd, emp­fängt an einem Diens­tag­morgen Anfang Oktober in seinem Wohn­zimmer. Er spielte in den sech­ziger Jahren für Rot-Weiss und war in den Nuller­jahren Jugend­ko­or­di­nator des Klubs. Ein freund­li­cher weiß­haa­riger Mann, der Prost“ sagt, wenn er einen Schluck aus seinem Was­ser­glas nimmt. Und der ein wenig auf­ge­regt ist, weil es heute um Mesut Özil gehen soll.

Es war irgend­wann im Sommer 2000, als es an seiner Tür auf der Geschäfts­stelle klopfte und Mus­tafa Özil sich vor­stellte. Er fragte, ob sein elf­jäh­riger Sohn mal mit­trai­nieren könne, denn er sei ziem­lich gut. Na schön, dachte Kik, zeig mal, was du kannst – und dann war er baff. Schon nach der ersten Ein­heit bot Kik dem Vater einen rich­tigen Ver­trag an, dazu einen per­sön­li­chen Fahr­dienst, der den Jungen nach der Schule von Gel­sen­kir­chen nach Essen bringen sollte. Weißt du noch, wie du nach Hause kamst, Werner?“ Kiks Ehe­frau steht im Tür­rahmen. Du warst ganz auf­ge­regt. Hast gesagt: Heute war einer da, der wird mal ein ganz Großer.“ Der ehe­ma­lige RWE-Profi schaut beschämt zur Seite. Ach, das konnte ich eigent­lich gar nicht wissen“, sagt er. Das wäre ja ver­messen.“ Und dann erin­nert er sich, wie er mal ganz nervös wurde, als der Gold­junge nicht zum Trai­ning erschien. Hatte er keine Lust mehr? War er abge­hauen? Zu einem anderen Verein? Am Ende fand Kik heraus, dass Özil an jenem Abend mit seinen Jungs im Affen­käfig in der Olgastraße gespielt hatte. Es stand wohl ein wich­tiges Spiel gegen die Nach­bar­straße an.

Döner für den Sieger

Özil, nun ein feines Lächeln auf den Lippen, rutscht im Sitz hin und her. Die Augen, die sonst immer ein biss­chen müde aus­sehen, leuchten. Es geht ja ums Bolzen, ums Kicken, wie er es immer noch nennt. Hei­mi­scher Boden, bekanntes Ter­rain. Und plötz­lich kommt er ins Reden und beendet Sätze mit netten Pointen. Es gab nur Fuß­ball für uns, von mor­gens bis abends. Es gab sogar eine rich­tige Stra­ßen­meis­ter­schaft“, sagt er. Ich hatte damals krassen Respekt vor den Älteren. Und natür­lich habe ich nach Fouls manchmal gedacht: Jetzt revan­chierst du dich, aber im nächsten Moment hatte ich Sorge, dass ich von denen dann ordent­lich Haue bekomme. Wenn wir ver­loren haben, mussten wir den Sie­gern Döner aus­geben, und manchmal war das ganz schön blöd, weil, wir bekamen ja nur fünf Mark Taschen­geld, und die waren dann schnell weg.“ Dann mussten sie das nächste Spiel gewinnen – oder es gab bis zum Ende des Monats nur Süßig­keiten vom Kiosk. Was aber auch nicht so schlimm war. Ich liebe diese bunten Tüten von der Bude“, sagt Özil.

Vor dem Län­der­spiel gegen Tsche­chien war er mal wieder da. Zu Hause, sagt er. In der Olgastraße. Freunde besu­chen. Die Erin­ne­rungen waren sofort wieder da, Bilder, Gerüche. Köfte an der Ecke, der Laden mit dem Was­sereis, aber vor allem: Fuß­ball. Die Tricks von Ziné­dine Zidane üben, die Schüsse von Ronaldo, die Flanken von Luis Figo.

Als Mesut Özil 17 Jahre alt war, hatte er eine ziem­lich genaue Vor­stel­lung davon, wie seine Zukunft aus­sehen sollte. Er war damals in die Jugend­ab­tei­lung des FC Schalke 04 gewech­selt und traf dort auf Nor­bert Elgert, einen Trainer, der neben Özil auch Julian Draxler, Manuel Neuer oder Bene­dikt Höwedes den Fein­schliff für die Profis ver­liehen hat. Der 59-jäh­rige Elgert, früher selbst Profi bei Schalke, sitzt in der Lobby des Courtyard Hotels, direkt neben dem alten Park­sta­dion. Ein sach­li­cher Typ, alte Schule, prä­gnante For­mu­lie­rungen. Erstaunt sei er nicht, dass Özil ein erfolg­rei­cher Fuß­ball­profi wurde. War ja selbst­be­wusst, sagt er. Wusste, was er wollte. Sätze, die man mit dem frühen Özil nicht unbe­dingt in Ver­bin­dung bringt. Muss man sich nicht eher wun­dern, dass es einer wie dieser schüch­terne Junge im Ell­bo­gen­ge­schäft Fuß­ball über­haupt geschafft hat? Nein, sagt Elgert. Schüch­tern sei Özil nie gewesen. Zurück­hal­tend, ein wenig intro­ver­tiert, aber eben auch ziel­strebig.

Özil werde oft falsch bewertet, sagt sein För­derer

Als Elgert den Nach­wuchs­spieler mal nach seinen Plänen fragte, sagte der seine Kar­riere voraus. Er wollte erst Stamm­spieler in der U19 werden, dann Profi bei Schalke – danach zu Real Madrid oder Bar­ce­lona und irgend­wann auch mal beim FC Arsenal spielen. Tat­säch­lich in der Rei­hen­folge.“ Ein Pro­phet? Ach. Ein Wunder? Mmmh. Der Trainer mag die Hys­terie im Pro­fi­fuß­ball nicht, diesen Apparat, der nur Begriffe wie Super­star“ oder Ver­sager“ kennt. In dem jeder sich Experte“ nennt, der irgend­wann mal zehn Bun­des­li­ga­spiele gemacht hat. Er sagt, dass Özil oft falsch bewertet werde. Schon die Dis­kus­sionen um seine Kör­per­sprache! Viele würden sein Spiel gar nicht ver­stehen, sagt Elgert und zeichnet mit seinen Händen Wege auf den Tisch. Özil, sagt er, schleiche sich oft frei, biete sich zwi­schen den Linien an, ohne dass seine Gegen­spieler es mit­be­kämen. Er spiele viel häu­figer Risi­ko­pässe als andere. Und ein Wert wie Lauf­leis­tung sage auch nichts aus. Es komme schließ­lich nicht auf die Quan­tität, son­dern auf die Qua­lität der Sprints an.

Der Kon­takt zwi­schen den beiden, dem Lehr­meister und dem Schüler, ist nie abge­bro­chen. Özil lud Elgert 2013 zum Copa-Finale zwi­schen Real und Atle­tico Madrid ins Ber­nabeu ein. Als Özil ein Jahr später einen Ehren­preis für soziales Enga­ge­ment bekam, bat er seinen alten Trainer, die Lau­datio zu halten. Manchmal schickt er ihm noch SMS. In einer stand: Trainer, falls Sie mal etwas brau­chen, ich bin für Sie da.“

Eigent­lich nur Fuß­ball“

Wenige hun­dert Meter ent­fernt liegt die Gesamt­schule Berger Feld. In einem Flur befindet sich eine Art Wall of Fame“, hier hängen gerahmte Bilder von Manuel Neuer, Ralf Fähr­mann oder Joel Matip. Alle gingen hier zur Schule, alle hatten ein großes Ziel: Irgend­wann in der Schalker Arena auf­zu­laufen, die sich hinter dem Schulhof und den Bäumen erhebt. Die Lehrer an der Gesamt­schule haben in den ver­gan­genen Jahren unzäh­lige Inter­views zu ihren ehe­ma­ligen Schü­lern gegeben. Einer wurde mal mit den Worten zitiert, Özil sei ein wenig autis­tisch“ gewesen, was natür­lich blöd klang. Der ehe­ma­lige Klas­sen­lehrer Chris­tian Krabbe for­mu­liert es nun anders: Er war bescheiden und stand nicht gerne im Mit­tel­punkt. Er wollte eigent­lich nur Fuß­ball spielen. Und das ist bis heute so.“

Dann erzählt er seine Lieb­lings­an­ek­dote, die sich zutrug, als Özil bereits Profi auf Schalke war. Krabbe traf damals in der Kan­tine einen Schüler, der aus der Klasse ver­wiesen worden war, weil er seine Haus­auf­gaben nicht gemacht hatte. Ich soll einen Text über mein Idol schreiben“, sagte der Junge. Wer ist denn dein Idol?“, fragte Krabbe. Mesut Özil. Aber ich weiß nicht, was ich schreiben soll“, ant­wor­tete der Schüler. Krabbe holte sein Handy raus, wählte Özils Nummer und übergab das Telefon. Sprich doch mal mit ihm. Viel­leicht fällt dir dann was ein.“ Der Schüler und der Fuß­ball­profi unter­hielten sich ein paar Minuten auf Tür­kisch, dann schrieb der Junge seinen Text und kehrte mit strah­lenden Augen in die Klasse zurück. Krabbe macht eine Pause. Dann sagt auch er diesen Satz: Mesut hat nie ver­gessen, wo er her­kommt.“

Wie passen solche Erzäh­lungen zu den Zei­tungs­be­richten aus jener Zeit? Als Özil 2008 vor dem Wechsel zu Werder Bremen stand, schrieb etwa die Welt“ von einem Profi mit Image­pro­blemen“. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung ver­fes­tigte sich das Bild eines Jung­profis, der sich nicht an Abspra­chen hält, eine Mario­nette seines Vaters ist und sich vom vielen Geld ver­rückt machen lässt. Es ist, wie so häufig, alles eine Frage der Per­spek­tive. So auch der aktu­elle Ver­trags­poker bei Arsenal. Es heißt, Özil könnte bald über zehn Mil­lionen Pfund im Jahr ver­dienen. Was einen Stun­den­lohn von über 1200 Euro macht. Eine Summe, die einige seiner alten Bolz­platz-Freunde im Monat bekommen. Natür­lich kann man da fragen, was so etwas mit einem Men­schen macht. Man kann sich wun­dern, wofür jemand so viel Geld braucht. Und man kann staunen, wie man über diesen Irr­sinn die Olga­straße nicht ver­gessen kann. Heute, an seinem 28. Geburtstag, ist die Olgastraße mit Sack und Pack nach London gekommen. Es sind Bro­thers From Ano­ther Mother, wie man so sagt, Bros, Brudis, Habibis, ein gutes Dut­zend Jugend­freunde. Sie nennen Özil Mesut Abi“, großer Bruder. Und wenn man ihre gemein­same Geschichte hört, wirkt einiges ganz schön kit­schig, aber es rührt auch an, weil ein Traum tat­säch­lich wahr wurde.

Der Schwur von der Olgastraße

Für viele von ihnen begann 2012 ein neues Leben. Damals grün­dete Özil gemeinsam mit seinem Vater die Özil Mar­ke­ting GmbH. Heute ist nicht nur sein Bruder Mutlu Geschäfts­führer, auch einige seiner besten Freunde hat er ange­stellt. Wenn man ihn nach der Firma fragt, sagt er: Ich wollte, dass sich nie­mand sorgen muss. Und ich wollte mit meinen Freunden in den Urlaub fahren, und das konnten wir früher oft nicht.“ Denn früher, als sie noch andern­orts beschäf­tigt waren, musste Özil darauf hoffen, dass sie von ihren Chefs frei bekommen. Außerdem hätten sie sich schon damals, in der Olgastraße, geschworen: Wenn einem der Auf­stieg gelingt, ganz nach oben, dann nimmt er die anderen mit. Ein Satz, der klingt wie aus der Bio­grafie eines Musi­kers, der es eines Tages von der Bronx in den Madison Square Garden schafft und seine kom­plette Gang von einst als Hin­ter­grund­sänger mit auf die Bühne schleppt. Ganz egal, ob die Mikro­fone ange­schlossen sind.

Die meisten seiner Freunde haben boden­stän­dige Berufe erlernt. Baris, Özils bester Freund, war früher Auto­händler. Erkan, eben­falls aus der Jugend­clique, arbei­tete als Tank­wart. Beide sind in Özils Firma im Bereich Scou­ting & Bera­tung“ tätig. Sie wurden ange­lernt von Erkut Sögüt, dem Rechts­an­walt. Er ist so etwas wie der stra­te­gi­sche Kopf des Unter­neh­mens. Für Außen­ste­hende mag dieses Geflecht dubios wirken. Als hätte jemand eine rie­sige Entou­rage als mensch­li­ches Schutz­schild um sich ver­sam­melt. Und man stellt sich vor, wie vor der VIP-Box all die Jungs Schlange stehen, die Özil im Affen­käfig mal ein Tor auf­ge­legt haben. Aber so ist das nicht. Das beste Bei­spiel ist Erkan. Der junge Mann, Base­ballcap, weißes Shirt, weiße Sneaker, kennt Özil seit Kin­der­tagen. Er ist der jüngste Mit­ar­beiter in der Agentur. Als er ver­gan­genes Jahr Vater wurde, war es für Özil logisch, dass sie ihn auch ein­stellen. Schließ­lich könne der Jugend­freund mit dem Geld von der Tank­stelle keine Familie ernähren.

Erkan ist der Spaß­vogel der Gruppe. Er redet sehr schnell und sehr viel, und obwohl er schon ein paar Mal im Emi­rates war, hat er sich seine kind­liche Neu­gier bewahrt. Guck hier, da kommen die Spieler an. Guck dort, da sind die Kabinen. Ein wenig ungläubig scheint er dar­über, dass er vor kurzem noch hinter einer Kasse stand und sich über Diesel- und Ben­zin­preise Gedanken machte und heut­zu­tage in einem Desi­gner­büro an der edlen Düs­sel­dorfer Königs­allee sitzt und über­legt, ob er nächste Woche sowohl zum Aus­wärts­spiel nach Paris als auch zum Pre­mier-League-Spiel in London fahren soll.

In Özils Brudi-VIP-Box im Emi­rates werden Köfte, Chai und tür­ki­sches Brot ser­viert. Ein junger Mann setzt sich. Auch aus der Olgastraße? Spricht kein Deutsch. Ali aus London! Eng­lisch!“, sagt Erkan. Ali ist Stu­dent. Er will Zahn­arzt werden und sagt, er sei schon immer ein rie­siger Özil-Fan gewesen. Achte mal auf ihn! Diese Prä­senz! Diese Assists! So was siehst du nur live im Sta­dion.“ Viel­leicht hat Ali recht. Viel­leicht ist Özil kein Fern­seh­fuß­baller. Wenn man ihn in natura gegen Swansea beob­achtet, kann man zwar auch wieder Pausen erkennen und manchmal gehen auch die Schul­tern runter. Aber: Özil ist in den ent­schei­denden Situa­tionen prä­sent, er schleicht sich frei, wie Elgert es nannte.

Özil ent­knotet das Spiel 

Dis­kus­sionen um Özils Kör­per­sprache gibt es, seit er Profi ist. Oft heißt es, er spiele unin­spi­riert, bewege sich träge über den Platz. Auch wäh­rend der EM wurde er kri­ti­siert, vor allem nach dem Spiel gegen die Ukraine. Die Sport­bild“ schrieb damals, er sei blass geblieben, Später fand die Daten­firma Impect heraus, dass es wäh­rend des Tur­niers keinen Mit­tel­feld­spieler gab, der sich mehr anbot und häu­figer ange­spielt wurde als Özil. In der Pre­mier League ist der Arsenal-Spieler vor allem für seine Vor­lagen bekannt, 19 Assists gab er in der Saison 2015/16. Und auch heute gegen Swansea legt er ein paar Bälle auf. Dabei tippt er den Ball manchmal nur an, ver­meint­lich unschein­bare Assists, zwei Meter, drei Meter, mit der Seite, mit dem Außen­rist. Aber plötz­lich, im Bruch­teil einer Sekunde, wirkt das ganze Knäuel aus Mit- und Gegen­spie­lern am Straf­raum, als hätte es jemand ent­knotet. Man denkt unwei­ger­lich an diesen Tweet, der vor wenigen Wochen die Runde machte: Mesut Ozil assisted the nurses during his own deli­very“. Eine Art Chuck-Norris-Witz, der viel über die Wert­schät­zung aus­sagt, die der Deut­sche in London genießt.

Aber weiter mit Ali, dessen Geschichte auch wie ein Jugend­traum klingt. Eine Geschichte, die all jene stau­nend zurück­lässt, die Özil nur aus der Bunten“ oder der Gala“ kennen. Vor ein paar Jahren sah Ali sein Idol in einem Restau­rant sitzen und über­legte, ob er ihn anspre­chen sollte. Aber würde der große Star ihn, einen kleinen Stu­denten, über­haupt eines Bli­ckes wür­digen? Er schickte seine Mutter vor. Herr Özil, mein Sohn ist ein großer Fan von Ihnen“, sprach sie ihn an, darf er sich zu Ihnen setzen?“ Ali durfte. Sie unter­hielten sich auf Tür­kisch und tauschten Tele­fon­num­mern aus. Heute sind sie enge Freunde, ganz normal, so weit das geht. Der eine besucht eben Vor­le­sungen mit ein paar Kom­mi­li­tonen, dem anderen jubeln Hun­dert­tau­sende zu. Sie waren sogar gemeinsam im USA-Urlaub, erzählt Ali.

Der Wahn­sinn geht weiter

Ein paar Minuten später schießt sein Kumpel das 3:1. Ali, Erkan, Baris und die anderen hüpfen durch die Loge, rufen Bämm!“ oder Woah!“, high five, low five, Gel­sen­kir­chen-Bis­marck rep­re­sent, als hätten sie alle gemeinsam von der Olgastraße Anlauf genommen, um den Ball unhaltbar unter die Latte zu dre­schen. Als sie sich wieder setzen, sagt einer: Wenn er will, dann kann er ja.“ Will er denn nicht immer? Der junge Mann lächelt.

Özil zeigt zur Kreu­zung. Da ist der Pub.“ Die Ver­eins­füh­rung habe die Spieler ange­wiesen, hinter dieser Ampel keine Auto­gramme zu geben, da viele Fans die unter­schrie­benen Tri­kots teuer ver­kaufen. Özil sagt nur: Ich mag es nicht, wenn die Erwach­senen die Kinder weg­stoßen.“ Er fährt auf der mitt­leren Spur auf die Ampel zu, stoppt hinter einem anderen Wagen. Aber sie sehen ihn trotzdem. Kommen ange­rannt. Özil lässt wieder das Fenster runter. Und dann geht der Wahn­sinn weiter. Sie singen wieder Happy Bir­thday“. Singen wieder sein Lied, das von Arsene Wenger’s man“ und dass er besser als Zidane sei.

Da man gerade bei Zidane ist: Wie war es eigent­lich mit dem großen Vor­bild bei Real Madrid? Hände haben geschwitzt“, sagt Özil. Und dann nimmt er sich ein Herz und erzählt eine schöne Geschichte. Ich hoffe, Sami ist mir nicht böse. Aber das war irre, 80-Meter-Pass von Ramos, Zidane nimmt Ball runter, ein­fach so. Sami kommt ange­rannt, Zidane macht Kör­per­täu­schung.“ Özil bewegt sich am Steuer hin und her und zeigt noch mal, wie genau Sami Khe­dira ange­rannt kam. Da hinten hin. Aber der Ball war immer noch an Zidanes Fuß. Sami war biss­chen sauer. Aber dann hat er auch gelacht. Und alle haben applau­diert!“

Mesut bedeutet der Glück­liche“. Und jetzt, kurz vor dem Ende der Fahrt, scheint er wirk­lich glück­lich. Viel­leicht weil er es fast geschafft hat. Weil er gleich mit seinen Kum­pels los­ziehen kann. Viel­leicht aber auch, weil er die alten Geschichten erzählt hat. Geschichten vom Kicken. Vom Fuß­ball. Geschichten, die ihm etwas bedeuten. Ist er durch den Fuß­ball offener geworden? Offen war ich immer und bin es auch heute noch. Zumin­dest wenn ich Leute um mich herum habe, denen ich ver­traue, die ich kenne und mag.“ Als Arsène Wenger gefragt wurde, ob Özil ein Füh­rungs­spieler sei, sagte er: Mesut ist zurück­hal­tend, aber wenn er etwas sagt, dann bringt er die Sachen auf den Punkt.“

Läuft bei dir!“

Wenig später bei Özil zu Hause. Eine Villa im Stadt­teil High­gate, nicht zu prunk­voll von außen, aber vor der Tür parkt ein Fer­rari. Im Ein­gangs­be­reich hängt ein rie­siges Bild von einem Löwen. Draußen regnet es, Özils Mops rast durch die Tür, er heißt Balboa, wie Rocky, natür­lich, from zero to hero. Es klin­gelt, die Bros und Habibis kommen rein. Özil ver­schwindet im Ober­ge­schoss, und Sögüt, der Rechts­an­walt mit der Bera­ter­li­zenz, kramt sein Handy hervor. Pssst“, sagt er. Ich zeige euch ein Video, das wir für seinen Geburtstag auf­ge­nommen haben.“ Es ist ein Fünf-Minuten-Clip, in dem viele Weg­ge­fährten und Mit­spieler Mesut zum Geburtstag gra­tu­lieren: Robert Pires, Luka Modric, Ilkay Gün­dogan, Jerome Boateng. Auch sie nennen ihn Mesut-Abi. Alle haben mit­ge­macht. Findste gut?“

Als Özil später das Video sieht, strahlt er. Vor allem bei Lukas Podolski. Der sagt: Mesut-Abi! Mein Geschenk hast du ja schon erhalten. Die Zehn!“ Und dann ergänzt der Gala­ta­saray-Spieler auf Tür­kisch: Amina Koyim!“ Fick dich. Ein Brudi-Scherz. Schließ­lich hat Özil in einigen Inter­views gesagt, dass er nicht nur in der Natio­nalelf, son­dern auch bei Arsenal gerne die Zehn hätte. Noch so ein Jugend­traum, schließ­lich wollte er auch früher immer die Zehn haben, weil Diego Mara­dona und Pelé sie trugen und sie voller Mythen ist. Aber warum ist eine ein­fache Zahl auf dem Trikot über­haupt so wichtig? Özil sagt: Wenn man in die Kabine geht, und dann hängt da am Spind das Trikot mit der Zehn und deinem Namen, das ist ein gutes Gefühl.“ Er grinst. Und resü­miert: Dann denke ich halt Läuft bei dir!‘“

Justin Bieber und der Tank­wart

Am nächsten Morgen berichten einige Klatsch­seiten im Internet über Özil. Es geht nur am Rande um den Sieg gegen Swansea, Haupt­thema ist Özils Geburts­tags­party in der Edel­dis­ko­thek Tape, wo er bis drei Uhr gefeiert haben soll. Justin Bieber war auch da. Auf den Papa­razzi-Bil­dern sieht man den Profi auf dem Weg zum Ein­gang, die Cap tief ins Gesicht gezogen. Im Hin­ter­grund: der ver­schmitzt lächelnde Erkan, der Tank­wart a. D. Und irgendwo dahinter: die kom­plette Brudi GmbH, der beste Freund Baris, Bruder Mutlu, Cousin Serdar, Küm­merer Erkut, Stu­dent Ali, ein ein­ziger end­loser Sommer.

Einen Tag später posten Bieber und Özil ein gemein­sames Foto über ihre Face­book-Kanäle. Mehr als 100 Mil­lionen Men­schen sehen das Bild. Drei Tage später schießt Özil beim Cham­pions-League-Spiel gegen Ludo­gorez Ras­grad drei Tore in 30 Minuten. Es ist der erste Hat­trick seiner Kar­riere und für Arsenal der siebte Sieg in Folge. Tat­säch­lich: Läuft bei ihm.

Ein diese Repor­tage beglei­tendes Inter­view mit Mesut Özil findet ihr hier »>