Der fol­gende Text stammt aus der 11FREUNDE-Aus­gabe #181, erschienen im November 2016.

Gleich geht der Wahn­sinn los. Mesut Özil lenkt sein Auto aus der Tief­ga­rage des Emi­rates. Er blickt hinauf zur Aus­fahrt. Schweigt. Die letzten Sekunden Stille vor dem Sturm. An der Schranke warten sie bereits, sie stehen nach jedem Arsenal-Heim­spiel dort, zahl­reiche Fans, viele sehen aus wie er. Jungs mit Mesut-Fri­suren, Mesut-Brillis, Mesut-Tri­kots. In den Händen halten sie Stifte, Pro­gramm­hefte, Schals und Smart­phones. Schon mal über getönte Scheiben nach­ge­dacht? Sind ver­boten“, sagt Özil. Aber nervt das nicht? Ich war doch selbst mal Fan. In Madrid war vieles distan­zierter, die Polizei hat alle Straßen um das Sta­dion abge­rie­gelt, überall Secu­rity.“ Er fährt langsam auf die Aus­fahrt zu, kaum schneller als 20 Stun­den­ki­lo­meter. Jetzt geht der Wahn­sinn los.

Die Fans laufen neben dem Auto her, klopfen an die Scheiben, immer und immer wieder. Özil, frisch geduscht, Trai­nings­anzug, Sneaker, dreht die Musik leiser. Tarkan, der Türkpop-Sänger, flüs­tert nur noch, Kuzu Kuzu“ heißt das Lied, es han­delt von Liebe und Sehn­sucht. An der ersten roten Ampel hält er an, lässt das Fenster her­unter, und die Kinder drü­cken sich bei­nahe kopf­über in sein Auto. Mesut! Mesut!“, japsen sie, voll­kommen erschöpft vom Gerenne. Sie rufen: Great Goal!“ Oder: Please stay at Arsenal! Pleeeease!“ Ein älterer Herr streckt ihm ein Klein­kind ent­gegen, wohl in der Hoff­nung, dass er, der Zau­berer von Oz, seinen Filius in einen Wun­der­spieler ver­wan­delt. Özil unter­schreibt ihre Mit­bringsel, er lässt sich foto­gra­fieren, nimmt ihre Smart­phones ent­gegen, ein paar Sel­fies, pleeeease, er macht alles mit, was sie von ihm ver­langen. Nach etwa fünf Minuten sagt er: Be careful“ und fährt weiter, die nächste Ampel bereits in Sicht­weite.

Wer Özils Spiel nicht liebt, liebt den Fußball nicht“

Arsène Wenger

Jetzt aber schnell, eine Ein­stiegs­frage. Viel­leicht zur aktu­ellen Form. Neu­lich konnte man von einer Ernäh­rungs­um­stel­lung lesen, grüner Tee, weniger Brot. Was ist dran? Ich habe ein paar Klei­nig­keiten geän­dert, ich bin defi­nitiv auf einem guten Weg“, sagt er. Auf einem guten Weg? Der Guar­dian“ hat Özil zuletzt mal wieder mit Arsenal-Legende Dennis Berg­kamp ver­gli­chen, der TV-Sender Sky belegte anhand seiner Pass­sta­tistik, dass er der krea­tivste Spieler in der Geschichte der Pre­mier League ist. Auch in Deutsch­land werden gerade Hymnen auf ihn ver­fasst. Die Süd­deut­sche Zei­tung“ befand nach dem Län­der­spiel gegen Tsche­chien etwa, dass wir gerade den besten Mesut seit der Olgastraße“ erleben, also den besten Özil, seit er auf dem Bolz­platz in Gel­sen­kir­chen-Bis­marck die älteren Jungs beim Dribb­ling ste­hen­ließ wie Tisch­ki­cker­fi­guren. Also, Mesut: Mal ehr­lich, Sie sind doch in der Form Ihres Lebens! Özil, immer noch etwas unsi­cher, wer da auf dem Sitz neben ihm Platz genommen hat, mag Eigenlob nicht, und das ist ja eigent­lich eine gute Eigen­schaft. Er bleibt erst mal bei den unver­bind­li­chen Pro­fi­sätzen, wie man sie von ihm kennt: Die Saison ist noch jung, und ich muss weiter an mir arbeiten.

Mesut Özil hat über 80 Län­der­spiele gemacht. Er ist deut­scher Pokal­sieger geworden, eng­li­scher Pokal­sieger, spa­ni­scher Meister und Welt­meister. José Mour­inho sagt über ihn: Es gibt keine Kopie von Özil, nicht mal eine schlechte.“ Arsène Wenger sagt: Wer Özils Spiel nicht liebt, liebt den Fuß­ball nicht.“ Er spielt Pässe aus dem Fuß­ball­ge­lenk, die Denk­sport­auf­gaben für Phy­siker sein könnten. Er ist seit zehn Jahren Fuß­ball­profi. Er stand immer da, wo auch die Mikro­fone waren, trotzdem war es nie leicht, ihm nahe zu kommen.