Kurz vor dem Anpfiff erhält Sara eine SMS von ihrer Freundin Maryam. Sie halten mich fest“, steht da. Ein Sicher­heits­mann habe ihr Pro­test­plakat bei der Kon­trolle ent­deckt und sie dar­aufhin mit­ge­nommen. Sara über­legt kurz, wie sie Maryam helfen kann, aber eigent­lich ist da nichts zu machen, denn Sara ist Akti­vistin aus dem Iran und heißt eigent­lich anders. Was pas­siert, wenn die Secu­rity-Leute ihre Iden­tität ver­öf­fent­li­chen?

Auf dem Spiel­feld in der Kasan-Arena kämpft der­weil Irans Natio­nalelf, das Team Melli, gegen Spa­nien bis zum Umfallen. In der 62. Minute schießt Saeid Eza­to­lahi sogar ein Tor, kurz ist es so laut, als stünde man direkt neben einer Flug­zeug­tur­bine. Der Aus­gleich? Nein, der Video­schieds­richter ent­scheidet auf Abseits.

#noban4women

Im Iran ist es Frauen seit 1981 ver­boten, Fuß­ball­sta­dien zu besu­chen. Zumin­dest, wenn dort Män­ner­mann­schaften spielen. Sara war bis zu dieser WM nur ein ein­ziges Mal in einem Sta­dion, sie stand im Aus­wärts­block bei einem Spiel zwi­schen dem Iran und Süd­korea, sie hatte sich hin­ein­ge­schmug­gelt. Ihr Lieb­lings­team Esthe­glal hat sie noch nie live spielen sehen. Sie weiß nicht, wie man mit zehn­tau­senden Fans singt. Wie es sich anfühlt, wenn sich fremde Men­schen in den Armen liegen, weil das eigene Team in der 93. Minute gegen Sanat Naft oder den FC Tractor Sazi aus­ge­gli­chen hat.

Sara hat des­halb vor einigen Jahren die Initia­tive Open Sta­diums“ gegründet, mit der sie in den sozialen Medien sehr aktiv ist und in Teheran im Unter­grund wirkt. Zur WM reiste sie mit ihrer Freundin Maryam. Vor und wäh­rend den Spielen zeigen sie ein Banner, auf dem zu lesen ist: Unter­stützt Frauen dabei, Sta­dien zu besu­chen.“ Dar­über haben sie ein Hashtag geschrieben: #noban4women. Nach dem ersten Grup­pen­spiel gegen Marokko pos­teten zahl­reiche Fans Bilder des Pla­kats bei Twitter oder Insta­gram. Auf die Bei­träge folgten tau­sende Ret­weets, Fotos, Videos, sogar die New York Times“ berich­tete über Sara und Maryam.

Die sahen irgendwie ver­dächtig aus“

Am späten Nach­mittag vor dem Spiel gegen Spa­nien treffen sich Sara und Maryam vor ihrem Hotel in Kasan. Hast du die Typen da gesehen?“, fragt Maryam. Die sahen irgendwie ver­dächtig aus.“ Sara dreht sich um, aber da ist nie­mand mehr. Sie hat Sorge, dass der Geheim­dienst sie beob­achtet.

Wer ist hier Freund? Wer ist Feind? Bis­lang hat in Russ­land nie­mand negativ auf sie reagiert. Auch ira­ni­sche Männer heben ihren Daumen, wenn sie an dem Plakat vor­bei­gehen. Aber eine Freundin, die neu­lich in der Heimat zu einer offi­zi­ellen Anhö­rung geladen wurde, sagte: Die wissen alles über dich, Sara!“ Seitdem ist sie auf der Hut. Nur so viel gibt sie preis: Sie lebt in Teheran, ist Mitte 30 und arbeitet als Leh­rerin.

Sie ist eine starke und mutige Frau, die trotz der ris­kanten Aktionen spricht wie ein Mäd­chen, das zum ersten Mal auf großer Klas­sen­reise ist. Stau­nend saugt sie die Bilder auf, die Farben in den Straßen, die Gerüche, tau­sende Fans, die sich auf dem Weg machen, Hoff­nung, Auf­bruch. Viel­leicht unter­schätzt Spa­nien uns“, sagt sie. Noch ist alles mög­lich.

Ein Brief an Infan­tino

Eben haben sie der ARD ein Inter­view gegeben, und nun sitzen sie im Auto eines Mit­ar­bei­ters, der sie mit zum Sta­dion nimmt. Sara hat nur vier Stunden geschlafen und kaum etwas gegessen. Es ist ganz schön viel momentan, jeden Tag von mor­gens bis abends Inter­views“, sagt sie. Aber das haben wir uns ja erhofft.“ Maryam sitzt auf der Rück­bank, sie öffnet ein Bier. Das macht man doch beim Fuß­ball, “ Dann singt sie ein kleines Ständ­chen in Farsi, denn der ARD-Mann hat heute Geburtstag.

Maryam lebt seit sechs Jahren in den USA, im Gegen­satz zu Sara wird sie nicht wieder in den Iran zurück­kehren. Sie ist geschminkt, trägt eine weiße Bluse und eine große Son­nen­brille, sie sieht ein wenig aus wie eine junge, ener­gie­ge­la­dene Anwältin aus einer ame­ri­ka­ni­schen Vor­abend­serie.

Im Internet hat sie eine Peti­tion gegen Irans Frau­en­verbot bei Fuß­ball­spielen auf­ge­setzt, 97.000 Men­schen haben bis­lang ihre Stimme abge­geben. Wenn sie 100.000 zusammen hat, wird sie einen Brief an den Fifa-Prä­si­denten Gianni Infan­tino schi­cken, um ihn erneut an den Para­grafen 4 des Ver­bands­re­gle­ments zu Jeg­liche Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von eth­ni­scher Her­kunft, Geschlecht, Sprache, Reli­gion, Politik sind ver­boten.“

Ist okay, hier darf man rau­chen“ 

Sara hat aller­dings keine großen Hoff­nungen mehr in den Welt­ver­band. Als Sepp Blat­ters Dele­ga­tion 2013 in den Iran reiste, traf sich immerhin eine Mit­ar­bei­terin mit den Akti­vis­tinnen. Sie tauschten sich aus, und Blatter sprach das Thema danach ein paar Mal an. Aber es änderte sich nichts. Im März dieses Jahres reiste auch Infan­tino nach Teheran. Er besuchte gemeinsam mit dem Sport­mi­nister Masoud Sol­ta­nifar das Derby zwi­schen Per­se­polis und Esteghlal, wäh­rend vor den Toren des rie­sigen Azadi-Sta­dions 35 Demons­tran­tinnen ver­haftet wurden.

Der Fifa-Chef schwieg, Winnie Schäfer, der deut­sche Trainer von Esteghlal, hatte auch nichts zu sagen. Infan­tino ist halt ein Poli­tiker“, sagt Maryam. Für die Wie­der­wahl braucht er die Stimmen aus dem Iran.“ Der ARD-Mit­ar­beiter fährt auf den Pres­se­park­platz, drei Stunden noch bis zum Spiel, es ist bis­lang kaum jemand hier. Durch­atmen. Eine Ziga­rette“, sagt Maryam. Sara schüt­telt den Kopf. Die ver­haften uns doch.“ Maryam lächelt: Ach, komm, zwei Züge.“ Der ARD-Mann steckt sich auch eine an. Ist okay“, sagt er, hier darf man rau­chen.“

Im Oktober 1981, zwei Jahre nach der Isla­mi­schen Revo­lu­tion, besuchten Frauen in Teheran zum letzten Mal ein Fuß­ball­spiel einer Män­ner­mann­schaft, Esteghlal spielte gegen Per­se­polis. Sie behaupten, im Fuß­ball­sta­dion würde gesün­digt“, sagt Sara. Über ihr Lieb­lings­team Esteghlal las sie in der Zei­tung. 

Ange­klebte Bärte, dicke Jacken

Manchmal ver­klei­deten sich Frauen als Männer, um ins Sta­dion zu gelangen. Sie klebten sich Bärte an und zogen sich dicke Jacken über. Beson­ders im Winter funk­tio­nierte der Trick. Zwei ira­ni­sche Zei­tungen inter­viewten die Mutigen sogar, wes­halb sich die Nach­richt in der ganzen Welt ver­brei­tete. Diese Frauen waren wichtig für unser Anliegen“, sagt Sara. Aber für mich war das nie eine Option.“ Ihr gehe es ja darum, als Frau ins Sta­dion zu gehen – nicht als ver­klei­deter Mann. Früher habe ich die Situa­tion nicht hin­ter­fragt“, sagt Maryam Wir kannten es ja nur so.“

Aber dann öff­nete sich nicht nur die Welt – das Internet kam auf, Men­schen gingen auf große Reisen und berich­teten davon -, es ver­än­derte sich auch der Fuß­ball im Iran. Es war die Zeit, als das Team Melli richtig gut spielte, Bronze bei den Asi­en­spielen 1996, WM-Teil­nahme 1998, der Sieg gegen die USA, ein end­loser Jubel in den Straßen von Teheran, danach viermal West­asi­en­meister in den nuller Jahren. 

Haft oder Exil 

In dieser Zeit grün­dete Sara die Initia­tive White Scarves“, weiße Schleier. Sie brachten keine Banner oder Poster ins Sta­dion, denn die hatte die Polizei immer wieder zer­rissen, sie schrieben ihre Bot­schaften direkt auf ihre Gewänder und liefen so vor den Sta­di­on­toren auf und ab.

2009 lag aber alles in Scherben. Mahmud Ahma­di­ned­schad war an die Macht gekommen, und die ira­ni­sche Wider­stands­be­we­gung wurde nie­der­ge­prü­gelt. Es gab Tote, Akti­visten wurden ver­haftet oder flüch­teten ins Exil. Auch Freun­dinnen von Sara. Mit Open Sta­diums“ wagte sie einen Neu­an­fang. Dass ihr Pro­test einmal so groß werden würde, hätte sie sich nie erträumt. 

Das muss die Moral­po­lizei tie­risch auf­regen“ 

Noch eine Stunde bis zum Anpfiff. Sara wirkt nun etwas nervös. Das Handy klin­gelt, Maryam, die nur fünf Meter ent­fernt steht, meldet sich. Ein Lage­be­richt. Sah jemand ver­dächtig aus? Ein Sicher­heits­mann meinte, ich muss das Plakat vom Zaun nehmen“, sagt Maryam. Sara schaut sich um. Dann geht sie in Rich­tung Ein­gang. Ich habe wirk­lich Angst, bei meiner Rück­kehr direkt ver­haftet zu werden“, sagt sie.

Am Flug­hafen ist sie beson­ders vor­sichtig. Vorher löscht sie alle Daten vom Handy, die Social-Media-Akti­vi­täten, die E‑Mails, sie hat für alle Even­tua­li­täten eine pas­sende Geschichte. Jedes Mal, wenn über unsere Natio­nalelf berichtet wird, geht es auch um unseren Pro­test“ , sagt sie. Das muss die Moral­po­lizei tie­risch auf­regen.“ Aber den Iran ver­lassen möchte sie nicht. Sie will ihre Mutter und ihre Groß­mutter nicht alleine lassen.

Von den Spie­lern hat sich bis­lang kaum jemand zum Pro­test geäu­ßert. Kapitän Masoud Sho­jaei sagte nur: Hier steht die gesamte Nation auf dem Platz, die gesamte Familie, und solche Themen wollen wir inner­halb der Familie lösen.“

Den bekannten Gesang kann ich jetzt“

Dabei ist Sho­jaei einer der wenigen, der sich in der Ver­gan­gen­heit deut­lich posi­tio­niert hat. Er steht sogar mit Sara in Kon­takt und sprach über das Verbot mit dem Ver­bands­prä­si­denten. Viel­leicht äußert er sich des­wegen nun so zurück­hal­tend und unver­bind­lich. Damals wurde er näm­lich kurze Zeit später aus dem Kader gestri­chen. Die offi­zi­elle Begrün­dung: Er hatte mit Pan­io­nios Athen gegen das israe­li­sche Team von Mac­cabi Tel Aviv gespielt.

In Kasan haben die ira­ni­schen Fans das Sta­dion fest in ihrer Hand, 90 Pro­zent der Zuschauer in grün-weiß-roten Tri­kots. Viele Frauen, die meisten nur mit Shorts und Shirt bekleidet, kaum eine trägt ein Kopf­tuch. Sara sagt, sie wusste beim Spiel gegen Marokko gar nicht so recht, wie man als Fuß­ballfan singt. Aber den bekannten Gesang kann ich jetzt.“ Wie der geht? Iran, Iran“, sagt sie und lacht.

Dann kommt die Nach­richt von Maryam.

Maryam erzählt später, dass sie von Sicher­heits­leuten fest­ge­halten wurde. Am Ein­gang sagten sie mir, ich dürfe nicht mit meinem Banner ins Stadion.““Sie hätte ihnen ein offi­zi­elles Schreiben von der Fifa gezeigt, die ihr diesen Pro­test erlaubt hatte. Die Sicher­heits­leute aber blieben skep­tisch. Dann unter­hielten sie sich.

Zwei Stunden. Maryam ver­passte das Spiel. Nur der Lärm ihrer Lands­leute war nicht zu über­hören. Aber es war in diesem Moment egal. Denn es war trotzdem ein großer Tag für Maryam und Sara. In Teheran fand ein ange­kün­digtes Public Viewing tat­säch­lich statt. 20 000 Fans kamen und fei­erten mit­ein­ander. Frauen, Männer und Kinder standen zum ersten Mal in ihrem Leben gemeinsam im Azadi, dem Natio­nal­sta­dion Irans. In diesem Mammut-Bau, dessen Name über­setzt Frei­heit“ bedeutet.