Seite 2: Bitte nicht den Stecker ziehen!

Schon vorher hatte ich manchmal auf seinem Com­puter das gebrannte FIFA 99 gespielt, das dank des noch nicht vor­han­denen Kopier­schutzes alle Kinder in unserer Nach­bar­schaft zockten. Die täg­liche Spiel­zeit wurde von meiner Mutter auf maximal eine Stunde regle­men­tiert, ansonsten drohte sie damit, den Ste­cker des Com­pu­ters zu ziehen. Bei Anstoss sollte sie dieses Zeit­limit in den nach­fol­genden Jahren nicht mehr durch­drü­cken können.

Stun­den­lang saß ich mit meinem Bruder vor dem Rechner. Meis­tens spielten wir zu zweit im Mul­ti­play­er­modus. Im Hoch­sommer auch gerne mal ober­kör­per­frei und in Bade­hose. Eines konnte uns Anstoss aber nicht bieten: Ori­gi­nal­li­zenzen. Statt mit Werder Bremen mussten wir mit Hering Bremen Vor­lieb nehmen, aus der Ein­tracht wurde Zwie­tracht Frank­furt. Was für die Ver­eine galt, galt auch für die Spieler. Aus Oliver Kahn wurde Oliver Huhn, Hasan Sali­ha­midzic hieß Hasan Peli­ha­midzic und Bixente Liz­a­razus Nach­name lau­tete Moza­razu. Des­halb ver­brachten wir viel Zeit im Editor des Spiels, um mit­hilfe des Kicker-Son­der­hefts die ori­gi­nalen Ver­eins- und Spie­ler­namen zu erstellen.

Imago0000456464h

Moza­razu, Peli­ha­midzic und Huhn feiern die Deut­sche Meis­ter­schaft 1999.

imago images

Mit der Frau des Prä­si­denten in der Besen­kammer

Zwar gab es beim Fuß­ball Manager von EA alle Ori­gi­nal­daten, aber den unver­gleich­li­chen Humor, den es bei Anstoss gegeben hatte, fehlte mir. Bei Anstoss pas­sierten die abson­der­lichsten Dinge: Mal wurde mein Kapitän beim Mari­huana-Konsum über­führt, mal verlor ein Spieler Moral­punkte, weil er einen unehe­li­chen Sohn in die Welt gesetzt hatte und nun monat­lich Ali­mente für seinen Spröss­ling ent­richten musste, mal erkrankte ein Ersatz­spieler an BSE und ein anderes Mal wurde ich vom Verein vor die Tür gesetzt, weil ich mich auf der Weih­nachts­feier mit der Frau des Prä­si­denten in der Besen­kammer ver­gnügt haben soll. Wir saßen lachend vor dem PC.