WM-Finale. Unent­schieden nach 90 Minuten. Auch nach 120 Minuten kein Sieger. Im Elf­me­ter­schießen trittst du zum ent­schei­denden Schuss an, als aller­letzter. Wenn du ver­gibst, war’s das. Titel futsch, Träume zer­bro­chen, Finale ver­loren. Du legst dir den Ball zurecht, gehst einige Schritte zurück, läufst dann an – und knallst ihn volles Rohr über die Latte. Wie sich das wohl anfühlen muss?

Es fühlte sich genau so an, wie man es erwarten würde.“ Roberto Baggio muss es wissen. Dieser ver­schos­sene Elf­meter im Finale von 1994 gegen Bra­si­lien domi­niert retro­spektiv zumin­dest in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung seine Kar­riere. Tra­gisch und unvoll­endet sind die Adjek­tive, die da her­vor­ste­chen. Doch min­des­tens ebenso oft ist von genial und magisch die Rede.

Bring mich um, wenn du mich liebst“

Bag­gios Kar­riere ist quasi-legendär, nicht nur in Ita­lien, son­dern welt­weit. Der Mann, dessen Posi­tion und Spiel­stil Michel Pla­tini als Neun­ein­halb“ bezeich­nete, gilt vielen bis heute als einer der besten Fuß­baller des ver­gan­genen Jahr­hun­derts. Seine Krea­ti­vität, seine Prä­zi­sion und sein Frei­geist auf und neben dem Platz suchen bis heute ihres­glei­chen. Die Welt sollte sich glück­lich schätzen, sie erlebt zu haben.

Mit 18 Jahren wurde Baggio gesagt, er werde nie wieder Fuß­ball­spielen, nachdem er sich bei seinem ersten Pro­fi­klub in Vicenza das Knie ver­letzt hatte. Der Wechsel zur Fio­ren­tina fand trotzdem statt, Baggio arbei­tete am Come­back, debü­tierte in der Serie A – und ver­letzte sich eine Woche später am selben Knie erneut. Baggio kon­ver­tierte zum Bud­dhismus, um mit der Belas­tung besser umgehen zu können. 220 Stiche waren nötig, um das Gelenk zu repa­rieren, die Schmerzen grau­en­haft, nicht zuletzt wegen seiner All­ergie gegen Schmerz­mittel. Seiner Mutter sagte er damals, wenn sie ihn liebe, solle sie ihn umbringen. 

Sie tat es nicht und ermög­lichte eine der größten Kar­rieren – oder zumin­dest einen der besten Spieler – den die Fuß­ball­welt in den 90ern und frühen 2000ern hatte. Obwohl er in 22 Jahren bei Flo­renz, Juve, Inter, Milan, Bologna und Bre­scia nur vier Titel gewann, ver­ehren sie ihn in Ita­lien bis heute als einen der Besten aller Zeiten. Als Gio­vanni Trappa­toni ihn nicht zur Welt­meis­ter­schaft 2002 mit­nehmen wollte, star­teten die Tifosi Peti­tionen und Baggio selbst schrieb einen Brief an den Natio­nal­trainer. Ohne Erfolg, doch immerhin wurde ihm 2004 ein Abschieds­spiel gewährt. Dort, ebenso wie bei seinem letzten Liga­spiel, wurde er mit minu­ten­langen ste­henden Ova­tionen ver­ab­schiedet. Weil er auf dem Platz agierte, wie er wollte. Weil er einen wilden Zopf trug, wo alle fein gestrie­gelt waren. Weil er spielte, um die Leute glück­lich zu machen.