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Es geht hier nicht um irgend­einen Trainer. Um es José Mour­inho selbst sagen zu lassen: Bitte nennen Sie mich nicht arro­gant, ich habe die Cham­pions League gewonnen. Ich glaube, ich bin der Aus­er­wählte.“

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Aber erst einmal die nüch­ternen Fakten: Am 6. Januar 1963 im por­tu­gie­si­schen Set­úbal geboren, voller Name José Mário dos Santos Mour­inho Félix, Sohn des Tor­hü­ters und Trai­ners Félix Mour­inho. Mit 44 Jahren hat der Coach bereits alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: den UEFA-Pokal und die Cham­pions League mit dem FC Porto sowie sämt­liche eng­li­schen Pokale mit dem FC Chelsea.

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Dass Mour­inho später einmal der best­be­zahlte Coach der Welt werden würde, war am Anfang seiner Kar­riere nicht abzu­sehen. Als der wenig poly­glotte Bobby Robson 1993 Manager von Spor­ting Lis­sabon wurde, war Mour­inho ledig­lich sein Über­setzer. Robson bemerkte jedoch schnell zwei Dinge: Er sprach per­fektes Eng­lisch – und er sah ver­dammt gut aus. Etwas zu gut für meinen Bedarf.“

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Das hin­derte Robson aller­dings nicht daran, bei seinem spä­teren Wechsel zum FC Bar­ce­lona den Kata­lanen eine Bedin­gung zu stellen: Er wolle Mour­inho als Über­setzer mit­bringen. Der junge Por­tu­giese war aber schon damals mehr als das, fand Robson: Da war dieser Bur­sche, keine Spiel­erfah­rung, selten als Trainer gear­beitet, und der bringt Ana­lysen unserer Gegner, die min­des­tens so gut sind wie das, was mir die Profis gelie­fert haben.“

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Seine Ver­gan­gen­heit als Dol­met­scher wird von geg­ne­ri­schen Anhänger heute noch gerne erwähnt. Als der FC Chelsea in Bar­ce­lona spielte, ver­höhnten ihn die Barca-Anhänger als El tra­ductor!“, der Über­setzer.

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Mour­inhos Äußeres hin­gegen gab stets wenig Anlass zum Spott. Der Jour­na­list Simon Kuper beschrieb die Erschei­nung des Por­tu­giesen: Mour­inho hat edlere Züge als die meisten Schau­spieler, dichtes, grau­durch­wirktes Haar, Zwei­ta­ge­bart, sorgsam nach­lässig geknüpfte Kra­watte und den besten Mantel im Fuß­ball­sport (Kaschmir, Armani, 2700 Franken).“

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Seine erste Sta­tion als Chef­trainer trat Mour­inho 2000 bei Ben­fica Lis­sabon an, als Nach­folger von Jupp Heynckes.

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Man sagt, er habe magi­sche Kräfte. Chel­seas Joe Cole erzählt gerne die Anek­dote von einer kleinen Wette nach dem Trai­ning: Meh­rere Spieler ver­suchten, einen 30 Meter ent­fernt lie­genden Ball zu treffen. Nachdem meh­rere Runden lang nie­mand den Ball getroffen hatte, ver­suchte Mour­inho sein Glück: Er trifft den Ball nicht richtig, die voll­kommen fal­sche Rich­tung. Aber von der Seite kommt wie aus dem Nichts ein anderer Ball, und lenkt seinen genau auf das Ziel.“

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Der York­shire-Ter­rier der Mour­inho-Familie wurde zur Haupt­figur eines bri­ti­schen Outbreak“-Remakes. Weil der Chelsea-Coach ver­gessen hatte, den Hund ord­nungs­gemäß anzu­melden, ermit­telten die Behörden wegen eines Ver­stoßes gegen die Tollwut- und Qua­ran­tä­ne­be­stim­mungen Groß­bri­tan­niens und baten Mour­inho sogar zum Verhör auf die Poli­zei­wache. Am Tag des FA-Cup-Finales in Wem­bley dann die Ent­war­nung durch Mour­inho: Der Hund ist wieder in Por­tugal. Jetzt brau­chen Sie keine Angst mehr zu haben. London ist wieder sicher.“

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José Mour­inho ist ein gläu­biger Katholik und regel­mä­ßiger Kirch­gänger, der die Pil­ger­reise zum Fatima-Schrein, dem wich­tigsten Wall­fahrtsort Por­tu­gals, gleich dreimal ange­treten ist. Er selbst sagt, die drei F“ (Fuß­ball, Fatima und Fado, der weh­mü­tige por­tu­gie­si­sche Musik­stil) seien maß­ge­bend für sein Leben.

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Nicht ganz mit der reinen katho­li­schen Lehre ver­einbar sind aller­dings Mour­inhos Aus­las­sungen zur gött­li­chen Thron­folge. Als er beim FC Chelsea vor­ge­stellt wurde, ver­kün­dete er: Wenn ich einen ein­fa­chen Job gewollt hätte, wäre ich in Porto geblieben: Wun­der­schöner blauer Stuhl, die Cham­pions-League-Tro­phäe, Gott und nach Gott ich!“

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Wenn Mour­inho nicht gerade die Bibel umfor­mu­liert, widmet er sich einer por­tu­gie­si­schen Lieb­lings­be­schäf­ti­gung, den Ver­schwö­rungs­theo­rien. Diese ten­dieren gerne mal ins Obskure. Schön etwa der Vor­wurf an Sky Tele­vi­sion“, der TV-Sender habe ein Foul von Chel­seas Michael Essien gegen Dietmar Hamann vom FC Liver­pool 100-fach wie­der­holt, weil man beim Sender Chelsea hasse und Essien sus­pen­diert sehen wolle. Die Vor­würfe konnten nicht erhärtet werden.

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Ebenso desas­trös endete Mour­inhos Attacke gegen Markus Merk nach dem Kick gegen den FC Liver­pool. Der deut­sche Schieds­richter habe ein Hand­spiel des Liver­poo­lers Alvaro Arbeloa über­sehen, moserte José Mour­inho und lederte in einem Inter­view munter drauf los. Der Talk wurde später von diversen Medien als pein­lich“, konfus“ und bizarr“ gewür­digt.

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Nicht mit allen seinen Atta­cken kam Mour­inho unge­schoren davon. Als er 2005 den schwe­di­schen Schieds­richter Anders Frisk mit eben­falls gänz­lich unbe­wie­senen Bestechungs­vor­würfen überzog, wurde der Por­tu­giese für meh­rere Cham­pions-League-Spiele gesperrt.

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Anders Frisk bekam übri­gens nach dem Spiel derart viele Mord­dro­hungen wütender eng­li­scher Anhänger, dass er ent­nervt seine Kar­riere been­dete.

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Wer auf einen Lern­ef­fekt gehofft hatte, sah sich jedoch getäuscht. Laut der Lon­doner Times“ umging Mour­inho in den Vier­tel­final-Spielen gegen Bayern Mün­chen die Platz­sperre, indem er via Funk und eilig bekrit­zelten Zet­teln mit der Chelsea-Bank kom­mu­ni­zierte.

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Eine statt­liche Quote: Nach eigenen Angaben benutzt Mour­inho das Wort Huren­sohn“ rund 50-mal wäh­rend eines Spiels und min­des­tens ebenso oft im Trai­ning.

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Das klingt alles wenig sen­sibel. Doch auch bei Mour­inho gilt: Rauhe Schale, sen­ti­men­taler Kern. Ein Bei­spiel nur: Nach einem Streit mit Arsène Wenger schickte er dem Arsenal-Coach eine Weih­nachts­karte als dezentes Ver­söh­nungs­an­gebot. Als Wenger keine Karte retour schickte, brach Mour­inho öffent­lich den Kon­takt zu Wenger ab.

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Zuvor hatte Mour­inho dem Arsenal-Coach ein allzu großes Inter­esse an seinem Klub und offen­sicht­li­ches Span­nertum unter­stellt: Er ist ein Voyeur. Er redet von nichts anderem, immer nur Chelsea, Chelsea, Chelsea, Chelsea. Ich weiß nicht, ob er meinen Job will, aber er liebt Chelsea.“ Wenger gab kühl zurück, Mour­inho sei gestört, ohne Bezug zur Rea­lität und respektlos“.

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In den letzten Wochen bei Chelsea ließen auch Mour­inhos Ver­gleiche etwas nach. Anstelle theo­lo­gi­scher Aus­füh­rungen gab es vor dem mauen 1:1 gegen Trond­heim einen Aus­flug ins Kühl­regal: Es ist wie mit Ome­letts und Eiern. Ohne Eier keine Ome­letts! Es hängt von der Qua­lität der Eier ab. Im Super­markt hat es Eier der ersten, zweiten und dritten Klasse. Einige sind teurer, einige lassen dich bes­sere Ome­letts machen. Wenn die Erste­klasse-Eier weg sind, hast du ein Pro­blem.“

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Und gleich danach zum Gemüse: Junge Spieler sind ein biss­chen wie Melonen. Nur wenn du sie öff­nest und pro­bierst, bist du dir 100 Pro­zent sicher, ob die Melone gut ist. Manchmal hat man wun­der­schöne Melonen, aber sie schme­cken nicht sehr gut, und andere Melonen sind ein biss­chen häss­lich, aber wenn man sie öffnet, schme­cken sie fan­tas­tisch.“

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Der Raus­schmiss hätte ein Hol­ly­wood-Regis­seur als großes Finale insze­nieren können: Wäh­rend sich Mour­inho mit grim­miger Miene im Vue Cinema“ im Lon­doner Stadt­teil Fulham den PR-Film Blue Revo­lu­tion“ ansah, machten die Bosse Mour­inhos Demis­sion per­fekt – selbst­re­dend im gegen­sei­tigen Ein­ver­nehmen“. Wich­tige Spieler wie John Terry wurden von Mour­inho anschlie­ßend eher undra­ma­tisch via SMS über den Raus­wurf infor­miert.

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Der Raus­schmiss beim FC Chelsea mag Mour­inho sport­lich gewurmt haben, was die Ent­schä­di­gung für die früh­zei­tige Ent­las­sung angeht, hatte der Por­tu­giese schon Wochen zuvor in einer Pres­se­kon­fe­renz zu Pro­to­koll gegeben: Wenn ich hier in den nächsten Monaten gefeuert werde, bin ich Mil­lionär und über­nehme eben in ein paar Monaten einen anderen Klub.“ Er sollte Recht behalten, zumin­dest was die Abfin­dung angeht. Es heißt, Klub­eigner Roman Abra­mo­witsch werde ihm rund 30 Mil­lionen Pfund über­weisen. Einen neuen Klub hat Mour­inho aller­dings noch nicht.

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Kurz nach seiner Demis­sion löste Mour­inho unge­wollt einen Eklat im por­tu­gie­si­schen Rund­funk­sender SIC aus. Als die Sta­tion ein Gespräch mit Por­tu­gals frü­herem Regie­rungs­chef Lopes unter­brach, um live von der Ankunft des Trai­ners auf dem Lis­sa­boner Flug­hafen zu berichten, tobte Lopes: Ich lasse es nicht zu, dass man mich wegen der Ankunft eines Fuß­ball­trai­ners unter­bricht“. Sprach’s und rauschte wütend aus dem Studio.

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Nun denn, das Leben geht weiter: Manchmal siehst du schöne Men­schen ohne Hirn, manchmal häss­liche, die intel­li­gent sind, wie Wis­sen­schaftler. Auf dem Spiel­feld ist es ähn­lich. Von oben ist es eine Schande, aber der Ball rollt.“

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25 Dinge über Roman Abra­mo­witsch
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25 Dinge, die man über Chel­seas schwer­rei­chen Besitzer Roman Abra­mo­witsch wissen sollte. Warum er Chelsea über­nahm, warum er den Begriff Chelski“ nicht leiden kann und wann er seinem Sohn Man­chester United kauft. www​.11freunde​.de/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​16975

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