Seite 4: Das Herzblut ist Essens Kapital - und zugleich Bürde

Die Bilanz zum Jah­res­ende fällt dem­entspre­chend durch­wachsen aus. Der Super-GAU der ver­gan­genen Jahre, in der Rück­runde nur noch bes­sere Freund­schafts­spiele bestreiten zu können, bleibt RWE in diesem Jahr erspart. Den­noch hat der Klub bereits einen gehö­rigen Rück­stand auf die ost­west­fä­li­schen Pro­vinz­teams aus Röding­hausen und Verl. Außerdem rumort es in der Mann­schaft. Chris­tian Titz hat die Spieler durch zum Teil schwer nach­voll­zieh­bare Per­so­nal­wechsel ver­un­si­chert, über­dies stößt dem Team seine gewiss gut­ge­meinte, aber oft ober­leh­rer­haft wir­kende Art auf. Was bei Voll­profis funk­tio­nieren mag, um den letzten Rest an Leis­tungs­be­reit­schaft aus dem Kader zu kit­zeln, geht in der vierten Liga vielen nur auf die Nerven. Zwar ver­dienen auch Regio­nal­li­ga­spieler mit dem Kicken ihr Geld, doch weil so gut wie nie­mand von ihnen am Ende der Lauf­bahn finan­ziell aus­ge­sorgt haben wird, geht es hier auch um andere Werte.

Hinzu kommt, dass die Spieler auch mit dem Status des Ver­eins als FC Bayern der Regio­nal­liga“ zu kämpfen haben. Es ist nicht leicht, zu den Kleinen zu fahren“, sagt Kevin Grund. Die haben gegen RWE alle das Spiel ihres Lebens.“ Dabei hat die Mann­schaft an der Hafen­straße oft noch grö­ßere Pro­bleme. Gerade viele der Neuen haben noch nie vor einer sol­chen Kulisse gespielt, und die Lei­den­schaft der Fans kann in jede Rich­tung aus­schlagen. Nicht nur ihre Liebe ist extrem, auch ihr Ärger, wenn es nicht so läuft wie erhofft. Die Angst vor dem eigenen Fehler ist bei den Spie­lern des­halb daheim oft noch um einiges größer als in fremden Sta­dien.

Die Stim­mung steigt

Den­noch kommt Rot-Weiss Essen mit einem gewissen Opti­mismus aus der Win­ter­pause. Zum einen gibt es Gerüchte, dass Tabel­len­führer Röding­hausen viel­leicht gar nicht auf­steigen will, zum anderen bleibt die Hoff­nung, dass auch die beiden da vorne sich noch ihre Schwä­che­phase geneh­migen. Im Trai­nings­lager in Anda­lu­sien schwört sich die RWE-Familie auf die Rest­saison ein. Thomas Sandy“ Sand­garte, Edelfan und Ver­eins­barde, bringt zum Fan- und Spon­so­ren­abend seine Gitarre mit. Am Ende schmet­tern hun­dert Men­schen – Fans, Gönner, Spieler, Vor­stand und Mit­ar­beiter – voller Inbrunst Ver­eins­lieder.

Danach aber wartet der Ernst des Lebens, und zwar gleich mit der Partie gegen Röding­hausen. Eines ist klar: Wenn Essen noch mal oben angreifen will, sollte dieses Spiel gewonnen werden. Obwohl beim Abschluss­trai­ning am Tag zuvor räu­diges Wetter herrscht, sind zahl­reiche Kie­bitze gekommen. Unter ihnen ist auch Alf, ein 69-jäh­riger RWE-Fan, der zu vielen Spielen mit dem Trans­porter anreist – aus der Schweiz. 678 Kilo­meter pro Strecke, immer schön 100 km/​h, damit der Sprit­ver­brauch nicht über acht Liter geht. Alf hat über dreißig Jahre als Koch in Schweizer Hotels gear­beitet, aber eigent­lich ist er Essener. In der Vogel­heimer Straße geboren und an der Hafen­straße auf­ge­wachsen. Da, wo früher der Mel­ches gewohnt hat.“ Die Her­kunft aus dem Essener Norden scheint unter den Fans ein Qua­li­täts­kri­te­rium zu sein, schon Sascha Pel­jhan hat sofort darauf ver­wiesen: Ich bin gleich hier um die Ecke auf­ge­wachsen.“ Wäh­rend er sein Geld in den Verein steckt, sind es bei Alf Zeit und Muße. Ich werde dieses Jahr siebzig“, sagt er. Zehn Jahre kann ich noch aus der Schweiz mit dem Auto kommen. Dann halt mit den Öffent­li­chen.“ Dieses Herz­blut ist das große Kapital von Rot-Weiss Essen – und zugleich eine amt­liche Bürde.

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Essen-Fan Alf, 69

Max Slo­bodda

Am Spieltag ist schon auf der Fahrt zum Sta­dion die Anspan­nung zu spüren. Der Bus ist voll mit Men­schen, die alle eine Fla­sche Stauder-Pils in der rechten Hand halten, als wäre sie dort hin­ein­ope­riert worden. Gleich­zeitig wird deut­lich, wie schwer es ist, sich als Essen-Fan auf einen sol­chen Gegner ein­zu­lassen. Jemand erzählt die Anek­dote, wie der Fanbus beim Hin­spiel auf dem Hof des Röding­hauser Spon­sors Küchen-Häcker geparkt habe. Von dort seien sie mit dem Shuttle zum Sta­dion gebracht worden, ohne Fan­tren­nung. Ohne Häcker wärt ihr gar nicht hier!“, hätten die Essener gesungen. Tro­ckene Replik eines Röding­hausen-Anhän­gers: Ihr aber auch nicht!“ Jetzt, im Essener Sta­dion, hängen die Gäs­te­fans ein Trans­pa­rent an den Zaun, auf dem steht: Wir feiern heute Zwie­bel­fest.“ Gute Güte, solche Leute kann man ja nicht mal hassen!

Die Röding­hauser Mann­schaft gibt sich indes weit weniger harmlos, sie führt bereits nach zwei Minuten mit 1:0. Tor­schütze ist Simon Engel­mann, der Top-Tor­jäger der Regio­nal­liga. Essen hat danach ein paar ganz ordent­liche Chancen, doch Mitte der zweiten Halb­zeit fällt das zweite Tor, dann ist der Ofen aus. Wir haben jetzt schon vier Heim­spiele ver­loren“, knurrt Marco Kehl-Gomez nach dem Abpfiff in der Mixed Zone. Anspruch und Rea­lität!“