Seite 3: Unfassbar und: unfassbar!

Doch bevor die Saison beginnt, klappt schon der Erste zusammen. Beim Auf­takt­spiel am Frei­tag­abend gegen die Zweite von Borussia Dort­mund ist es immer noch so heiß, dass an der Ein­fahrt zum Sta­dion ein älterer Herr auf dem Boden sitzt. Nachdem ihm jemand eine Fla­sche Wasser gereicht hat, rap­pelt er sich wieder auf. Schon jetzt ist klar: Die Fans werden auch in diesem Jahr alles geben. 14 500 Zuschauer sind zur Pre­miere gekommen, mit Viert­liga-Alltag hat dieses Ambi­ente wenig zu tun. Auch Sascha Pel­jhan ist da, ein wenig skep­tisch, wie die ein­ge­fleischten RWE-Fans im Sta­dion auf ihn reagieren werden. Meist wird er aber noch gar nicht erkannt.

Die Teams der Regio­nal­liga West sind wie durch eine unsicht­bare Grenze geteilt. Da sind zum einen die Mann­schaften, die soge­nannten Män­ner­fuß­ball“ spielen, mit baum­langen Abwehr­spie­lern, die in den letzten Minuten nach vorne gehen, und mehr Kick & Rush als Spiel­kultur. Und dann die U23-Teams der Bun­des­li­gisten: junge Kerle, manchmal etwas schmächtig, aber fein aus­ge­bildet, über­ra­gend am Fuß. Wer in dieser Liga etwa gewinnen will, muss gegen beide bestehen.

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Max Slo­bodda

Gegen den BVB ist gleich zu sehen, was die Leute ab sofort von Rot-Weiss Essen erwarten können. Tor­wart Marcel Lenz steht ständig dreißig Meter vor dem eigenen Tor. Es ist ein ris­kantes Spiel. Und nach der zweiten hit­ze­be­dingten Trink­pause ist es so weit: RWE ver­liert den Ball im Mit­tel­feld, Lenz steht auf ver­lo­renem Posten – 0:1. Im Sta­dion an der Hafen­straße wird es zur Pause unruhig. Wat ne Scheiße! Danach ein ähn­li­ches Bild: Essen ver­sucht alles, nichts gelingt. Bis Amara Condé unver­mit­telt aus 25 Metern aufs Tor schießt. Das Ding sitzt, 1:1. Die Fans singen: Oh, RWE!“, das alte Lied. In der fünften Minute der Nach­spiel­zeit hat Essen noch einmal den Ball. Unge­schicktes Zwei­kampf­ver­halten zweier Dort­munder, der Schieds­richter ent­scheidet auf Elf­meter. Alex­ander Hahn nimmt sich den Ball und trifft zum 2:1.

Marcus Uhlig ist danach nicht mehr zu halten, er klet­tert über die Tri­bü­nen­plätze und nimmt meh­rere Stufen auf einmal. Schnell runter in die Kata­komben und ab aufs Spiel­feld. Am Kabi­nen­aus­gang trifft er auf Mike Tull­berg, den Trainer des Geg­ners. Unfassbar!“, brüllt der BVB-Coach ent­geis­tert. Draußen feiern die Essener Spieler. Unfassbar – und das war erst der Auf­takt. Als Uhlig vom Platz zurück­kommt, greift er sich ans Herz.

Starker Start – und dann?

Der Sieg in letzter Minute ist der Auf­takt zu einem blitz­sauberen Sai­son­start. Das Team scheint die Ideen von Chris­tian Titz schneller umzu­setzen, als selbst die Opti­misten im Verein erhofft haben. Von den ersten acht Par­tien gewinnen die Rot-Weißen sieben und machen dabei eine Menge Titz-typi­schen Alarm auf dem Platz. Dann aber unter­liegen sie ohne Vor­war­nung dem SC Verl mit 1:4, und auch die fol­genden beiden Spiele gehen ver­loren: erst 2:3 bei der Glad­ba­cher Reserve, dann zu Hause 0:1 gegen For­tuna Köln.

Jörn Nowak und Marcus Uhlig gefällt nicht, was sie in dieser Phase sehen. Es scheint, als hätten die Gegner das Essener Spiel durch­schaut, und als würde der Elf ein Plan B fehlen, um darauf zu reagieren. Uhlig sitzt oben auf der Tri­büne und denkt: Boah, wie ein­fach ist das auf einmal, gegen uns zu gewinnen!“ Das, was die Essener anfangs stark gemacht hat – Voll­gas­fuß­ball ab der ersten Minute –, hat sich nun ins Gegen­teil ver­kehrt. Oft geht RWE zu nach­lässig ins Spiel und gerät früh in Rück­stand. Bevor jedoch eine grö­ßere Krise auf­kommt, fängt sich das Team und gewinnt zwi­schen­zeit­lich fünf Mal in Folge – um dann im letzten Spiel des Jahres mit 0:2 gegen den VfB Hom­berg, einen der abso­luten Under­dogs der Liga, zu ver­lieren.