Dieser Text erschien erst­mals in Aus­gabe #224 im Juni 2020. Hier lest ihr es zum ersten Mal online. Das kom­plette Heft ist im Shop erhält­lich.

Im Früh­jahr 2020 sollte Kevin Grund eigent­lich von einer Auf­stiegs­sause auf Mal­lorca träumen, statt­dessen sitzt er über den Unter­lagen der Arbeits­agentur. Nachdem die Saison der Regio­nal­liga West Mitte März unter­bro­chen worden ist, hat Rot-Weiss Essen seine Spieler mit aus­lau­fenden Ver­trägen daran erin­nert, sich bei der Behörde zu melden. Es weiß schließ­lich keiner, wie es wei­ter­geht, auch nicht für den Links­ver­tei­diger Grund, der schon seit neun Jahren für RWE spielt und damit so lange wie nie­mand sonst aus der Mann­schaft. Kevin Grund ist 32 Jahre alt und hat zwei kleine Kinder. Er macht sich Sorgen.

Immer der­selbe Zyklus – und diesmal?

Dabei hat alles so viel­ver­spre­chend ange­fangen, diesmal aber wirk­lich. Hoff­nungs­froh sind sie in Essen ja immer, wenn auch mit diesem leicht fata­lis­ti­schen Ein­schlag, der sich aus den Erfah­rungen der jün­geren Ver­gan­gen­heit speist, als RWE meist mit großen Erwar­tungen in die Saison gestartet ist, es aber nie geschafft hat, die ver­dammte Regio­nal­liga zu ver­lassen. Oder um es mit dem regio­nal­ty­pi­schen Idiom des Rou­ti­niers Grund zu sagen: Am Ende haben wir es jedes Jahr ver­kackt.“

Doch Ende Juli 2019 ist Essen heiß, und das gleich in dop­pelter Hin­sicht. Nicht nur, dass die Sonne vom Himmel brennt, als wäre dies nicht das Ruhr­ge­biet, son­dern die Sahara; auch die RWE-Fans sind längst auf Betriebs­tem­pe­ratur. Ach was, mehr als das. Lange nicht mehr haben sie einer Spiel­zeit so sehr ent­ge­gen­ge­fie­bert wie dieser. Was auf den ersten Blick ver­wun­dert, schließ­lich folgt der pro­to­ty­pi­sche Sai­son­ver­lauf seit knapp einem Jahr­zehnt fast immer dem­selben Zyklus: Auf­stiegs­hoff­nungen zu Beginn, ein Start, der diesen Opti­mismus zu recht­fer­tigen scheint, ein uner­klär­li­cher Ein­bruch im Herbst und spä­tes­tens zu Weih­nachten die Erkenntnis, dass der Traum von den bes­seren Zeiten fürs Erste mal wieder aus­ge­träumt ist.

Man hatte zeit­weise das Gefühl, dass die Spieler hier so oft wech­seln wie die Freier im Bor­dell“

Zuletzt führte dieser Turnus den stolzen Verein, immerhin Deut­scher Meister von 1955, DFB-Pokal­sieger 1953 und einst der Klub von Größen wie Helmut Rahn, Willi Lip­pens, Horst Hru­besch oder Frank Mill, am Sai­son­ende auf Platz acht. In der Regio­nal­liga West, vierte Liga. Danach waren die Leute auf. Kom­plett mürbe“, sagt Uwe Stroth­mann, der seit vielen Jahren den RWE-Blog Im Schatten der Tri­büne“ betreibt. Wenn es so wei­ter­ge­gangen wäre, hätten sich viele abge­wandt.“ Und damit ist jetzt nicht der übliche Essener Beta­blo­cker gemeint, wäh­rend der Partie auf der Tri­büne die schlimmsten Flüche aus­zu­stoßen und zu schwören, sich diesen Scheiß nie wieder anzutun, aller­dings schon auf dem Heimweg die Ver­ab­re­dung zum nächsten Spiel klar­zu­ma­chen.

Nein, dieses Mal hatten die Leute die Schnauze gestri­chen voll. Danach war klar: Ein­fach, wie so oft, ein paar fri­sche Spieler und einen neuen Trainer zu holen, würde nicht rei­chen, um sie bei der Stange zu halten; das hatten sie schließ­lich schon unzäh­lige Male erlebt. Man hatte zeit­weise das Gefühl, dass die Spieler hier so oft wech­seln wie die Freier im Bor­dell“, sagt Uwe Stroth­mann.

Nun, zumin­dest das ist im Sommer 2019 nicht wirk­lich anders. Dass aber die Fans auf einmal trotzdem den Ein­druck haben, dass sich etwas bewegt, liegt daran, dass die Neuen diesmal viel­leicht ein wenig pro­mi­nenter sind als die, die sich sonst nach Essen ver­irren. Auch daran, dass der neue Trainer zuvor in der Bun­des­liga gear­beitet hat. Und nicht zuletzt daran, dass da plötz­lich jemand aus ihren Reihen ist, der sein Geld in den Verein ste­cken will.

Zwei Tage vor dem Sai­son­auf­takt gegen die U23 von Borussia Dort­mund sitzt dieser Mann in einer Loge des Essener Sta­dions und sagt: Ich habe die Mittel und Mög­lich­keiten, meinen Lieb­lings­verein nach vorne zu bringen. Und ich habe mir gesagt: Bevor da jemand anderes kommt und es schlimm wird, biete ich mich halt an.“ Es ist nicht gerade das, was Geld­geber im Fuß­ball nor­ma­ler­weise sagen, und tat­säch­lich ist dieser Sascha Pel­jhan anders, als man sich einen klas­si­schen Investor vor­stellt. Der 42-Jäh­rige stammt aus einer Essener Arbei­ter­fa­milie und strahlt weder das Aal­glatte eines Lars Wind­horst noch den patri­ar­cha­li­schen Herr­schafts­an­spruch eines Dietmar Hopp aus. Seine Mil­lionen hat er mit dem Mode­un­ter­nehmen Naketano gemacht, das er und sein Partner 2018 trotz flo­rie­render Geschäfte von einem auf den anderen Tag ein­fach dicht­ge­macht haben. Seitdem ist er weit­ge­hend Pri­va­tier. Und bei Rot-Weiss Essen seit Jahren Dau­er­kar­ten­be­sitzer.

Darf ich das sagen?

Das klingt auf jeden Fall eher nach Schäng“ Löring als nach Didi Mate­schitz, doch wäh­rend es den Mäzenen alter Schule ja oft darum ging, sich im Lichte ihrer Popu­la­rität zu sonnen, wirkt Pel­jhan schüch­tern, fast scheu. Bevor er ant­wortet, blickt er oft rüber zum neben ihm sit­zenden Essener Ver­eins­chef Marcus Uhlig: Darf ich das sagen? Uhlig, ehe­ma­liger Geschäfts­führer von Arminia Bie­le­feld, aber ein Kind­heitsfan von Rot-Weiss Essen, ist sich des Minen­felds bewusst, in dem sich Pel­jhans Enga­ge­ment bewegt. Ein­fach irgend­einen Investor ran­zu­holen, wird in Essen nicht funk­tio­nieren“, sagt er. Weil dies ein beson­derer Verein ist, in dem es bestimmte Werte zu respek­tieren gilt.“

Aber so wie zuletzt konnte es ja auch nicht wei­ter­gehen. Marcus Uhlig ist seit Ende 2017 bei Rot-Weiss Essen, sein Vor­gänger Michael Wel­ling hat den zuvor an seiner Nost­al­gie­fi­xiert­heit fast erstickten Verein saniert und moder­ni­siert, aber sport­lich nicht wirk­lich wei­ter­ge­bracht. Auf Pel­jhan ist Uhlig gestoßen, als er nach seinem Amts­an­tritt die Klub­spon­soren, auch die klei­neren, abte­le­fo­niert hat. Beide blieben in Kon­takt und ver­ein­barten im Früh­jahr 2019 den grö­ßeren Ein­stieg des Unter­neh­mers. Glaubt man ihnen, funk­tio­niert Pel­jhans Enga­ge­ment nach dem Prinzip eines Fall­schirms. RWE inves­tiert ver­stärkt in die Mann­schaft, in der Hoff­nung, damit auch höhere Ein­nahmen zu gene­rieren. Sollte dies nicht gelingen, gleicht Pel­jhan die Ver­luste aus. Ob ihm bewusst sei, dass man im Fuß­ball oft einen fürch­ter­lich langen Atem benö­tige? Dass Sascha Pel­jhan nicht viel spricht, heißt nicht, dass er nicht poin­tiert for­mu­lieren kann. Naketano gab es 14 Jahre“, sagt er knapp. Davon waren nur die letzten sechs Jahre erfolg­reich.“ Frage beant­wortet?

RWE 8 W2 A4030 WEB

Nur schwer aus der Ruhe zu bringen: Sascha Pel­jhan.

Max Slo­bodda

Pel­jhans Ein­stieg war aber nicht die ein­zige Ver­än­de­rung bei Rot-Weiss Essen, statt­dessen gab es im ver­gan­genen Sommer einen kom­pletten Neu­start“, wie Uhlig es nennt. Vom Regio­nal­liga-Kon­kur­renten Rot-Weiß Ober­hausen warb RWE den erst 33-jäh­rigen Sport­di­rektor Jörn Nowak ab, der dort mit wenig Geld eine erfolg­reiche Mann­schaft auf­ge­baut hatte. Für noch mehr Auf­sehen sorgte aller­dings die Ver­pflich­tung von Chris­tian Titz als Chef­trainer, schließ­lich hatte der zuvor beim Ham­burger SV in der ersten und zweiten Liga gear­beitet. Da sah man­cher Essener gleich wieder längst ver­gan­gene Bun­des­li­ga­zeiten am Hori­zont auf­scheinen, zumal Titz mit seinem Kon­zept des hoch ste­henden Tor­warts für die Sorte Herz­in­farkt­fuß­ball steht, von der alle annahmen, dass sie per­fekt an die stets emo­tional auf­ge­la­dene Hafen­straße passen würde.

Fehlten nur noch die Fuß­baller dazu, und so saßen Nowak, Uhlig und das Trai­ner­team in jenen Som­mer­wo­chen oft 16 Stunden am Tag zusammen, schauten Videos, dis­ku­tierten über buch­stäb­lich Hun­derte von Namen und holten Spieler zeit­weise im Stun­den­takt – sei es der kan­tige Innen­ver­tei­diger Alex­ander Hahn vom FC Hom­burg, der erfah­rene Defensiv-All­rounder Marco Kehl-Gomez, der talen­tierte Amara Condé, der in Kiel bereits zweit­klassig gespielt hatte, dazu erprobte Offen­siv­kräfte wie Dennis Grote und Oguzhan Kefkir. Zusammen mit ver­blie­benen Kor­sett­stangen wie Kevin Grund, Daniel Heber und Enzo Wirtz bil­deten sie nun ein Team, das in Essen echte Vor­freude weckte.

Doch bevor die Saison beginnt, klappt schon der Erste zusammen. Beim Auf­takt­spiel am Frei­tag­abend gegen die Zweite von Borussia Dort­mund ist es immer noch so heiß, dass an der Ein­fahrt zum Sta­dion ein älterer Herr auf dem Boden sitzt. Nachdem ihm jemand eine Fla­sche Wasser gereicht hat, rap­pelt er sich wieder auf. Schon jetzt ist klar: Die Fans werden auch in diesem Jahr alles geben. 14 500 Zuschauer sind zur Pre­miere gekommen, mit Viert­liga-Alltag hat dieses Ambi­ente wenig zu tun. Auch Sascha Pel­jhan ist da, ein wenig skep­tisch, wie die ein­ge­fleischten RWE-Fans im Sta­dion auf ihn reagieren werden. Meist wird er aber noch gar nicht erkannt.

Die Teams der Regio­nal­liga West sind wie durch eine unsicht­bare Grenze geteilt. Da sind zum einen die Mann­schaften, die soge­nannten Män­ner­fuß­ball“ spielen, mit baum­langen Abwehr­spie­lern, die in den letzten Minuten nach vorne gehen, und mehr Kick & Rush als Spiel­kultur. Und dann die U23-Teams der Bun­des­li­gisten: junge Kerle, manchmal etwas schmächtig, aber fein aus­ge­bildet, über­ra­gend am Fuß. Wer in dieser Liga etwa gewinnen will, muss gegen beide bestehen.

RWE DSC 4653 WEB
Max Slo­bodda

Gegen den BVB ist gleich zu sehen, was die Leute ab sofort von Rot-Weiss Essen erwarten können. Tor­wart Marcel Lenz steht ständig dreißig Meter vor dem eigenen Tor. Es ist ein ris­kantes Spiel. Und nach der zweiten hit­ze­be­dingten Trink­pause ist es so weit: RWE ver­liert den Ball im Mit­tel­feld, Lenz steht auf ver­lo­renem Posten – 0:1. Im Sta­dion an der Hafen­straße wird es zur Pause unruhig. Wat ne Scheiße! Danach ein ähn­li­ches Bild: Essen ver­sucht alles, nichts gelingt. Bis Amara Condé unver­mit­telt aus 25 Metern aufs Tor schießt. Das Ding sitzt, 1:1. Die Fans singen: Oh, RWE!“, das alte Lied. In der fünften Minute der Nach­spiel­zeit hat Essen noch einmal den Ball. Unge­schicktes Zwei­kampf­ver­halten zweier Dort­munder, der Schieds­richter ent­scheidet auf Elf­meter. Alex­ander Hahn nimmt sich den Ball und trifft zum 2:1.

Marcus Uhlig ist danach nicht mehr zu halten, er klet­tert über die Tri­bü­nen­plätze und nimmt meh­rere Stufen auf einmal. Schnell runter in die Kata­komben und ab aufs Spiel­feld. Am Kabi­nen­aus­gang trifft er auf Mike Tull­berg, den Trainer des Geg­ners. Unfassbar!“, brüllt der BVB-Coach ent­geis­tert. Draußen feiern die Essener Spieler. Unfassbar – und das war erst der Auf­takt. Als Uhlig vom Platz zurück­kommt, greift er sich ans Herz.

Starker Start – und dann?

Der Sieg in letzter Minute ist der Auf­takt zu einem blitz­sauberen Sai­son­start. Das Team scheint die Ideen von Chris­tian Titz schneller umzu­setzen, als selbst die Opti­misten im Verein erhofft haben. Von den ersten acht Par­tien gewinnen die Rot-Weißen sieben und machen dabei eine Menge Titz-typi­schen Alarm auf dem Platz. Dann aber unter­liegen sie ohne Vor­war­nung dem SC Verl mit 1:4, und auch die fol­genden beiden Spiele gehen ver­loren: erst 2:3 bei der Glad­ba­cher Reserve, dann zu Hause 0:1 gegen For­tuna Köln.

Jörn Nowak und Marcus Uhlig gefällt nicht, was sie in dieser Phase sehen. Es scheint, als hätten die Gegner das Essener Spiel durch­schaut, und als würde der Elf ein Plan B fehlen, um darauf zu reagieren. Uhlig sitzt oben auf der Tri­büne und denkt: Boah, wie ein­fach ist das auf einmal, gegen uns zu gewinnen!“ Das, was die Essener anfangs stark gemacht hat – Voll­gas­fuß­ball ab der ersten Minute –, hat sich nun ins Gegen­teil ver­kehrt. Oft geht RWE zu nach­lässig ins Spiel und gerät früh in Rück­stand. Bevor jedoch eine grö­ßere Krise auf­kommt, fängt sich das Team und gewinnt zwi­schen­zeit­lich fünf Mal in Folge – um dann im letzten Spiel des Jahres mit 0:2 gegen den VfB Hom­berg, einen der abso­luten Under­dogs der Liga, zu ver­lieren.

Die Bilanz zum Jah­res­ende fällt dem­entspre­chend durch­wachsen aus. Der Super-GAU der ver­gan­genen Jahre, in der Rück­runde nur noch bes­sere Freund­schafts­spiele bestreiten zu können, bleibt RWE in diesem Jahr erspart. Den­noch hat der Klub bereits einen gehö­rigen Rück­stand auf die ost­west­fä­li­schen Pro­vinz­teams aus Röding­hausen und Verl. Außerdem rumort es in der Mann­schaft. Chris­tian Titz hat die Spieler durch zum Teil schwer nach­voll­zieh­bare Per­so­nal­wechsel ver­un­si­chert, über­dies stößt dem Team seine gewiss gut­ge­meinte, aber oft ober­leh­rer­haft wir­kende Art auf. Was bei Voll­profis funk­tio­nieren mag, um den letzten Rest an Leis­tungs­be­reit­schaft aus dem Kader zu kit­zeln, geht in der vierten Liga vielen nur auf die Nerven. Zwar ver­dienen auch Regio­nal­li­ga­spieler mit dem Kicken ihr Geld, doch weil so gut wie nie­mand von ihnen am Ende der Lauf­bahn finan­ziell aus­ge­sorgt haben wird, geht es hier auch um andere Werte.

Hinzu kommt, dass die Spieler auch mit dem Status des Ver­eins als FC Bayern der Regio­nal­liga“ zu kämpfen haben. Es ist nicht leicht, zu den Kleinen zu fahren“, sagt Kevin Grund. Die haben gegen RWE alle das Spiel ihres Lebens.“ Dabei hat die Mann­schaft an der Hafen­straße oft noch grö­ßere Pro­bleme. Gerade viele der Neuen haben noch nie vor einer sol­chen Kulisse gespielt, und die Lei­den­schaft der Fans kann in jede Rich­tung aus­schlagen. Nicht nur ihre Liebe ist extrem, auch ihr Ärger, wenn es nicht so läuft wie erhofft. Die Angst vor dem eigenen Fehler ist bei den Spie­lern des­halb daheim oft noch um einiges größer als in fremden Sta­dien.

Die Stim­mung steigt

Den­noch kommt Rot-Weiss Essen mit einem gewissen Opti­mismus aus der Win­ter­pause. Zum einen gibt es Gerüchte, dass Tabel­len­führer Röding­hausen viel­leicht gar nicht auf­steigen will, zum anderen bleibt die Hoff­nung, dass auch die beiden da vorne sich noch ihre Schwä­che­phase geneh­migen. Im Trai­nings­lager in Anda­lu­sien schwört sich die RWE-Familie auf die Rest­saison ein. Thomas Sandy“ Sand­garte, Edelfan und Ver­eins­barde, bringt zum Fan- und Spon­so­ren­abend seine Gitarre mit. Am Ende schmet­tern hun­dert Men­schen – Fans, Gönner, Spieler, Vor­stand und Mit­ar­beiter – voller Inbrunst Ver­eins­lieder.

Danach aber wartet der Ernst des Lebens, und zwar gleich mit der Partie gegen Röding­hausen. Eines ist klar: Wenn Essen noch mal oben angreifen will, sollte dieses Spiel gewonnen werden. Obwohl beim Abschluss­trai­ning am Tag zuvor räu­diges Wetter herrscht, sind zahl­reiche Kie­bitze gekommen. Unter ihnen ist auch Alf, ein 69-jäh­riger RWE-Fan, der zu vielen Spielen mit dem Trans­porter anreist – aus der Schweiz. 678 Kilo­meter pro Strecke, immer schön 100 km/​h, damit der Sprit­ver­brauch nicht über acht Liter geht. Alf hat über dreißig Jahre als Koch in Schweizer Hotels gear­beitet, aber eigent­lich ist er Essener. In der Vogel­heimer Straße geboren und an der Hafen­straße auf­ge­wachsen. Da, wo früher der Mel­ches gewohnt hat.“ Die Her­kunft aus dem Essener Norden scheint unter den Fans ein Qua­li­täts­kri­te­rium zu sein, schon Sascha Pel­jhan hat sofort darauf ver­wiesen: Ich bin gleich hier um die Ecke auf­ge­wachsen.“ Wäh­rend er sein Geld in den Verein steckt, sind es bei Alf Zeit und Muße. Ich werde dieses Jahr siebzig“, sagt er. Zehn Jahre kann ich noch aus der Schweiz mit dem Auto kommen. Dann halt mit den Öffent­li­chen.“ Dieses Herz­blut ist das große Kapital von Rot-Weiss Essen – und zugleich eine amt­liche Bürde.

RWE DSC9945 WEB

Essen-Fan Alf, 69

Max Slo­bodda

Am Spieltag ist schon auf der Fahrt zum Sta­dion die Anspan­nung zu spüren. Der Bus ist voll mit Men­schen, die alle eine Fla­sche Stauder-Pils in der rechten Hand halten, als wäre sie dort hin­ein­ope­riert worden. Gleich­zeitig wird deut­lich, wie schwer es ist, sich als Essen-Fan auf einen sol­chen Gegner ein­zu­lassen. Jemand erzählt die Anek­dote, wie der Fanbus beim Hin­spiel auf dem Hof des Röding­hauser Spon­sors Küchen-Häcker geparkt habe. Von dort seien sie mit dem Shuttle zum Sta­dion gebracht worden, ohne Fan­tren­nung. Ohne Häcker wärt ihr gar nicht hier!“, hätten die Essener gesungen. Tro­ckene Replik eines Röding­hausen-Anhän­gers: Ihr aber auch nicht!“ Jetzt, im Essener Sta­dion, hängen die Gäs­te­fans ein Trans­pa­rent an den Zaun, auf dem steht: Wir feiern heute Zwie­bel­fest.“ Gute Güte, solche Leute kann man ja nicht mal hassen!

Die Röding­hauser Mann­schaft gibt sich indes weit weniger harmlos, sie führt bereits nach zwei Minuten mit 1:0. Tor­schütze ist Simon Engel­mann, der Top-Tor­jäger der Regio­nal­liga. Essen hat danach ein paar ganz ordent­liche Chancen, doch Mitte der zweiten Halb­zeit fällt das zweite Tor, dann ist der Ofen aus. Wir haben jetzt schon vier Heim­spiele ver­loren“, knurrt Marco Kehl-Gomez nach dem Abpfiff in der Mixed Zone. Anspruch und Rea­lität!“

Zwei Wochen später kämpft RWE im Nach­barduell gegen Rot-Weiß Ober­hausen um seine letzte Chance. Auf der Tri­büne sitzt Alex­ander Hahn, den alle nur Ali“ nennen, eine Gelb­sperre ab. Weißt du, ich mag Essen“, sagt Hahn, der seine Kind­heit in Nie­der­sachsen ver­bracht hat. Weil die Leute hier ein biss­chen asi sind. Und ich bin auch ein biss­chen asi.“ Das Spiel da unten raubt ihm den letzten Nerv, aber kurz vor Schluss trifft Oguzhan Kefkir zum 1:0. Wenige Tage zuvor hat der SV Röding­hausen bekannt gegeben, dass er keine Lizenz für die Dritte Liga bean­tragt. Die Hoff­nung kehrt zurück.

Zugleich ist in den Nach­richten immer öfter von einer mys­te­riösen Lun­gen­krank­heit zu hören. Was erst wirkt wie ein chi­ne­si­sches Pro­blem, schwappt nach Europa, und plötz­lich geht alles ganz schnell. Am 9. März trennen sich Stutt­gart und Bie­le­feld im Zweit­liga-Spit­zen­spiel 1:1, es ist das letzte Mal, dass in Deutsch­land vor Zuschauern gespielt wird. Am fol­genden Wochen­ende wird der 29. Spieltag der Regio­nal­liga West abge­sagt und die Saison unter­bro­chen. Was zu diesem Zeit­punkt nicht jedem klar ist: Sie wird auch nicht wieder ange­pfiffen werden.

Anfang Juni steht Kevin Grund in der Kabine und mon­tiert ein Schild ab. Vor der Saison hatte das Team Etap­pen­ziele ver­fasst, jede Woche wurden die Punkte abge­hakt. Und wofür?“, fragt Grund. Zwei Zähler fehlten beim Abbruch auf Verl, das zwar zwei Spiele nach­holen musste, aber da war ja auch noch das direkte Duell. Wir hatten noch ne Chance“, sagt Grund. So nah am Auf­stieg sei er noch nie gewesen. Er trägt ein bedrucktes T‑Shirt: Stay home. Stay safe and healthy.

Die Stim­mung an der Hafen­straße ist ange­spannt. Keiner weiß, wie es wei­ter­geht. Die Wahr­schein­lich­keit, nach Corona seinen Lebens­un­ter­halt mit Regio­nal­li­ga­fuß­ball zu finan­zieren, sinkt“, sagt Jörn Nowak. Wir reden hier über Men­schen.“ RWE, beson­ders Marcus Uhlig, hat fast ver­zwei­felt für eine sport­liche Ent­schei­dung geworben, aber längst ist klar, dass der SC Verl zum Meister erklärt und in einer Geister-Rele­ga­tion gegen Lok Leipzig um den Auf­stieg spielen wird – zumin­dest dann, wenn die Verler ihr Sta­di­on­pro­blem lösen und die Lizenz erhalten.

RWE 8 W2 A4003 WEB

Stay home. Stay safe and healthy: Kevin Grund.

Max Slo­bodda

In der Kabine stehen die Spieler mit hell­blauen Müll­sä­cken vor ihren Plätzen und räumen die Spinde leer. Chris­tian Titz schaut herein, nicht alle nehmen ihn wahr. Bald darauf wird der Klub bekannt­geben, dass er mit einem neuen Trainer wei­ter­macht. Auch Sascha Pel­jhan ist an der Hafen­straße. Der Geschäfts­mann ist so gelassen wie am ersten Tag. Rot-Weiss Essen habe er bei der Pla­nung ver­schie­dener Sze­na­rien zur Seite gestanden, wobei: Planen kann man nicht.“ Natür­lich musste er Löcher im Budget stopfen („Dafür ist das Geld da“), aber Pel­jhan glaubt, dass Essen im Ver­gleich zu anderen Regio­nal­li­gisten besser aus der Krise kommen könnte. Eben erst wurde Simon Engel­mann als erster Neu­zu­gang vor­ge­stellt, ein Spieler, an dem auch Ingol­stadt und Meppen aus der Dritten Liga Inter­esse hatten. Engel­mann ent­schied sich für Essen, gewiss nicht nur aus sport­li­chen Gründen.

Kevin Grund hat der­weil eben­falls eine Sorge weniger. Mitt­ler­weile hat er seinen Ver­trag um ein Jahr ver­län­gert und geht in die zehnte Saison. Wann immer die beginnen wird.