Seite 2: Die große Suche nach der Liebe

Die große Suche nach der Liebe

Philipp Köster

Pelé oder Mara­dona, die Suche nach dem besten Fuß­baller der Geschichte ist natür­lich nur eine Spie­lerei. Wer will schon die 1000 Tore des Bra­si­lia­ners gegen die Genie­streiche des Argen­ti­niers abwägen? Die Schön­heit des Spiels, die Ent­de­ckung des Raumes, die Magie eines öff­nenden Passes, all das haben beide gezeigt, auf ein­zig­ar­tige und unver­wech­sel­bare Weise. Was jedoch ebenso unbe­streitbar ist: Diego Armando Mara­dona hat wie kein anderer über das Fuß­ball­feld hinaus in die Gesell­schaft hin­ein­ge­wirkt, er hat die Per­spek­tive des Sports geweitet und ihn als Teil des Pop­kultur kon­sti­tu­iert. Denn Pop ist ja nur die Abkür­zung von Popu­lär­kultur. Und so wie Sänger und Rock­bands die Massen auf Kon­zerten begeis­terten, so sehr brachte Mara­dona die Zuschauer in den Sta­dien zum Schreien, zum Singen, zum Jubeln. 

In diesem kleinen Argen­ti­nier mit den schwarzen Locken steckte alles, was einen großen Pop­star aus­macht: Genie und Wahn­sinn, Krea­ti­vität und Zer­stö­rungswut, Höhen­flüge und Abstürze, vor allem aber die große Suche nach Liebe, Aner­ken­nung, Reso­nanz. Mara­dona hat keinen Trick, kein Dribb­ling, keinen Tor­schuss für sich selbst gemacht, son­dern immer für sein Publikum. Ohne die Men­schen auf den Rängen, ihre bedin­gungs­lose Liebe, hätte Mara­dona nicht strahlen können. Beide brauchten ein­ander. Zusammen haben sich die Zuschauer und Diego Mara­dona auf die Suche nach dem großen Glück gemacht und es auf dem Fuß­ball­platz gefunden. Wer es nicht glaubt, schaue sich an, wie die Men­schen in Argen­ti­nien, in Neapel und überall auf der Welt trauern. Die Suche nach dem großen Glück – das hört sich kit­schig an, war aber der Wesens­kern dieses über­le­bens­großen Fuß­bal­lers. Und sein Ver­mächtnis an die Fuß­ball­welt.

Men­schen berührt, Men­schen erschüt­tert, Men­schen fühlen lassen

Stephan Uersfeld

Er ist dann gestorben. Kus­tu­ricas Mara­dona-Ver­dich­tung zum hun­dertsten Mal ange­schaut. Diego auf der Bühne, der über den Auf­stieg und Fall der Hand Gottes singt. Das Glück in den Augen seiner Kinder. Die Aus­ge­las­sen­heit. Die Beseelt­heit. Cut. Absturz. Erschöp­fung. Das Schei­tern in der Exis­tenz ange­legt. Der Absturz seit 30 Jahren eine Kon­stante. Oft davon gelesen. Ihn mal hier auf einer Tri­büne und dort auf einem Platz gesehen. Am Ende ange­kommen. Das Wirken auf VHS gesehen, das Leben im Internet. Kus­tu­ricas Szene zeigt den Wim­pern­schlags des Lebens über den Frank Gie­ring sagte: Und an der Stelle, wo es am aller­schönsten ist, da müsste die Platte springen und Du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Platten springen nicht. Das wäre auch lang­weilig. Es geht immer weiter. Mara­dona war ein Künstler, kein Fuß­baller. Men­schen berührt, Men­schen erschüt­tert, Men­schen fühlen lassen. Das letzte Bild, das ich von Mara­dona sah: Mit Covid-Schutz­vi­sier bei einem Spiel in Argen­ti­nien.

Er hat es alles auf sich genommen

Tim Jürgens

So wie er sich im Spiel aus der Umklam­me­rung von oft meh­reren Gegen­spie­lern lösen konnte, die ihm hilf­lose Trainer auf die Füße stellten, wider­stand Mara­dona auch dem Tohu­wa­buhu, das seit der Voll­jäh­rig­keit sein Alltag war. Wer sich ein Bild von dem Chaos machen möchte, das zeit­le­bens um den größten Fuß­baller aller Zeiten tobte, sollte sich die Eröff­nungs­se­quenz der Doku Diego“ ansehen. Sie zeigt die Reak­tionen der Men­schen auf Nea­pels Straßen, gefilmt aus dem Inneren eines Klein­wa­gens, der mit dem Pibe d’Oro“ durch die süd­ita­lie­ni­sche Stadt rast.

Der ganze Wahn­sinn, der auch heute große Stars umgibt, der Argen­ti­nier hat ihn mit voller Wucht und fil­terlos abbe­kommen. Mara­dona hatte keine Medi­en­be­rater, die seine Eska­paden clever an der Öffent­lich­keit vor­bei­lenkten. Keine schlauen Manager, die seine öffent­li­chen Auf­tritte aufs Äußerste ver­knappten und sie dann wie Staats­emp­fänge insze­nierten. Diego führte ein vor­be­haltlos öffent­li­ches Leben. Einer­seits, weil es zu seiner Zeit noch nicht üblich war, dass ein Fuß­baller wie ein Mar­ken­ar­tikel gema­nagt wurde. Ande­rer­seits, – zumin­dest liegt der Ver­dacht nahe – weil es der Mensch Mara­dona auch liebte, der Welt jede seiner zahl­losen Facetten zu prä­sen­tieren. So wie er es in seinem viel­leicht größten Spiel im WM-Vier­tel­fi­nale 1986 getan hatte, als er uns allen seine ein­zig­ar­tige Gabe mit einem Jahr­hun­dert­dribb­ling demons­trierte, nur wenige Minuten nachdem er mit der Hand Gottes“ als der größte Schlingel in die Fuß­ball­ge­schichte ein­ge­gangen war.

Wenn die Lauf­bahn endet, dimmt über den meisten Profis der Schein­werfer rasant her­unter, der sie auf dem Platz stets in ein schil­lerndes Licht gesetzt hat. Beim Treffen der deut­schen Welt­meister von 1990 war das vor kurzem gut zu beob­achten. Da trafen sich keine gla­mou­rösen Fuß­ball­stars mehr, son­dern eine Gruppe von in die Jahre gekom­menen Herren. Ein schmuck­loses Klas­sen­treffen. Auch der Alte­rungs­pro­zess von Diego Mara­dona vollzog sich vor den Augen der Welt. Aber der Argen­ti­nier hat im Gegen­satz zu Guido Buch­wald, Andy Brehme oder Thomas Bert­hold nie­mals auf­ge­hört, eine große Show zu sein.

Wie Mara­dona die Welt in Atem hielt, durfte ich beim Eröff­nungs­spiel zur WM 2006 in Mün­chen live erleben. Das Sta­dion quoll über vor Fuß­ball­pro­mi­nenz: In den Kata­komben der Allianz Arena wuselten Staats­männer, FIFA-Bosse, zahl­lose Alt-Inter­na­tio­nale, Pop­stars, TV-Stern­chen und Schau­spieler völlig unbe­hel­ligt von den Jour­na­listen umher, die hier unten im Medi­en­zen­trum hockten und ihre Bei­träge zim­merten. Ich saß dort an einem Tisch und schrieb etwa eine Stunde vor dem Beginn der Eröff­nungs­feier meine Ein­drücke von der Ankunft in Mün­chen nieder, der posi­tiven Grund­stim­mung, die an diesem Tag offenbar die Stadt ergriffen hatte.

Ein irrealer Moment

Doch plötz­lich ent­stand große Unruhe im Raum. Ein Foto­graf neben mir griff seine Kamera, ließ den Rest seines Gerödels liegen und rannte los. Als ich ihn fragte, was los sei, rief er nur: Mara­dona! Mara­dona ist ange­kommen.“ Ich holte meine kleine Digi­tal­ka­mera aus der Tasche und ging ihm nach. Als ich die Tür des Pres­sen­zen­trums öff­nete, trat von außen jemand dagegen. Ich bekam sie fast vor den Kopf. Erneut drückte ich die Klinke und erkannte, dass der rie­sige Tross, in dessen Mitte Diego Mara­dona wie das Eigelb in einem brut­zelnden Spie­gelei durch die Emp­fangs­halle geschoben wurde, unmit­telbar an mir vor­beizog. Mara­dona war nur einen knappen Meter von mir ent­fernt. Nach seiner zwi­schen­zeit­li­chen Fetter-Elvis“-Phase hatte er deut­lich abge­speckt. Auch sein Haar war nicht mehr blond oder rot gefärbt, son­dern glänzte wieder tief­schwarz wie zu seiner aktiven Zeit. Als ich hinter der Tür zum Vor­schein kam, blickte er mir direkt ins Gesicht. Es war ein scheuer Blick, so wie Gefan­gene in Fern­seh­be­richten manchmal schauen, wenn sie vor dem Gerichts­saal aus dem Auto steigen und von einem Blitz­licht­ge­witter emp­fangen werden.

Aber er nahm den Trubel um ihn herum – die Leute schubsten, schrien und ruderten – seltsam betei­li­gungslos hin. Fast sah es aus, als würde ihn die Men­schen­traube in der Senk­rechten halten und wie auf einer unsicht­baren Sänfte seinem Bestim­mungsort zuführen. Ich kannte meh­rere Kol­legen, die in der Ver­gan­gen­heit ver­geb­lich auf ein Inter­view mit ihm gehofft hatten. Nun wurde mir bewusst: Mara­dona kommt des­halb immer zu spät oder gar nicht zu Ter­minen, weil nie­mals er es ist, der seinen Zeit- und Rei­se­plan bestimmt, son­dern stets die Welt, die ihn wie ero­die­rende Erd­platten von einem Ort zum anderen schiebt. Aus dem Hand­ge­lenk heraus machte ich ein Foto von der Sze­nerie. Dann war der Pulk schon vorbei.

Ein irrealer Moment. Erst heute wird mir klar: Es war der Beginn des Som­mer­mär­chens“, alle waren da, die Welt zu Gast bei Freunden, so hieß es damals. Aber erst durch die Ankunft des Gött­li­chen wurde die WM ihrer höheren Bestim­mung zuge­führt.

Ich habe Diego Mara­dona etwa ein­ein­halb Stunden später noch einmal gesehen. Deutsch­land führte nach dem Traumtor von Philip Lahm bereits mit 1:0 gegen Costa Rica. Ich saß auf der Pres­se­tri­büne am Gang direkt an einer Treppe, die in die Kata­komben führte. Genau an dieser Stelle betrat er etwa zehn Minuten nach Spiel­be­ginn das Sta­dion. Er trug ein schwarzes T‑Shirt und eine breite schwarze Son­nen­brille. Ein Macho, der nichts mehr gemein zu haben schien mit dem scheuen Star­gast aus der Emp­fangs­halle. Ich musste zwei Mal hin­schauen, um sicher zu sein, dass es sich nicht um einen Dop­pel­gänger han­delte.

Etwa dreißig Sekunden blieb er direkt neben mir stehen und war­tete darauf, dass die Men­schen, die gebannt auf den Rasen schauten, von ihm Notiz nahmen. Als die ersten auf­sprangen, um ein Bild von ihm zu machen und das Gekrei­sche lauter wurde, drehte er sich um, trabte zurück in den Bauch der Arena und tauchte später in einer VIP-Loge wieder auf. Er war offenbar nur auf die Pres­se­tri­büne gekommen, um die Acht­zig­tau­send im Sta­dion die frohe Kunde von seiner Anwe­sen­heit zu über­bringen.

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Tim Jür­gens

Und die ganze Stadt sang, Marado, Marado“

Ilja Behnisch

Es gibt diese Szene in Mara­dona by Kus­tu­rica“, einem Film, den sie gern doku­men­ta­risch nennen können, der aber eigent­lich ein Lie­bes­film ist. Weil Emir Kus­tu­rica, selbst ein herr­li­cher Spinner, der Welt zeigt, wer das ist, der Mensch Mara­dona. Und was ihn antreibt: Liebe. Zum Spiel, zum Leben und zu den Men­schen, die das Schicksal an seine Seite gestellt hat. In dieser Szene also singt Diego Armando Mara­dona in einem Keller-Klub von Buenos Aires ein Lied. Über sich. La Mano de Dios“ heißt es – die Hand Gottes. Mara­dona singt ver­dammt gut. Auch des­halb kann man sich das nicht anschauen, ohne zeit­gleich auf einer Schicht aus Rüh­rung und Gän­se­haut zu sitzen. 

Man würde jetzt trotzdem gern auf­stehen, raus­gehen und das Leben von nun an jeden wei­teren Moment aus­kosten. So wie Diego. Aber man schaut ein­fach weiter, weil man in Mara­donas Augen schaut, die so voller Wärme nach mehr Wärme flehen, nach seinen Töch­tern, die im Publikum sitzen und die doch besser an seiner Seite sein sollten jetzt. Findet Diego. Die Töchter, sie zieren sich. Und das Lied, es geht voran: Und die ganze Stadt sang, Marado, Marado. Die Hand Gottes wurde geboren, Marado, Marado, Freude in die Men­schen gesät.“ Kurz darauf stehen sie zusammen auf der Bühne, die ganze Familie, glücks­be­soffen: Olé, olé, olé, Diego, Diego.“ Und wer genau hin­schaut, kann genau diesen Diego in jeder ein­zelnen Sekunde erkennen, die der Welt von seinem flir­renden Leben über­lie­fert ist. Und jede Sekunde davon: für immer ein Geschenk.

Trau­riger Clown?

Benjamin Kuhlhoff

Um das fuß­bal­le­ri­sche Schaffen von Diego Mara­dona zu erfassen, war ich sei­ner­zeit viel zu klein – und zu ver­liebt in Andy Brehmes Ober­schenkel. Für mich war Mara­dona lange Zeit der eitle Gockel, der nach dem ver­lo­renen WM Finale 1990 erst wild auf dem Platz ges­ti­ku­lierte und dann trotzig durch die schöne Blumen im Stadio Olim­pico stapfte. Ein trau­riger Clown.

Seine wahre Fas­zi­na­tion strahlte El Diez dann eher neben dem Platz für mich aus. Skan­dale, Drogen, emo­tio­nale Aus­brüche, Tränen. Mal hing er halb­nackt vom Balkon des Bom­bonera, mal schun­kelte er im Che Gue­vara Tattoo neben Hugo Chavez. 

Doch dann sah ich die sagen­hafte Kus­tu­rica-Doku über Mara­dona, sah ihn in einer voll­be­setzten Bar ein Lied über sich selbst schmet­tern und ver­stand.

Dieser Mann kannte nur Vollgas. Am Ball. Mit der Nase im Schnee. Im Inter­view. Mara­dona hat den Ball geliebt. Das Spiel ver­göt­tert. Und sich selbst darin ver­loren. 

Spieler wie er gaben den Fans das kom­plette Paket. Magie auf dem Rasen. Wahn­sinn daneben. Das ist wich­tiger als jedes Dribb­ling, jedes Tor, jeder Titel.

Das ist Fuß­ball, wie wir ihn einst liebten. Mit Mara­dona geht ein Teil davon. Reiche ihm da oben die Hand Gottes, El Diez!

Ein Lied bei You­Tube

Florian Nussdorfer

Zum ersten Mal hörte ich von Diego Mara­dona im Fuß­ball­verein. Kinder sind ja häufig auf der Suche nach Super­la­tiven und so ging es damals, es muss in der E‑Jugend gewesen sein, um die Frage, wer denn eigent­lich der beste Fuß­baller über­haupt sei. Mein Idol war damals Ronaldo, mein Vater schwärmte von Zidane und auch den Namen Pelé hatte ich schon gehört. Doch die Väter der anderen Jungs hatten ihren Söhnen einen anderen Floh ins Ohr gesetzt: Mara­dona“, sagten sie, der war der Aller­beste!“ 

Wir stritten uns ein biss­chen, weil jeder natür­lich über­zeugt war, dass der eigene Papa recht hatte. Aber wie das bei Kin­dern so ist, waren dann auch schnell wieder andere Themen wichtig. Dra­gon­ball oder so. Auch in den Jahren danach spielte Mara­dona keine beson­ders große Rolle für mich. Erst als ich das Internet für mich ent­deckte, ent­decke ich auch Mara­dona wieder. Sein läs­siges Auf­wärm­pro­gramm zu Live is life“. Sein 40. Geburtstag, auf dem er sich selbst besingt. Dieses Video fes­selte mich. Wie er dort steht, die Augen geschlossen, wäh­rend um ihn herum mal wieder alle durch­drehen. Seine Töchter, die ihn mit leuch­tenden Augen ansehen. Noch heute ist das meine prä­gendste Mara­dona-Erin­ne­rung. Keine Spiel­szene, kein Tor, kein Solo. Ein Lied bei You­Tube. Voller Kraft, voller Lei­den­schaft. Voller Pathos. Das berührte mich tief und das tut es noch immer. Es dürfte eines der Videos sein, die ich in meinem Leben am häu­figsten gesehen habe. Um mit einem leicht abge­än­derten Zitat aus einem wei­teren berühmten Video abzu­schließen: Oh Mama, Mama, Mama! Weißt du, warum mein Herz so schlägt? Ich habe Mara­dona bei You­Tube gesehen! Und Mama: Ich bin ver­liebt!“