Seite 3: Vielleicht wird er es heil überstehen?

Sie alle schwärmten von ihm

Max Dinkelaker

Ich habe Mara­dona nicht spielen sehen, weder im Sta­dion noch im Fern­sehen. Als er bei der WM 94 vor der Welt­öf­fent­lich­keit zum Buh­mann wurde, war ich fünf Jahre alt. Das ist inso­fern tra­gisch, als dass ich so nur beim Absturz live dabei war, mit eigenen Augen gesehen habe ich den ver­schwitzten Fan-Mara­dona auf der Tri­büne, den seltsam kari­ka­tur­haften Trainer-Mara­dona bei der WM 2010 oder den kör­per­lich und irgendwie auch mental ver­krüp­pelten Net­flix-Mara­dona in der mexi­ka­ni­schen Prärie. Für Men­schen, die den Fuß­ball­gott bei der WM 86 oder in Neapel erlebt hatten, die für ihn spät ins Bett gegangen oder früh auf­ge­standen waren, dürften manche der eben erwähnten Bilder schmerz­hafter gewesen sein als für mich, so als hätten sie den besten Grund­schuld­freund plötz­lich ver­wahr­lost in der Fuß­gän­ger­zone getroffen. Gleich­zeitig emp­fanden sie dem Mann gegen­über eine so tiefe Dank­bar­keit, eine Zunei­gung und ja, wahr­schein­lich war es Liebe, dass sie jetzt, Jahr­zehnte später, milder mit ihm umgehen konnten. Was waren die kleinen Skan­däl­chen schon gegen all das, was er ihnen einst geschenkt hatte?

Für sie war Mara­dona schon lange kein Mensch mehr, er war Rock­star und Hei­liger, ein Mythos, eine Fabel­figur, ein Gott, und Götter ändern sich nicht, sie ver­lieren nicht plötz­lich an Würde, sie sind ein­fach das, was sie sind und werden genau das auch immer bleiben. Für mich dagegen war Mara­dona lange, und heute, am Tag nach seinem Tod, schäme ich mich fast ein biss­chen dafür, eine Art Clown. Es gab Dop­pel­gänger, die in deut­schen TV-Shows mit Zigarre im Mund auf­traten und auf Fan­tasie-Spa­nisch irgend­wel­chen Schwach­sinn erzählten, alle paar Monate tauchte ein anderer ver­meint­lich pein­li­cher Schnapp­schuss auf, Mara­dona im Rausch und mit Plauze, Mara­dona erzählt Quatsch, Mara­dona macht Blöd­sinn. Auf den Kult, der um Mara­dona in Neapel und Argen­ti­nien ent­standen war, blickte ich, blickten ver­mut­lich viele andere aus meiner Genera­tion, mit einem Mix aus deut­scher Über­heb­lich­keit und Spott. Jaja, mi corazón und so, alles klar, ist in Ord­nung, macht ihr mal.

Je älter ich wurde, desto neu­gie­riger wurde ich auf das, was Mara­dona früher war. Ich schaute You­Tube-High­lights, Doku­men­ta­tionen und Fotos an, ich sah das Auf­wärm-Video vom Uefa-Cup-Spiel und das Video aus der Napoli-Kabine nach dem ersten Titel, außerdem das Video vom Matsch-Trai­ning und Zusam­men­schnitte von der WM 1986. Ich fing an, für 11FREUNDE zu arbeiten, ich reiste nach Neapel und sah den Stolz der Men­schen, die leuch­tenden Augen, wenn sie von Mara­dona erzählten. Ich sprach mit Fuß­bal­lern, die gegen Mara­dona gespielt hatten. Egal ob Kohler oder Litt­barski oder Häßler, sie alle schwärmten von ihm, von dem, was er mit dem Ball konnte, von der Freude, die er selbst Kon­kur­renten wie ihnen bereitet hatte. Er spielte Fuß­ball, weil er Spaß daran hatte, er ging ein WM-Finale so an wie wir ein Spiel in der großen Pause gegen die Typen aus der Nach­bar­klasse. Nur war er halt viel, viel besser als alle anderen. Zumin­dest das habe ich mitt­ler­weile kapiert.

Diego hat uns das Leben gerettet“

Alex Raack

Was Diego Mara­dona dieser Welt bedeutet hat? Es gibt eine Anek­dote, die es besser beschreibt, als jede andere:

Im Mai 2003 werden Jour­na­listen der argen­ti­ni­schen Zei­tung Clarin“ bei einer Repor­tage nahe Bagdad von ira­ki­schen Sol­daten auf­ge­griffen und mit vor­ge­hal­tenen Waffen bedroht. Die Situa­tion ist nicht nur kri­tisch, sie ist lebens­be­droh­lich. Und löst sich wie von Zau­ber­hand in Wohl­ge­fallen auf, als die Sol­daten erfahren, aus wel­chem Land die fest­ge­nommen Reporter stammen. Argen­ti­nien? Mara­dona!“ Zitat eines betrof­fenen Jour­na­listen: Ihre Stim­mung schlug um, sie begannen zu lachen und ließen uns gehen, ohne einen Kratzer. Diego hat uns das Leben gerettet.“

Und uns allen, die den Fuß­ball lieben, das Leben ein Stück weit auf­re­gender und span­nender gemacht.

Aber Du, mein Freund, währst ewig

Dirk Gieselmann

Ihn in den letzten zwanzig, dreißig Jahren beim Leben zu beob­achten, das war, als würde man jemandem dabei zusehen, wie er ohne Fall­schirm aus dem Flug­zeug springt. Bis hierher, so dachte man auf halber Strecke und sogar noch bis kurz vor dem Auf­prall, ist ja alles gut gegangen, viel­leicht wird er es heil über­stehen.

Aber dann kam gegen halb sechs am Mitt­woch, dem 25. November 2020, dem fünf­zehnten Todestag George Bests, die Text­nach­richt eines Freundes, fünf Buch­staben nur: DIEGO.“

Und sofort war klar, was das hieß: Er hatte es nicht über­standen. Der ewig fal­lende Engel war zer­schellt.

Das voll­kommen Abseh­bare, Unaus­weich­liche, Zwangs­läu­fige war ein­ge­treten: Dieses Leben, das eine ein­zige Über­dosis an Bega­bung, Liebe, Wahn­sinn, Steaks und Drogen gewesen war, konnte er doch nur mit dem Leben bezahlen.

Warum um alles in der Welt bin ich dann so erschüt­tert von der Wucht dieser Nach­richt? Habe ich ihn tat­säch­lich für unsterb­lich gehalten? Bin ich immer noch der Acht­jäh­rige, der ihn unter den hun­dert Sonnen von Mexiko hat zau­bern sehen? Und wenn ich zau­bern“ sage, dann meine ich nicht, dass er bloß etwas tat, das alle andere nicht konnten, nicht einmal im Geiste, und das sie in Erman­ge­lung bes­serer Beschrei­bungen als Zau­berei bezeich­neten, nein, wenn ich zau­bern“ sage, dann meine ich wirk­lich: Magie. Bin ich immer noch der kleine Junge, der sich wei­gert anzu­er­kennen, dass jede Gegen­wart Ver­gan­gen­heit werden muss? Dass alles einmal vor­über sein wird? Die WM 1986, die Kind­heit, die Kar­riere des größten Fuß­bal­lers aller Zeiten, das Leben an sich? Dass auch dieser Unsterb­liche eines Tages stirbt?

Später am Abend schrieb Carlo Ance­lotti, der in jener Zeit sein Rivale in den epi­schen Schlachten zwi­schen dem SSC Neapel und dem AC Milan gewesen war, bei Twitter: But you, my friend, are eternal.“ Aber du, mein Freund, währst ewig: Das war ein Trost. Ein Trost, der selbst schon traurig ist. Ich hätte vor dem gest­rigen Abend nicht für mög­lich gehalten, dass Carlo Ance­lotti mich jemals zum Weinen bringen würde.

Wo warst du, als dies und jenes geschah? Das ist eine oft gestellte Frage im Rück­blick auf etwas, das einen umzu­werfen drohte. Man stellt sie sich wohl, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass man an einem Fleck geblieben ist und nicht davon gerissen wurde vom tosenden Sturm.

Wo warst du also, als Diego Armando Mara­dona starb?

Ich weiß es: Ich stand in der Küche und ließ den Milch­reis für meine Kinder anbrennen.

Aber viel besser weiß ich, wo ich war, als er noch lebte: Ich saß im Schlaf­anzug vor dem Fern­seher, im grünen Schein, den der Rasen des Azte­ken­sta­dions in unser Wohn­zimmer warf, und sah sein magi­sches Tor zum 2:0 gegen Eng­land im Vier­tel­fi­nale der WM 1986.

Es war, als neigte sich das Spiel­feld plötz­lich senk­recht in Rich­tung des Tors von Peter Shilton, es war, als fiele ein Engel vom Himmel. Sein ganzes Leben in einem Sech­zig­me­ter­solo, eine Ver­dich­tung des Schick­sals, eine Pro­phe­zeiung.

Aber er zer­schellte nicht. Er schoss das schönste Tor, das jemals geschossen wurde, und wird es immer wieder schießen.

You, my friend, are eternal.

Mara­dona oder Messi?

Christoph Biermann

Ich brauchte etwas, bis ich kapierte. Das Ergebnis meiner kleinen Umfrage vor ein paar Jahren in Buenos Aires, bei Taxi­fah­rern, Leuten in der Kneipe oder im Sta­dion – Wer ist besser: Mara­dona oder Messi?“ – war von gewal­tiger Ein­deu­tig­keit: Mara­dona! Ohne dass ich auf­grund meines mikro­sko­pi­schen Wort­schatzes die sich anschlie­ßenden, über­spru­delnden Aus­füh­rungen wirk­lich ver­standen hätte, ver­stand ich sie irgend­wann doch. Und dass ich die fal­sche Frage gestellt hatte. Denn letzt­lich ging es beim Auf­zählen seiner Tri­umphe und vor allem dass er Argen­ti­nien zum Welt­meister gemacht hatte, beim Spre­chen über seiner besten Tricks und größten Spiele um etwas ganz anderes: Mara­dona war wie wir. Oder besser: auch wie wir. 

Denn auf dem Rasen war er ein Gott. Wenn man auf dem Spiel­feld steht, ver­schwindet das Leben. Alles ver­schwindet“, hat Diego Armando Mara­dona mal gesagt. Wenn man ihm zuschaute, war es eben­falls so, das Leben spielte für neunzig Minuten keine Rolle mehr. Aber wenn er den Rasen ver­ließ, war seine nächste Tra­gödie nicht weit, der nächste Fehler und das nächste Schei­tern. So war Mara­dona ein Gott, zu dem wir auf­schauen konnten, der uns aber zugleich nahe war in seiner Ein­sam­keit, Depres­sion und Sucht sowie seinen end­losen Ver­su­chen, wieder von vorne anzu­fangen. Des­halb hatte ich die fal­sche Frage gestellt, in der Stadt, wo auch zwei Jahr­zehnte, nachdem er das Trikot zum letzten Mal aus­ge­zogen hatte, überall Wand­ge­mälde und Graf­fitis zu sehen waren, die ihn zeigten. Die Frage ob Mara­dona besser war als Messi, viel­leicht der beste Fuß­ball­spieler aller Zeiten, war banal und über­flüssig, denn er hatte die Herzen erreicht wie kein anderer.