Gott auf dem Acker

Ron Ulrich

Wer einmal in Neapel war, kommt auch Jahr­zehnte nach seinem Weg­gang nicht an Mara­dona vorbei. Minia­tur­fi­guren, Graf­fiti und andere Bild­nisse säumen die Stadt so wie die Erin­ne­rungen an Diego die Gespräche in den Cafés. Doch viel von der Liebe, die die Men­schen hier einem der größten Fuß­baller der Geschichte ent­gegen bringen, lässt sich in dem Vorort Accera erklären. Kurz nach Diegos Ankunft in Ita­lien bat dort der Vater eines kranken Jungen seinen Mit­spieler Pietro Puzone um Hilfe. Puzone stammte aus Accera, einem bis heute sehr armen Fleck­chen, das an Mara­donas Wur­zeln in Argen­ti­nien erin­nert. Die Mann­schaft des SSC Neapel orga­ni­sierte ein Freund­schafts­spiel gegen die Mann­schaft des Ortes, um dem Jungen zu helfen. 

Doch der Klub selbst fürch­tete die Ver­let­zungs­ge­fahr für seinen neuen Star und wei­gerte sich, die Ver­si­che­rung für solch einen Kick zu über­nehmen. D10s“ selbst soll dafür gezahlt und sich mit Haut und Haaren für das Freund­schafts­spiel ein­ge­setzt haben. Das Team zog sich die Tri­kots über – ohne das Plazet des Klubs, aber eben von Mara­dona. Er war damals schon größer als alle anderen. Wer die Bilder des Spiels sieht, erschreckt über den Acker, auf dem er mit seiner Mann­schaft auf­lief. Neapel gewann 4:0 und sam­melte auch dank der Spende Mara­donas an die 20 Mil­lionen Lira. Es sind neben den sport­li­chen Erfolgen und Kunst­stü­cken jene Anek­doten, die Diego rund um Neapel zu einer hei­land­ähn­li­chen Gestalt werden ließen. Gott spielt auf dem Acker für den Jungen aus dem Armen­viertel. Die Geschichte ist fast zu kit­schig, sie ver­bindet Tragik und Schön­heit – wie so vieles in der Bio­grafie von Diego Armando Mara­dona.

Ein Wesen vom anderen Stern

Jens Kirschneck

In der WhatsApp-Gruppe meiner alten Min­dener Clique wird häufig mal Fuß­ball zum Thema, gerne auch spitz­züngig, weil die Ver­eins­vor­lieben breit gestreut sind. Im Moment muss natur­gemäß der Schalker unter uns viel ein­ste­cken, wobei die bösesten Kom­men­tare iro­ni­scher­weise von einem Fan des Ham­burger Sport-Ver­eins kommen. Zuletzt kam aller­dings oft­mals kein wirk­li­cher Schlag­ab­tausch zustande, wird ja auch irgend­wann lang­weilig, auf einen am Boden Lie­genden weiter ein­zu­dre­schen.

Ges­tern um kurz nach 18 Uhr aber ist unsere WhatsApp-Gruppe explo­diert. Diego ist tot. Was für ein Scheißtag“, ließ einer ver­lauten, und inner­halb von zwölf Minuten hatten alle, wirk­lich alle ihre Bestür­zung kund­getan. Wirk­lich unfassbar“ schrieb einer, der Held der für mich besten WM aller Zeiten, 1986 in Mexiko.“

Hoppla. Wenn jemanden der Schmerz über­wäl­tigt, dann gehen mit ihm schon mal die Pferde durch, aber die 86er Welt­meis­ter­schaft zur besten aller Zeiten zu erklären, das ist unge­fähr so, als würde man behaupten, es habe nie wieder eine bes­sere Rock­band als Status Quo gegeben. Die WM 1986 war rein fuß­bal­le­risch nicht unbe­dingt das Gelbe vom Ei, mit wenigs­tens einem Fina­listen (nein, nicht Argen­ti­nien), dessen Trainer nachher erzählt hat, er wisse selbst nicht so genau, wie seine Truppe es eigent­lich ins End­spiel geschafft hat.

Besser als Status Quo!

Doch je mehr ich dar­über nach­denke, desto besser kann ich meinen alten Freund ver­stehen. Mexiko 1986, das war viel Gebolze und Rum­pel­fuß­ball, aber eben auch flir­rende Hitze, bleiche Farben und: Diego. Das beste Dribb­ling aller Zeiten, die Hand Gottes, Tricks und Tore vom anderen Stern.

Erschwe­rend hinzu kommt, dass die meisten aus unserem Freun­des­kreis die dama­lige Welt­meis­ter­schaft in Bun­des­wehr-Kasernen ver­bracht haben. Man möge des­halb über uns richten, aber so war es nun mal. Und dort saßen wir nun, gelang­weilt in schlecht gelüf­teten Stuben und freuten uns über die Abwechs­lung. In diesem Umfeld erschien uns Diego wie ein Wesen vom anderen Stern. Dieser Mann hatte alles, was wir nicht hatten, er konnte alles, was wir nicht konnten, er durfte vor­sätz­lich den Ball mit der Hand spielen und wurde trotzdem gefeiert, wäh­rend wir für Nich­tig­keiten ange­brüllt wurden.

In diesem Sommer war Diego Mara­dona das schil­lernde Bei­spiel dafür, dass es noch ein anderes, schö­neres Leben außer­halb des Kaser­nen­hofs gab. Status Quo hätten so etwas beim besten Willen nicht leisten können.

Weih­nachts­karten von Diego Mara­dona

Stephan Reich

Einer der schönsten Aspekte an der Arbeit bei 11FREUNDE sind die Inter­views für die Rubrik Der Fuß­ball, mein Leben und ich.“ Man trifft die Helden seiner Kind­heit und lässt sich all das, was man früher vorm TV ver­folgte, nochmal brüh­warm aus erster Hand erzählen. Aber mein Wunsch­traum, dafür einmal Diego Armando Mara­dona zu spre­chen, blieb stets genau das, ein Wunsch­traum. Und doch tauchte Diego relativ häufig in dieser Rubrik auf. Fast jeder Spieler aus der Genera­tion Mara­dona hatte eine Anek­dote zu ihm. Hans Peter Briegel erin­nerte sich, wie Diego vor dem Spiel zum Auf­wärmen den Ball auf den Schul­tern jon­glierte. Dieter Eck­stein erzählte, wie sich Diego barfuß mit einem Ten­nis­ball warm­machte. Jürgen Kohler erzählte meinem Kol­legen Max Din­kelaker, wie Mara­dona in einer Halle den Ball auf Bas­ket­ball­körbe schoss, barfuß und mit seiner Tochter auf dem Arm, und neun von zehn Ver­su­chen traf. Jesses, wenn mir der nächste Fuß­baller der Achtziger/​Neunziger ver­si­chert hätte, Mara­dona hätte vor seinen Augen 5000 Mal eine Hasel­nuss hoch­ge­halten, ich hätte es geglaubt.

Denn es deckte sich ja mit dem, was ich selbst noch vage aus Diegos Kar­rie­reherbst erin­nerte. Dinge, die man heute in You­tube-Clips sehen kann, und deren Bild zwar sehr körnig sein mag, den­noch aber ein sehr klares Bild davon ver­mit­telt, was Diego als Fuß­baller so beson­ders machte. Diego, wie er den Ball auf den Schul­tern jon­gliert. Diego, wie er auf einem Platz voller Matsch­pfützen kickt. Und Diego, na klar, wie er sich tan­zend zu Live is Life“ auf­wärmt. Nie ist der Fuß­ball auf pro­fes­sio­nellem Niveau seinem Wesens­kern näher gekommen, mehr bei sich gewesen, als in dem Spiel­kind Diego Mara­dona. Warum fangen wir denn über­haupt an, den Ball vors Gara­gentor zu kicken oder mit Freunden jede ver­füg­bare Fläche in ein Spiel­feld zu ver­wan­deln, Schul­ranzen als Tore, eine Cola­dose als Ball? Aus den­selben Gründen, aus denen Diego stets aufs Feld ging. Er hat sie sich immer bewahrt.

Was hätte Briegel auch schreiben sollen?

Ich liebe diese Auf­nahmen, auch wenn ich mich dann oft ärgere über die paar Jahre, die seine Blüte und meine Fuß­ball­so­zia­li­sa­tion trennten. Und heute liebe ich diese Auf­nahmen noch mehr als sonst. Weil sie mir ver­si­chern, wie die Leute Diego in Erin­ne­rung behalten werden. Mit einem Blick aufs fuß­bal­le­ri­sche Genie, den Spaß­ma­cher, nackt und unver­stellt von irgend­wel­chen Skan­dalen, Dro­gen­ge­schichten und sons­tigem allzu mensch­li­chen Bal­last, den Diego ja stets mit und vor sich her trug. Ein trau­riger Clown, klar, aber er wird als Clown erin­nert werden, nicht als traurig. Beson­ders berührt hat mich übri­gens die Geschichte Brie­gels, der in seiner Zeit in Ita­lien Mara­dona so beein­druckt haben muss, dass dieser ihm jah­re­lang jedes Weih­nachten eine Karte schickte. Weih­nachts­karten von Diego Mara­dona, kann man sich das vor­stellen? Dabei hatten Briegel und Mara­dona eigent­lich nicht viel mit­ein­ander zu tun, sie waren ja nur Gegner. Briegel konnte auch nie ant­worten, weil nie eine Adresse auf den Karten stand. Aber was hätte er auch schreiben sollen?

Die große Suche nach der Liebe

Philipp Köster

Pelé oder Mara­dona, die Suche nach dem besten Fuß­baller der Geschichte ist natür­lich nur eine Spie­lerei. Wer will schon die 1000 Tore des Bra­si­lia­ners gegen die Genie­streiche des Argen­ti­niers abwägen? Die Schön­heit des Spiels, die Ent­de­ckung des Raumes, die Magie eines öff­nenden Passes, all das haben beide gezeigt, auf ein­zig­ar­tige und unver­wech­sel­bare Weise. Was jedoch ebenso unbe­streitbar ist: Diego Armando Mara­dona hat wie kein anderer über das Fuß­ball­feld hinaus in die Gesell­schaft hin­ein­ge­wirkt, er hat die Per­spek­tive des Sports geweitet und ihn als Teil des Pop­kultur kon­sti­tu­iert. Denn Pop ist ja nur die Abkür­zung von Popu­lär­kultur. Und so wie Sänger und Rock­bands die Massen auf Kon­zerten begeis­terten, so sehr brachte Mara­dona die Zuschauer in den Sta­dien zum Schreien, zum Singen, zum Jubeln. 

In diesem kleinen Argen­ti­nier mit den schwarzen Locken steckte alles, was einen großen Pop­star aus­macht: Genie und Wahn­sinn, Krea­ti­vität und Zer­stö­rungswut, Höhen­flüge und Abstürze, vor allem aber die große Suche nach Liebe, Aner­ken­nung, Reso­nanz. Mara­dona hat keinen Trick, kein Dribb­ling, keinen Tor­schuss für sich selbst gemacht, son­dern immer für sein Publikum. Ohne die Men­schen auf den Rängen, ihre bedin­gungs­lose Liebe, hätte Mara­dona nicht strahlen können. Beide brauchten ein­ander. Zusammen haben sich die Zuschauer und Diego Mara­dona auf die Suche nach dem großen Glück gemacht und es auf dem Fuß­ball­platz gefunden. Wer es nicht glaubt, schaue sich an, wie die Men­schen in Argen­ti­nien, in Neapel und überall auf der Welt trauern. Die Suche nach dem großen Glück – das hört sich kit­schig an, war aber der Wesens­kern dieses über­le­bens­großen Fuß­bal­lers. Und sein Ver­mächtnis an die Fuß­ball­welt.

Men­schen berührt, Men­schen erschüt­tert, Men­schen fühlen lassen

Stephan Uersfeld

Er ist dann gestorben. Kus­tu­ricas Mara­dona-Ver­dich­tung zum hun­dertsten Mal ange­schaut. Diego auf der Bühne, der über den Auf­stieg und Fall der Hand Gottes singt. Das Glück in den Augen seiner Kinder. Die Aus­ge­las­sen­heit. Die Beseelt­heit. Cut. Absturz. Erschöp­fung. Das Schei­tern in der Exis­tenz ange­legt. Der Absturz seit 30 Jahren eine Kon­stante. Oft davon gelesen. Ihn mal hier auf einer Tri­büne und dort auf einem Platz gesehen. Am Ende ange­kommen. Das Wirken auf VHS gesehen, das Leben im Internet. Kus­tu­ricas Szene zeigt den Wim­pern­schlags des Lebens über den Frank Gie­ring sagte: Und an der Stelle, wo es am aller­schönsten ist, da müsste die Platte springen und Du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Platten springen nicht. Das wäre auch lang­weilig. Es geht immer weiter. Mara­dona war ein Künstler, kein Fuß­baller. Men­schen berührt, Men­schen erschüt­tert, Men­schen fühlen lassen. Das letzte Bild, das ich von Mara­dona sah: Mit Covid-Schutz­vi­sier bei einem Spiel in Argen­ti­nien.

Er hat es alles auf sich genommen

Tim Jürgens

So wie er sich im Spiel aus der Umklam­me­rung von oft meh­reren Gegen­spie­lern lösen konnte, die ihm hilf­lose Trainer auf die Füße stellten, wider­stand Mara­dona auch dem Tohu­wa­buhu, das seit der Voll­jäh­rig­keit sein Alltag war. Wer sich ein Bild von dem Chaos machen möchte, das zeit­le­bens um den größten Fuß­baller aller Zeiten tobte, sollte sich die Eröff­nungs­se­quenz der Doku Diego“ ansehen. Sie zeigt die Reak­tionen der Men­schen auf Nea­pels Straßen, gefilmt aus dem Inneren eines Klein­wa­gens, der mit dem Pibe d’Oro“ durch die süd­ita­lie­ni­sche Stadt rast.

Der ganze Wahn­sinn, der auch heute große Stars umgibt, der Argen­ti­nier hat ihn mit voller Wucht und fil­terlos abbe­kommen. Mara­dona hatte keine Medi­en­be­rater, die seine Eska­paden clever an der Öffent­lich­keit vor­bei­lenkten. Keine schlauen Manager, die seine öffent­li­chen Auf­tritte aufs Äußerste ver­knappten und sie dann wie Staats­emp­fänge insze­nierten. Diego führte ein vor­be­haltlos öffent­li­ches Leben. Einer­seits, weil es zu seiner Zeit noch nicht üblich war, dass ein Fuß­baller wie ein Mar­ken­ar­tikel gema­nagt wurde. Ande­rer­seits, – zumin­dest liegt der Ver­dacht nahe – weil es der Mensch Mara­dona auch liebte, der Welt jede seiner zahl­losen Facetten zu prä­sen­tieren. So wie er es in seinem viel­leicht größten Spiel im WM-Vier­tel­fi­nale 1986 getan hatte, als er uns allen seine ein­zig­ar­tige Gabe mit einem Jahr­hun­dert­dribb­ling demons­trierte, nur wenige Minuten nachdem er mit der Hand Gottes“ als der größte Schlingel in die Fuß­ball­ge­schichte ein­ge­gangen war.

Wenn die Lauf­bahn endet, dimmt über den meisten Profis der Schein­werfer rasant her­unter, der sie auf dem Platz stets in ein schil­lerndes Licht gesetzt hat. Beim Treffen der deut­schen Welt­meister von 1990 war das vor kurzem gut zu beob­achten. Da trafen sich keine gla­mou­rösen Fuß­ball­stars mehr, son­dern eine Gruppe von in die Jahre gekom­menen Herren. Ein schmuck­loses Klas­sen­treffen. Auch der Alte­rungs­pro­zess von Diego Mara­dona vollzog sich vor den Augen der Welt. Aber der Argen­ti­nier hat im Gegen­satz zu Guido Buch­wald, Andy Brehme oder Thomas Bert­hold nie­mals auf­ge­hört, eine große Show zu sein.

Wie Mara­dona die Welt in Atem hielt, durfte ich beim Eröff­nungs­spiel zur WM 2006 in Mün­chen live erleben. Das Sta­dion quoll über vor Fuß­ball­pro­mi­nenz: In den Kata­komben der Allianz Arena wuselten Staats­männer, FIFA-Bosse, zahl­lose Alt-Inter­na­tio­nale, Pop­stars, TV-Stern­chen und Schau­spieler völlig unbe­hel­ligt von den Jour­na­listen umher, die hier unten im Medi­en­zen­trum hockten und ihre Bei­träge zim­merten. Ich saß dort an einem Tisch und schrieb etwa eine Stunde vor dem Beginn der Eröff­nungs­feier meine Ein­drücke von der Ankunft in Mün­chen nieder, der posi­tiven Grund­stim­mung, die an diesem Tag offenbar die Stadt ergriffen hatte.

Ein irrealer Moment

Doch plötz­lich ent­stand große Unruhe im Raum. Ein Foto­graf neben mir griff seine Kamera, ließ den Rest seines Gerödels liegen und rannte los. Als ich ihn fragte, was los sei, rief er nur: Mara­dona! Mara­dona ist ange­kommen.“ Ich holte meine kleine Digi­tal­ka­mera aus der Tasche und ging ihm nach. Als ich die Tür des Pres­sen­zen­trums öff­nete, trat von außen jemand dagegen. Ich bekam sie fast vor den Kopf. Erneut drückte ich die Klinke und erkannte, dass der rie­sige Tross, in dessen Mitte Diego Mara­dona wie das Eigelb in einem brut­zelnden Spie­gelei durch die Emp­fangs­halle geschoben wurde, unmit­telbar an mir vor­beizog. Mara­dona war nur einen knappen Meter von mir ent­fernt. Nach seiner zwi­schen­zeit­li­chen Fetter-Elvis“-Phase hatte er deut­lich abge­speckt. Auch sein Haar war nicht mehr blond oder rot gefärbt, son­dern glänzte wieder tief­schwarz wie zu seiner aktiven Zeit. Als ich hinter der Tür zum Vor­schein kam, blickte er mir direkt ins Gesicht. Es war ein scheuer Blick, so wie Gefan­gene in Fern­seh­be­richten manchmal schauen, wenn sie vor dem Gerichts­saal aus dem Auto steigen und von einem Blitz­licht­ge­witter emp­fangen werden.

Aber er nahm den Trubel um ihn herum – die Leute schubsten, schrien und ruderten – seltsam betei­li­gungslos hin. Fast sah es aus, als würde ihn die Men­schen­traube in der Senk­rechten halten und wie auf einer unsicht­baren Sänfte seinem Bestim­mungsort zuführen. Ich kannte meh­rere Kol­legen, die in der Ver­gan­gen­heit ver­geb­lich auf ein Inter­view mit ihm gehofft hatten. Nun wurde mir bewusst: Mara­dona kommt des­halb immer zu spät oder gar nicht zu Ter­minen, weil nie­mals er es ist, der seinen Zeit- und Rei­se­plan bestimmt, son­dern stets die Welt, die ihn wie ero­die­rende Erd­platten von einem Ort zum anderen schiebt. Aus dem Hand­ge­lenk heraus machte ich ein Foto von der Sze­nerie. Dann war der Pulk schon vorbei.

Ein irrealer Moment. Erst heute wird mir klar: Es war der Beginn des Som­mer­mär­chens“, alle waren da, die Welt zu Gast bei Freunden, so hieß es damals. Aber erst durch die Ankunft des Gött­li­chen wurde die WM ihrer höheren Bestim­mung zuge­führt.

Ich habe Diego Mara­dona etwa ein­ein­halb Stunden später noch einmal gesehen. Deutsch­land führte nach dem Traumtor von Philip Lahm bereits mit 1:0 gegen Costa Rica. Ich saß auf der Pres­se­tri­büne am Gang direkt an einer Treppe, die in die Kata­komben führte. Genau an dieser Stelle betrat er etwa zehn Minuten nach Spiel­be­ginn das Sta­dion. Er trug ein schwarzes T‑Shirt und eine breite schwarze Son­nen­brille. Ein Macho, der nichts mehr gemein zu haben schien mit dem scheuen Star­gast aus der Emp­fangs­halle. Ich musste zwei Mal hin­schauen, um sicher zu sein, dass es sich nicht um einen Dop­pel­gänger han­delte.

Etwa dreißig Sekunden blieb er direkt neben mir stehen und war­tete darauf, dass die Men­schen, die gebannt auf den Rasen schauten, von ihm Notiz nahmen. Als die ersten auf­sprangen, um ein Bild von ihm zu machen und das Gekrei­sche lauter wurde, drehte er sich um, trabte zurück in den Bauch der Arena und tauchte später in einer VIP-Loge wieder auf. Er war offenbar nur auf die Pres­se­tri­büne gekommen, um die Acht­zig­tau­send im Sta­dion die frohe Kunde von seiner Anwe­sen­heit zu über­bringen.

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Tim Jür­gens

Und die ganze Stadt sang, Marado, Marado“

Ilja Behnisch

Es gibt diese Szene in Mara­dona by Kus­tu­rica“, einem Film, den sie gern doku­men­ta­risch nennen können, der aber eigent­lich ein Lie­bes­film ist. Weil Emir Kus­tu­rica, selbst ein herr­li­cher Spinner, der Welt zeigt, wer das ist, der Mensch Mara­dona. Und was ihn antreibt: Liebe. Zum Spiel, zum Leben und zu den Men­schen, die das Schicksal an seine Seite gestellt hat. In dieser Szene also singt Diego Armando Mara­dona in einem Keller-Klub von Buenos Aires ein Lied. Über sich. La Mano de Dios“ heißt es – die Hand Gottes. Mara­dona singt ver­dammt gut. Auch des­halb kann man sich das nicht anschauen, ohne zeit­gleich auf einer Schicht aus Rüh­rung und Gän­se­haut zu sitzen. 

Man würde jetzt trotzdem gern auf­stehen, raus­gehen und das Leben von nun an jeden wei­teren Moment aus­kosten. So wie Diego. Aber man schaut ein­fach weiter, weil man in Mara­donas Augen schaut, die so voller Wärme nach mehr Wärme flehen, nach seinen Töch­tern, die im Publikum sitzen und die doch besser an seiner Seite sein sollten jetzt. Findet Diego. Die Töchter, sie zieren sich. Und das Lied, es geht voran: Und die ganze Stadt sang, Marado, Marado. Die Hand Gottes wurde geboren, Marado, Marado, Freude in die Men­schen gesät.“ Kurz darauf stehen sie zusammen auf der Bühne, die ganze Familie, glücks­be­soffen: Olé, olé, olé, Diego, Diego.“ Und wer genau hin­schaut, kann genau diesen Diego in jeder ein­zelnen Sekunde erkennen, die der Welt von seinem flir­renden Leben über­lie­fert ist. Und jede Sekunde davon: für immer ein Geschenk.

Trau­riger Clown?

Benjamin Kuhlhoff

Um das fuß­bal­le­ri­sche Schaffen von Diego Mara­dona zu erfassen, war ich sei­ner­zeit viel zu klein – und zu ver­liebt in Andy Brehmes Ober­schenkel. Für mich war Mara­dona lange Zeit der eitle Gockel, der nach dem ver­lo­renen WM Finale 1990 erst wild auf dem Platz ges­ti­ku­lierte und dann trotzig durch die schöne Blumen im Stadio Olim­pico stapfte. Ein trau­riger Clown.

Seine wahre Fas­zi­na­tion strahlte El Diez dann eher neben dem Platz für mich aus. Skan­dale, Drogen, emo­tio­nale Aus­brüche, Tränen. Mal hing er halb­nackt vom Balkon des Bom­bonera, mal schun­kelte er im Che Gue­vara Tattoo neben Hugo Chavez. 

Doch dann sah ich die sagen­hafte Kus­tu­rica-Doku über Mara­dona, sah ihn in einer voll­be­setzten Bar ein Lied über sich selbst schmet­tern und ver­stand.

Dieser Mann kannte nur Vollgas. Am Ball. Mit der Nase im Schnee. Im Inter­view. Mara­dona hat den Ball geliebt. Das Spiel ver­göt­tert. Und sich selbst darin ver­loren. 

Spieler wie er gaben den Fans das kom­plette Paket. Magie auf dem Rasen. Wahn­sinn daneben. Das ist wich­tiger als jedes Dribb­ling, jedes Tor, jeder Titel.

Das ist Fuß­ball, wie wir ihn einst liebten. Mit Mara­dona geht ein Teil davon. Reiche ihm da oben die Hand Gottes, El Diez!

Ein Lied bei You­Tube

Florian Nussdorfer

Zum ersten Mal hörte ich von Diego Mara­dona im Fuß­ball­verein. Kinder sind ja häufig auf der Suche nach Super­la­tiven und so ging es damals, es muss in der E‑Jugend gewesen sein, um die Frage, wer denn eigent­lich der beste Fuß­baller über­haupt sei. Mein Idol war damals Ronaldo, mein Vater schwärmte von Zidane und auch den Namen Pelé hatte ich schon gehört. Doch die Väter der anderen Jungs hatten ihren Söhnen einen anderen Floh ins Ohr gesetzt: Mara­dona“, sagten sie, der war der Aller­beste!“ 

Wir stritten uns ein biss­chen, weil jeder natür­lich über­zeugt war, dass der eigene Papa recht hatte. Aber wie das bei Kin­dern so ist, waren dann auch schnell wieder andere Themen wichtig. Dra­gon­ball oder so. Auch in den Jahren danach spielte Mara­dona keine beson­ders große Rolle für mich. Erst als ich das Internet für mich ent­deckte, ent­decke ich auch Mara­dona wieder. Sein läs­siges Auf­wärm­pro­gramm zu Live is life“. Sein 40. Geburtstag, auf dem er sich selbst besingt. Dieses Video fes­selte mich. Wie er dort steht, die Augen geschlossen, wäh­rend um ihn herum mal wieder alle durch­drehen. Seine Töchter, die ihn mit leuch­tenden Augen ansehen. Noch heute ist das meine prä­gendste Mara­dona-Erin­ne­rung. Keine Spiel­szene, kein Tor, kein Solo. Ein Lied bei You­Tube. Voller Kraft, voller Lei­den­schaft. Voller Pathos. Das berührte mich tief und das tut es noch immer. Es dürfte eines der Videos sein, die ich in meinem Leben am häu­figsten gesehen habe. Um mit einem leicht abge­än­derten Zitat aus einem wei­teren berühmten Video abzu­schließen: Oh Mama, Mama, Mama! Weißt du, warum mein Herz so schlägt? Ich habe Mara­dona bei You­Tube gesehen! Und Mama: Ich bin ver­liebt!“

Sie alle schwärmten von ihm

Max Dinkelaker

Ich habe Mara­dona nicht spielen sehen, weder im Sta­dion noch im Fern­sehen. Als er bei der WM 94 vor der Welt­öf­fent­lich­keit zum Buh­mann wurde, war ich fünf Jahre alt. Das ist inso­fern tra­gisch, als dass ich so nur beim Absturz live dabei war, mit eigenen Augen gesehen habe ich den ver­schwitzten Fan-Mara­dona auf der Tri­büne, den seltsam kari­ka­tur­haften Trainer-Mara­dona bei der WM 2010 oder den kör­per­lich und irgendwie auch mental ver­krüp­pelten Net­flix-Mara­dona in der mexi­ka­ni­schen Prärie. Für Men­schen, die den Fuß­ball­gott bei der WM 86 oder in Neapel erlebt hatten, die für ihn spät ins Bett gegangen oder früh auf­ge­standen waren, dürften manche der eben erwähnten Bilder schmerz­hafter gewesen sein als für mich, so als hätten sie den besten Grund­schuld­freund plötz­lich ver­wahr­lost in der Fuß­gän­ger­zone getroffen. Gleich­zeitig emp­fanden sie dem Mann gegen­über eine so tiefe Dank­bar­keit, eine Zunei­gung und ja, wahr­schein­lich war es Liebe, dass sie jetzt, Jahr­zehnte später, milder mit ihm umgehen konnten. Was waren die kleinen Skan­däl­chen schon gegen all das, was er ihnen einst geschenkt hatte?

Für sie war Mara­dona schon lange kein Mensch mehr, er war Rock­star und Hei­liger, ein Mythos, eine Fabel­figur, ein Gott, und Götter ändern sich nicht, sie ver­lieren nicht plötz­lich an Würde, sie sind ein­fach das, was sie sind und werden genau das auch immer bleiben. Für mich dagegen war Mara­dona lange, und heute, am Tag nach seinem Tod, schäme ich mich fast ein biss­chen dafür, eine Art Clown. Es gab Dop­pel­gänger, die in deut­schen TV-Shows mit Zigarre im Mund auf­traten und auf Fan­tasie-Spa­nisch irgend­wel­chen Schwach­sinn erzählten, alle paar Monate tauchte ein anderer ver­meint­lich pein­li­cher Schnapp­schuss auf, Mara­dona im Rausch und mit Plauze, Mara­dona erzählt Quatsch, Mara­dona macht Blöd­sinn. Auf den Kult, der um Mara­dona in Neapel und Argen­ti­nien ent­standen war, blickte ich, blickten ver­mut­lich viele andere aus meiner Genera­tion, mit einem Mix aus deut­scher Über­heb­lich­keit und Spott. Jaja, mi corazón und so, alles klar, ist in Ord­nung, macht ihr mal.

Je älter ich wurde, desto neu­gie­riger wurde ich auf das, was Mara­dona früher war. Ich schaute You­Tube-High­lights, Doku­men­ta­tionen und Fotos an, ich sah das Auf­wärm-Video vom Uefa-Cup-Spiel und das Video aus der Napoli-Kabine nach dem ersten Titel, außerdem das Video vom Matsch-Trai­ning und Zusam­men­schnitte von der WM 1986. Ich fing an, für 11FREUNDE zu arbeiten, ich reiste nach Neapel und sah den Stolz der Men­schen, die leuch­tenden Augen, wenn sie von Mara­dona erzählten. Ich sprach mit Fuß­bal­lern, die gegen Mara­dona gespielt hatten. Egal ob Kohler oder Litt­barski oder Häßler, sie alle schwärmten von ihm, von dem, was er mit dem Ball konnte, von der Freude, die er selbst Kon­kur­renten wie ihnen bereitet hatte. Er spielte Fuß­ball, weil er Spaß daran hatte, er ging ein WM-Finale so an wie wir ein Spiel in der großen Pause gegen die Typen aus der Nach­bar­klasse. Nur war er halt viel, viel besser als alle anderen. Zumin­dest das habe ich mitt­ler­weile kapiert.

Diego hat uns das Leben gerettet“

Alex Raack

Was Diego Mara­dona dieser Welt bedeutet hat? Es gibt eine Anek­dote, die es besser beschreibt, als jede andere:

Im Mai 2003 werden Jour­na­listen der argen­ti­ni­schen Zei­tung Clarin“ bei einer Repor­tage nahe Bagdad von ira­ki­schen Sol­daten auf­ge­griffen und mit vor­ge­hal­tenen Waffen bedroht. Die Situa­tion ist nicht nur kri­tisch, sie ist lebens­be­droh­lich. Und löst sich wie von Zau­ber­hand in Wohl­ge­fallen auf, als die Sol­daten erfahren, aus wel­chem Land die fest­ge­nommen Reporter stammen. Argen­ti­nien? Mara­dona!“ Zitat eines betrof­fenen Jour­na­listen: Ihre Stim­mung schlug um, sie begannen zu lachen und ließen uns gehen, ohne einen Kratzer. Diego hat uns das Leben gerettet.“

Und uns allen, die den Fuß­ball lieben, das Leben ein Stück weit auf­re­gender und span­nender gemacht.

Aber Du, mein Freund, währst ewig

Dirk Gieselmann

Ihn in den letzten zwanzig, dreißig Jahren beim Leben zu beob­achten, das war, als würde man jemandem dabei zusehen, wie er ohne Fall­schirm aus dem Flug­zeug springt. Bis hierher, so dachte man auf halber Strecke und sogar noch bis kurz vor dem Auf­prall, ist ja alles gut gegangen, viel­leicht wird er es heil über­stehen.

Aber dann kam gegen halb sechs am Mitt­woch, dem 25. November 2020, dem fünf­zehnten Todestag George Bests, die Text­nach­richt eines Freundes, fünf Buch­staben nur: DIEGO.“

Und sofort war klar, was das hieß: Er hatte es nicht über­standen. Der ewig fal­lende Engel war zer­schellt.

Das voll­kommen Abseh­bare, Unaus­weich­liche, Zwangs­läu­fige war ein­ge­treten: Dieses Leben, das eine ein­zige Über­dosis an Bega­bung, Liebe, Wahn­sinn, Steaks und Drogen gewesen war, konnte er doch nur mit dem Leben bezahlen.

Warum um alles in der Welt bin ich dann so erschüt­tert von der Wucht dieser Nach­richt? Habe ich ihn tat­säch­lich für unsterb­lich gehalten? Bin ich immer noch der Acht­jäh­rige, der ihn unter den hun­dert Sonnen von Mexiko hat zau­bern sehen? Und wenn ich zau­bern“ sage, dann meine ich nicht, dass er bloß etwas tat, das alle andere nicht konnten, nicht einmal im Geiste, und das sie in Erman­ge­lung bes­serer Beschrei­bungen als Zau­berei bezeich­neten, nein, wenn ich zau­bern“ sage, dann meine ich wirk­lich: Magie. Bin ich immer noch der kleine Junge, der sich wei­gert anzu­er­kennen, dass jede Gegen­wart Ver­gan­gen­heit werden muss? Dass alles einmal vor­über sein wird? Die WM 1986, die Kind­heit, die Kar­riere des größten Fuß­bal­lers aller Zeiten, das Leben an sich? Dass auch dieser Unsterb­liche eines Tages stirbt?

Später am Abend schrieb Carlo Ance­lotti, der in jener Zeit sein Rivale in den epi­schen Schlachten zwi­schen dem SSC Neapel und dem AC Milan gewesen war, bei Twitter: But you, my friend, are eternal.“ Aber du, mein Freund, währst ewig: Das war ein Trost. Ein Trost, der selbst schon traurig ist. Ich hätte vor dem gest­rigen Abend nicht für mög­lich gehalten, dass Carlo Ance­lotti mich jemals zum Weinen bringen würde.

Wo warst du, als dies und jenes geschah? Das ist eine oft gestellte Frage im Rück­blick auf etwas, das einen umzu­werfen drohte. Man stellt sie sich wohl, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass man an einem Fleck geblieben ist und nicht davon gerissen wurde vom tosenden Sturm.

Wo warst du also, als Diego Armando Mara­dona starb?

Ich weiß es: Ich stand in der Küche und ließ den Milch­reis für meine Kinder anbrennen.

Aber viel besser weiß ich, wo ich war, als er noch lebte: Ich saß im Schlaf­anzug vor dem Fern­seher, im grünen Schein, den der Rasen des Azte­ken­sta­dions in unser Wohn­zimmer warf, und sah sein magi­sches Tor zum 2:0 gegen Eng­land im Vier­tel­fi­nale der WM 1986.

Es war, als neigte sich das Spiel­feld plötz­lich senk­recht in Rich­tung des Tors von Peter Shilton, es war, als fiele ein Engel vom Himmel. Sein ganzes Leben in einem Sech­zig­me­ter­solo, eine Ver­dich­tung des Schick­sals, eine Pro­phe­zeiung.

Aber er zer­schellte nicht. Er schoss das schönste Tor, das jemals geschossen wurde, und wird es immer wieder schießen.

You, my friend, are eternal.

Mara­dona oder Messi?

Christoph Biermann

Ich brauchte etwas, bis ich kapierte. Das Ergebnis meiner kleinen Umfrage vor ein paar Jahren in Buenos Aires, bei Taxi­fah­rern, Leuten in der Kneipe oder im Sta­dion – Wer ist besser: Mara­dona oder Messi?“ – war von gewal­tiger Ein­deu­tig­keit: Mara­dona! Ohne dass ich auf­grund meines mikro­sko­pi­schen Wort­schatzes die sich anschlie­ßenden, über­spru­delnden Aus­füh­rungen wirk­lich ver­standen hätte, ver­stand ich sie irgend­wann doch. Und dass ich die fal­sche Frage gestellt hatte. Denn letzt­lich ging es beim Auf­zählen seiner Tri­umphe und vor allem dass er Argen­ti­nien zum Welt­meister gemacht hatte, beim Spre­chen über seiner besten Tricks und größten Spiele um etwas ganz anderes: Mara­dona war wie wir. Oder besser: auch wie wir. 

Denn auf dem Rasen war er ein Gott. Wenn man auf dem Spiel­feld steht, ver­schwindet das Leben. Alles ver­schwindet“, hat Diego Armando Mara­dona mal gesagt. Wenn man ihm zuschaute, war es eben­falls so, das Leben spielte für neunzig Minuten keine Rolle mehr. Aber wenn er den Rasen ver­ließ, war seine nächste Tra­gödie nicht weit, der nächste Fehler und das nächste Schei­tern. So war Mara­dona ein Gott, zu dem wir auf­schauen konnten, der uns aber zugleich nahe war in seiner Ein­sam­keit, Depres­sion und Sucht sowie seinen end­losen Ver­su­chen, wieder von vorne anzu­fangen. Des­halb hatte ich die fal­sche Frage gestellt, in der Stadt, wo auch zwei Jahr­zehnte, nachdem er das Trikot zum letzten Mal aus­ge­zogen hatte, überall Wand­ge­mälde und Graf­fitis zu sehen waren, die ihn zeigten. Die Frage ob Mara­dona besser war als Messi, viel­leicht der beste Fuß­ball­spieler aller Zeiten, war banal und über­flüssig, denn er hatte die Herzen erreicht wie kein anderer.

Mara­dona in Meppen

Tobias Ahrens

Und meine zukünf­tigen Kinder, die Dich nie gesehen haben werden, was sollen sie jemals über Fuß­ball wissen können? Diese Frage steht in einem Dan­kes­buch, das die Stadt Neapel zum Abschied von Diego Mara­dona auf­stellen ließ. Bevor Mara­dona nach Neapel kam, war er in Meppen. Und bestimmt stellten sich auch hier Eltern die Frage, wie sie ihren Kin­dern begreif­lich machen könnten, wer für einen Tag in dieser Stadt war. Denn es ist ja so: Wir beginnen mit dem Fuß­ball­spielen, weil wir Vor­bil­dern nach­ei­fern. Weil wir Tore schießen wollen wie Jürgen Klins­mann, weil wir aus­sehen wollen wie George Best, weil wir aus uner­klär­li­chen Gründen Hans-Jörg Criens sehr gut finden.

Eines meiner Vor­bilder war Josef Menke. Ein Zehner, der Zehner, für den SV Meppen. Dabei been­dete Josef Menke seine Kar­riere, als ich zwei Jahre alt war. Und trotzdem wusste ich, dass er beson­ders war, weil meine Eltern, meine Groß­el­tern, meine ganze Familie immer wieder von ihm spra­chen. Menke, das waren Erin­ne­rungen an großen Zeiten. Und ein Ver­spre­chen, dass sie zurück­kommen werden. Ich habe ihn nur ein ein­ziges Mal spielen sehen, für die Alten Herren. Viele mor­sche Gelenke, viele gute Ideen und Kämpfe mit dem eigenen Körper. Und ich erin­nere mich an dieses Tor: Nach einem Eck­ball nahm Menke den Ball mit der Brust an, er stand in der Luft, und noch bevor der Ball von seinem Körper abtrop­fend den Boden berührte, drosch er ihn ins Tor. Unglaub­lich. Und nur eine Andeu­tung, wie gut er einst gewesen sein muss.

Im Sommer 1982 spielte Menke gegen Mara­dona, als er in unsere Stadt kam und für den FC Bar­ce­lona sein Debüt gab. Es gibt ein sehr berühmtes Bild von diesem Tag, zumin­dest hier in der Stadt kennt es jeder. Mara­dona, 21 Jahre alt, nimmt den Ball hüft­hoch mit dem Außen­rist seines linken Fußes an, sein rechter Arm hängt hoch oben in der Luft. Das Foto friert die Szene ein, die von ihrer Bewe­gung lebt und zer­stört sie nicht. Neben Mara­dona steht sein Gegen­spieler, Menke, mit auf­ge­ris­senen Augen, mit offenem Mund. Er steht dort und staunt über einen, der so viel besser war als er. Seit diesem Foto weiß ich, obwohl ich Mara­dona nie habe spielen sehen, sehr viel mehr über Fuß­ball.

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Warum war ich so begeis­tert?

Uli Hesse

Aus­ge­rechnet in Gel­sen­kir­chen kam ich Diego Mara­dona einmal ziem­lich nah. Das war am 16. Juni 2006, als die argen­ti­ni­sche Natio­nalelf keinen Zweifel daran ließ, wer das Som­mer­mär­chen gewinnen würde. Mit 6:0 über­rannten die Süd­ame­ri­kaner ein bedau­erns­wertes Ser­bien und Mon­te­negro und konnten es sich dabei erlauben, einen gewissen Lionel Messi 75 Minuten lang auf der Bank schmoren zu lassen.

In meiner Erin­ne­rung habe ich das Spiel durchaus inter­es­siert ver­folgt und zeigte mich schwer beein­druckt von den Argen­ti­niern. Doch als ich wieder zu Hause war und die an dem Nach­mittag gemachten Erin­ne­rungs­fotos von meiner Digi­tal­ka­mera auf den Rechner zog, stellte ich fest, dass da nur wenige Bilder vom Geschehen auf dem Rasen waren. Dafür hatte ich sehr viele von der Ehren­tri­büne gemacht, die fast direkt gegen­über von unseren Sitz­plätzen war. Dort turnte näm­lich ein kleiner, dicker Mann in einem blau-weißen Trikot herum. Selbst auf die Ent­fer­nung hatte ich keinen Zweifel, um wen es sich han­delte. Offenbar ver­brachte ich einen Groß­teil des Spiels damit, ihn ver­nünftig aufs Bild zu bekommen. Als die Sta­di­on­regie ihn end­lich ein­fing und sein Kon­terfei auf den Video­würfel unter dem Dach der Arena pro­ji­zierte, machte ich sogar meh­rere Fotos von der Lein­wand.

Fuß­ball konnte sehr häss­lich sein

Warum war ich so begeis­tert, wenigs­tens im selben Sta­dion zu sein wie Mara­dona? Ich weiß es nicht genau; viel­leicht weil wir beide im selben Sommer fest­stellten, wie häss­lich der Fuß­ball sein kann. Das war 1982, als ich wäh­rend der WM in Spa­nien an der Unge­rech­tig­keit des Spiels ver­zwei­felte und es aus so tiefem Herzen ver­dammte, wie man das nur als 16-Jäh­riger tun kann. Es war das Tur­nier, in dem eine arro­gante, zyni­sche und min­der­ta­len­tierte DFB-Elf ins Finale kam, wäh­rend die beste Mann­schaft, die wir je gesehen hatten, früh aus­schied (näm­lich Bra­si­lien) und der beste Spieler, den wir je gesehen hatten, zu Brei getreten wurde. Ein Auf­trags­killer namens Claudio Gen­tile beging beim Spiel Ita­lien gegen Argen­ti­nien nicht weniger als 23 Fouls an Mara­dona. Nein, das ist kein Tipp­fehler. Wie gesagt, Fuß­ball konnte sehr häss­lich sein.

Umso bemer­kens­werte, dass Mara­dona diese und andere Anschläge auf seine Gesund­heit (Andoni Goi­koetxea brach ihm mal absicht­lich das Bein) über­stand und eini­ger­maßen heil aus dem ganzen Wahn­sinn her­auskam. Unter­be­wusst muss ich ihn dafür schon 2006 bewun­dert haben, denn sonst hätte ich nicht all diese unscharfen, ver­wa­ckelten Fotos gemacht. Richtig bewusst wurde mir das alles aber erst vor rund einem Jahr. Im Herbst 2019 schaute ich mir näm­lich in einem Ber­liner Kino den Film über Toni Kroos an. Und nur wenige Tage später prä­sen­tierte ich dann als Ver­treter von 11FREUNDE die Deutsch­land-Pre­miere der Mara­dona-Doku von Asif Kapadia. In ihr geht es vor allem um Mara­donas atem­be­rau­bende Jahre in Neapel, die jedem von uns den Ver­stand geraubt hätten. 

Man kann sich keine zwei Filme des­selben Genres vor­stellen, die unter­schied­li­cher sind. Wie ich zu den Pre­mieren-Besu­chern im Kino sagte: So nett und schön der Kroos-Film ist, er ver­strömt auch kul­ti­vierte Lan­ge­weile. Man fragt sich die ganze Zeit, wo denn eigent­lich die Geschichte sein mag. Wo ist das Drama? Wo sind die Drogen, die Mafia und die Gewalt? Wo ist der Irr­sinn des Lebens? Nun, all das ist hier.“ Und dann begann der Film über ein Leben, das viel­leicht zu kurz war, aber nie­mals lang­weilig.

Mit dem Rücken zur Wand

Rolf Heßbrügge

Es war der 9. Juni 2006. Das weiß ich des­halb so genau, weil an jenem Tag die WM begann und ich gemeinsam mit einem Kol­legen als Bericht­erstatter auf der Tri­büne saß. Deutsch­land gegen Costa Rica in Mün­chen: Aus dem Hin­ter­grund müsste Lahm schießen, Lahm schießt, 1:0. Beim Schluss­pfiff stand es 4:2, doch da waren der Kol­lege und ich längst auf dem Weg in die Kata­komben. Stimmen und Impres­sionen sam­meln. Wir irrten einen endlos langen, men­schen­leeren Kor­ridor ent­lang – links und rechts schnee­weiße Wände, über uns kaltes Neon­licht. Und vor uns plötz­lich eine Offen­ba­rung: Ein kleiner, leicht über­ge­wich­tiger Mann kam uns ent­gegen, mit leicht schlep­pendem Gang, stark schwit­zendem Ant­litz und zwei mus­kel­be­packten Per­so­nen­schüt­zern im Schlepptau. Es war Diego Mara­dona, und wäh­rend ich zum Monu­ment eines Stau­nenden erstarrt war, reagierte mein Kol­lege wie ein Profi: Er drückte mir seine Kom­pakt­ka­mera in die Hand und zischte: Mach ein Foto von mir und vom Diego.“ 

Dann, zu Mara­dona gewandt, fragte er: Ixkjus mi, Diego, känn wie mäk ö Pikt­scha?“ Die Body­guards traten prompt einen halben Schritt vor, doch El Dios“ presste ein bemüht freund­li­ches Si“ hervor, gefolgt von einem betont unfreund­li­chen No“, als der Kol­lege ihm auch noch den Arm um die Schulter legen wollte. Egal. Ich betä­tigte den Aus­löser, einmal, zweimal, dreimal. Dann, gerade als auch ich um ein Erin­ne­rungs­foto mit dem G.O.A.T. bitten wollte, regis­trierte ich Panik in dessen Gesicht: In meinem Rücken näherte sich eine ganze Traube spa­nisch­spra­chiger Jour­na­listen. Aus der Traube wurde binnen Sekunden ein Men­schen­auf­lauf; Mara­dona und den Body­guards blieb nur der Rückzug. Und da stand er nun, dieser kleine große Mann des Welt­fuß­balls: gefangen zwi­schen einer brül­lenden Meute von Fra­ge­stel­lern (in der auch ich und mein Kol­lege fest­steckten) und einer kalten, schnee­weißen Wand am Ende des Kor­ri­dors. 

Die Per­so­nen­schützer bil­deten einen schüt­zenden Halb­kreis und schirmten Mara­dona mit ihren Goril­larü­cken so gut wie mög­lich ab. Dann und wann konnte ich einen Blick auf dessen ent­rücktes und zugleich bedrücktes Gesicht erha­schen, und ich dachte: Es ist garan­tiert nicht gesund, ein Fuß­ball­gott“ zu sein. Nun also ist Diego Armando Mara­dona in sein Him­mel­reich auf­ge­stiegen, viel zu früh. Und ver­mut­lich sind wir alle, die wir ständig und überall etwas von ihm wollten – Reporter, Fans, Berater, Mit­spieler, Gegen­spieler, Pas­santen auf der Straße oder Sitz­nach­barn im Flug­zeug – ein Stück weit mit schuld daran. Bleibt nur zu hoffen, dass El Dios“, dort, wo er jetzt ist, Ruhe und Frieden vor­findet.

Wahn­sinn! Sieb­zehn Tore!

Andreas Bock

Mitte der Acht­ziger hatte ich bei­nahe wöchent­lich einen neuen Lieb­lings­spieler. Ich schwärmte für Olaf Thon, weil er einen feinen Bart­flaum auf der Ober­lippe und auf seinem Trikot der Name meiner Lieb­lings­jeans­marke (Paddock’s) stand. Ich fand HSV-Stürmer Ralf Balzis toll, nachdem er einen Hat­trick gegen Saar­brü­cken erzielt hatte. Und als ein Freund mir ein Frank­reich-Trikot mit der Zehn mit­brachte, lief ich nur noch als Pla­tini“ auf den Bolz­platz. Aber keine Bezie­hung hielt lange, nichts war von Dauer. Bis Mara­dona die Bühne der WM 1986 betrat.

ZDF-Reporter Rolf Kramer erzählte von einem Spieler, der es aus ärmsten Ver­hält­nissen ganz nach oben geschafft hatte. Von einem Wun­der­kind, einem Gold­jungen. Mara­dona sah in seiner Kugel­haf­tig­keit selbst aus wie ein Fuß­ball, er drib­belte zehn Ver­tei­diger aus, er schlug Traum­pässe und schoss Tore, die selbst Ralf Balzis nie­mals hätte schießen können.

Ein Jahr nach der WM gas­tierte der SSC Neapel in meiner Hei­mat­stadt Ham­burg. Überall hingen Pla­kate: Mara­dona kommt – HSV gegen SSC Neapel – Spiel des Jahres!“ Es war ein Freund­schafts­spiel zum 100. Geburtstag des HSV. Aber ich war nicht da, weil wir im Urlaub in Spa­nien waren.

Als ich zurückkam, trugen einige Mit­spieler in meiner F‑Ju­gend-Mann­schaft Mara­dona-Tri­kots, die meisten waren selbst gemacht: die Zahl 10 und den Namen Diego hatten sie mit Edding auf ihre T‑Shirts geschrieben. Ich fragte sie, wie das Spiel im Volks­park­sta­dion gewesen sei. Und dann begannen sie zu schwärmen, wie nur Zehn­jäh­rige schwärmen können: Mara­dona hat gewunken, und dann hat er gedrib­belt, und dann hat er geschossen und zwölf oder sieb­zehn Tore gemacht.“ Und dann über­legten sie, wie sie Mara­dona zum HSV holen könnten.

Ich dachte nur: Wahn­sinn! Sieb­zehn Tore! Und das gegen diesen neuen Tor­hüter, von dem wir nur wussten, dass er ver­mut­lich der beste Tor­hüter der Welt war. Er war von Hajduk Split zum HSV gekommen, ein Mit­bringsel von Trainer Josip Sko­blar. Er sei besser als Uli Stein, besser als Toni Schu­ma­cher. Eine Katze. Ein Pan­ther. Sein Name: Mladen Pra­lija.

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