Markus Hör­wick, der FC Bayern gab 1999 in 102 Sekunden den sicher geglaubten Sieg in der Cham­pions League aus der Hand. Lässt sich so eine Nie­der­lage in Worte fassen?

Was bleibt einem anderes übrig? Zwei Tage nach dem Spiel rief mich ein eng­li­scher Jour­na­list an und fragte, wel­ches Wort das Gesche­hene aus unserer Sicht wohl am Besten beschreibt. Das eng­li­sche Wort für »grausam« fiel mir erst nicht ein. Ich stand also auf, nahm das Wör­ter­buch aus dem Schrank und schlug nach. Tags drauf erschien dann eine eng­li­sche Tages­zei­tung mit meiner Beschrei­bung in der Über­schrift: »Cruel! It’s cruel!«



War das Finale Ihr schlimmster Moment als FCB-Medi­en­di­rektor? 

Kann man sagen. Sowas habe ich in 27 Jahren kein zweites Mal erlebt. Ein Schock. Denn in Ver­län­ge­rungen oder bei Elf­me­ter­schießen geht man als Betei­ligter auch immer vom Schlimmsten aus. Aber nicht, wenn man in einem Cham­pions-League-Finale in der Nach­spiel­zeit sou­verän mit 1:0 führt.

Nach dem Pfos­ten­treffer von Mehmet Scholl und dem Lat­ten­knaller von Carsten Jancker kann man im Nach­hinein den Ein­druck gewinnen, dass damals auch das Schicksal nicht auf Seiten des FCB war.

Wenn solche Dinge pas­sieren, meint man gerne, dass der liebe Gott nicht immer gerecht sei. Wäre der Schuss von Jancker nur einen halben Zen­ti­meter tiefer gewesen, wäre er von der Unter­kante ins Tor und nicht zurück ins Feld gesprungen. Unser Glück und Pech hing damals also von einem halben Zen­ti­meter ab… Es kamen aber wei­tere unglück­liche Ereig­nisse hinzu.

Zum Bei­spiel?

Dass Lothar Mat­thäus unbe­dingt vom Platz wollte, weil er fix und fertig war. Das war im Nach­hinein, ohne es ihm zum Vor­wurf zu machen, für die Mann­schaft das Zei­chen, dass das Spiel gelaufen war. Ein Fehler. Und wenn er auf dem Platz »gestorben« wäre, Lothar hätte drauf bleiben müssen. Er war der Leit­wolf, der Kapitän.

Wie haben Sie die Schluss­phase des Spiels erlebt?

Zu meinem Job gehörte es, ab der 85. Minute mit dem Fern­sehen die Fla­shin­ter­views unmit­telbar nach Schluss­pfiff abzu­spre­chen. Ich hatte fri­sche Tri­kots für die Spieler in der Hand, die diese für die Sie­ger­eh­rung über­ziehen sollten. Das Fern­sehen hatte sich vor der Bank auf­ge­baut. Es war alles geklärt.

Dann fiel der Aus­gleich.

Mit dem Treffer setzte bei uns sofort der Auto­ma­tismus ein, die Ver­län­ge­rung vor­zu­breiten. Wir mussten zusehen, inner­halb von einer Minute die besten Bedin­gungen für die Mann­schaft zu schaffen. Wir haben die Was­ser­fla­schen bereit gelegt, auf der Bank standen viele Helfer bereit, um Spie­lern ein wenig die Beine zu lockern. Wir hatten damals nur zwei Mas­seure.

Haben Sie bei dem Chaos den zweiten Gegen­treffer über­haupt gesehen?

Gesehen hab ich ihn schon, man schaut ja immer so aus dem Augen­winkel, wenn das Spiel noch läuft. Aber begriffen habe ich es im ersten Augen­blick nicht.

Ver­su­chen Sie doch mal, den Moment des Abpfiffs zu beschreiben.

Ich hörte den Pfiff und dachte: »Das kann nicht wahr sein«. Es war wie ein Alp­traum, man wartet darauf, dass man auf­wacht. 23 Jahre hatten wir auf den Titel gewartet, und wir waren eigent­lich am Ziel. Und nicht nur uns fiel es schwer zu glauben, dass es wieder nicht geklappt hat.

Wie meinen Sie das?

Am Spiel­feld­rand traf ich UEFA-Prä­si­dent Lennart Johansson und bekam mit, wie er seine Leute anpampt: »Seid ihr zu doof, die rich­tigen Klub­fähn­chen an den Pokal zu hängen?« Er hatte das ganze Drama auf dem Weg von der Ehren­tri­büne runter aufs Spiel­feld ver­passt. Seine Leute haben sich erst gar nicht getraut, ihm zu sagen, was pas­siert war.

Wann wurde Ihnen wirk­lich klar, was abge­laufen ist?

Damals gab es so einen Han­dy­ser­vice, einen Tor­ti­cker, für die­je­nigen, die das Spiel nicht sehen konnten. Kurz vor dem Abpfiff hatte ich die SMS für den Sieg bereits vor­be­reitet: »Bar­ce­lona, 26. Mai 1999. Bayern am Ziel. Der FC Bayern ist Cham­pions-League-Sieger 1999! 1:0 Sieg durch Frei­stoßtor Mario Basler (6.).« Ich hätte nur noch auf »Senden« drü­cken müssen… Fast ein halbes Jahr war die SMS noch bei mir im Spei­cher, erst dann habe ich sie gelöscht.

Waren Sie nach dem Spiel mit in der Kabine?

War ich. Die Kabinen im Camp Nou sind die größten im euro­päi­schen Fuß­ball. Da waren nach dem Spiel mehr als 40 Men­schen drin, aber man hätte eine Steck­nadel fallen hören können. Man hatte das Gefühl: Jeder der jetzt was sagt, wird sofort umge­bracht. Eine Vier­tel­stunde saßen wir da und es pas­sierte gar nichts, kein Geräusch, nicht mal die Schuhe hat sich jemand aus­ge­zogen. Es war gespens­tisch.

Wann kam wieder Leben in die Bude?

Weiß ich nicht mehr. Ich habe irgend­wann mit Ottmar Hitz­feld Blick­kon­takt auf­ge­nommen, wir mussten schließ­lich zur Press­kon­fe­renz. Zu zweit sind wir dann mit einer Art Golf­wagen ins Pres­se­zen­trum gefahren. Dort hat Ottmar das Finale mit einer Pro­fes­sio­na­lität ana­ly­siert, die unglaub­lich war. Den Rückweg vom Pres­se­zen­trum wollte er dann mit mir zu Fuß gehen. Wir haben den Golf­wagen weg­ge­schickt und sind durch die grauen Kata­komben gelaufen. Plötz­lich sahen wir unge­fähr 150 Meter ent­fernt von uns zwei Leute laufen – und wir erkannten Alex Fer­guson mit seinem Pres­se­spre­cher. Die hatten sich auch für den Fußweg ent­schieden.

Haben Sie die Briten ange­spro­chen?

Ja, das werde ich nie ver­gessen. Wir gingen auf­ein­ander zu, es war wie in »High Noon«. Die beiden Trainer blieben etwa einen Meter von­ein­ander ent­fernt stehen und einer hat den anderen ange­schaut. Der eine wusste nicht, warum er Cham­pions-League-Sieger geworden ist, der andere nicht, warum er das Spiel ver­loren hat. Dann sind sie sich in die Arme gefallen, und Fer­guson hat gesagt: »Sorry.«

Mehr wurde nicht gespro­chen?

Nein, nichts weiter. Nach mehr Worten war den Beiden wohl nicht zu Mute. Aber aus diesem Moment ist eine per­sön­liche Freund­schaft ent­standen, die wohl bis ans Lebens­ende halten wird. Später hat Fer­guson Ottmar einmal nach Man­chester zu ihm nach Hause ein­ge­laden und ihn zwei Tage per­sön­lich betreut.

Wie hat sich diese Freund­schaft wei­ter­ent­wi­ckelt?

Wir sind nach dem Finale noch zwei oder drei Mal auf­ein­ander getroffen. Vor dem Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2001 hat uns Fer­guson sogar kurz vor dem Spiel in sein Trai­ner­büro geladen. Dort haben wir mit ihm Rot­wein getrunken und über das Leben geredet, wäh­rend draußen 70 000 Men­schen auf den Anpfiff war­teten.

Zurück zum Finale 1999. Wie haben Sie die Nacht nach dem Spiel in Bar­ce­lona erlebt?

Wir sind zurück ins Hotel, es war ein ein­ziger Trau­erzug. Dort waren 800 mit­ge­reiste Gäste, und es gab ein großes Mit­ter­nachts­ban­kett. Doch es wurde kaum gegessen. Zum meinem Job gehörte es, auf­zu­passen, dass alles eini­ger­maßen kon­trol­liert abläuft und keiner nach so einer Nie­der­lage aus­flippt.

Was Ihnen gelungen ist.

Die Ver­rückt­heiten haben sich darauf begrenzt, dass Spieler wie Basler, Mat­thäus oder Babbel um drei Uhr in der Früh ange­fangen haben, auf den Tischen zu tanzen. Alles völlig irra­tional, aber harmlos.

Wann war der Abend für Sie zu Ende?

Gegen vier Uhr mor­gens hatte ich das Gefühl, dass ich mal an die fri­sche Luft muss. Der Abend war gelaufen, und ich hatte bis dahin auch noch nichts gegessen. Irgendwo in der Nähe des Hotels habe ich mich dann an eine Würst­chen­bude gestellt und zwi­schen ein paar Pen­nern und Über­näch­tigten eine Wurst zum Bier bestellt.

Hat es nach dem Spiel Pro­bleme zwi­schen eng­li­schen und deut­schen Fans gegeben?

Die Spa­nier hatten zwar Angst davor, aber nach diesem Spiel konnte gar nichts pas­sieren. Die Eng­länder waren so über­glück­lich, und unsere Anhänger waren nicht fähig, auch nur irgend­eine Hand zu erheben.

Hatte das Trauma von Bar­ce­lona aus Ihrer Sicht irgend­welche Kon­se­quenzen für den FC Bayern?


Ich glaube, wir konnten 2001 nur die Cham­pions League gewinnen, weil wir dieses Finale ver­loren haben.

Inter­es­sante Theorie.

Wir haben aus dieser Nie­der­lage viel gelernt. Denn von diesem Tag an wussten wir, dass ein Spiel erst dann gewonnen ist, wenn es vorbei ist. So wie zwei Jahre später, als wir in Ham­burg in der 94. Minute doch noch Deut­scher Meister wurden. Ohne die Bar­ce­lona-Erfah­rung wäre das wohl nicht mög­lich gewesen. Die Nie­der­lage hat der Mann­schaft, die auch 2001 noch weit­ge­hend zusammen war, viel inneren Antrieb gegeben. Und das Beson­dere an dem Drama war auch, dass selbst die­je­nigen, die uns sonst hassen, gesagt haben: »Das haben die Bayern nicht ver­dient. « So einen Spiel­ver­lauf wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind. Das Ver­halten der Men­schen und der Medien in Deutsch­land hat die Schmerzen bei uns gelin­dert.

Mit anderen Worten: Durch die Nie­der­lage hat die all­ge­meine Abnei­gung bei Nicht-Bayern-Fans gegen­über dem FCB abge­nommen?

Zumin­dest für eine gewisse Zeit. Denn dieses Spiel hat gezeigt, dass auch der FC Bayern ver­wundbar ist.