Seite 2: Letzte Rettung: Cosmos

Kein Wunder, dass aller­orten die totale Göt­ter­däm­me­rung aus­ge­rufen wird. Fried­rich Roeingh, Chef­re­dak­teur der Mainzer All­ge­meinen Zei­tung“, schreibt, dass diese Ent­hül­lung das Denkmal Becken­bauer end­gültig zer­stört“. Und kein Gerin­gerer als der große Hell­muth Karasek hat zu diesem Thema notiert: Seit Hein­rich IV. in Canossa sich seine bloßen Füße im Schnee wund­stand, seit Ludwig II. im Starn­berger See umnachtet baden ging und Wil­helm der Zwote im hol­län­di­schen Exil Bäume zer­sägte, ist keine Majestät im Bewusst­sein der Nation so tief gesunken wie ›Kaiser Franz‹.“

Erin­ne­rungen an 1977

Dies ist die Stelle, an der der Leser sicher stutzt. Karasek? Ist der nicht vor Jahren gestorben? Ja, ist er. Geschrieben hat er diese Worte schon vor langer, langer Zeit – im April 1977. Da war Becken­bauer schon einmal im Ansehen der Öffent­licht­keit gefallen. Viele Leute emp­fanden ihn als arro­gant, maßlos und (im bibli­schen Sinne) eitel. Außerdem war er wegen einer außer­ehe­li­chen Affäre in den Schlag­zeilen. Und er hatte Steu­er­pro­bleme.

In seiner zweiten Auto­bio­gra­phie erin­nert sich Becken­bauer daran, wie aus­ge­rechnet ein Gespräch mit dem baye­ri­schen Finanz­mi­nister und einem Staats­se­kretär ihn in diese Situa­tion manö­vrierte: Die Unter­hal­tung wurde dann etwas ernster und nahm eine über­ra­schende Wen­dung. Wir erhielten eine Adresse. Dort würde man uns beraten, wie wir unsere Geschäfte über eine Firma in der Schweiz abwi­ckeln und Steuern sparen könnten. Wenn das Sprich­wort ›Guter Rat ist teuer‹ je gestimmt hat, dann in unserem Fall.“ Denn für Becken­bauer und seinen Manager Robert Schwan sollte dieser Rat kost­spielig werden. Im Januar 1977 durch­suchte die Steu­er­fahn­dung Becken­bauers Villa. Das Finanzamt sah die Sache mit der Schweizer Firma näm­lich ganz anders und for­derte Geld von Becken­bauer, am Ende ins­ge­samt 1,8 Mil­lionen Mark.

Sein Ruf repa­rierte sich von Zau­ber­hand

Damals, 1977, fand Becken­bauer eine ele­gante Lösung für seine diversen Pro­bleme: Er ging für drei Jahre ins ame­ri­ka­ni­sche Exil, zu Cosmos New York, wo er an der Seite der bra­si­lia­ni­schen Stars Pelé und Carlos Alberto spielte. Als Becken­bauer nach Deutsch­land zurück­kehrte, waren seinen Finanzen in Ord­nung (ver­mut­lich mehr als das) und auch sein Ruf repa­rierte sich wie durch Zau­ber­hand von selbst. Und zwar so gründ­lich, dass man ihm bald eine Ehre zuteil­werden ließ, die Hein­rich IV. oder Kaiser Wil­helm II. immer ver­sagt blieb, näm­lich den Posten als Bun­des­trainer.

Was einmal geklappt hat, kann auch ein zweites Mal funk­tio­nieren. Ist es ein Zufall, dass Cosmos vor einigen Jahren neu gegründet wurde? Dass Pelé Ehren­prä­si­dent ist? Dass der Verein einen erfah­renen Lob­by­isten braucht, um irgend­wann viel­leicht doch noch in die MLS auf­ge­nommen zu werden?

Jeden­falls sollte nie­mand über­rascht sein, wenn Becken­bauer seinen Wohn­sitz irgend­wann in die USA ver­legt. Irgend­etwas muss er schließ­lich tun. Sonst geht es ihm wie Milli Van­nili. Die wurden bis heute nicht reha­bi­li­tiert und gelten noch immer als Inbe­griff des Schwin­dels.

Dieser Text erschien zuerst im Sep­tember 2016.