Wie sind die Helden so gefallen im Streit!“, lautet ein Ausruf im Alten Tes­ta­ment. Was im Deut­schen viel­leicht ein selt­samer Anfang für einen Text über Franz Becken­bauer ist, würde in eng­lisch­spra­chigen Län­dern prima funk­tio­nieren. Dort kennt näm­lich jedes Kind die Rede­wen­dung How the mighty have fallen“, auch wenn ihr bibli­scher Ursprung wohl nur den wenigsten bewusst ist. (Und der Zusatz in the midst of the battle“ immer unter­schlagen wird.)

Wie einst Milli Vanilli

How the mighty have fallen“ sagt oder schreibt man zum Bei­spiel, wenn einst gefei­erte und als unan­tastbar gel­tende Stars sich durch einen Skandal den Zorn ihrer Fans zuziehen und vom Sockel stürzen. Etwa das Münchner Disco-Duo Milli Vanilli. Im Jahre 1990, als Deutsch­land unter Becken­bauer Welt­meister wurde, gewannen die beiden einen Grammy, doch bald stellte sich heraus, dass sie über­haupt nicht singen konnten und auf ihren Platten jemand anders zu hören war. Man nahm ihnen den Grammy wieder weg und ihre Plat­ten­firma warf sie raus.

Nun hat Becken­bauer nach allem, was wir wissen, seine Platten selbst ein­ge­sungen. Aber auch für ihn gilt: Wie sind die Helden so gefallen!“ Noch vor wenigen Jahren schien Becken­bauers alter Spitz­name Kaiser“ der Größe seiner Ver­dienste um Deutsch­land und den deut­schen Fuß­ball nicht mehr ange­messen genug und wurde durch Licht­ge­stalt“ ersetzt. Vor einigen Jahren benutzte der Jour­na­list Jürgen Dah­l­kamp auf Spiegel Online“ dann ganz andere zusam­men­ge­fügte Haupt­wörter: Becken­bauer war ein Schön­maler, ein Schla­winer, ein Schein­hei­liger, zumin­dest jen­seits des Rasens.“

Nicht nur Charme und Cha­risma

Becken­bauer fällt schon eine ganze Weile. Spä­tes­tens seit dem Sommer 2014, als die FIFA ihn sperrte, weil er einige Fragen der Ethik­kom­mis­sion nicht beant­worten wollte. Nun, so scheint es, ist er gelandet, und zwar auf dem Boden der Rea­lität. Schon seit einiger Zeit wissen wir, dass Becken­bauer die WM 2006 nicht allein durch seinen Charme und sein Cha­risma nach Deutsch­land geholt hat. Wir wissen auch, dass sein Enga­ge­ment – anders als lange behauptet – nicht unei­gen­nützig war. Laut Recher­chen von Spiegel Online“, die der Deut­sche Fuß­ball-Bund 2015 bestä­tigte, bekam Becken­bauer 5,5 Mil­lionen Euro vom DFB für seine vor­geb­lich ehren­amt­li­chen Dienste.

Das allein ist noch nicht ruf­schä­di­gend, doch muss man davon aus­gehen, dass Becken­bauer – trotz einer gegen­tei­ligen Erklä­rung seiner Anwälte – diese Ein­nahmen nicht ver­steuern wollte. Bei Spiegel Online“ heißt es dazu: Erst als das Finanzamt Frank­furt bei einer Steu­er­prü­fung im DFB auf den Vor­gang stieß, zahlte der Ver­band im Dezember 2010 ›1.160.500 Euro an Abzug­steuer‹. Im März 2011 habe Becken­bauer, so der DFB, das Geld erstattet.“ Was ja nichts anderes bedeutet, als dass der DFB Becken­bauers Steu­er­schuld vor­streckte und sich dann von ihm zurück­holte.

Kein Wunder, dass aller­orten die totale Göt­ter­däm­me­rung aus­ge­rufen wird. Fried­rich Roeingh, Chef­re­dak­teur der Mainzer All­ge­meinen Zei­tung“, schreibt, dass diese Ent­hül­lung das Denkmal Becken­bauer end­gültig zer­stört“. Und kein Gerin­gerer als der große Hell­muth Karasek hat zu diesem Thema notiert: Seit Hein­rich IV. in Canossa sich seine bloßen Füße im Schnee wund­stand, seit Ludwig II. im Starn­berger See umnachtet baden ging und Wil­helm der Zwote im hol­län­di­schen Exil Bäume zer­sägte, ist keine Majestät im Bewusst­sein der Nation so tief gesunken wie ›Kaiser Franz‹.“

Erin­ne­rungen an 1977

Dies ist die Stelle, an der der Leser sicher stutzt. Karasek? Ist der nicht vor Jahren gestorben? Ja, ist er. Geschrieben hat er diese Worte schon vor langer, langer Zeit – im April 1977. Da war Becken­bauer schon einmal im Ansehen der Öffent­licht­keit gefallen. Viele Leute emp­fanden ihn als arro­gant, maßlos und (im bibli­schen Sinne) eitel. Außerdem war er wegen einer außer­ehe­li­chen Affäre in den Schlag­zeilen. Und er hatte Steu­er­pro­bleme.

In seiner zweiten Auto­bio­gra­phie erin­nert sich Becken­bauer daran, wie aus­ge­rechnet ein Gespräch mit dem baye­ri­schen Finanz­mi­nister und einem Staats­se­kretär ihn in diese Situa­tion manö­vrierte: Die Unter­hal­tung wurde dann etwas ernster und nahm eine über­ra­schende Wen­dung. Wir erhielten eine Adresse. Dort würde man uns beraten, wie wir unsere Geschäfte über eine Firma in der Schweiz abwi­ckeln und Steuern sparen könnten. Wenn das Sprich­wort ›Guter Rat ist teuer‹ je gestimmt hat, dann in unserem Fall.“ Denn für Becken­bauer und seinen Manager Robert Schwan sollte dieser Rat kost­spielig werden. Im Januar 1977 durch­suchte die Steu­er­fahn­dung Becken­bauers Villa. Das Finanzamt sah die Sache mit der Schweizer Firma näm­lich ganz anders und for­derte Geld von Becken­bauer, am Ende ins­ge­samt 1,8 Mil­lionen Mark.

Sein Ruf repa­rierte sich von Zau­ber­hand

Damals, 1977, fand Becken­bauer eine ele­gante Lösung für seine diversen Pro­bleme: Er ging für drei Jahre ins ame­ri­ka­ni­sche Exil, zu Cosmos New York, wo er an der Seite der bra­si­lia­ni­schen Stars Pelé und Carlos Alberto spielte. Als Becken­bauer nach Deutsch­land zurück­kehrte, waren seinen Finanzen in Ord­nung (ver­mut­lich mehr als das) und auch sein Ruf repa­rierte sich wie durch Zau­ber­hand von selbst. Und zwar so gründ­lich, dass man ihm bald eine Ehre zuteil­werden ließ, die Hein­rich IV. oder Kaiser Wil­helm II. immer ver­sagt blieb, näm­lich den Posten als Bun­des­trainer.

Was einmal geklappt hat, kann auch ein zweites Mal funk­tio­nieren. Ist es ein Zufall, dass Cosmos vor einigen Jahren neu gegründet wurde? Dass Pelé Ehren­prä­si­dent ist? Dass der Verein einen erfah­renen Lob­by­isten braucht, um irgend­wann viel­leicht doch noch in die MLS auf­ge­nommen zu werden?

Jeden­falls sollte nie­mand über­rascht sein, wenn Becken­bauer seinen Wohn­sitz irgend­wann in die USA ver­legt. Irgend­etwas muss er schließ­lich tun. Sonst geht es ihm wie Milli Van­nili. Die wurden bis heute nicht reha­bi­li­tiert und gelten noch immer als Inbe­griff des Schwin­dels.

Dieser Text erschien zuerst im Sep­tember 2016.