Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Frank Will­mann, Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Dass unser heu­tiger Kolum­nist, der Buch­autor und Ost­fuß­ball-Experte Frank Will­mann über­haupt noch Zeit für eine Kolumne hat, ist ein Wunder. Sein neu­estes Werk heißt Zonen­fuß­ball“ („Verlag Neues Leben“.)

Als wir teu­to­ni­schen Men­sch­ma­schinen im wackeren Drei­län­der­fight vom 9. bis zum 17. Mai in Berlin, Krakau und Lem­berg gegen die ukrai­ni­schen und pol­ni­schen Dich­ter­ri­valen kickten, ward uns ein neuer Stern geboren. Ähn­lich wie Jesus schmückte ihn langes Haar samt mildem Lächeln. Er ist die Ostachse der fuß­bal­lernden Drei­fal­tig­keit. Unser neues Beth­lehem heißt Dessau und Jesus hört auf den Namen Martin. Natür­lich wün­schen wir ihm ange­neh­mere Zeit­ge­nossen als Marias Jüngster und Ein­ziger sie hatte, wer möchte heut­zu­tage schon am Kreuz ver­lot­tern.

Doch immer schön der Reihe nach.

Ja, es waren dolle Tage, in denen uns man­cherlei Tante Klara auf­ging. Der erste Ball­kampf ging in Berlin über die Bühne. Die DFB-Kul­tur­stif­tung war Gast­geber und schickte uns in der Jung­fern­heide auf den Rasen. Wir ließen unseren Freunden aus der Ukraine und Polen keine Chance und gewannen das Ber­liner Tur­nier. Uns“ Wolfram Eilen­berger ver­wan­delte eine Ecke direkt und mit Ansage. Seine Frau samt ihrer zwei Mäd­chen kamen des Weges, er begrüßte sie mit Schaut mal, Papa schießt gleich ein Tor“. Geschwatzt, gewirkt.

Am Vortag stellten wir beim ersten gemein­samen Auf­ritt im Ball­haus Ost klar: Poli­tiker sind überall raff­gie­riges Pack. Der Timo­schen­ko­bonus ver­schaffte uns fetten Pres­se­rummel, plötz­lich inter­es­sierte sich die Öffent­lich­keit für die Rand­sportart Autoren­fuß­ball. Oder tat zumin­dest so. In Bin­sen­wahr­heit ging es darum, mit der inhaf­tierten Exgas­prin­zessin Quote zu machen.

Geeint wurden von uns sehr dezent Büf­fets und Bier­fässer geen­tert. Unsere Gäste waren auf dem Platz noch etwas schüch­tern, was auch unserer kör­per­li­chen Prä­senz geschuldet war. Neben uns kickten junge Damen, die wir höchs­tens aus den Augen­win­keln ein wenig anblin­zelten. Blitze und bös­ar­tige Regen­schauer gingen her­nieder. Über­dies wussten alle aus der Fuß­ball­his­torie, am Ende gewinnt sowieso immer der Deut­sche. Hier tauchte erst­mals Martin auf, milde lächelnd über nass­ge­reg­nete Mäd­chen, Polen und Ukrainer.

Mit dicken Waden und schweren Köpfen zuckelten wir tags darauf über Polens Auto­bahnen Rich­tung Krakau, dem zweiten Etap­penort des Drei­län­der­tur­niers. Im Bus kamen sich alle zum ersten Mal sehr nah, der Dialog wurde intensiv, auch weil er kein ver­ord­neter war. Der Bus als Kuschel­mobil, eine gescheite Idee der Polen.

Nach Stunden end­lich Krakau, du Perle Polens! Selbst­ver­ständ­lich ehrten wir die Toten im Ver­nich­tungs­lager Ausch­witz. Eine Not­wen­dig­keit für jeden Deut­schen.

Das Tur­nier ver­lief wie sein Ber­liner Vor­gänger. In vier Spielen vier Siege ohne ein Gegentor. Ein Spieler bewegte sich per­ma­nent zwi­schen den Nationen. Es war Martin, unser linker Läufer, immer ein Lachen im Gesicht, im rich­tigen Leben zuständig für Volks​Lesen​.tv – die Biblio­thek und das Pan­op­tikum des lesenden Volkes. Er sprach Mut zu, ent­schul­digte sich für die deut­sche Strenge auf dem Platz, stellte für Lem­berg eine neue Chance in Aus­sicht, scherzte mit allen.

Oh selt­samer Mann­schafts­geist, der du so gar nicht zum aut­arken Dichter­leben passt. Da in jedem Deut­schen Dichter ein Deut­scher (außer in Hakan, aber Einer ist Keiner) steckt, formten wir uns unter der milden Knute des Spie­ler­trai­ners Kalli Döring zu einer kna­ckigen Seil­schaft, allda fast Jeder für den Anderen arbei­tete. Gefeiert wurde diesmal schon etwas inniger, die Gruppen mischten sich und Ukrainer und Polen sangen gemeinsam ihre Lieder. Wir Deut­schen etwas betreten, das Volks­lied ist uns in der braunen deut­schen Ver­gan­gen­heit leid geworden. Mitten im schönsten Feiern skan­dierten die Ukrainer plötz­lich Scharfe, Scharfe, Scharfe! Die Polen stimmten ein, dann wir. In Lem­berg ist der Slogan bereits drei­ei­n­iges San­ges­in­ventar. Zum Ende der Reise klären uns die Ukrainer auf. Sie waren wäh­rend der gesamten Reise auf der Suche nach der Seele der Deut­schen und hätten sie bei Martin Scharfe gefunden.

Er ist die Sonne, die nach Osten strahlt.“

Als letzte Etappe stand Lem­berg auf dem Plan. Auf der Strecke blieb leider Hakan. Er hatte kein Visum für die Ukraine. An der EU-Grenze half kein Bak­schisch, wir mussten das letzte Tur­nier ohne unseren Goal­getter bestreiten. Auch Polen und Ukrainer durften anfangs ob einer obskuren ukrai­ni­schen Ver­ord­nung nicht gemeinsam im Bus die Grenze über­queren. Dieses Gesetz­chen ließ sich durch ein paar Scheine außer Kraft setzen. Der Euro einte uns.

Lem­berg sah das finale Tur­nier. Wodka ersetzte end­gültig das Bier. Auf Nach­frage teilten uns diverse Lem­berger mit, dass Julia Timo­schenko in ihrer Zeit als Prä­si­dentin dem Volk auch nur in die Tasche griff hat und es nach Strich und Faden betrogen hat. Keiner ver­stand die Auf­re­gung des Wes­tens. Timo­schenko schmorte dort, wo nach ein­hel­liger Mei­nung alle Poli­tiker hin gehörten. Viel schlimmer sei ein­deutig der Abstieg ihres innig geliebten Clubs Kar­paty Lwiw von der ersten in die zweite ukrai­ni­sche Liga.

Fuß­bal­le­risch reichte es für uns zu zwei Unent­schieden, die auch den Tur­nier­sieg vor Polen bedeu­teten. Jeweils mit aller­letzter Kraft erkämpft und ange­trieben von unserem gran­diosen Kapitän Chris­toph Nuss­bau­meder, dem her­aus­ra­genden Spieler des Tur­niers. Doch der Fuß­ball war längst neben­säch­lich, als zwi­schen uns Freund­schaft erwachsen war. Den letzten Abend ver­brachten wir mit Feiern und Singen. Das finale Bild: Ukrainer, Polen und Deut­sche umhalsen ein­ander und singen ver­eint Lieder. Das ist Europa.

PS: Auf der neusten Wod­ka­krea­tion sehen wir ab Juni das lachende Gesicht von Martin Scharfe.