Abends glit­zert und leuchtet die Innen­stadt von Kiew, als wären wir am Times Square. Auf dem Khres­h­chatyk-Bou­le­vard, der Kiewer Pracht­straße, reiht sich ein hoch­ge­wach­sener Bau des Stalin-Klas­si­zismus an den anderen, inzwi­schen geschmückt mit den Insi­gnien des Kapi­ta­lismus: Sam­sung, Sie­mens, Chanel, Swa­rovski – Glo­ba­li­sie­rung galore.

Tags­über sieht es zumin­dest ein wenig ost­eu­ro­päi­scher aus, vor allem weil man nun erkennt, dass die Schrift der Schilder Kyril­lisch ist. Aus tou­ris­ti­scher Sicht ist dies nur in der Metro ein grö­ßeres Pro­blem. Hat man es jedoch erst einmal in die U‑Bahn geschafft, ist es ein­fach, wieder an der rich­tigen Stelle aus­zu­steigen. In den Wag­gons sind die Sta­tionen auf Bild­schirmen auch auf Eng­lisch aus­ge­wiesen. Abge­sehen von der Schrift ori­en­tiert und digi­ta­li­siert sich gerade die junge Ukraine längst am Westen. In Cafés und Restau­rants hängen Fern­seher, auf denen per­ma­nent Musik­vi­deos laufen, fast überall gibt es kos­ten­losen Inter­net­zu­gang. In den Straßen stehen kleine Wagen mit Espres­so­ma­schinen, die Kawa to go“ anbieten. Lokales Bier ist günstig, ebenso ukrai­ni­sche Spe­zia­li­täten wie Borschtsch und Ware­niki.

Das Sta­dion von Dynamo Kiew: Das Ent­mü­dungs­be­cken ist ein Bot­tich

Deut­lich ver­wur­zelt in der Ver­gan­gen­heit prä­sen­tiert sich der große Stadt­verein Dynamo Kiew: Vom geschwun­genen Ein­gangstor mit den weißen Säulen über die Statue zum Andenken an Trai­ner­le­gende Walerij Loba­now­skyj bis zum Sta­dion selbst atmet auf dem Klub­ge­lände alles Geschichte. Aus dem Rahmen fällt im Grunde nur der neu vor das Sta­dion gebaute Funk­ti­ons­trakt mit Büros, Pres­se­räumen und Museum. Aber auch hier strahlen die Umklei­de­ka­binen eher boden­stän­digen Charme aus. Das Ent­mü­dungs­be­cken ist ein Holz­bot­tich und neben der Tak­tik­tafel setzt man auch auf weniger irdi­schen Bei­stand: In der Ecke über dem Tisch mit den Was­ser­ko­chern hängen Ikonen.

Über­ragt wird das, selbst­ver­ständ­lich nach Loba­now­skyj benannte, Sta­dion, ganz wie es sich gehört, von vier frei ste­henden Flut­licht­masten. Rund 16.000 Plätze, natür­lich ohne Dach, die Toi­letten sind in einem kleinen Bunker außer­halb des Sta­dions unter­ge­bracht. Und hier wird in dieser Saison Europa League gespielt. Eine Saison-Dau­er­karte für die Haupt­tri­büne kostet etwa 80 Euro, das ist auch für die Ukraine nicht so viel.

Dass das Sta­dion in der Liga im Durch­schnitt den­noch nicht einmal halb­voll ist, liegt, so sagen die ukrai­ni­schen Fans, an der man­gel­haften Infra­struktur. Dynamo Kiew, der große alte Dino­sau­rier, ist in Sachen Zuschau­er­gunst längst von den Rivalen in Donezk und Charkow abge­hängt worden. Pläne für den Ausbau gibt es, sogar ein Modell steht im kleinen Museum: 30.000 Plätze, über­dacht, ein paar Annehm­lich­keiten des modernen Fuß­balls – das wäre schon alles, was sich die Fans wün­schen. Das Pro­blem jedoch: Das Sta­dion steht in einem Park in unmit­tel­barer Nähe zu denk­mal­ge­schützten Anlagen und Regie­rungs­ge­bäuden. Hier die Geneh­mi­gungen für einen Ausbau zu bekommen, scheint ein büro­kra­ti­scher Alp­traum zu sein.

Das Herz der EM: Ein sil­ber­weiß glän­zendes Sta­dion

Gebaut wird dafür im Rest der Stadt, zum Bei­spiel auf einer Straße, die in keinem Rei­se­führer fehlt: Die Andre­as­stiege, die zur gleich­na­migen Kathe­drale mit dem gold­glän­zenden Zwie­bel­türmen hin­auf­führt, wird kom­plett erneuert. Die Bau­stelle ist gesäumt von ein­fa­chen Ver­kaufs­ständen, die Dynamo-Tri­kots ebenso feil­bieten wie tra­di­tio­nelle ukrai­ni­sche Lei­nen­blusen mit bunter Sti­ckerei. Wer weiß, ob die Stände hier noch stehen, wenn im nächsten Sommer Straße und Häuser frisch reno­viert sind.

Das Herz der EM wird dann woan­ders schlagen, fernab von Lei­nen­blusen und rus­sisch-ortho­doxem Gold. Im umge­bauten Olym­pia­sta­dion, das mit dem Test­spiel gegen Deutsch­land sport­lich eröffnet wurde, blinkt und glit­zert es aller­dings auch nach allen Regeln der kapi­ta­lis­ti­schen Fuß­ball­ar­chi­tektur. Anders als viele andere große Spiel­stätten ist das Sta­dion kein Bau auf der grünen Wiese, son­dern bietet kos­mo­po­li­ti­schen Glanz vor einer Stadt­ku­lisse. Auf dem großen Vor­platz vor der Haupt­tri­büne wurden am ver­gan­genen Freitag bis zum Anpfiff noch Pflas­ter­steine ver­legt, auch die elek­tro­ni­schen Ein­lass­schleusen funk­tio­nierten noch nicht per­fekt.

Und den­noch: Vor der Kulisse des wol­ken­ver­han­genen Voll­monds über Kiew ist das sil­ber­weiß leuch­tende Sta­dion sehr ein­drucks­voll. Fuß­ball­nost­al­giker aller­dings würden das trans­pa­rente Dach von deut­scher Archi­tek­tur­kunst ver­mut­lich gerne gegen die Flut­licht­masten des Walerij-Loba­now­skyj-Sta­dions ein­tau­schen.