Seite 2: "Ich war immer nur der Björn vom FC"

Sie sind mit 16 nach Eng­land zu den Blackburn Rovers gegangen. Ein Fehler?
Nein. Ich hatte damals auch ein Angebot vom FC Bayern, und der 1. FC Köln wollte mir einen Pro­fi­ver­trag geben. Eng­land aber war ein Traum von mir und die Pre­mier League für mich die beste und auf­re­gendste Liga der Welt. Außerdem wollte ich etwas aus­pro­bieren, ich wollte meine Kom­fort­zone ver­lassen, raus aus Köln. Ich liebe die Stadt, und der Verein war immer gut zu mir. Aber ich war immer nur der Björn vom FC. Es war zu kuschelig.

Wie lief es denn bei den Rovers?
Die Bedin­gungen waren super. Die Rasen­plätze phä­no­menal. Ich habe mit Spie­lern wie Roque Santa Cruz, Benni McCarthy und Robbie Fowler trai­niert. Ich stand sogar bei den Profis im Kader. Ich habe dort viele gute Erfah­rungen gemacht, aber dann ist Mark Hughes mit seinem Trai­ner­team zu Man­chester City gegangen. Und viel­leicht wäre alles anders gekommen, wenn ich ein Ellen­bogen-Typ wäre oder anfangs mehr Selbst­be­wusst­sein gehabt hätte. Ich war halt noch sehr jung.

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Der Traum von Eng­land: Björn Buss­mann vor seinem Wechsel zu den Blackburn Rovers im Sommer 2007.

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Denken Sie an eine bestimmte Situa­tion?
Ich denke an einen bestimmten Spieler. Mit der U19 haben wir ein Spiel gegen Leeds United gemacht, in dem ich drei Elf­meter hielt. Die Leute gra­tu­lierten mir, ich war total glück­lich und dachte, nun geht’s los. Beim nächsten Trai­ning aber baute sich Stamm­tor­hüter Paul Robinson vor mir auf und drosch einen Ball demons­trativ aus fünf Metern ins Tor. Glaub nicht, dass du was Beson­deres bist, nur weil du drei Elf­meter gehalten hast“, sagte er. Heute würde ich ihn zur Rede stellen, damals stand ich ein­fach nur per­plex vor ihm. Ich finde das auch heute noch seltsam, ich meine, Robinson war damals über 30 und musste anschei­nend einem 17-Jäh­rigen klar­ma­chen: Du bist ganz unten, und ich bin hier oben.

Was hat diese Erfah­rung mit Ihnen gemacht?
Ich würde nicht sagen, dass ich an der Situa­tion kaputt­ge­gangen bin, aber ich hatte dran zu knab­bern. Vor allem wurde mir erst­mals richtig bewusst, dass es im Pro­fi­fuß­ball nicht nur viel Geld son­dern, son­dern vor allem auch um Macht, Posi­tionen, Hier­ar­chien. Ein anderes Bei­spiel: Bei der Essens­aus­gabe mussten sich immer nur die Nach­wuchs­spieler anstellen, die Profis gingen ein­fach an uns vorbei.

Nach Ihrer Zeit in Eng­land begannen Ihre Wan­der­jahre in Deutsch­land: 1860 Mün­chen, VfL Osna­brück, Jahn Regens­burg und SV Lipp­stadt. Würden Sie alles wieder so machen?
Ich hatte nach Blackburn ein Angebot von Ein­tracht Braun­schweig. Der Verein hat mir einen Drei­jah­res­ver­trag ange­boten und wollte mich langsam zur Nummer eins auf­bauen. Aller­dings sollte ich bei der zweiten Mann­schaft anfangen, die in der Ober­liga spielte. Ich war damals noch Jugend­na­tio­nal­spieler und wollte so hoch wie mög­lich spielen. Also habe ich das Angebot abge­lehnt. Das war ein Fehler.

Pele Wol­litz führte die Ver­hand­lungen in Unter­hose“

Sie gingen statt­dessen nach Mün­chen.
Spä­tes­tens in Blackburn habe ich gemerkt, wie wichtig mir ein gutes Umfeld ist. Ich muss mich wohl­fühlen. In Mün­chen habe ich mich aber fremd gefühlt. Viel­leicht habe ich des­halb auch nicht so gut gespielt. Danach war ich ein halbes Jahr arbeitslos und habe mich bei der zweiten Mann­schaft von Schalke 04 fit­ge­halten. Anfang 2012 bin ich zu Regens­burg, dort stand ich nicht ein ein­ziges Mal im Kader. Bei Osna­brück traf ich dann auf Pele Wol­litz, ein enthu­si­as­ti­scher Typ, der für den Fuß­ball brennt. Mein Vater und ich trafen ihn zu den Ver­hand­lungen in der Umklei­de­ka­bine – er trug nur eine Unter­hose. Der nächste Trainer, Maik Wal­purgis, sagte mir dann, er plane nicht mehr mit mir, obwohl er mich nie gesehen hatte.

Wie sind Sie im nord­spa­ni­schen Astu­rien gelandet?
Der Freund eines Freundes hat mir ein Pro­be­trai­ning bei Spor­ting Gijon ver­mit­telt. Der Verein wollte mich für die zweite Mann­schaft haben, denn ein Tor­hüter hatte seinen Wechsel ange­kün­digt. Es lief auch ganz gut, aber der Tor­hüter blieb dann bei Gijon, wes­halb der Klub keinen Bedarf mehr an mir hatte. Aller­dings mel­dete sich Depor­tivo Caudal aus der Stadt Mieres bei mir. Die hatten mich offenbar beim Pro­be­trai­ning oder in einem Test­spiel gesehen. Ich unter­schrieb, obwohl es am Anfang ein ganz schöner Schock war.

Inwie­fern?
Mir wurde eine kleine Woh­nung gestellt, die ich mir mit zwei anderen Spie­lern teilen musste. Durch mein enges dunkles Zimmer liefen die Sani­tär­lei­tungen. Ich bekam es jedes Mal mit, wenn der Nachbar sein Geschäft ver­richtet hat. Es gab außerdem keine Hei­zung, und ich musste die Fenster geschlossen halten, weil sonst Ratten rein­ge­kommen wären. Als meine Freundin mich besucht hat, schlief ich auf dem Boden, denn das Zimmer war zu klein für eine zweite Matratze.

Kamen Ihnen da Zweifel am Fuß­ball­profi-Beruf?
Gele­gent­lich haben mir Leute gesagt, dass ich mir Gedanken um eine Alter­na­tive zur Fuß­ball­kar­riere machen sollte. Aber was bringt es mir, einen Plan B in der Tasche haben, der mich gar nicht glück­lich macht? Eine Aus­bil­dung abzu­schließen, die ich nicht gebrau­chen kann? Ich mag es hier in Spa­nien, denn die Leute leben mehr in der Gegen­wart. In Deutsch­land geht es so viel um Zukunft, um Pläne, um was­willst­du­mal­sein. Ich habe mir damals gesagt: Okay, der Anfang war nicht so gut, aber du kannst doch selber was an der Situa­tion ändern. Ich bin dann aus meinem Loch in Mieres ins 30 Kilo­meter ent­fernte Gijon gezogen. Dort habe ich bis heute eine Woh­nung direkt am Strand. Es ist total super. Die Spa­nier nennen die Region El Paraiso natural“, das natür­liche Para­dies. Du hast das Meer, aber wenn du 30, 40 Minuten fährst, dann bist du in den Bergen, wo du im Winter Ski fahren kannst.

Sie sind aber Surfer.
(Lacht.) Sie spielen auf den Artikel in der Marca“ an. Die Zei­tung hat mich damals mit einem Surf­brett foto­gra­fiert. Offenbar hat sich der Jour­na­list gedacht: Ein Foto-Shoo­ting am Strand von Astu­rien – da insze­nieren wir den Deut­schen mal als Surfer. Damals hatte ich noch nie auf einem Brett gestanden, aber vor einem Jahr aber habe es tat­säch­lich gelernt.