Hei­lig­abend 2004 war ein bedeu­tender Tag für mich. Nicht nur, weil die Geruchs­mi­schung aus Wun­der­kerzen, Tan­nen­baum und dem Parfum meiner Ver­wandten mein Kin­der­herz immer höher klopfen ließ, son­dern vor allem, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben Ein­tritts­karten für ein Fuß­ball­spiel abseits meines Hei­mat­ortes in den Händen hielt. Confed-Cup, Halb­fi­nale, Zweiter Gruppe A gegen Erster Gruppe B in Han­nover. Das Tur­nier, das im Nach­gang immer etwas belä­chelt wird, sorgte dafür, dass Deutsch­land als Aus­richter der Welt­meis­ter­schaft 2006 ein erstes Gefühl für die zu erwar­tende Stim­mung im Land erhalten sollte.

Im Juni hielt ich die Karten also fest umklam­mert, als wir durch die Innen­stadt von Han­nover gingen. Es war für mich, den 13-Jäh­rigen, schon in Ord­nung, vorab das Kul­tur­pro­gramm meiner Eltern zu durch­laufen. Am Abend würden schließ­lich die Natio­nal­mann­schaften von Argen­ti­nien und Mexiko auf mich warten, nach zwei Platz­ver­weisen und zwei Toren in der Ver­län­ge­rung ins­ge­samt elf Elf­meter schießen. Und am Ende würde Argen­ti­nien 5:6 im Elf­me­ter­schießen gewinnen. Dass ich allen Ernstes bis eben dachte, weil es sich eben fest in mein Gedächtnis ein­ge­brannt hatte, dass dieses Spiel 13:14 nach Elf­me­ter­schießen endete, zeigt, wie groß und unwirk­lich mir dieser Tag in Erin­ne­rung geblieben ist.

Genü­gend Gründe gegen den DFB

Heute Nach­mittag wird in Nyon ent­schieden, ob Deutsch­land zum ersten Mal seit der Welt­meis­ter­schaft 2006 den Zuschlag als Aus­richter für ein großes Tur­nier erhält. 16 Mit­glieder des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees und Uefa-Prä­si­dent Alek­sander Ceferin werden abstimmen, ob die Wahl auf Deutsch­land oder die Türkei fällt.

Dem Deut­schen Fuß­ball-Bund ist allein in den ver­gan­genen ein­ein­halb Jahren einiges vor­zu­werfen, um nicht in Jubel aus­zu­bre­chen, wenn der DFB heute gewinnen sollte. Koope­ra­tion mit der chi­ne­si­schen U‑20, ver­passte Regio­nal­li­ga­re­formen, die feh­lende Unter­stüt­zung für Mesut Özil und das Aus in der WM-Grup­pen­phase. Anstoß­zeiten, Klein­krieg mit den Ultras, die Ver­län­ge­rung des Grund­la­gen­ver­trags – es ist für jeden etwas dabei, um den DFB auf­richtig ablehnen zu können.

Vor 18 Jahren freute sich das ganze Land

Viel­leicht ist auch das der Grund, wes­halb an diesem Don­nerstag allein Ver­treter des DFB in Nyon anwe­send sein werden. Als 2000 der Zuschlag für die Welt­meis­ter­schaft über­ra­schend nach Deutsch­land ging, freuten sich neben Bewer­bungs­chef Franz Becken­bauer auch Model Claudia Schiffer, Tennis-Star Boris Becker und Kanzler Gerd Schröder. Abge­sehen von Schiffer, die 2017 noch einen Bambi als Mode-Ikone gewann, nun ja, wissen wir, was mit den übrigen Betei­ligten geschehen ist – inklu­sive dem Som­mer­mär­chen“. In Nyon ist nur Philipp Lahm als externer, pro­mi­nenter EM-Bot­schafter zugegen, doch auch er gehört irgendwie zum DFB-Estab­lish­ment.

Und sowieso: Die uner­hörten For­de­rungen der Uefa rund um das Tur­nier, ange­fangen mit der Ein­rich­tungen von kom­mer­zi­ellen Zonen“ im Umfeld der Sta­dien, die, ver­fas­sungs­recht­lich frag­würdig, poli­ti­sche und reli­giöse Demons­tra­tionen ver­bieten, bis hin zur Ein­schrän­kung der Berufs­frei­heit von angren­zenden Gast­stätten. Die undurch­sich­tige Spielort-Ver­gabe durch den DFB, der sich immer noch in der ver­spro­chenen Auf­klä­rung um die WM-Ver­gabe behäbig gibt (zuletzt soll Grindel es unter­lassen haben, eine Datei mit der Namen Erd­beben“ an die Staats­an­walt­schaft Frank­furt zu über­senden). Die all­ge­meine Ableh­nung als Gast­geber von Groß­ereig­nissen einen zwie­lich­tigen Ver­band zu hofieren. Es gibt mehr als genü­gend Gründe, um gegen eine Euro­pa­meis­ter­schaft im eigenen Land zu sein.