Gio­vane Elber, Sie waren beim Cham­pions-League-Tri­umph Ihres Ex-Klubs Bayern Mün­chen im Wem­bley-Sta­dion live dabei. Ihr Ein­druck?
Ich habe es richtig genossen, es war ein sehr schönes Spiel von beiden Seiten. Was Dort­mund die erste halbe Stunde geleistet hat, war Wahn­sinn, Bayern hatte kaum Tor­chancen. Aber in der zweiten Halb­zeit hat beim BVB die Kraft nach­ge­lassen, und dann war Bayern ein­fach die bes­sere Mann­schaft.

Was hat Ihrer Mei­nung nach letzt­end­lich den Unter­schied gemacht?
Klar, es war auch ein biss­chen Glück dabei. Frank Ribéry hätte von einem deut­schen Schieds­richter für seine Aktion gegen Robert Lewan­dowski bestimmt die rote Karte bekommen. Und für das Foul vor dem Elf­meter hätte Dante auch vom Platz fliegen können. Aber am Ende hat die bes­sere Mann­schaft ver­dient gewonnen, auch wenn es aus Dort­munder Sicht natür­lich hart ist, so ein Spiel in den letzten Minuten zu ver­lieren. Und ich weiß, wovon ich rede. Ich sage nur: Finale 1999 gegen Man­chester United…

Haben Sie nach dem Aus­gleichs­treffer von Dort­mund geglaubt, dass Bayern auch dieses Finale ver­lieren könnte?
Ich dachte nur: Scheiße, wenn es in die Ver­län­ge­rung geht oder sogar zum Elf­me­ter­schießen kommt, wird es knapp für die Bayern.

Auf der anschlie­ßenden Feier offen­barte Ihr Lands­mann Rafinha seine Gesangs­künste und träl­lerte einen Titel von Louis Arm­strong. Wer sorgte nach dem Final-Sieg 2001 gegen Valencia für Unter­hal­tung?
Bei uns war Sammy Kuf­four die Stim­mungs­ka­none. Der hat die ganze Nacht Wir wolle rot-weiße Tri­kots, rot-weiße Tri­kots!“ gesungen und wollte ein­fach nicht heiser werden. Am nächsten Tag hat er dann auf dem Mari­en­platz wei­ter­ge­macht. Aber gut, so aus­ge­lassen durfte das aktu­elle Team ja nicht feiern, schließ­lich spielen sie am Samstag noch ein Finale in Berlin. Und die Chance auf das Triple hast du nicht jede Saison.

Das Team tritt stets als Kol­lektiv auf, wirkt zudem äußerst gelassen und immer gut gelaunt. Warum kam es in dieser Saison nicht wie in den ver­gan­genen Jahren zu Eska­paden à la FC Hol­ly­wood“?
Jupp Heynckes hat es genau wie Ottmar Hitz­feld 2001 geschafft, dass jeder Spieler, von der Nummer 1 bis zur Nummer 30, bis zum letzten Spieltag kon­zen­triert bleibt. Und das ist wichtig, denn die Auf­stel­lung kann sich immer ver­än­dern. Die Startelf in Wem­bley war ja auch nicht die Elf vom ersten Cham­pions-League-Spieltag.

Aktuell bas­telt man in Mün­chen weiter an der Kader­breite“ für die nächste Spiel­zeit: Aller Vor­aus­sicht nach wech­selt nach Mario Götze auch Robert Lewan­doski zum FCB.
Eigent­lich benö­tigt dieser Kader keinen Robert Lewan­dowski: Mit Mandzukic, Gomez und Pizarro besitzen sie schon Stürmer, die den Unter­schied machen können. Den Beweis hat Mario Mandzukic im Finale gelie­fert und den wich­tigen Füh­rungs­treffer erzielt. Aber klar: Wenn Spieler wie Götze oder Lewan­dowski mit Aus­stiegs­klau­seln im Ver­trag auf dem Markt sind, schlägt der FC Bayern zu. Dieser Ver­lust tut dem BVB sicher­lich sehr weh, aber so läuft das Geschäft. Jetzt muss man in Dort­mund mit dem ver­dienten Geld gute Trans­fers tätigen…

Können Sie Jürgen Klopp nicht einen guten Spieler emp­fehlen?
In der bra­si­lia­ni­schen Liga hat Ber­nard, ein 20-jäh­riger Mit­tel­feld­spieler von Atlé­tico Mineiro, eine gute Saison gespielt. Aber er ist noch sehr jung und uner­fahren. Man weiß nie, ob so ein junger Spieler mit der deut­schen Spiel­weise und Men­ta­lität zurecht­kommt.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Können Sie sich noch erin­nern, was Sie am 14. Juni 1997 gemacht haben?
Wann? Juni 1997? Nein, keine Ahnung…

Stich­wort: DFB-Pokal?
Das Finale mit dem VfB Stutt­gart gegen Energie Cottbus? Echt? Das war im Juni. Ich dachte immer, wir hätten im Mai gespielt. Aber ver­gessen habe ich das Spiel natür­lich nicht: Es war mein erster Titel in Deutsch­land und außerdem habe ich in meinem letzten Spiel für den VfB beide Treffer erzielt. Ein unver­gess­li­cher Moment in meiner Kar­riere.

Im Gegen­satz zu damals geht der VfB Stutt­gart diesmal als krasser Außen­seiter in das Finale. Sehen Sie diese Aus­gangs­si­tua­tion des VfB mög­li­cher­weise sogar als ein Vor­teil?
Als klarer Favorit in ein Finale zu gehen, ist nicht ein­fach. Bei uns ging damals vor dem Spiel schon ein wenig die Angst um. Du denkst plötz­lich: Es kann ein­fach nicht sein, dass wir gegen Cottbus ver­lieren. Aber dieses Jahr den FC Bayern zu schlagen, ist sehr schwierig. Das Team ist noch hungrig und will mit drei Titeln im Gepäck in Urlaub fahren. Dante, mit dem ich eben in Mün­chen zu Mittag gegessen habe, sagte zu mir: Gio­vane, Wem­bley ist vorbei, ab jetzt denken wir nur noch an Stutt­gart. Der VfB muss nicht nur 100 oder 150 Pro­zent geben, son­dern 200. Und außerdem muss er mehr Glück als Dort­mund haben, nur dann kann es in Berlin einen Über­ra­schungs­sieger geben.

Apropós Dante: Dre wurde soeben von Trainer Felipe Sco­lari für den bevor­ste­henden Confed-Cup in den Kader der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft berufen.
Und seine Beru­fung freut mich riesig, denn Dante hat einen ähn­li­chen Weg hinter sich, wie ich ihn in den 1990ern gegangen bin. Als junge Spieler sind wir beide von unbe­kannten bra­si­lia­ni­schen Ver­einen nach Europa gewech­selt, haben uns dort nach und nach einen Namen gemacht und sind schließ­lich beim FC Bayern Mün­chen und in der Seleção gelandet. Auch in Bra­si­lien wür­digt man Dantes starke Leis­tungen zuneh­mend, er ist kein Unbe­kannter mehr.

Seit dem Weg­gang von Gra­fite 2011 glänzen in der Bun­des­liga ver­mehrt bra­si­lia­ni­sche Abwehr­spieler. Stürmer aus Ihrer Heimat bekommen wir hier­zu­lande kaum noch zu Gesicht. Wo ver­ste­cken die sich eigent­lich auf einmal alle?
(lacht) Gute Frage. Heut­zu­tage sind die bra­si­lia­ni­schen Stürmer etwas abge­taucht: Nor­ma­ler­weise war immer min­des­tens ein bra­si­lia­ni­scher Angreifer im CL-Finale oder unter den besten zehn Spie­lern der Welt – das ist aktuell nicht der Fall. Wir haben in Deutsch­land einen kleinen Durch­hänger, aber keine Angst, das ändert sich auch wieder.

Ein Jahr vor der WM im eigenen Land hat der große Hoff­nungs­träger Bra­si­liens, Neymar, jüngst seinen Wechsel zum FC Bar­ce­lona publik gemacht. Ein nach­voll­zieh­barer Schritt?
Auf jeden Fall, aber ich finde, er hat zu lange gewartet und hätte schon letztes Jahr nach Europa wech­seln sollen, denn in Bra­si­lien hatte Neymar uns schon alles gezeigt und die Massen begeis­tert. Und wenn du das geschafft hast, ist es an der Zeit, dich in Europa zu beweisen. Neymar wird in Bar­ce­lona sein Spiel noch ver­bes­sern und einiges dazu­lernen. Und er passt von seiner Spiel­weise gut zu Barça, besser als zu Real Madrid.

Wie stehen die Chancen der Seleção auf den WM-Titel 2014?
Wenn die WM in einem Monat anfangen würde, stünden die Chancen bei Null. Aber noch haben wir ein Jahr, um eine Mann­schaft zu formen. Sco­lari wird beim Confed-Cup expe­ri­men­tieren und hat erfah­rene Spieler wie Ronald­inho und Kaká nicht berück­sich­tigt, um jungen Nach­wuchs­kräften wie dem eben erwähnten Ber­nard eine Chance zu geben.

Abschlie­ßend eine Frage, die vor allem die Mode-Fans“ unter uns inter­es­siert. Sie sind als einer der ersten Bun­des­liga-Spieler wäh­rend Ihrer Zeit beim VfB Stutt­gart mit weißen Schuhen auf­ge­laufen. Wie kam es zu diesem Farb­wechsel?
In Bra­si­lien gab es schon in den 1980ern einen Angreifer bei Fla­mengo, Renato Gaúcho, der mit weißen Schuhen gespielt hat. Als es dann beim VfB Stutt­gart nicht lief, habe ich mich an ihn erin­nert, bei Adidas ange­rufen und um das weiße Son­der­mo­dell“ gebeten. Einige Wochen später sind dann Fredi Bobic und Kras­simir Balakov mit roten Schuhen auf­ge­laufen und so kam Farbe ins Spiel…

…aber sind die aktu­ellen Farb­kom­bi­na­tion aus lila, pink mit türkis oder neon-gelb nicht echte Mode­sünden am Fuß­ball-Schuh­werk?
Nein, denn auch damals dachten die meisten Zuschauer: Was macht der Bra­si­lianer da mit weißen Schuhen auf dem Platz? Am Ende ent­scheidet die Leis­tung, nicht die Farbe deiner Schuhe.