Was vor, wäh­rend und nach einem Spiel in Kabinen pas­siert, ist kein Geheimnis mehr, seit die Natio­nalelf wäh­rend der WM 2006 Fil­me­ma­cher Sönke Wort­mann intimen Ein­blick gewährte. Vor dem deut­schen Som­mer­mär­chen durfte ja noch ver­mutet werden, dass Wort­hül­sen­pro­duk­tion mit dem Schmie­de­hammer allein den unglück­li­chen Trai­nern von Regio­nal­li­gisten vor­be­halten sein könnte, die im DFB-Pokal und damit im Fern­sehen gelandet waren. Ein dichter Schleier des Geheim­nisses liegt aber noch immer über diesen Momenten, die sich zwi­schen Schluss­pfiff und Stel­lung­nahme, zwi­schen Ereignis, Resultat und der Bewer­tung und Ein­ord­nung des Gesche­hens aus­breiten. Viel Zeit bleibt nicht, und doch funk­tio­niert die Abstim­mung offen­sicht­lich prächtig.

Herrn Peter Gagel­mann aus Bremen, Ange­stellter im Ver­an­stal­tungs­ma­nage­ment und seit acht Jahren auch auf der Bun­des­li­ga­bühne tätig, dürfte das nach dem Revier­derby ver­blüfft haben. In der 76. Minute der hin und her tosenden Partie hatte er Dede die Rote Karte gezeigt, weil der Dort­munder dem Schalker Ivan Rakitic in die Beine gesprungen war, wie es sonst der ehren­werte Jackie Chan bei fiesen Kerlen macht. Letz­teres aber ist Cho­reo­grafie, ist Hol­ly­wood, die Bra­si­lianer-Attacke dagegen war blu­tiger Ernst. Dass der Geschäfts­führer der Borussen, Hans-Joa­chim Watzke, und BVB-Trainer Thomas Doll Dedes Bewer­bung für eine Rolle in einem Action-Reißer uni­sono und ganz knapp nach Gagel­manns Schluss­pfiff zum Schü­ler­theater run­ter­re­deten, kann damit erklärt werden, dass sie moderne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mittel rege genutzt haben. Oder damit, dass ihnen keine Seh­hilfen zur Ver­fü­gung standen.

Wie dahin­wel­kendes Gemüse

Natür­lich keine Rote Karte“ sei es gewesen, hat Watzke erbost“ erklärt. Und Doll hat auf­ge­bracht überall, wo sich ihm die Gele­gen­heit bot, seine Erkenntis ver­kündet, dass Gagel­mann die Begeg­nung ent­schieden“ hätte, und nicht nur das, (Ach­tung, eine neue Vari­ante der Schieds­rich­ter­ver­un­glimp­fung), der Mann habe sogar über seine Spieler gelacht“ und damit ihren Stolz oder sonstwas ver­letzt. Trotz dieser seltsam anmu­tenden Einig­keit bei der unver­schämten Schuld­ver­schie­bung war aber am Ergebnis wie immer nicht zu rüt­teln. Dieses pure Ergebnis, diese 2:3‑Niederlage im Derby, hat Dort­mund nicht nur ein Erfolgs­er­lebnis vor­ent­halten, das die schwarz-gelben Fans selbst beim Rück­blick auf eine völlig miss­ra­tene Saison gewöhn­lich milde stimmt. Es hat sie auch in der Tabelle in eine Region geführt, in der von der Blü­ten­pracht der Ambi­tionen nichts übrig bleibt als dahin­wel­kendes Gemüse.

Der beste Spieler auf dem Platz, Gerald Asa­moah, ein Eigentor von Martin Ame­dick und der erste Treffer von Fabian Ernst für Schalke haben Dort­mund in diese fau­lige Situa­tion gebracht. Am Samstag muss der Klub bei der Bein­hart-Truppe von Energie Cottbus antreten, und danach reist Hansa Ros­tock an, eine Elf, für die Abstiegs­kampf schmeckt wie die Früh­stücks­stulle. Weil die Borussia nur beim Wagen­burgbau außer­halb des Platzes per­fekt ist, könnte die Lage schnell noch pre­kärer werden.

Das Defen­siv­karo mit Tor­hüter Marc Ziegler, den Innen­ver­tei­di­gern Ame­dick und Robert Kovac und dem Sechser Sebas­tian Kehl davor prä­sen­tiert sich offen wie ein Scheu­nentor zur Ern­te­zeit. Zieg­lers Hektik, Kehls furcht­bares Pass­spiel, Ame­dicks Unbe­hol­fen­heit, Kovacs ner­vige Lethargie sind durch einen Tinga und Stürmer der Extra­klasse kaum aus­zu­glei­chen. Gio­vanni Federico hat nach Vor­be­rei­tung von Alex­ander Frei das 1:1 erzielt. Frei war auch am 2:2‑Ausgleichstreffer von Mladen Petric betei­ligt. Diese Qua­lität bei der Arbeit nach vorne jedoch wird über­schattet von den Defensiv-Dau­er­pro­blemen, und wenn Dolls Ver­trags­lauf­zeit nicht gerade erst aus­ge­dehnt worden wäre, würde im Umfeld der stets von großen Erwar­tungen geschüt­telten Borussia wohl über den Trainer und nicht nur über den Schieds­richter dis­ku­tiert. Der Klub ist näm­lich tabel­la­risch seit dem Ent­las­sungs­spek­takel um Bert van Mar­wijk keinen Schritt weiter gekommen, und auf dem Rasen haben sich die Pro­bleme nur von vorne nach hinten ver­la­gert.

Dass Schalke oben mit­spielt, hellt die Stim­mung nicht auf. Immerhin bei Gagel­mann könnte es aber für einen Lacher sorgen.