Dirty Talk“ bezeichnet laut Lexikon eine ero­ti­sche Praktik, bei der das Benutzen von sehr anschau­li­chen und direkten Wör­tern vor oder wäh­rend des Aktes“ zur Erhö­hung der Sti­mu­la­tion bei­trägt. Auch im Fuß­ball liegt ein Reiz darin, wenn Per­sonen sich unzwei­deutig über ihre Bedürf­nisse und Hal­tungen in Kenntnis setzen. Und wenn sie Außen­ste­hende daran teil­haben haben lassen, bekommen Reporter feuchte Hände und bei der Ziel­gruppe steigt der Blut­druck an die Grenzen zur Schnapp­at­mung.

Bitte nicht falsch ver­stehen: Nichts läge mir ferner, uns Fuß­ball­in­ter­es­sierte als lüs­terne Spanner zu klas­si­fi­zieren. Wir sind sach­kun­dige Ana­lysten eines sport­lich-gesell­schaft­li­chen Phä­no­mens. Wissen, was One-Touch-Fuß­ball ist, sind über­zeugt, dass der Sechser der ent­schei­dende Mann ist und ein Tor­wart heute nicht mehr die Kiste sauber hält, son­dern das Spiel eröffnet. Ich aber gebe frei­mütig zu: In Bezug auf den Fuß­ball stehe ich wahn­sinnig auf dieses Intim­ge­fasel.

Horst Hru­besch sagte: Kauf dir´n Eis, Junge!“

Meine Obses­sion ent­deckte ich vor mehr als 25 Jahren, als ein Bekannter – gerade A‑Jugendlicher geworden – in der ersten Herren in einem Freund­schafts­spiel gegen die Profis des BVB ein­ge­setzt wurde. Das ganze Dorf war auf den Beinen, er gerade 18, ein hoff­nungs­voller Nach­wuchs­vor­stopper. Als er in der 87. Minute auf den Platz lief, um dort die Bewa­chung des alternden Horst Hru­besch zu über­nehmen, begrüßte ihn der pas­sio­nierte Dorsch­angler – so erzählte der Jüng­ling nachher stolz – kalt lächelnd mit den Worten: Kauf dir n’ Eis, Junge.“ Geeeeilll. Hru­besch gab Fer­sen­geld und köpfte noch zweimal ein.

Diese Sprüche machen Fuß­ball erst richtig scharf. Wer kennt sie nicht, die Schnurren von Ente Lip­pens, Wolf-Dieter Ahlen­felder oder Joa­chim Hopp. Mehr als deren sport­li­ches Schaffen, haben ihre Ver­bal­af­fekte die Zeit über­dauert. Wissen Sie noch, wie Ita­lien im WM-Finale 2006 gegen Frank­reich spielte? Ich auch nicht. Aber ich erin­nere mich bes­tens, was Marco Mate­razzi mit der Schwester von Zine­dine Zidane anzu­stellen trach­tete. Und ist nicht Stefan Effen­berg erst zum Inbe­griff des Leit­wolfs geworfen, als er David Beckham in Old Traf­ford umsenste, ihm anschlie­ßend den Hand­schlag ver­wei­gerte und mit aus­ge­fah­renem Zei­ge­finger noch eine Wagen­la­dung dre­ckige Ham­bur­gen­sien über ihm aus­kü­belte?

Nun ist eine bedau­er­liche Begleit­erschei­nung der Kom­mer­zia­li­sie­rung, dass Dirty Talk“ für ein Pro­dukt wie Pro­fi­fuß­ball offenbar nicht mehr stan­des­gemäß ist. Schon der Künstler Joseph Beuys wusste: Die raf­fi­nier­teste Technik des Kapi­ta­lismus den Men­schen sprachlos und stumm zu machen, ist der Lebens­stan­dard, die Ver­lo­ckungen des Kon­su­mismus.“

Ibi­sevic zu Woll­scheid: Gleich wird´s wehtun!“

Dass heu­tige Profis sich aus Sta­tus­mo­tiven mora­li­schen Ver­flich­tungen der Szene unter­werfen, beweist ein aktu­eller Fall: Glaubt man dem Nürn­berger Philipp Woll­scheid, hat der Hof­fen­heimer Vedad Ibi­sevic ihm am ver­gan­genen Samstag zwi­schen­zeit­lich mit­ge­teilt Gleich wird’s wehtun!“ und ihm kurz darauf im Vor­bei­gehen eine Watschn ver­passt. Der Bos­nier bestreitet dies und doziert onkel­haft: Man sieht, dass er noch jung ist und noch viel lernen muss. So einen Blöd­sinn kann man nicht im Fern­sehen erzählen.“ Woll­scheids Trainer Dieter Hecking wie­derum glaubt seinem Spieler, mahnt beim Youngster jedoch den Ehren­kodex an: Was auf dem Platz gespro­chen wird, sollte auch auf dem Platz bleiben.“

Da kann ich nur vehe­ment wider­spre­chen. Oder ist die Bun­des­liga wirk­lich nur noch Truman-Show“? Was ent­hält man uns sonst noch alles vor? Geben die sich da auf dem Platz ins­ge­heim Tier­namen? Wo beginnt für Profis das poli­tisch Unkor­rekte: Fäkal­sprache, Flüche mit reli­giösem Back­ground oder doch erst bei Ras­sismus und Homo­phobie? In wel­cher Sprache werden Spieler belei­digt, die des Deut­schen nicht mächtig sind? Eng­lisch, Spa­nisch, mit einigen Bro­cken aus dem kleinen Latinum, auf Platt­deutsch, damit der Schiri nichts mit­kriegt, oder doch in Espe­ranto?

Freunde, schreit es raus!

Der schei­dende DFB-Prä­si­dent Theo Zwan­ziger hat gesagt: Der Fuß­ball steht mitten im Leben: Es gibt viel Licht und viel Schatten.“ Das wäre also von höchster Stelle geklärt. Dann könnten die Prot­ago­nisten doch auch so ehr­lich sein und jede noch so durch­trie­bene Neben­satz­kon­struk­tion, die im grünen Rechteck in Rich­tung Gegen­spieler abge­son­dert wird, ab sofort brüh­warm in der Mixed-Zone her­un­ter­beten. Jede fiese Schwei­nerei, jede plump geblökte Todes­an­droh­nung, jeden Ruf­mord, jedes ver­bale Kleinod aus dem Reper­toire der Jugend‑, Milieu- und Gos­sen­sprache des glo­ba­li­sierten Durch­schnitts­profis. Freunde, schreit es raus.

Fuß­ball ist ein Spie­gel­bild unserer Gesell­schaft und in diesem Land herrscht das Recht auf freie Rede. Außerdem wissen wir nicht erst seit Lady Gaga, dass ein Tabu­bruch mächtig Ren­di­te­chancen birgt. Das auch als Tipp an die Kol­legen aus dem Con­trol­ling: Freu­den­häuser, in denen aus­nahmslos Blüm­chensex ange­boten wird, sollen dem Ver­nehmen eher am Exis­tenz­mi­nimum knapsen.