Es läuft die 43. Spiel­mi­nute am 19. Spieltag in der nie­der­län­di­schen Ere­di­visie zwi­schen der VVV-Venlo und Vitesse Arn­heim. Geor­gios Gia­ko­umakis bekommt den Ball an der rechten Ecke des Sech­zeh­ners – und lupft den Ball ele­gant über den Tor­wart ins Netz. Es ist bereits das dritte Tor des Grie­chen im Spiel, in der zweiten Halb­zeit schießt er sogar noch ein viertes. Nur drei Spiel­tage zuvor hat er bereits seinen ersten Vie­rer­pack der Saison erzielt.

Mit dieser Viel­zahl an Tref­fern hat Geor­gios Gia­ko­umakis in dieser Saison die nie­der­län­di­schen Fuß­ball­fans zum Staunen gebracht. Mit 26 Toren in 30 Spielen wurde er Tor­schüt­zen­könig der Liga. Und das bei einem Verein, der gerade abge­stiegen ist. Im Oktober verlor die VVV-Venlo sogar mit 0:13 gegen Ajax Ams­terdam. Eine pein­liche Klat­sche. Doch nicht nur des­wegen sind viele von der Tor­ge­fahr des Grie­chen über­rascht. Denn auch dessen Fuß­ball­kar­riere war bis zu dieser Sai­son­ziem­lich ent­täu­schend ver­laufen.

Von Leih­sta­tion zu Leih­sta­tion

Mit dem 25-jäh­rigen Geor­gios Gia­ko­umakis hat VVV-Venlo seinen gewünschten Mit­tel­stürmer für die kom­mende Saison ver­pflichten können. Der Cham­pions-League-erfah­rene Angreifer erhält an der deut­schen Grenze einen Ver­trag bis zum Sommer 2022 mit der Option auf eine wei­tere Spiel­zeit“, ver­kün­dete der nie­der­län­di­sche Erst­li­gist im ver­gan­genen Sommer die Ver­pflich­tung des Stür­mers. Ein Spieler mit Cham­pions-League-Erfah­rung im beschau­li­chen Venlo? Das klang viel­ver­spre­chend. Die Wahr­heit war aller­dings eine andere.

Vor der aktu­ellen Saison stand der auf Kreta gebo­rene Stürmer lange bei AEK Athen unter Ver­trag. Der grie­chi­sche Haupt­stadt­klub hatte den 19-Jäh­rigen 2017 von AO Pla­ta­nias ver­pflichtet. Dort hatte er in der Saison zuvor 11 Tore in 26 Spielen geschossen. Doch der Kreter konnte sich bei den Athe­nern nicht durch­setzen. Die ange­spro­chene Erfah­rung in der Königs­klasse belief sich auf drei Ein­wechs­lungen. Bilanz: eine gelbe Karte. Nach nur einem Treffer in zwei Spiel­zeiten für AEK wurde er an OFI Kreta aus­ge­liehen. Auch dort konnte Gia­ko­umakis nie­manden über­zeugen. Ent­täu­schende drei Tore erzielte er in der Saison 2018/19. Das eins­tige Talent war zu einem Pro­blem für AEK geworden. Wohin mit einem Stürmer, der gar keine Tore schießt?

Also wurde Gia­ko­umakis wieder einmal aus­ge­liehen, dieses Mal an den pol­ni­schen Erst­li­gisten Górnik Zabrze. Doch auch dort gelangen dem Stürmer in zwölf Ein­sätzen ledig­lich drei Treffer. Ent­spre­chend erleich­tert dürften die Athener gewesen sein, als sich mit der VVV-Venlo im ver­gan­genen Sommer über­haupt noch einmal ein Verein fand, der eine Ablö­se­summe für Gia­ko­umakis zahlte: 200.000 Euro.

Doch Venlos Sport­di­rektor Stan Valckx war über­zeugt: Geor­gios ist ein groß gewach­sener Mit­tel­stürmer, der den­noch schnell ist. Genau der Typ Angreifer, den wir gesucht haben. Ein Spieler, der per­fekt in unser Spiel­system passt,“ lobte Valckx seine Neu­ver­pflich­tung als die Tinte unter dem Ver­trag getrocknet war. Im Früh­ling 2020 war er extra nach Polen gereist, um Gia­ko­umakis vor Ort zu beob­achten. Dort kam er aller­dings wegen Coro­na­auf­lagen nicht ins Sta­dion und musste schließ­lich das Spiel in einem Café ver­folgen. Anschlie­ßend traf sich der Sport­di­rektor mit dem Stürmer. Dass er mir so viel Zeit opferte, hat mich beein­druckt“, sagte Gia­ko­umakis später.

Und auch Valckx war beein­druckt. Nicht von Gia­ko­umakis’ Zahlen. Wenn er sich nur die ange­schaut hätte, wäre der Grieche wohl nicht in Venlo gelandet, gab der Sport­di­rektor jüngst zu. Doch der Stürmer hatte mehr zu bieten als schlechte Sta­tis­tiken: Meis­tens befindet sich der Ball in unserer Spiel­hälfte. Des­halb haben wir einen großen Stürmer gesucht, der den Ball halten kann und der hart arbeitet.“ Zudem ließ sich der dama­lige Chef­trainer Hans De Koning vom Tor­jubel des Grie­chen beein­dru­cken. Denn statt die Tore alleine zu feiern, rannte Gia­ko­umakis oft auf seine Mit­spieler zu und bedankte sich bei ihnen – ein Team­player. Der Mut, auf einen Torlos-Stürmer zu setzen, sollte sich für Valckx und De Koning schon bald aus­zahlen – und wie.

Bereits in seinem ersten Spiel in der Ere­di­visie erzielte Gia­ko­umakis einen Drei­er­pack. Dann ging es Schlag auf Schlag: Der Kreter traf wie am Fließ­band. Nur zum Ende der Saison fielen die Tore nicht mehr so häufig, auch auf­grund klei­nerer Ver­let­zungen. Den­noch lan­dete er mit 26 Tref­fern aus 30 Spielen auf dem ersten Platz der Tor­schüt­zen­liste und wurde im März mit seiner ersten Beru­fung in die grie­chi­sche Natio­nal­mann­schaft belohnt.

Die Gründe für den Erfolg

Doch warum klappt es plötz­lich für Gia­ko­umakis, einen Spieler, der schon als geschei­tert galt? Die Bel­etage bestecht durch sehr offen­siven Fuß­ball, wohin­gegen es in Län­dern wie Grie­chen­land und Polen eher darum geht, kein Tor zu kas­sieren“, sagte Sport­di­rektor Valckx gegen­über 1Limburg. Zudem hat sich der Stürmer offenbar gründ­lich auf die Ere­di­visie und Venlo vor­be­reitet: Er nannte die Namen aller Venlo-Spieler und wusste, wer kommen und wer gehen würde“, erzählte Valckx über sein Treffen mit dem Spieler. Ich ver­folge den nie­der­län­di­schen Fuß­ball bereits mein Leben lang“, beteu­erte auch Gia­ko­umakis selbst. Er möge den offen­siven Spiel­stil der Ere­di­visie. Zumal der Kreter in Venlo keinen Druck“ spüre, wie er im Gespräch mit einem hei­mi­schen Radio­sender ver­riet.

Den 26-Jäh­rigen zeichnen eine gute Abschluss­technik und seine Kopf­ball­stärke aus. Er ist immer im Sech­zehner, immer darauf erpicht, ein Tor zu schießen“, so Offen­siv­trainer Frank Demouge gegen­über der Neuen Zürcher Zei­tung. Damit passt er gut in eine Mann­schaft, die ohnehin gern auf Flanken und Kopf­bälle setzt. Laut Sta­tis­tiken von WhoScored​.com gewann nur For­tuna Sit­tard in der abge­lau­fenen Spiel­zeit pro Spiel mehr Kopf­ball­du­elle. Aber nicht nur auf­grund seiner Kopf­ball­stärke sind längst auch andere Ver­eine auf den plötz­lich so treff­si­cheren Stürmer auf­merksam geworden. Als bereits im Winter die ersten Ange­bote aus dem Aus­land kamen, lehnte Gio­a­ko­umakis aller­dings noch höf­lich ab: Venlo hat mir die Chance gegeben, mich als Fuß­baller zu finden. Nun will ich dazu bei­tragen, dass der Klas­sen­er­halt gelingt“, so der Stürmer. Nun, das ist nicht gelungen. Immerhin könnte er seinem Verein durch einen Ver­kauf aber ein paar fri­sche Mil­lionen als Start­ka­pital für den Wie­der­auf­stieg bescheren. Zumin­dest ist es unwahr­schein­lich, dass der Tor­schüt­zen­könig nächste Saison in der zweiten nie­der­län­di­schen Liga kicken wird.