Otto Pfister, bis­lang gab es in Bra­si­lien nur einen ein­zigen Sieg für ein afri­ka­ni­sches Team. Sind Sie über­rascht?
Nein, kei­nes­falls. Es war absehbar, dass die afri­ka­ni­schen Teams in Bra­si­lien chan­cenlos sein werden. Ich glaube, dass alle fünf Mann­schaften bereits in der Vor­runde schei­tern werden.
 
Dabei wird schon seit vielen Jahren davon gespro­chen, dass die Zeit reif sei für den ersten Welt­meister aus Afrika.
Die Leute, die so etwas sagen, haben keine Ahnung. Es man­gelt an der dafür nötigen Infra­struktur – und am Geld. Zum Bei­spiel für ein ordent­li­ches Trai­nings­lager. Die Vor­aus­set­zungen sind ganz anders als bei­spiels­weise bei der deut­schen Mann­schaft. Die kann sich pro­fes­sio­nell auf das Tur­nier vor­be­reiten. Es wird sogar ein Hotel für die Fami­lien der Spieler gebucht. Und wenn es den Buben mal lang­weilig wird, fährt man zum Formel-1-Rennen nach Monaco – wie in der Vor­be­rei­tung auf die EM 2012. Dazu kommt aber noch etwas ganz anderes: Die afri­ka­ni­schen Teams, die bei der WM in Bra­si­lien dabei sind, haben ein Genera­tio­nen­pro­blem. Nehmen wir nur Kamerun. Volker Finke hat vier, fünf Spieler in seinen Reihen – zum Bei­spiel Song – die in ihren Ver­eins­mann­schaften kaum noch ein­ge­setzt werden. Und die jungen Spieler sind noch nicht so weit. Das gilt auch für Nigeria und Ghana.
 
Dabei gilt doch Afrika als schier uner­schöpf­li­ches Reser­voir für Nach­wuchs­ta­lente.
Diese Talente gibt es auch. Aber in Afrika tum­meln sich sehr viele Scouts. Und jeder Nach­wuchs­spieler will unbe­dingt nach Europa. Doch nur einige setzen sich dort wirk­lich durch. Wer es nicht schafft, ver­küm­mert in Europa und geht für den afri­ka­ni­schen Fuß­ball für immer ver­loren.
 
Haben es die natio­nalen afri­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­bände ver­säumt, ein funk­tio­nie­rende Nach­wuchs­system auf­zu­bauen?
Davon sind wir mei­len­weit ent­fernt. Es gibt ja nicht einmal Nach­wuchs­ligen. Die Buben kicken halt irgendwo herum, spielen aber nicht in regu­lären Mann­schaften. Es kostet Geld, eine sol­ches System auf­zu­bauen – und Geld ist nicht vor­handen. Nur wenn sich ein Team für die Welt­meis­ter­schaft oder den Afrika-Cup qua­li­fi­ziert hat, wird punk­tuell und kurz­zeitig Geld locker gemacht. Ich bin ja der­zeit im Sudan beschäf­tigt. Dort wird immerhin ver­sucht, eine U‑18-Liga auf­zu­bauen.
 
Es gibt doch auch euro­päi­sche Klubs, die in Afrika Aka­de­mien gegründet haben, um den Nach­wuchs vor Ort zu för­dern.
Das können Sie ver­gessen. Nehmen wir Red­bull Salz­burg, das in Ghana eine solche Aka­demie eröffnet hat. Und was ist daraus geworden? Nicht ein Spieler ist dabei her­aus­ge­kommen. Man hofft, mit geringem Auf­wand einen Dia­manten wie Eto’o oder Drogba zu finden und dann das große Geld damit zu machen. Aber dafür muss man halt auch etwas tun, pro­fes­sio­nelle Trainer ein­stellen und die ordent­lich bezahlen, das Ganze kon­trol­lieren und nicht sich selbst über­lassen. Letz­teres pas­siert aber in aller Regel. Mit einer Aus­nahme: die Aka­demie des Klubs Asec Mimosa in der Elfen­bein­küste. Dort wurden tat­säch­lich zwei pro­fes­sio­nelle Trainer ein­ge­stellt, die gute Arbeit leisten.
 
Manche Beob­achter spre­chen immer noch von einem modernen Skla­ven­handel mit afri­ka­ni­schen Talenten.
Skla­ven­handel? Ich weiß nicht. In Europa blüht doch auch das Geschäft mit Nach­wuchs­spie­lern. Aber natür­lich muss man mit einem jungen Men­schen aus Afrika anders umgehen, man darf ihn nicht ein­fach in eine Zwei-Zimmer-Woh­nung ste­cken, ohne dass ich jemand um ihn küm­mert – was leider immer noch häufig genug geschieht. Wie der FC Bayern Mün­chen sei­ner­zeit Sammy Kuf­four auf­ge­nommen hat, das war ein posi­tives Bei­spiel. Sammy stammte aus der U17-Natio­nal­mann­schaft, mit der ich Welt­meister wurde. Man hat ihn einer älteren Dame anver­traut, die sich rüh­rend um ihn küm­merte.


Neben der nicht vor­han­denen Nach­wuchs­ar­beit, scheint der afri­ka­ni­sche Fuß­ball auch unter der Ein­mi­schung der Politik erheb­lich zu leiden.
Daran wird sich in abseh­barer Zeit nichts ändern.
 
Warum?
Weil die natio­nalen Fuß­ball­ver­bände selbst kein Geld haben. Es fehlen die Ein­nahmen aus TV-Ver­trägen und dem ganzen Tra­lala. So ein Trai­nings­lager für einen 25-köp­fige Kader kostet ordent­lich Geld. Und wer soll das bezahlen? Da bleibt nur der Staat. Die Regie­rung fühlt sich ihrer­seits bei der Bevöl­ke­rung wieder unter Zug­zwang und setzt Trainer und Mann­schaft unter Druck – es ist ein Teu­fels­kreis. Nige­rias Staats­prä­si­dent hat doch tat­säch­lich vor der WM 2010 voll­mundig ver­spro­chen: Wir werden Welt­meister.“ Da kann man als Trainer eigent­lich nur noch mit Na dann, gute Nacht“ ant­worten. Wenn ein Bun­des­li­ga­trainer von Stress redet, kann ich nur lachen. Das ist doch ein Feri­enjob.
 
Warum muten Sie sich dann immer wieder diese schwie­rigen Auf­gaben mit all den Begleit­erschei­nungen zu?
Weil es mein Job ist, weil ich damit Beruf und Hobby ver­binden kann und immer wieder neue Länder, neue Men­schen und neue Kul­turen kennen lerne. Bei einem deut­schen Zweit­li­gisten als Trainer zu arbeiten? Das liegt außer­halb meiner Vor­stel­lungs­kraft.
 
Mit Nige­rias Ste­phen Keshi und Ghanas Kwesi Appiah sind bei der WM 2014 auch zwei afri­ka­ni­sche Trainer dabei. Ansonsten holt man sich gerne Füh­rungs­per­sonal aus Europa.
Nigeria hat für die WM 2010 den Schweden Lars Lager­bäck ein­ge­flogen und war bereit, für ein paar Monate viel Geld aus­zu­geben. Dann hat man gesehen, das funk­tio­niert nicht. Jetzt ver­sucht man es mit einem ein­hei­mi­schen Trainer. Und wenn der Erfolg aus­bleibt, wird man wieder auf einen aus­län­di­schen Trainer setzen. Gene­rell ist es so, dass es ein­hei­mi­sche Trainer in Afrika sehr, sehr schwer haben. Nir­gends trifft der Spruch Der Pro­phet im eigenen Land ist nichts wert“ mehr zu als im afri­ka­ni­schen Fuß­ball. Natür­lich hapert es auch an der Trai­ner­aus­bil­dung selbst. Kein Ver­band ist in der Lage oder dazu bereit, mal einen Trainer an die Sport­hoch­schule nach Köln zu schi­cken. Das kostet 40 oder 50.000 Euro. Lieber gibt man 700 oder 800.000 Euro für einen Euro­päer aus, der dann nach ein paar Monaten ent­lassen wird.
 
Was bei der WM-Vor­be­rei­tung afri­ka­ni­scher Teams nicht fehlen darf, ist der Prä­mi­en­streit – diesmal traf es Kamerun und Nigeria. Was halten Sie davon?
Ich kann die Spieler ver­stehen. Da werden ihnen nach einer erfolg­rei­chen Qua­li­fi­ka­tion Zusagen gemacht und dann nicht ein­ge­halten. Für einen Drogba, Eto’o oder Ade­bayor spielen 100.000 Euro keine Rolle. Aber für einen Spieler, der bei einem Verein in Togo oder Nigeria unter Ver­trag steht, sieht das ganz anders aus.
 
Sie selbst haben 2006 als Trainer von Togo eben wegen sol­cher Que­relen unmit­telbar vor dem ersten Spiel das WM-Quar­tier ver­lassen…
… weil ich auf die Funk­tio­näre Druck aus­üben wollten. Und dann sind die ver­spro­chen Prä­mien ja auch aus­be­zahlt worden. Also kehrte ich wieder zur Mann­schaft zurück.
 
Die afri­ka­ni­schen Fuß­ball­funk­tio­näre sind ein eigenes Thema…
…zu dem ich nichts sagen will, weil ich sonst ein paar Klagen am Hals habe.
 
Wel­cher afri­ka­ni­schen Fuß­ball­na­tion trauen Sie für die Zukunft am meisten zu?
Das ist ganz schwer zu sagen. Süd­afrika ver­fügt über die mit Abstand beste Infra­struktur und eine Pro­fi­liga. Aber Süd­afrika hat keine guten Spieler. Nigeria hätte rein fuß­bal­le­risch das nötige Poten­zial. Doch die haben Krieg im eigenen Land.
 
Und Ghana?
Hat eben­falls über­durch­schnitt­liche Talente. Doch die Infra­struktur ist auch hier mehr als bescheiden. Das Land ist zum vierten Mal bei einer WM dabei, ver­fügt aber nur über zwei ver­nünf­tige Fuß­ball­plätze.
 
Anthony Baffoe ver­sucht in Ghana pro­fes­sio­nelle Struk­turen auf­zu­bauen.
Er zeigt guten Willen, ist aber in Europa geboren, wohnt in Köln und kämpft jetzt mit den Pro­blemen in Ghana, wenn er unten ist. Ich habe Tony früher auch mal trai­niert. Genauso wie den der­zei­tigen Natio­nal­trainer, Kwesi Appiah. Der ist nach der Nie­der­lage gegen die USA schon sehr unter Druck geraten – ich habe mit Leuten in Ghana tele­fo­niert. Das gab echt Trouble. Auch weil Appiah Boateng auf die Bank gesetzt hat. Ich bin gespannt wie viel Power Appiah hat, wie unab­hängig er ist. Dabei war es gegen die USA ein Spiel auf ein Tor. Die Ame­ri­kaner konnten ja eine halbe Stunde vor Schluss kaum noch laufen. Was mich schon sehr gewun­dert hat. Ich dachte, der Klinsi macht seine Jungs fit, mit irgend einem neuen System. Aber dass die so tot sind… Das Pro­blem war, dass Ghana gegen diese schwache ame­ri­ka­ni­sche Mann­schaft kein Tor geschossen hat.
 
Was kann Ghana gegen Deutsch­land aus­richten?
Ich kann mir nicht vor­stellen, dass die Mann­schaft dem deut­schen Tem­po­fuß­ball gewachsen ist. Wenn sie mich fragen: Ghana ist ohne jede Chance. Aber man weiß das ja vorher nie.