Es gibt einen Satz, auf den sich viele Fuß­ball­fans einigen können. Er lautet: Getrennt in den Farben, ver­eint in der Sache.“ Man hat ihn in den ver­gan­genen Jahren immer dann gehört, wenn die deut­schen Fuß­ball­an­hänger gegen Sicher­heits­kon­zepte oder Poli­zei­ge­walt pro­tes­tiert haben, wenn sie sich auf ver­eins- und fan­über­grei­fenden Kon­gressen trafen und über den Status quo der Fan­kultur dis­ku­tierten. Manchmal kam es vor, dass dabei Ver­treter vom 1. FC Köln und Bayer Lever­kusen, vom FC St. Pauli und dem HSV oder von Ein­tracht Frank­furt und dem 1. FC Kai­sers­lau­tern gemeinsam an einem Tisch saßen.
 
Wenn wir in den ver­gan­genen Jahren mit Fans aus­län­di­scher Klubs gespro­chen haben, rief dieses Sze­nario oft eine Mischung aus Ver- und Bewun­de­rung hervor. Ver­fein­dete Fan­lage, die sach­lich mit­ein­ander kom­mu­ni­zieren? Das schien in vielen aus­län­di­schen Fan­kurven uto­pisch. Auch des­halb war es für uns schwer vor­stellbar, dass Ultras von Bes­iktas, Gala­ta­saray und Fener­bahce jemals gemein­same Sache machen könnten. Schließ­lich zeigt sich die tür­ki­sche Fan­kultur oft ein biss­chen ernster, mit­unter radi­kaler und gewalt­tä­tiger als die in Nor­wegen, Frank­reich oder Eng­land. Zwar besteht seit 1997 ein Frie­dens­ab­kommen zwi­schen den Ultra­gruppen der großen Istan­buler Klubs, doch immer noch sterben bei Aus­ein­an­der­set­zungen Fans. Zuletzt im Mai 2013, als ein Fener­bahce-Fan von einem Gala­ta­saray-Anhänger ersto­chen wurde.
 
Wer waren diese Leute?
 
In diesem Sommer schien alles anders zu werden. Schon wenige Tage, nachdem die Pro­teste gegen die tür­ki­sche Regie­rung um Recep Tayyip Erdogan ent­facht waren, ver­brei­tete sich im Internet ein Bild, auf dem Fans der drei großen Istan­buler Klubs in trauter Ein­tracht auf der Bos­porus-Brücke stehen. Dar­über der Slogan Tayyip, do you know: Istanbul United!“
 
Wer waren diese Leute? Welche Rollen hatten sie in ihren Kurven? War dieses Bild Aus­druck einer all­ge­meinen Stim­mung unter Fuß­ball­fans? Oder war der Slogan doch nur durch Face­book und Co. medien- und PR-wirksam ver­breitet worden?
 
In der Folge berich­teten zahl­reiche Medien – auch 11freunde​.de – über die Rolle der Fuß­ball­fans bei den Pro­testen. Es ging um Kämpfe gegen die Polizei, um junge Gala­ta­saray-Fans, die Bes­iktas-Anhänger aus den Fängen der Polizei befreiten, um Fener­bahce-Ultras, die Gala­ta­saray-Fans die Augen aus­wu­schen. Um die Gruppe Carsi, Bes­iktas größte Ultra­gruppe, die an vielen Tagen die Pro­teste anführte, weil sie erprobt war im Kampf gegen die Polizei. Es ging um ver­einte Kräfte im Wider­stand gegen ein System, für den die Fans die ver­gan­genen Kriege ruhen ließen.

Zer­split­terte Fan­kurven
 
Doch so ein­fach war die Sache nicht. Denn Istanbul United“ – oder die Bericht­erstat­tung dar­über – ging von homo­genen Ultra­szenen aus. Von einem all­ge­meinen und kur­ven­über­grei­fenden Selbst­ver­ständnis, das die Regie­rung um Recep Tayyip Erdogan ablehnt. Wäh­rend sich aber Carsi gegen Erdogan posi­tio­niert, stehen die füh­renden Ultra­gruppen von Fener­bahce und Gala­ta­saray – Genc Fener­bah­ce­liler (GFB) und UltrAslan – der Regie­rungs­partei AKP nahe.

Die Kurven bei Gala­ta­saray und Fener­bahce sind bis heute zer­split­tert in Pro- und Anti-Erdogan-Frak­tionen, und seit die Saison wieder ange­fangen hat, kann man die Anti­poden in ihren Sta­dien deut­lich erkennen. Es kam immer wieder zu Hand­greif­lich­keiten zwi­schen den ver­schie­denen poli­ti­schen Lagern. Und mehr noch: Ultras von Gala­ta­saray und Fener­bahce zeigten sich sogar an der Seite der Staats­macht. Auf einem Foto sieht man sogar füh­rende Mit­glieder von UltrAslan und GFB neben Poli­zei­be­amten vor einer Wache posieren. Die Bes­iktas – Gruppe Carsi wer­tete dieses Bild als Schul­ter­schluss zwi­schen den Ultras der riva­li­sie­renden Klubs und der Staats­macht.

Bevor wir uns für die Repor­tage Der Kampf geht weiter“ (in 11FREUNDE #143) auf den Weg nach Istanbul machten, um über die trei­bende Kraft der Bes­iktas-Ultra­gruppe Carsi zu recher­chieren, spra­chen wir mit ver­schie­denen tür­ki­schen Jour­na­listen und Fuß­ball­an­hän­gern. Schon die ersten Nach­fragen ließen darauf schließen, dass ein Status quo wie Istanbul United“ vom Gros der Fans nicht gewünscht wird. Das ist beschä­mend“, schrieb ein füh­rendes Mit­glied von Gala­ta­sa­rays Gruppe UltrAslan auf Anfrage von 11FREUNDE. Ein anderer sagte: Es ist ein Mythos.“ Auch Ekin Öksuz, seit den acht­ziger Jahren Mit­glied von Carsi und seit Ende der Neun­ziger deren Deutsch­land-Ver­treter, sorgte sich. Ange­sichts der expli­ziten poli­ti­schen Posi­tio­nie­rungen der ver­schie­denen Ultra-Gruppen sah er sogar den Frie­dens­ver­trag von 1997 in Gefahr: Warten wir die Derbys ab“, sagte er. Es könnte alles noch viel schlimmer werden.“
 
War es Sonntag soweit? In der 92. Minute musste das Derby zwi­schen Bes­iktas und Gala­ta­saray abge­bro­chen werden, nachdem Gala­ta­sa­rays Felipe Melo die Rote Karte gesehen und mit einer pro­vo­zie­renden Geste den Platz ver­lassen hatte. In der Folge stürmten hun­derte Fans den Platz. Unge­klärt ist, was die Motive hinter den Aus­schrei­tungen waren. Waren sie poli­tisch moti­viert? War es reiner Hoo­li­ga­nismus?
 
Carsi hat dazu noch keine Erklä­rung raus­ge­geben. Es gibt aber aller­hand Theo­rien. Zunächst kann aus­ge­schlossen werden, dass Gala­ta­saray-Fans dahinter stehen, schließ­lich werden bei Istan­buler Derbys keine Aus­wärts­fans ins Sta­dion gelassen.

Wer steckt hinter den Ran­dalen vom Sonntag?
 
In einigen Medien ist von einer Gruppe namens 1453 Kar­t­allari die Rede, und auch tür­ki­sche Oppo­si­tio­nelle machen diese Gruppe für die Aus­schrei­tungen ver­ant­wort­lich. Dieser Fan­klub hat sich erst vor zwei Wochen gegründet. Sein Ziel: Ein Gegen­ge­wicht zu den linken Carsi-Fans zu schaffen, die in der jün­geren Ver­gan­gen­heit stell­ver­tre­tend für alle Bes­iktas-Fans standen. 1453 Kar­t­allari sym­pa­thi­siert mit der AKP und soll gemein­same Sache mit den großen Ultra­gruppen von Gala­ta­saray und Fener­bahce machen.
 
Ein Foto zeugt jeden­falls von einem Treffen, auf dem die UltrAslan- und GBF-Ultras der neuen rechts­ge­rich­teten Bes­iktas-Gruppe zu ihrer Grün­dung gra­tu­liert haben.
 
Aus einer anderen Ecke heißt es, dass 1453 Kar­t­allari vor den Spielen ange­kün­digt hätte, die 34. Minute nicht zu stören. In dieser Minute ertönt in den Sta­dien neu­er­dings der Schlachtruf: Überall ist Taksim, überall ist Wider­stand“. 34 steht für die Auto­kenn­zahl von Istanbul. Das Ver­hältnis sei durch die poli­ti­sche Aus­rich­tung nicht gestört, schließ­lich seien einige Mit­glieder von Carsi und 1453 Kar­t­allari mit­ein­ander bekannt. Carsi akzep­tierte daher auch die Bil­dung der Gruppe. Aus demo­kra­ti­schen Gründen“, heißt es. Diese Theorie würde bedeuten, dass 1453 Kar­t­allari über­haupt nichts mit den Ran­dalen am Sonntag zu tun habe, son­dern diese von mili­tanten Pro-Erdogan-Leuten initi­iert wurden, die es unab­hängig von Fuß­ball oder den Fan­gruppen nur darauf ange­legt hätten, als Agent Pro­vo­ca­teure eine Hoo­ligan-Dynamik zu ent­fa­chen.
 
Carsi selbst distan­ziert sich von den Aus­schrei­tungen. Man habe beim Spiel auf dem Tri­bünen-Ober­rang gestanden und hätte keine Chance gehabt, aufs Spiel­feld zu kommen.
 
So oder so: Der Regie­rung kommt es zupass, dass Bes­iktas die nächsten Spiele unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit aus­tragen muss. Weil das Inönü, das eigent­liche Sta­dion von Bes­iktas, gerade abge­rissen wird, finden die Spiele näm­lich ab kom­mender Woche im Sta­dion von Kas­im­pasa statt. Und einer der kom­menden Gegner heißt sogar Kas­im­pasa Spor. In diesem Stadt­teil, der an Taksim grenzt, hat Tayep Recep Erdogan die meisten Anhänger. Sogar das Sta­dion ist nach ihm benannt. Wenn in 90 Minuten einmal ein poli­ti­scher Slogan ertönt, will die Regie­rung den Ver­trag mit dem Klub kün­digen. Für das Spiel gegen Kas­im­pasa malen Polizei und Regie­rung seit Wochen ein Kriegs­sze­nario. Es könnte kra­chen, mehr noch als am Sonntag. Auch ohne Publikum.

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Für unsere Repor­tage über die Rolle der Bes­iktas-Ultras bei den Gezi-Pro­testen reisten wir für drei Tage nach Istanbul, trafen die füh­renden Mit­glieder von Carsi, linke Ultras von Fener­bahce und rechte Fans von Gala­ta­saray. Und wir spra­chen mit Anhän­gern, His­to­ri­kern und Buch­au­toren über die lange Geschichte der Fan-Kämpfe in der Türkei
 
Der Kampf geht weiter ­– die Rolle der Bes­iktas-Ultras bei den Gezi-Pro­testen“ in 11FREUNDE 143. Jetzt am Kiosk oder im App-Store.