Wer hätte gedacht, dass man die Fifa mal als Stimme der Ver­nunft wahr­nehmen würde? Der Fuß­ball-Welt­ver­band, der in der Ver­gan­gen­heit in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung vor allem für Gier und Kor­rup­tion stand, appel­lierte in einer Stel­lung­nahme an seine Mit­glieds­ver­bände, den gesunden Men­schen­ver­stand“ walten zu lassen. Und meinte damit kon­kret, von Strafen gegen Spieler wie Jadon Sancho, Marcus Thuram oder Weston McKennie, die sich mit dem von US-Poli­zisten getö­teten Afro­ame­ri­kaner George Floyd soli­da­ri­sieren, abzu­sehen.

Dass eine Bestra­fung über­haupt im Raum steht, ver­suchte der DFB am Montag aus­führ­lich zu erklären und berief sich dabei auf gel­tende Regeln, nach denen die Aus­rüs­tung der Spieler keine poli­ti­schen, reli­giösen oder per­sön­li­chen Slo­gans, Bot­schaften oder Bilder auf­weisen“ dürfe. Des­halb ermit­telt der DFB-Kon­troll­aus­schuss etwa gegen Weston McKennie und Jadon Sancho, nicht aber gegen Marcus Thuram, der sich nach seinem Tor gegen Union Berlin auf den Boden gekniet hatte.

Selbst­ver­ständ­lich ist das Spiel­feld der rich­tige Ort für Pro­test

Abseits dieser Para­gra­phen-Rei­terei war der Ver­band bemüht zu betonen, dass er sich mün­dige Spie­le­rinnen und Spieler wün­sche. Und natür­lich gegen Ras­sismus, Dis­kri­mi­nie­rung und jede Form von Gewalt ein­stehe. Auch Hans E. Lorenz, der Vor­sit­zende des DFB-Sport­ge­richts äußerte nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Kon­troll­aus­schuss das Thema mit Beson­nen­heit und Augenmaß behan­deln wird.“

DFB-Vize­prä­si­dent Rainer Koch hin­gegen gab zu bedenken, dass der Kon­troll­aus­schuss nun prüfen müsse, ob das Spiel und das Spiel­feld der rich­tige Ort für diese Hand­lungen sind.“ Ange­sichts der Auf­merk­sam­keit, welche die Bun­des­liga der­zeit welt­weit als eine der wenigen aktiven Sport­ligen erfährt, möchte man ihm zurufen: Selbst­ver­ständ­lich ist das der rich­tige Ort!“ Hash­tags in den sozialen Medien zu ver­breiten oder die Mann­schafts­ka­pi­täne vor den Spielen vor­ge­fer­tigte State­ments vor­lesen zu lassen, ist das eine. Sym­bol­träch­tige Bilder in die Welt zu senden, in denen sich gefei­erte Sport­stars klar gegen ras­sis­ti­sche Gewalt posi­tio­nieren, dürfte weitaus wir­kungs­voller sein. Das zeigt auch der Tenor der welt­weiten Schlag­zeilen, in denen die Gesten von Sancho und Co. als wich­tige Zei­chen gegen die besorg­nis­er­re­genden Zustände in den USA gewertet werden.

Das Miss­trauen ist haus­ge­macht

Die Chancen, dass dies auch der DFB ein­sieht und wegen der Aktionen keine Strafen ver­hängt, stehen gut. Das Pro­blem ist, dass viele dem Ver­band ohne Wei­teres zutrauen würden, seine eigenen Anti­ras­sismus-Kam­pa­gnen durch eine klein­geis­tige Sank­tio­nie­rung der Spieler zu kon­ter­ka­rieren. Um dieses Miss­trauen zu begründen, muss man gar nicht bis ins Jahr 2014 zurück­gehen, als der DFB beim Trai­ning der Natio­nalelf den Schriftzug Kein Fuß­ball den Faschisten“ teil­weise ver­deckte. Man muss auch nicht zurück in den Februar dieses Jahres gehen, als Ver­bands­prä­si­dent Fritz Keller im ZDF-Sport­sudio davon fabu­lierte, dass Ras­sismus in den Nie­der­landen und Eng­land schon länger ein Pro­blem sei als in Deutsch­land.

Nein, um das Miss­trauen gegen­über dem DFB in dieser Ange­le­gen­heit zu recht­fer­tigen, genügt ein Blick auf den ver­gan­genen Samstag. Wie Weston McKennie in einem Inter­view mit dem Forbes-Magazin offen­barte, for­derte ihn Schieds­richter Felix Zwayer wäh­rend des Spiels auf, seinen Binde mit der Auf­schrift Jus­tice for George Floyd“ abzu­nehmen. Der US-Ame­ri­kaner wei­gerte sich. Felix Zwayer ist übri­gens nicht nur DFB-Schieds­richter, son­dern pfeift auch für die Fifa. Man kann nur hoffen, dass der vom Welt­ver­band gefor­derte gesunde Men­schen­ver­stand nicht nur den DFB, son­dern auch seine Schieds­richter erreicht.