Auf unvor­her­ge­sehen Weise sind Ein­tracht Frank­furt und der FC Bayern Mün­chen am Samstag gleich zweimal gegen­ein­ander ange­treten. Das erste Mal ver­ab­re­dungs­gemäß zum Bun­des­li­ga­spiel, das die Ein­tracht nach groß­ar­tiger Leis­tung mit 2:1 gewann. Den zweiten Treffer erzielte Amin Younes durch ein Traumtor, danach lief er zur Sei­ten­linie und hielt ein Shirt hoch, auf dem der Name und das Kon­terfei von Fatih Sara­çoğlu zu sehen war. Der 34-Jäh­rige war genau ein Jahr zuvor in Hanau auf offener Straße von einem Ras­sisten erschossen worden – gerade mal 25 Kilo­meter vom Wald­sta­dion ent­fernt. Er war einer von acht jungen Män­nern und einer jungen Frau, die damals getötet wurden. Sie hießen Gökhan Gül­tekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Has­hemi, Mer­cedes Kier­pacz, Hamza Kur­tović, Vili-Viorel Păun, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov, und Ein­tracht Frank­furt hatte sich der Aktion #saytheir­n­ames ange­schlossen. Beim Warm­ma­chen vor dem Spiel trugen die Profis der Ein­tracht ihre Namen und ihre Gesichter auf den Tri­kots, damit die Namen der Ermor­deten nicht ver­gessen werden.

Es bringt die Opfer nicht zurück. Aber die Fami­li­en­an­ge­hö­rigen sollen wissen, dass wir an sie denken.“

Amin Younes

Das passte in eine inzwi­schen fast 30 Jahre lange Frank­furter Tra­di­tion von glaub­haftem Anti­ras­sismus, die 1992 mit der legen­dären Fan-Aktion United Colors of Bem­bel­town“ begann. Mit Peter Fischer als Prä­si­denten der Ein­tracht ver­kör­pert das über­zeu­gend auch der Verein. Doch wirk­liche Größe bekam die Aktion dadurch, dass es Younes im Moment seines sport­li­chen Tri­um­phes ein Anliegen war, an jene zu denken, für die dieser Tag ein Tag der Trauer ist. Es bringt die Opfer nicht zurück. Aber die Fami­li­en­an­ge­hö­rigen sollen wissen, dass wir an sie denken“, sagte Younes. Aus diesen Sätzen des kleinen Dribblers sprach Mit­ge­fühl und Mensch­lich­keit.

Es fiel schwer, nicht daran zu denken, als einige Stunden später Karl-Heinz Rum­me­nigge zu Gast im Aktu­ellen Sport­studio war. Vom gut vor­be­rei­teten Mode­rator Jochen Breyer höf­lich aber mit Nach­druck befragt, offen­barte sich der Vor­stands­vor­sit­zende des FC Bayern näm­lich als bemer­kens­wert wenig empa­thisch und zudem intel­lek­tuell mit­unter erschre­ckend. Trotz der ver­gleichs­weise guten Situa­tion des Berufs­fuß­balls schlug er einen durch­ge­henden Jam­merton an. In der Frage, warum Fuß­ball­mann­schaften mitten in der Pan­demie durch Europa sausen müssen, um gegen Teams aus Hoch­ri­siko-Regionen spielen zu können, ver­steckte sich Rum­me­nigge hinter der Uefa. Dass er die Men­schen­rechts­ver­let­zungen des Bayern-Geschäfts­part­ners Katar mit dem Ver­weis auf eine andere Kultur in Katar“ rela­ti­vieren wollte, kon­terte Breyer zu recht mit: Men­schen­rechts­ver­let­zungen sind keine Kultur.“ Sie sind näm­lich uni­versal, gelten für jeden Men­schen.

Ein­tracht Frank­furt leistet sich Moral

Auf die rich­tige Frage von Breyer Warum leistet sich der große FC Bayern nicht mehr Moral?“, fiel Rum­me­nigge außer einem ver­suchten The­men­wechsel nichts mehr ein. Und so standen sich gefühlt noch einmal die Bayern und die Ein­tracht gegen­über. Dass Amin Younes nach seinem Tor den Wunsch hatte, an die Opfer des ras­sis­ti­schen Mordes zu erin­nern, ent­sprach einer­seits seinem inneren Bedürfnis. Aber er tat das auch in einem Umfeld, wo er das nicht nur tun darf, son­dern wo es sogar erwünscht ist. Ein­tracht Frank­furt leistet sich näm­lich Moral. Schließ­lich gibt es genug Leute, die das ablehnen, weil sie der Ansicht sind, dass Politik im Sta­dion nichts zu suchen hat. Obwohl es nicht um Politik geht, son­dern um Mensch­lich­keit.

Die Nie­der­lage des FC Bayern auf diesem Feld war schlimmer als jene auf dem Rasen. Denn die Zeiten, in denen Pro­fi­klubs nur dazu da sind, in einer Blase Fuß­ball­siege her­stellen, gehen dem Ende ent­gegen. Inzwi­schen sind Hal­tungen erwünscht – und Gesten. Und da inzwi­schen Groß­me­dien sogar die Geste des Jahres“ aus­zeichnen, kann der nächste Preis­träger eigent­lich nur Amin Younes heißen.