Man sagt, dass vor dem Ableben vor dem geis­tigen Auge das ganze Leben noch einmal vor­bei­zieht. Bei Fans von Man­chester City werden es wahr­schein­lich diese drei Minuten sein, die am Sonntag die eng­li­sche Meis­ter­schaft ent­schieden. Jene Minuten, an denen es hing, ob die Blues ihren herbsten Tief­schlag oder den größten Moment erlebten. Ob sie gegen zehn Mann eines Fast-Abstei­gers am letzten Spieltag die Meis­ter­schaft ver­spielen oder nach 44 Jahren wieder den Titel gewinnen würden.

Zwei Minuten der fünf Minuten Nach­spiel­zeit waren vor­über, als der ein­ge­wech­selte Edin Dzeko den 2:2‑Ausgleich gegen die Queens Park Ran­gers köpfte. Doch weil der Stadt­ri­vale und Kon­kur­rent um die Meis­ter­schaft, Man­chester United, sei­ner­seits sein Spiel gewann, bedurfte es für City in den ver­blei­benden Minuten eines cham­pi­onship win­ning goal“, eines Tref­fers für die Ewig­keit. In einem Spiel, in dem sie fast über die gesamte Zeit erfolglos ange­rannt waren, bei 19:0‑Ecken, 35:3‑Torschüssen und 62 Pro­zent Ball­be­sitz. Und in dem sie, so kurios wie nur mög­lich, lange mit 1:2 hinten lagen.

Es sind die Momente, die den Fuß­ball unka­puttbar machen. Eine Meis­ter­schaft, die an einem Tor hängt. Und mit ihr ver­bunden die Sehn­sucht der Citi­zens, ein 44-jäh­riges Trauma zu ver­bannen. Schon wäh­rend des Spiels hatten einige Fans auf den Rängen ihre Tränen nicht zurück­halten können.

In der vierten Minute der Nach­spiel­zeit kochte dann die Fabrik der Endor­phine über, als in einem letzten Angriff von City der am Boden lie­gende Mario Balo­telli den Ball zu Sergio Agüero wei­ter­lei­tete. Diego Mara­donas Schwie­ger­sohn klebte mit einem Rechts­schuss zum 3:2 seine Auf­nahme fuß­bal­le­ri­scher Unsterb­lich­keit ins Fami­li­en­album. Die City-Fans und ‑Spieler fielen über­ein­ander her, Trainer Roberto Man­cini war nicht mehr ein­zu­fangen. Zwei Worte reihte der Ita­liener nach dem Spiel atemlos anein­ander und hätte es nicht besser aus­drü­cken können: Foot­ball… incredible.“

Zwei Tore in der Nach­spiel­zeit – auf die Man­chester United eigent­lich ein Patent hatte – bescherten den Citi­zens den Meis­ter­titel. Ein Verein, der durch die Mil­lionen eines Scheichs Spieler aus aller Welt gekauft hatte, die ein etwa gleich­großes Maß an Ego­zen­trik wie Talent auf­wiesen.

Ob Mario Balo­telli oder Carlos Tevez – City hätte eigent­lich einen Elek­triker beschäf­tigen müssen, weil irgendwem immer die Siche­rungen durch­brennen konnten. Auch im Spiel gegen die abstiegs­ge­fähr­deten Queens Park Ran­gers deu­tete sich das Men­ta­li­täts­pro­blem an, das dem Team in der Saison den Vor­sprung im Titel­rennen gekostet hatte.

Nach einer Roten Karte gegen QPR-Kapitän Joey Barton wegen einer (besser: zwei) Tätlichkeit(en) spielten die Blues ideen- und espritlos, sie schleppten sich träge gen geg­ne­ri­sches Tor und kas­sierten in Unter­zahl das 1:2. Paddy Kenny im Tor der Gäste pritschte die Bälle recht unkon­ven­tio­nell durch den Straf­raum und die Ran­gers-Ver­tei­diger köpften annä­hernd hun­dert Flanken aus der Gefah­ren­zone. Selbst den Anstoß nach dem 2:2 schossen sie mit Voll­spann ins Aus.

Nicht mal fünf Pro­zent des Spiels fanden in Citys Hälfte statt, nur dreimal schoss QPR aufs Tor. Doch Man­chester fand kein Mittel. Es war wie ein Box­kampf zwi­schen Vitali Klitschko und Her­bert Feu­er­stein, bei dem Klitschko sekünd­lich ins Leere schlägt.

Doch dann sorgten die Treffer von Dzeko und Aguero in letzter Sekunde für die Wende. Citys große Helden des letzten Tri­um­phes wie Mike Sum­merbee und Francis Lee trugen die Tro­phäe aufs Feld, der ehe­ma­lige Ham­burger Vin­cent Kom­pany, Schütze des Sieg­tores gegen United, stemmte sie in die Luft. Es war zum einen der Tri­umph eines zusammen gekauften Star­ensem­bles mit unglaub­li­cher indi­vi­du­eller Klasse. Zum anderen aber der Kairos für die City-Fans, die in der Zeit der 44-jäh­rigen Titel­ab­sti­nenz durch die Tiefen der Dritt­klas­sig­keit gegangen waren. Ein Fan reckte unter Tränen ein Plakat in die Höhe. Darauf zu lesen war eine Anspie­lung auf einen Spruch, mit dem die Blues jah­re­lang ver­höhnt wurden: Never in my life­time.“