Du bleibst hier?,“ fragt Ver­lags­prak­ti­kantin Lena ent­geis­tert. Sie trägt ein Trikot der Natio­nal­mann­schaft und hat schwarz-rot-gol­dene Schminke im Gesicht. Bist du auch so ein Deutsch­land-Hasser?“

Ich ant­worte wahr­heits­gemäß, dass ich mal sehr unge­halten war über die DFB-Aus­wahl und ihr in der Tat lange Zeit nur das Schlech­teste gewünscht habe, dass ich damals aber auch beschmierte Leder­ja­cken und zer­ris­sene Kla­motten trug, dass sich seither viel geän­dert hat, nicht zuletzt die vor­herr­schenden Cha­rak­ter­ei­gen­schaften der Fuß­baller, die für die Natio­nalelf auf­laufen dürfen, dass mein Groll sich spä­tes­tens dann gelegt hat, als ich einige dieser Natio­nal­spieler per­sön­lich ken­nen­lernte, dass ich also ganz sicher kein Hasser bin, es mir aber, so viel muss ich zugeben, recht gleich­gültig ist, ob das Team gewinnt oder ver­liert.

Außerdem muss ich noch ein biss­chen was machen, des­wegen schaue ich mir das Spiel lieber hier im Büro als im WM-Quar­tier an“, beende ich meine detail­lierten Aus­füh­rungen, die sicher ein paar Minuten länger dau­erten, als die unge­dul­dige junge Dame gehofft hat. Ich will schon gehen, da fällt mir noch etwas ein. 

Wieso ›auch‹?,“ frage ich. Bleibt noch jemand hier?“

Ja, Flo­rian“, ant­wortet Lena. Der hasst die Natio­nal­mann­schaft.“

Die Ein­sam­keit der Redak­teure

Flo­rian ist ein 24-jäh­riger Stu­dent aus Leipzig und seit fast drei Monaten Redak­ti­ons­prak­ti­kant. Auf dem Weg in mein Büro schaue ich kurz bei ihm rein, weil der Fak­ten­check eine Berufs­krank­heit ist. Es stimmt, Flo­rian hat nicht vor, das Spiel im Quar­tier zu schauen. Um genau zu sein, hat er über­haupt nicht vor, es sich anzu­sehen, nicht mal am Büro­com­puter. Auch in seinem Fall hat das aber eher mit Des­in­ter­esse zu tun als mit einem Gefühl tiefer Abnei­gung, wenn­gleich Oliver Bier­hoff einen außer­ge­wöhn­lich unsym­pa­thi­schen Ein­druck auf Flo­rian macht. Er (Flo­rian, nicht Bier­hoff) ist ein­fach genervt von der Mar­ke­ting-Maschi­nerie der Natio­nalelf und kann außerdem mit den Schland-Fans nichts anfangen, die bei Tur­nieren die öffent­li­chen Plätze bevöl­kern.

So sind Flo­rian und ich also etwa eine Stunde später die ein­zigen Redak­teure, die sich noch im Gebäude befinden. Ich beschäf­tige mich intensiv mit Flucht- und Her­den­tieren, weil ich für das Bun­des­liga-Son­der­heft an einem Text über lebende Mas­kott­chen sitze, die in den Sech­zi­gern groß in Mode waren. Kurz vor 16 Uhr schalte ich den alten iMac ein, den wir extra für diesen Zweck her­an­ge­schleppt haben, und starte den Live­stream des ZDF.