Plötz­lich stand der, dem sie hier viele Namen geben, nur nicht seinen echten, in der urigen Schank­stube und fragte: Do you have a water for me?“ Es war wie eine Begeg­nung der dritten Art. Wirtin Christl Ester­mann blieb cool und ant­wor­tete freund­lich: Yessss!“ Mit langem S am Ende, das gleich­zeitig ein Lachen über ihr schlechtes Eng­lisch, urbay­ri­sches Miss­trauen gegen jede Form von Obrig­keit und einen Hauch von Dank­bar­keit bedeu­tete. Es war der ein­zige Besuch von Hasan Ismaik im wind­schiefen Beisl an der Grün­walder Straße. Des Jor­da­niers, der den TSV 1860 mit rund 25 Mil­lionen Euro vor der Insol­venz bewahrte und seither zwei Drittel der Klub­an­teile hält. Im Löwen­stüberl, dort wo das Herz des Sech­zger-Anhangs wie eh und je gleich­mäßig schlägt.

Der Scheich trank sein Wasser und kam nie wieder. Die Zeiten, zu denen hier der Bier­schaum auf den Krügen im lauen Bun­des­li­ga­wind flat­terte, sind lange vorbei. Son­nen­könig Karl-Heinz Wild­moser hat das Zeit­liche gesegnet, die Fotos über seinem Stamm­platz ver­gilben. Mit ihm verzog sich auch die Amigo-Gemüt­lich­keit von den Trai­nings­plätzen. Der Scheich“, der keiner ist, blieb wie so viele, die seit Wild­moser in der 1860-Füh­rungs­etage wirkten, für die Kie­bitze und ihre Königin am Zapf­hahn ein Mys­te­rium. In 18 Jahren in der Bier­stube, die wie ein Leberkäs in zwei Sem­mel­hälften gequetscht zwi­schen Geschäfts­stelle und Trai­nings­platz liegt, hat Ester­mann ein Skur­ri­li­tä­ten­ka­bi­nett erlebt. Als Falko Götz 2004 kurz vorm Abstieg ent­lassen wurde, hatte er noch 30 Euro auf dem Deckel. Als sie das Geld anmahnte, über­wies er und schickte eine Packung Tempos – zum Trocknen der Abstiegs­tränen. Ewald Lienen beschwerte sich, die Gäste mögen gefäl­ligst wäh­rend des Trai­nings das Rau­chen unter­lassen, seine Spieler bekämen keine Luft. Und am Tag, als die Polizei Karl-Heinz Wild­moser in Hand­schellen aus der Geschäfts­stelle führte, brachte Ester­mann ihm einen Sechzger-Tep­pich in die U‑Haft. Die Mecker­r­entner hier nennen sie zärt­lich Mutter The­resa“. Das Chaos, das seit Ewig­keiten bei Sechzig tost, erscheint an einem heißen Sonntag im Juli 2012 Licht­jahre ent­fernt. Es ist trai­nings­frei, die Tische sind spär­lich besetzt. Ein Mann mit Glatze bestellt A Maß blei­frei“. Stamm­gast Charly ist auch nicht da, er ist schon über 80, ihm geht’s nicht gut. Wenn die Mann­schaft trai­niert, zeigt er Profis, die sich nicht genug schinden, nach der Ein­heit die Gelbe oder Rote Karte.

Wirtin Christl Ester­mann bat Uli Hoeneß um Hilfe

Bedie­nung Gisela braucht einen Fünf­ziger gewech­selt. Sie fragt bei der Hand­voll Gästen, drei Herren ziehen Scheine aus den Börsen und wedeln damit in der Luft. Christl Ester­mann sagt: Schaun S’, alle hams a Geld, nur die Sechzger, die hams net.“ Die Wirtin sitzt in hell­blauen Strass­bal­le­rinas im Wild­moser-Eck und liest Zei­tung. Die Ränder ihrer schwarzen Ray-Ban schim­mern wie der bay­ri­sche Himmel. Die blau­la­ckierten Fin­ger­nägel greifen in eine Schale mit Nüssen. Als vor 14 Monaten die Mel­dung aus der Geschäfts­stelle rüber­schwappte, dass bei 1860 die Lichter aus­gehen könnten, ist sie rüber zur Säbener Straße gefahren und hat gewartet, bis Uli Hoeneß das Gelände ver­lässt. Als er in die Aus­fahrt bog, stellte sie sich in den Weg und rief: Ich bin die Wirtin von den Löwen.“ Hoeneß gab sich volksnah: Ich weiß schon, wer Sie sind.“ Ester­mann bat, er möge doch helfen. Der Bayern-Boss mochte nicht Nein sagen, also ant­wor­tete er: Es wird schwer.“ Dann tauchte über Nacht der Scheich“ auf, der unter den Stüberl-Stamm­gästen wahl­weise als Hasan“, Hus­sein“, Ismael“ oder als ein gewisser Herr XY aus Z“ fir­miert, und gab dem Klub das ret­tende Dar­lehen, das nur im Erfolgs­falle rück­zahlbar ist. Was genau er sich davon erhofft, hat er nie erläu­tert. Seitdem schießen die Ver­schwö­rungs­theo­rien ins Kraut. Die Wiesn-Combo Rock­a­holix Buam lan­dete beim Okto­ber­fest einen Hit mit dem schwarz­hu­mo­rigen Gaga-Reim: Mia ham an Scheich / der ist so reich / und seitdem ist uns alles gleich / weil mir wieder flüssig san / und jetzt pack mers wieder an.“ Christa Ester­mann weiß: Alle fragen sich, was plant der? Die Fans warten auf den großen Knall.“

Es sind Men­schen wie Franz Hell, der heuer in seine 50. Saison als Löwen-Fan geht. Als er 1963 mit neun Jahren das erste Mal mit seinem Vater ins Grün­walder Sta­dion kam, war der Klub noch eine feste Größe im deut­schen Fuß­ball. Das Stüberl ist für ihn ein Stück Heimat, Oase der Ruhe und ein letztes Idyll des Arbei­ter­mi­lieus, in dem Sechzig einst groß wurde. Die Nach­sicht, die Hell mit den Launen seines Klubs walten lässt, zeigt die Lei­dens­fä­hig­keit, die ein Groß­teil des Sechzger-Anhangs besitzt. Mit zwei Kum­pels hat er seit 1970 fast alle Spiele der Profis besucht. Er sagt leise: Ich schau halt alles an – solang’s die Gesund­heit zulässt.“ Für ihn war das Geld des Jor­da­niers nicht mehr als das ret­tende Seil für einen Ertrin­kenden. Es gab keine Alter­na­tive. Und sollte Sechzig auf abseh­bare Zeit keine Gewinne erwirt­schaften, müsse der Klub doch auch nichts zurück­zahlen. Hells Rech­nung: 100 Pro­zent von nix, bleibt nix!“ Zumal sich kaum ein Klub beim Kumu­lieren von Nega­tiv­bi­lanzen so gut aus­kennt, wie die Weiß­blauen aus Gie­sing. Sechzig“, so Franz Hell, ist auch der Ver­such, es immer wieder zu ver­su­chen.“ Die Hoff­nung, zu seinen Leb­zeiten noch mal erste Liga zu spielen, hat er noch nicht auf­ge­geben.

Was plant er nur, dieser Mr. XY aus Z?

Ihm auf der Holz­bank gegen­über sitzt Stefan Markt und trinkt aus einem Löwen-Pott Kaffee. Er ist aktives Mit­glied der Initia­tive Pro 1860“ und wurde Fan, als die besof­fenen Löwen-Anhänger 1989 beim Aus­wärts­spiel in seinem Hei­matort Amp­fing im Regen den Gras­wall run­ter­ku­gelten. So wollte er auch werden. Markt ist zu jung, um dem Klub wie Hell ständig aufs Neue zu ver­zeihen. Ich hab“, sagt er, das Resi­gnieren auf­ge­geben.“ Er hasse die Roten bis aufs Blut. Seit sein Verein in der Frött­ma­ninger Arena nur noch Mieter ist, geht er nicht mehr zu Heim­spielen. Weil er sein Geld nie­mals dem Feind von der Säbener in den Rachen schmeißen würde. Seit Ismaik 60 Pro­zent der Anteile an der Pro­fi­ab­tei­lung hält, ist die emo­tio­nale Bin­dung zum Lizenz­team für ihn kom­plett gekappt. Auf der Dele­gier­ten­ver­samm­lung hat Markt den 1860-Prä­si­denten Dieter Schneider gefragt, wie der Jor­da­nier das Geld, das er Sechzig gestundet habe, eigent­lich ver­diene. Ein Kumpel habe im Urlaub in Dubai nach einer von Ismaiks Firmen gesucht und unter der ange­ge­benen Adresse nur einen Brief­kasten gefunden. Schneider wies Markt brüsk zurecht: Das geht sie über­haupt nichts an!“

Markt kennt die Tricks der Bier­tisch­po­litik. Er sti­chelt gern und feixt sich eins. Was, wenn der Scheich ent­scheide, dass der Klub fortan in pinken Shirts mit einem Kamel als Wappen auf­läuft? Es ist die Frage aller Fragen: Was plant er nur, dieser Mr. XY aus Z? Bedie­nung Gisela will gerade eine Spezi abstellen, doch sie muss Markt mit gespielter Ent­rüs­tung auf den Oberarm boxen. Hörst jetzt auf?!“ Beide wissen, dass ihre Löwen nicht mehr maro­die­rend durch die Steppe ziehen, son­dern wie betagte Zir­kus­at­trak­tionen von wech­selnden Domp­teuren durch die Manege gescheucht werden. Doch hier am Stüberl herrscht auch die Gewiss­heit, dass es irgendwie schon wei­ter­geht. Ob mit oder ohne Scheich. Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr …“, pustet Christel Ester­mann zwi­schen zwei Ziga­ret­ten­zügen aus. Wär nur nett, wenn der nächste Boss wieder mal a Maß mit­tränke.