Es sind gerade einmal 18 Sekunden in der zweiten Halb­zeit der Europa League-Play-Off-Partie gegen den Gras­shopper Club Zürich gespielt, als Mario Gomez allein vor dem geg­ne­ri­schen Tor­hüter auf­taucht, an diesem vor­bei­zieht und der Ball einen Wim­pern­schlag später im Netz landet, unter Mit­hilfe von Zürichs Ver­tei­diger Grich­ting.

Mario Gomez‘ ver­meint­lich erster Treffer gleich im ersten Pflicht­spiel für die Fio­ren­tina – es war kein schönes, son­dern ein kurioses Tor. Typisch Gomez, werden die Kri­tiker seiner Art des Fuß­ball­spie­lens, die scheinbar auf das Nötigste redu­ziert ist, sagen. Ein­fach ein genialer Stürmer, finden dagegen Men­schen wie Roberto Vin­ci­guerra, die Fuß­ball ergeb­nis­ori­en­tiert, die Leis­tungen seiner Prot­ago­nisten vor allem unter dem Aspekt der Zahlen und Fakten betrachten. Wie alle anderen wird er erst Stunden später erfahren, dass die Uefa letzt­lich nicht Gomez, son­dern Grich­ting das Tor zuschreibt.

Bravo Mario“

Davon weiß Roberto Vin­ci­guerra noch nichts, als er auf der Pres­se­tri­büne des Zür­cher Let­zi­grund-Sta­dion den Treffer beju­belt, an einem Ort, wo man eigent­lich zur Neu­tra­lität ver­pflichtet ist. Aber der ita­lie­ni­sche Jour­na­list mit den vielen grauen Locken macht keinen Hehl aus seiner Sym­pa­thie für den AC Flo­renz, die Mann­schaft in vio­lett – eine Farbe, die Gomez übri­gens bes­tens steht. Als die 20 Mil­lionen Euro teure Neu­ver­pflich­tung Mitte der zweiten Halb­zeit in Höhe der Mit­tel­linie einen geg­ne­ri­schen Spieler abgrätscht, schreit er laut Bravo Mario“ und macht ein Kreuz­chen unter der Rubrik gewon­nener Zwei­kampf“ auf seinem Sta­tis­tik­bogen. Kein Zweifel, wie so viele Fio­ren­tina-Fans hat auch Vin­ci­guerra die Gomez-Hys­terie erfasst.

25.000 Men­schen waren bei der Vor­stel­lung des Neu­zu­gangs vom FC Bayern ins Fio­ren­tina-Sta­dion gekommen. So etwas hat es nicht einmal gegeben, als Sócrates, eine der Licht­ge­stalten des Welt­fuß­balls, 1984 in der Haupt­stadt der Tos­kana einzog. Gomez, diese Tor­ma­schine, kann die Fio­ren­tina den ent­schei­denden Schritt vor­an­bringen“, glaubt Vin­ci­guerra wie so viele andere Gleich­ge­sinnte. Er lässt uns träumen.“ Vom Scu­detto, dem dritten Meis­ter­titel in der Klub­ge­schichte, auf den die Flo­renz-Anhänger jetzt schon seit 44 Jahren warten müssen.

In der ver­gan­genen Saison, die Flo­renz auf Platz vier der Serie beendet hat, fehlte ein Bomber“ (Vin­ci­guerra). 16 ver­schie­dene Tor­schützen – die Kern­ge­schäft im Fuß­ball war auf viele Schul­tern ver­teilt worden. Als Aus­druck dieses Kol­lek­tiv­werks wurde in Ita­lien der Begriff Coope­ra­tiva del Gol“ geschaffen. Eigent­lich“, meint Vin­ci­guerra, der AC Flo­renz-Ana­lyst, passt Gomez gar nicht so richtig in das System von Trainer Mon­tella.“

Gomez kommt zu Chancen und bereitet vor

Tat­säch­lich suchen die neuen Mit­spieler den deut­schen Natio­nal­stürmer, der an diesem lauen Spät­som­mer­abend von Jogi Löw bei seinem Pflicht­spiel­debüt im Fio­ren­tina-Dress beob­achtet wird. Ins­be­son­dere im ersten Durch­gang, in der die Gäste das über­for­derte Gras­shopper-Team domi­nieren. Der lauf­freu­di­gere Sturm­partner Rossi schafft die Räume, die Gomez durchaus zu nutzen weiß. 

Er kommt zu Chancen und bereitet auch Mög­lich­keiten für die Kol­legen vor. Beim 1:0 durch den quir­ligen Cuadrado ist Gomez aber nur Zuschauer. Nach dem Sei­ten­wechsel bleibt Gomez blass – bis auf die 46. Spiel­mi­nute. Er wirkt müde, wie auch seine Mit­spieler. Viel­leicht waren ins­ge­samt fünf Wochen Trai­nings­lager, zuerst mit den Bayern, dann für den neuen Arbeit­geber, doch ein biss­chen zu viel. Aber nicht Gomez, son­dern sein Sturm­kol­lege Rossi muss nach 67. Minuten vom Platz – womög­lich ein Zei­chen der Wert­schät­zung des Trai­ners, die Gomez, der sen­sible Straf­raum­stürmer nach Ansicht vieler Beob­achter spüren muss, damit sein Kopf vor dem Tor frei bleibt.

Uli Ferber, der Manager von Mario Gomez, hält das ganze Gerede um das Ver­trauen, das sein Schütz­ling angeb­lich so drin­gend braucht, für über­zogen. Er erin­nert an die Regent­schaft von van Gaal bei den Bayern, der Gomez anfangs zum Stürmer Nummer vier degra­diert hatte. Mario“, stellt Ferber fest, ist dann unter van Gaal Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig geworden.“ Aber natür­lich, fügt der Schwabe hinzu, habe das Gefühl der Wert­schät­zung sei­tens des Trai­ners noch keinem Spieler geschadet.
 
Mit Jour­na­listen spre­chen will Gomez nach dem doch noch müh­samen 2:1‑Sieg nicht. Lieber unter­hält er sich mit eigens ange­reisten Bekannten aus der Heimat. Dafür gibt Ferber Aus­kunft. Mario fühlt sich in der neuen Stadt, aber auch in der Mann­schaft sehr wohl. Er hat eine Woh­nung gefunden und den Wechsel noch in keiner Minute bereut.“ Dass die Euphorie und die haus­hohen Erwar­tungen, die die Fio­ren­tina-Anhänger in ihren neuen Lieb­ling setzen, läh­menden wirken könnten, schließt Ferber aus. Im Pro­fi­fuß­ball hast du immer Druck. Für Mario ist das nichts Unge­wöhn­li­ches.“

Rum­me­nigge und Völler sind der Maß­stab

In einer Phase, als das Spiel vor sich hin­ge­plät­schert war, hatte Roberto Vin­ci­guerra schon mal hoch gerechnet, wie viele Sai­son­tore Gomez in der Serie A für die Fio­ren­tina schießen könnte. Er kommt auf 19 bis 20 und stellt Ver­gleiche mit deut­schen Vor­gän­gern in der Serie A an. Rum­me­nigge, Völler, Riedle, Bier­hoff, Klins­mann, Klose – Gomez, ist sich Vin­ci­guerra sicher, wird dem hohen Ansehen deut­scher Stürmer in Ita­lien keinen Schaden zufügen. Aber er sich muss sich noch stei­gern“, for­dert er. Das war noch nicht bril­lant.“ Die Ent­schei­dung der Uefa, doch Grich­ting als Tor­schützen des 2:0 für Flo­renz offi­ziell zu führen, reißt Roberto Vin­ci­guerra, den Sta­tis­tiker, den­noch hin und her. Im Herzen ver­bucht er den Treffer auf dem Konto von Gomez. Sein erstes offi­zi­elles Tor“, pro­phe­zeit Vin­ci­guerra, wird Mario dann eben am Montag beim Liga­start gegen Catania schießen.“