Ganz rund läuft er nicht mehr. Wenn Bernd Schuster mit ver­schränkten Armen über den Fuß­ball­platz von Ird­ning spa­ziert, sieht man ihm die Folgen von 120 Bun­des­li­ga­spielen und 316 Ein­sätzen in der Pri­mera Divi­sión an. Der Rücken ist leicht gekrümmt, das rechte Knie will scheinbar nicht mehr ganz so wie früher. Aber Don Ber­nardo kann es nicht sein lassen. Zum Bei­spiel beim Abend­trai­ning, als der Grim­ming, das mäch­tige Fels­massiv im Hin­ter­grund, das kleine Sta­dion in seinen Schatten taucht. Gegen Ende der Übungs­ein­heit mischt sich Schuster unter seine Jungs und lässt selber den Ball laufen.

Miguel Angel Diaz ist ent­zückt. So etwas hätte Capello nie gemacht“, sagt der Mann vom spa­ni­schen Radio­sender Marca. Für Diaz, der wie zwei Dut­zend andere spa­ni­schen Jour­na­listen tag­täg­lich aus dem Real-Trai­nings­lager in der Stei­er­mark berichtet und der heute noch von den zen­ti­me­ter­ge­nauen Pässen des blonden Engels im Ber­nabéu-Sta­dion träumt, steht Schuster für einen neuen Stil bei den König­li­chen. Er redet mit jedem, mit den Spie­lern, mit den Jour­na­listen und mit den Fans – Capello ging zu allen auf Distanz. Das ist der Unter­schied.“

Wir müssen alles gewinnen, sonst bin ich nächstes Jahr nicht hier.“

Aus­ge­rechnet Bernd Schuster. Jener Mann, den man in Deutsch­land für den größten Son­der­ling der jün­geren Fuß­ball­ge­schichte hält, prä­sen­tiert sich im Real-Trai­nings­anzug als ange­nehmer Zeit­ge­nosse. Selbst wenn seinen Leuten beim Tak­tik­trai­ning ein Fehler unter­läuft, ihre Lauf­wege nicht passen, bleibt der Per­fek­tio­nist, als wel­chen sich Schuster selbst bezeichnet, ruhig und kor­ri­giert mit sanfter Stimme. Er lässt vor gran­dioser Alpen­ku­lisse intensiv das Flü­gel­spiel und das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff üben. Lauf- und Ath­le­tik­trai­ning ohne Ball findet fast nicht statt. Warum auch? Capello hat ihm eine fitte Mann­schaft hin­ter­lassen. Nur einen schönen Fuß­ball ließ der Ita­liener sie nicht spielen. Das eben soll sich ändern. Beim 2:0‑Sieg gegen den eng­li­schen Zweit­li­gisten Stoke City, dessen Spieler nach dem Abpfiff auf Auto­gramm­jagd gingen, gelang das immerhin schon mal in den ersten 25 Minuten.

Der Anspruch ist hoch, da macht sich Schuster nichts vor. Wir müssen alles gewinnen, sonst bin ich nächstes Jahr nicht hier.“ Mehr noch, der Erfolg muss auch noch auf ele­gante Art und Weise her­aus­ge­spielt werden, nicht mit krudem Defen­siv­ge­kicke.

Beein­dru­cken lasse er sich von den hohen Erwar­tungen nicht, sagt Schuster bei der Pres­se­kon­fe­renz auf Schloss Pich­larn, dem noblen Mann­schafts­hotel. Tat­säch­lich strahlt der gebür­tige Augs­burger große Ruhe aus. Ich war zwei Jahre lang Spieler bei Real. Ich weiß, auf was ich mich als Trainer hier ein­ge­lassen habe.“ Es sei beim neuen Arbeit­geber so, wie er es sich vor­ge­stellt habe, fährt der 47-Jäh­rige fort. Ver­gli­chen mit Getafe ist bei Real alles dreimal so groß. Aber ich fühle mich wohl hier.“

Real Madrid – das ist in der Tat immer noch ein großer Klub, wenn­gleich der letzte Sieg in der Cham­pions-League fünf Jahre zurück­liegt. Es ist etwas ruhiger geworden um die König­li­chen – mal abge­sehen vom Trai­ner­theater am Ende der Saison. Kein Zidane, kein Ronaldo und kein Beckham, die für Hys­terie sorgen. Es gab Zeiten, da kamen 1500 Zuschauer zu den Trai­nings­ein­heiten“, erzählt Niki Pichler, der zum vierten Mal das Real-Camp in der Stei­er­mark orga­ni­siert. Heute sind es ein paar Hun­dert Fans, die bei jeder Übungs­ein­heit auf der schmu­cken Holz­tri­büne des ATV Ird­ning sitzen und einen gelun­genen Pass von Guti oder Saviolas Direkt­ab­nahme mit Bei­fall quit­tieren.

Anders als in den ver­gan­genen Jahren konnte der Klub bis­lang keinen rich­tigen Kra­cher bei den Trans­fers ver­melden. Chris­toph Met­zelder (Dort­mund), Javier Saviola (Bar­ce­lona) und Jerzy Dudek (Liver­pool) kamen ablö­se­frei. Pepe ist bis­lang der teu­erste Neu­zu­gang. 30 Mil­lionen über­wiesen die Madri­lenen an den FC Porto – so viel Geld hätten die Real-Ver­ant­wort­li­chen vor ein paar Jahren nie­mals für einen Abwehr­spieler locker gemacht. Schuster nennt den Preis bar­ba­risch hoch“. Aber Innen­ver­tei­diger seien zur­zeit eben sehr begehrt. Dass der Verein nach dem Transfer von Chris­toph Met­zelder mit Chris­to­pher Schorch diese Woche noch einen zweiten Deut­schen geholt habe, will Schuster nicht über­be­werten. Ich kenne den Spieler kaum“, räumt der Coach ein. Es sei nicht seine Idee gewesen, den Nobody nach Madrid zu lotsen. Das kam mehr vom Verein“, fügt Schuster hinzu und sieht den Neu­ling primär als Ver­stär­kung der zweiten Mann­schaft an.

Guti könnte ein Schlüs­sel­spieler werden“

Die linke Außen­bahn ist es, die Bernd Schuster unter anderem noch Kopf­zer­bre­chen bereitet. Arjen Robben wäre der rich­tige Mann dafür, sagt Schuster. Doch die Ver­hand­lungen ziehen sich. Real Madrid ist eine sehr gute, aber eben nicht mehr die aller­erste Adresse im euro­päi­schen Fuß­ball. Kaká, Cris­tiano Ronaldo oder Cesc Fàb­regas – an allen war Real inter­es­siert, aber zu Ver­trags­ab­schlüssen kam es nicht. Und jetzt in Ird­ning taucht plötz­lich auch noch der Name Michael Bal­lack auf. Er wäre das Bin­de­glied zwi­schen Mit­tel­feld und Sturm. Er wäre schon ideal“, sagte Schuster nach seiner Pre­miere als Real-Trainer gegen Stoke City. Aber Bal­lack wird aus seinem Ver­trag bei Chelsea schwer raus­zu­kaufen sein.“

Und so muss Schuster vor­erst auf Guti als Ball­ver­teiler setzen. Guti könnte ein Schlüs­sel­spieler werden“, glaubt er. Ein Exzen­triker, der Schuster in vielen Dingen an sich selber in jungen Jahren erin­nert. Einen Schuster hätte ich schon gern in meiner Mann­schaft“, erklärt der blonde Engel mit einem Augen­zwin­kern, aber nicht zwei.“

Bernd Schuster scheint Spaß an seiner neuen Auf­gabe zu haben. Er macht keinen Hehl daraus, seit ein paar Jahren schon auf so eine Chance gewartet zu haben. Dass dieses Ziel nun erreicht ist, bedeutet in seinen Augen aber noch lange nicht, am Trai­nerzenit ange­kommen zu sein. Nach Real gibt es bestimmt neue große Her­aus­for­de­rungen“, ist Schuster über­zeugt und fügt im nächsten Atemzug hinzu. Ich habe noch einige Jahre vor mir – wenn kein Herz­in­farkt dazwi­schen kommt.“ Danach sieht es der­zeit nicht aus, so unauf­ge­regt wie Don Ber­nardo in den Tagen von Ird­ning seiner bedeu­tungs­vollen Arbeit nach­geht.