Simon Bender, die Fans von Borussia Mön­chen­glad­bach sollen beim Spiel in Istanbul von der Polizei schi­ka­niert worden sein. Was ist genau pas­siert?
Die ersten Irri­ta­tionen begannen schon weit vor dem Spiel. Wir wurden von tür­ki­scher Seite dazu ange­halten, nur mit bereit­ge­stellten Bussen zum Sta­dion zu fahren. Jede andere Anreise wurde unter­sagt. Vor sieben Jahren hat Borussia in Istanbul bei Fener­bahce gespielt – sei­ner­zeit war der Weg zum Sta­dion noch voll­kommen unpro­ble­ma­tisch. Damals sind die Fans mit dem Boot über den Bos­porus gefahren und dann ganz normal zum Sta­dion gelaufen. Basak­sehir hat im Gegen­satz zu Fener­bahce nicht so ein großes Fan­po­ten­zial. Von daher war diese sepa­rierte Anreise schwer nach­voll­ziehbar.

Diese Bus­fahrt zum Sta­dion soll sich ver­zö­gert haben. Warum?
Die Abfahrt war auf 17 Uhr Orts­zeit ter­mi­niert, alle Fans hatten sich bis 16:30 ein­ge­funden, sie waren über­pünkt­lich. Doch die Busse tru­delten erst peu a peu ein. So ver­zö­gerte sich die Abreise – und der tür­ki­sche Ver­kehr hat sein Übriges getan. Erst standen die Fans also im Stau und danach sollten diese 30 Rei­se­busse nach und nach in kleinen Quer­straßen rück­wärts ein­parken. Kurzum: Den meisten Fans wurde klar, dass sie den Anpfiff wohl nicht im Sta­dion erleben. Als sie end­lich aus den Bussen raus­kamen, sind sie natür­lich direkt zum Ein­lass gesprintet. Das war logisch: Es han­delte sich schließ­lich um das erste Aus­wärts­spiel im Euro­pa­pokal seit Jahren.

Wie war die Atmo­sphäre beim Ein­lass?
Man muss sich das vor­stellen: Da kommen 1500 Fans an und müssen durch vier Dreh­kreuze, von denen zwi­schen­durch zwei aus­fallen. Natür­lich machen die Leute da ihrem Unmut Luft, murren und buhen. Doch es war total fried­lich, es gab keine Gewalt und keinen Blocks­turm“ von­seiten der Fans. Die tür­ki­schen Poli­zisten aller­dings haben ange­fangen, Fans zurück zu schubsen und gegen die Wand zu drü­cken. 

Es heißt, die Polizei habe Zaun­fahnen abge­nommen, weil diese christ­liche Sym­bole zeigen würden.
Ein­zelne Fan­gruppen hatten Banner dabei, auf denen das alte Stadt­wappen und der Stadt­pa­tron St. Vitus abge­bildet waren. Die Poli­zisten haben sie bedrängt und immer wieder geschrien What is this? What is this?“ Fan­be­treuer und sze­nen­kun­dige Beamte ver­suchten zu ver­mit­teln, auf Eng­lisch und auch auf Tür­kisch. Doch dann zeigten die Beamten auf das Banner und sagten laut den Berichten von meh­reren Umste­henden: Chris­tian symbol is for­bidden“. Die fünf bis sieben Fans mit den Fahnen mussten das Sta­dion ver­lassen und durften das Spiel nicht sehen.

Stimmt es, dass Glad­ba­cher Fans fest­ge­nommen wurden?
Zwei Fans wurden in Gewahrsam genommen. Es hieß, sie hätten Poli­zisten geschlagen. Das Video­ma­te­rial hat sie wohl ent­lastet, sie kamen wieder auf freien Fuß. Die Maß­nahmen waren voll­kommen unbe­gründet und dienten wohl nur einem Zweck: der Macht­de­mons­tra­tion der Polizei. Hinzu kommt: Die Polizei wandte gegen meh­rere Fans kör­per­li­chen Zwang an, auch gegen die Fah­nen­be­sitzer. Sie ging auch anwe­sende Fan­be­auf­tragte, einen Ordner und einen sze­ne­kun­digen Beamten aus Deutsch­land kör­per­lich an. Zwei wei­tere Fans wurden aus dem Block geholt, nur weil sie aus Wut über das Gegentor einmal gegen eine Ple­xi­glas­scheibe gehauen hatten. Auch sie mussten das Sta­dion ver­lassen.

Wie haben die Fans reagiert?
10 bis 15 Fans wollten den Block aus Soli­da­rität ver­lassen, doch die Polizei mar­schierte mit Schil­dern und Maschi­nen­ge­wehren vor dem Block auf. Trotz aller Wut haben die Glad­ba­cher Fans besonnen reagiert, sonst wäre die Situa­tion voll­kommen eska­liert. Man muss klar betonen: Die Aggres­si­vität ging von der tür­ki­schen Polizei aus. Ihr Auf­tritt war relativ mar­tia­lisch, vor dem Sta­dion patrouil­lierten gepan­zerte Fahr­zeuge, aus deren Dach­luken Maschi­nen­ge­wehre ragten.

In der Regel gibt es Sicher­heits­be­spre­chungen der Ver­eine, Fan­be­auf­tragten und der Polizei vor dem Spiel. Hat die Kom­mu­ni­ka­tion diesmal nicht funk­tio­niert?
Der Aus­tausch mit Ver­ant­wort­li­chen des Heim­ver­eins war nicht mög­lich. Der Poli­zei­leiter, so habe ich es ver­nommen, beschul­digt die Glad­ba­cher Fans nun, zu spät zur Abfahrt der Busse erschienen zu sein. Das stimmt defi­nitiv nicht.

Max Eberl und auch Patrick Her­mann haben nach dem Spiel relativ deut­liche Worte gefunden und die Fans ver­tei­digt.
Die Unter­stüt­zung des Ver­eins hat uns sehr gefreut. Wir haben nur den Kopf geschüt­telt, als der Klub über die sozialen Kanäle in der 30. Minute von der fan­tas­ti­schen Stim­mung im Gäs­te­block schrieb. Da herrschte im Block aber eher Wut und Rat­lo­sig­keit über das Erlebte. Aber klar: Nach dem Spiel hat sich der Verein sehr gut posi­tio­niert.

Wie geht es nun für die betrof­fenen Fans weiter? Werden sie Anzeige erstatten?
Bei den Fans über­wiegt die Erleich­te­rung, nicht noch schlim­meren Repres­sionen aus­ge­setzt gewesen zu sein. Einer Anzeige gegen tür­ki­sche Poli­zisten werden nicht viele Chancen ein­ge­räumt. Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass der Verein sein Gewicht in die Waag­schale wirft und über die Gre­mien Druck macht. Der zustän­dige Uefa-Dele­gierte aus Weiß­russ­land ist auf jeden Fall in Kenntnis gesetzt worden. Borussia berät gerade wei­tere Schritte. Auch die Ver­ei­ni­gung FSE („Foot­ball Sup­por­ters Europe“) hat sich von uns die Vor­fälle erläu­tern lassen. Beim Spiel zwi­schen Gala­ta­saray und Paris soll es am Dienstag eben­falls zu Über­griffen der tür­ki­schen Polizei gekommen sein. Nun wird geprüft, ob die tür­ki­sche Polizei gerade bewusst auf eine Eska­la­ti­ons­stra­tegie setzt. Im Mai 2020 findet schließ­lich das Finale der Cham­pions League in Istanbul statt.