Jérôme Boateng dürfte auf abseh­bare Zeit keine Schwie­rig­keiten mehr bei der Woh­nungs­suche haben. Und das nicht nur, weil er bereits eine ver­mut­lich sehr kom­for­table Immo­bilie im Münchner Grün­gürtel sein Eigen nennt – er soll dort eine Schatz­kammer nur für seine rie­sige Turn­schuh­samm­lung frei­ge­räumt haben – und so bald auch nicht wird umziehen müssen, sein Ver­trag beim FC Bayern läuft schließ­lich noch bis zum Sommer 2021. Son­dern auch, weil ihm eine Viel­zahl der Deut­schen min­des­tens ein WG-Zimmer, wenn nicht gleich einen Bau­platz auf dem Grund­stück nebenan ange­boten haben, nachdem der stell­ver­tre­tende AfD-Vor­sit­zende, Rechts­po­pu­list und Moral-Panic-Erzeuger Alex­ander Gau­land in einem Inter­view mit der FAZ“ in unver­hohlen ras­sis­ti­scher Manier getönt hatte: Die Leute finden Boateng als Fuß­ball­spieler gut, aber sie wollen ihn nicht als Nach­barn haben.“

Man sollte Boateng wieder der sein lassen, der er ist

Mit der Welle der Soli­da­rität, die unter dem Hashtag #nach­bar­boateng durch die sozialen Medien rollte, und des Fuß­bal­lers wun­derbar gelas­sener Reak­tion auf den Unflat von rechts­außen („Ich kann dar­über nur lächeln“) hätte man es nun eigent­lich bewenden und Gau­land als den dastehen lassen können, der er ganz offenbar ist: als einen, der das Ticken der Uhr in seiner guten Pots­damer Stube nicht erträgt und lieber den greisen Que­ru­lanten gibt. Auch hätte man Boateng wieder den sein lassen können, der er ist: einen Innen­ver­tei­diger von bedrü­ckend kraft­voller Ele­ganz, den besten der Welt womög­lich, einen Ath­leten, dessen Kunst für sich steht.

Boateng muss nichts mehr beweisen

Doch nun scheint es so, als würden seine spek­ta­ku­lären Aktionen eben nicht mehr nur im Kon­text des Sports inter­pre­tiert, etwa seine Ret­tungstat im Grup­pen­spiel gegen die Ukraine, bei der er den Ball in einer kom­pli­zierten Flug­cho­reo­grafie von der Linie kratzte, als wäre er Michael Jordan und Harry Hou­dini zugleich. Denn ganz unmit­telbar werden Husa­ren­stücke wie diese als Wider­le­gung von Gau­lands Blöd­sinn gefeiert, es heißt jetzt nicht mehr nur: Welch ein Spieler! Son­dern auch: Welch ein Nachbar! Als müsste Jérôme Boateng das noch unter Beweis stellen. Als hätte dieser Gau­land am Ende doch Zweifel daran geweckt. Als wäre er kein so toller Nachbar, wenn ihm ein Eigentor unter­liefe (was bei seiner schwin­del­erre­genden Flug­ein­lage, am Rande bemerkt, durchaus hätte pas­sieren können).

Wohnt er noch, oder spielt er schon?

Wohnt er noch, oder spielt er schon? Letz­teres würde der super­fo­kus­sierte Boateng zwei­fels­ohne bejahen, und auch wir sollten das jetzt tun. Die Soli­da­rität mit ihm war ein not­wen­diges Zei­chen, doch auf Dauer führt sie zu einem sicher­lich uner­wünschten Effekt: Sie hält Gau­land in der Debatte. Schon das ist viel zu viel.

Wer will denn, wenn Jérôme Boateng im EM-Finale hoch­steigt und den Ball zum Sieg in die Maschen köpft, an einen alten Mann im Tweed-Jackett denken, der einmal Blech geredet hat?