Manchmal lässt sich die Bedeut­sam­keit einer Person anhand eines ein­zelnen Moments ermessen. Und wer wissen möchte, warum Fran­cesco Totti einer der größten Fuß­baller der letzten 20 Jahre ist, muss sich ledig­lich eine knapp zehn­se­kün­dige Sequenz des Ita­lie­ners anschauen. In diesen zehn Sekunden läuft Fran­cesco Totti – natür­lich im Trikot seiner Roma – mit dem Ball am Fuß auf das Tor von Inter Mai­land zu. Seine per­fekt wach­senden Haare – auch ver­pi­xelte Videos können dieses Fea­ture nicht ver­hehlen – flat­tern im Wind, die Nummer Zehn prangt auf dem Rücken, den Ball treibt er vor sich her wie einen Spiel­ka­me­raden.

Er ist jetzt etwa zwanzig Meter vor dem Tor und holt aus. Alle rechnen mit einem harten Abschluss. Und auch der Tor­wart stellt sich darauf ein, dass er wie in tau­senden ver­gleich­baren Situa­tionen in seiner Kar­riere gleich in irgend­eine Ecke hechten muss, um den Ball aus der Ecke zu kratzen. Doch Fran­cesco Totti, dieser Fan­tast, hat sich längst etwas anderes über­legt. Wobei, hat er wirk­lich über­legt, oder ist es nicht viel mehr eine Art über­na­tür­liche Ein­ge­bung, die seinen Fuß jetzt dazu ver­an­lasst, den Ball ganz zärt­lich anzu­heben?

Sodass er eben nicht flach oder hart oder beides zusammen in Rich­tung Tor­wart fliegt, son­dern in einer per­fekten Flug­kurve über diesen hinweg und knapp unter­halb der Latte ins Tor. Was auch immer sich in diesen Sekunden zwi­schen Tottis Gehirn und seinen Extre­mi­täten abspielt, was beim Betrachter ankommt, ist vor allem ein woh­liges Gefühl und ein bestimmer Gedanke: Dieser Fran­cesco Totti ist genialer als der Rest.

Wir sollten unseren Enkeln von diesem Römer erzählen

Und: Fran­cesco Totti ist loyaler als der Rest. 1976 in Rom geboren, debü­tierte er bereits mit 16 Jahren in der Serie A für seinen Hei­mat­verein. Er wurde besser und besser, wurde Natio­nal­spieler und Kapitän der Römer, er lupfte bei der EM 2000 einen Ball beim Elf­me­ter­schießen über Edwin van der Saar und war Jahr für Jahr DAS Trans­fer­ziel diverser Super­klubs. Und Jahr für Jahr bissen sich die Ver­eine an Totti die Zähne aus. Denn: Jahr für Jahr blieb Totti in Rom. Und bas­telte so an seiner eigenen Legende, die sich mitt­ler­weile so liest: 782 Spiele für den AS Rom, 306 Tore für den AS Rom, Ita­lie­ni­scher Meister mit dem AS Rom, Ita­lie­ni­scher Pokal­sieger mit dem AS Rom, dazu Welt­meister mit Ita­lien und Rekord­schütze der Serie A.

Und so sind es eben nicht nur seine Erfolge oder seine wun­der­schöne Spiel­weise, die diesem Mann welt­weite Bewun­de­rung ein­bringen. Es ist viel mehr dieser roman­tischste aller roman­ti­schen Fuß­ball­ge­danken, der sich durch Tottis Kar­riere rankt wie eine Klet­ter­pflanze und der Fuß­ball­fans von Beirut bis Berlin träumen lässt: Da ist ein Junge mit unglaub­li­chem Talent, der es in seiner Hei­mat­stadt in die erste Mann­schaft schafft, diese irgend­wann als Kapitän anführt und sich dann so lange für diese Stadt schindet, wie ihn seine immer schwerer wer­denden Kno­chen über den Rasen tragen. Der bei Real Madrid hätte spielen können, bei Man­chester United oder bei Bayern Mün­chen, der den Ver­lo­ckungen aber gegen jede Regel des Geschäfts wider­stand.

Sicher­lich wird Totti auch in Rom im Ver­lauf seiner Kar­riere nicht arm geworden sein. Und sicher war nicht alles an seiner Kar­riere aus­nahmslos bewun­derns­wert. Er spuckte Geg­nern ins Gesicht, er ver­wei­gerte Ein­wechs­lungen, er sagte Dinge, ohne vorher über seine Worte nach­zu­denken und eine Meis­ter­schaft in 25 Jahren haben auch andere Spieler geschafft. Und trotzdem sollten wir, wenn wir in ein paar Jahr­zehnten den Enkeln von der großen, alten Zeit vor­schwärmen, ihnen auch und im Beson­deren von diesem Römer erzählen. Der 25 Jahre das Gesicht einer euro­päi­schen Haupt­stadt war. Der stolz war wie wenige, sich aber trotzdem selber selten zu ernst nahm. Der den Ball strei­chelte, wie wir es alle so gerne gekonnt hätten. Und wenn unsere Enkel nicht ver­stehen, dann zeigen wir ihnen die zehn Sekunden gegen Inter. Dann werden sie ver­stehen.