Wer ist schuld daran, dass ich mich schäme, wenn ich an den Sommer zurück­denke, in dem ich mein Abitur­zeugnis bekam? Berti Vogts? Davor Suker? Ich selbst?

Drei­zehn Jahre hatten wir darauf hin­ge­büf­felt. Und das sollte der Lohn sein: Der Abi-Ball! Der große Abend im Schus­ter­krug“ in Wagen­feld, ein Exzess unter der gemie­teten Licht­orgel, mit bil­ligen Schnäpsen und noch bil­li­geren Zigarren. Die Jungs in Anzügen mit Schul­ter­pols­tern, die Mäd­chen in Schwein­chen-Rosa. Mein Gott, waren wir häss­lich, mein Gott, waren wir schick. 

Die älteren Jahr­gänge erzählten sich Sagen­haftes von diesem Ereignis: Lehrer, die besoffen in die Bowle hech­teten, der Haus­meister im Klam­mer­blues mit der Klas­sen­spre­cherin. Wir hätten es ein Event“ genannt, aber dieses Wort kannten wir damals nur als Aus­druck für die ein­zelnen Dis­zi­plinen bei Summer Games“ auf dem C64. Als ich den Saal betrat, jagte der Allein­un­ter­halter What is Love?“ von Had­daway aus dem Syn­the­sizer. Baby, don’t hurt me.

High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9!

Nie zuvor und nie danach ist ein Mensch so arro­gant wie in dem Sommer,
in dem er von zu Hause weg geht. Das war so ein Sommer: Nichts war pein­lich, nichts wichtig. Die Schule war vorbei, das Berufs­leben noch in weiter Ferne. Der Schus­ter­krug“ in Wagen­feld war eine Pro­me­nade der kaum voll­jäh­rigen Gockel. High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9! Wir mochten noch kein Bier, aber tranken es, als hingen wir an der Fla­sche. 

Doch vor dem Suff stand das WM-Vier­tel­fi­nale Deutsch­land gegen Kroa­tien. In einer Ecke der angren­zenden Kneipe flim­merte ein Fern­seh­ap­parat in die Rauch­schwaden, miss­mutig saßen ein paar Alt­bauern am Tisch davor und glaubten von Anfang an nicht an einen Sieg: Dat wird nix.“ Dahinter wir, viel zu laut, viel zu fröh­lich, viel zu ahnungslos. Im Fern­sehen: Tanne“ Tarnat, Jens Jere­mies, Jörg Hein­rich. Und Berti Vogts. Auch wir hätten ahnen können, dass dat nix wird. 

Wir wollen euren Skalp“, hatte der kroa­ti­sche Stürmer Davor Suker vor dem Spiel gebellt. Den Skalp kannste haben, dachten wir, wir haben Abi. Unsere Auf­ge­bla­sen­heit hielt jedoch nur so lange an, wie die Deut­schen noch zu elft waren. Dann flog Chris­tian Wörns wegen groben Foul­spiels vom Platz. Fünf Minuten später traf Robert Jarni zum 0:1. Mir war mit einem Mal unwohl. Ob jemand sah, dass ich gar nicht so breite Schul­tern hatte, son­dern bloß Polster trug?

Wir waren die Golden Goals, eine Genera­tion aus Bier­hoffs


In der Halb­zeit­pause gingen wir wieder rüber in den Ball­saal. Dort schoben Diplom-Inge­nieure ihre Töchter übers Par­kett. Der Allein­un­ter­halter klim­perte selbst­ver­gessen. Wir waren Welt­meister 1990 geworden, 1992 ins EM-Finale gekommen, 1994, na gut, Letchkov gegen Häßler, was soll er machen, aber 1996: Euro­pa­meister! Wir waren die Golden Goals, eine Genera­tion aus Bier­hoffs – wir konnten nicht viel, aber Glück, ja Glück, das hatten wir. 

Doch was nun? 0:1 hinten. In Unter­zahl. Wir wollten hier unser Abitur feiern, Scheiße. Berti raus! Davor, don’t hurt me. 

Zurück in der Kneipe, die Alt­bauern hatten sich ein neues Her­ren­ge­deck kommen lassen und gingen vom Schlimmsten aus. Sie hatten Recht: In der 79. Minute brachte Vogts Olaf Mar­schall. Olaf. Mar­schall. Olaf. Eine Minute später traf Vlaovic zum 0:2. In der 85. machte Suker das 3:0. Abpfiff. Und alles war ein ent­setz­li­cher Schmerz. 

Andere hatten auf ihrem Abi-Ball im Schus­ter­krug“ in Wagen­feld gesehen, wie Andi Brehme den Elf­meter rein­kloppt. Sie hatten das Abitur in der Tasche und waren auch noch Welt­meister. Im Sommer 1998 aber flog die deut­sche Natio­nal­mann­schaft im Vier­tel­fi­nale gegen Kroa­tien raus. Und wir mit ihr. Aus der Genera­tion der Bier­hoffs wurde die Genera­tion der Olafs. Nicht wenige von uns stu­dierten trotzdem BWL. Mein Gott, waren wir häss­lich, mein Gott waren wir schick. 

Und wer ist nun schuld daran, dass ich mich schäme, wenn ich an den Sommer zurück­denke, in dem ich mein Abitur­zeugnis bekam? Berti Vogts? Davor Suker? Ich selbst?

Ich sag mal: Das mit den Schul­ter­pols­tern nehme ich auf meine Kappe, Berti hat alles richtig gemacht, als er er wenig später zurück­trat. Nur auf Sukers Ent­schul­di­gung warte ich bis heute.