Die Saison läuft bisher, als wären wir auf der Cranger Kirmes: Eine Ach­ter­bahn­fahrt jagt die nächste. Kaum kommen die Wag­gons zum Stehen und die Sturm­ab­tei­lung beendet die chao­ti­sche Tour mit Toren, stoßen uns die Abwehr­spieler zurück in unsere Sitze, lassen die Sicher­heits­riegel ein­rasten und schi­cken uns wieder auf die unheil­volle Reise durch see­li­sche Loo­pings und steile Abfahrten. Bis wir, wie gegen den HSV, kurz vorm Kotzen sind. Das West­fa­len­sta­dion wird zur Wilden Maus“. Und nun haben wir einen Sack voller Pro­bleme. Pro­bleme, an denen wir Fans nicht ganz unschuldig sind.

Drei ver­schie­dene BVB-Gesichter inner­halb von zehn Tagen durften wir bestaunen. Das for­mi­dable beim 3:0 gegen Bremen, das mit­tel­mä­ßige beim 2:3 in Berlin und nun – schluss­end­lich die häss­liche Fratze beim 0:3 gegen den HSV. Aber nicht nur die Mann­schaft zeigte sich von der schlech­testen Seite. So man­cher Fan meinte, es sei eine prima Idee, ab Minute 7 jede Aktion von Roman Wei­den­feller mit Pfiffen zu quit­tieren. Und auch alle anderen BVB-Kicker mit Spott zu über­schütten. Ab da war eigent­lich klar: Das wird heute nichts.

Und nun haben wir Pro­bleme. Da wäre das Abwehr­pro­blem. Schien es zunächst so, als sei mit der Her­ein­nahme von Markus Brzenska, der sich wohl im Urlaub nur auf der Spiel­kon­sole mit Sport beschäf­tigt hat und des­wegen die ersten Spiele zwangs­pau­sierte, Sta­bi­lität in die wacke­lige Kovac-Wörns-Innen­ver­tei­di­gung gekommen, schossen gegen den HSV alle aus der Vie­rer­kette min­des­tens einen Bock. Ledig­lich Degen-Ver­treter Mehmet Akgün, eigent­lich Stürmer, unter­lief ein ver­zeih­barer Fehler. Er ließ nur“ Rafael van der Vaart mal einen Moment zu lang aus den Augen. Der haar­sträu­bende Ball­ver­lust von Markus Brzenska vor dem 0:3 war eine Mischung aus Rat­lo­sig­keit und totaler Ver­un­si­che­rung. Das ver­lo­rene Lauf­duell von Chris­tian Wörns vor dem 0:2 eine Mischung aus Unge­schick und Schne­cken­tempo. Der ver­un­glückte Abschlag von Roman Wei­den­feller, der dann im kon­ge­nialen Zusam­men­spiel mit irgend­wel­chen BVB-Spie­lern zum 0:1 führte, war kein Gemisch, son­dern rein psy­cho­lo­gi­scher Natur.

Wir haben nun zu wenig Punkte, ein wei­teres Pro­blem. 9 Zähler aus sieben Spielen sind eher eines Abstiegs­kan­di­daten würdig, vier Nie­der­lagen zu so einem frühen Zeit­punkt in der Saison sind ein­fach zu viel. Nun hat die Mann­schaft (mal wieder) den Druck, gegen den KSC gewinnen zu müssen. Keine kom­for­table Situa­tion. Aber eine, mit der sie in der letzten Saison teil­weise über­ra­schend gut umging. Der berühmte Funken Hoff­nung.

Das Torwart“problem“, eine wei­tere aktu­elle Bau­stelle, ist ein aus dem Nichts gebo­renes. Roman Wei­den­feller fiel in den ersten beiden Sai­son­spielen ledig­lich durch eine mit­tel­mä­ßige Form auf. Fehler unter­liefen ihm keine, seine Vor­der­leute dagegen über­trafen sich gegen­seitig mit der Pro­duk­tion von Abwehr­schnit­zern. Gegen Ros­tock, Cottbus und erschre­ckend schwache Bremer gab es dann wenig zu halten und das meis­terte Ersatz Marc Ziegler her­vor­ra­gend, wenn auch manchmal – vor­sichtig gesagt – unor­thodox. Aber was dann geschah, das sucht wohl sei­nes­glei­chen in der Fuß­ball­fan­szene. Im sg-Forum wurde die große Wei­den­feller-Jagd eröffnet. So man­cher User, offenbar nar­ko­ti­siert und benommen von zu starkem Konsum eines unsäg­li­chen Schmie­ren­blatt aus dem Genre Bou­le­vard, sehnte sogar Tor­wart­fehler herbei –des eigenen Tor­warts. Unfassbar.

Doch im Sta­dion im Heim­spiel gegen Ham­burg wurde es noch schlimmer. Roman Wei­den­feller stand direkt auf der Abschuss­liste einiger Fans. Schwenkten sie noch vor dem Anpfiff begeis­tert die Spon­so­ren­fahne im Rhythmus zu Heja, BVB“, legten sie diese schnell bei­seite, um unseren Tor­wart aus­zupfeifen. Zuge­geben, seine Aktion vor dem 0:1 sah schon sehr stüm­per­haft aus. Aber zu glauben, er würde das Fuß­ball­spielen im Schnell­durch­gang durch Schmä­hungen erlernen, ist ja wohl an Nai­vität nicht zu über­treffen. Oder was soll durch ein Aus­pfeifen erreicht werden? Glaubt tat­säch­lich irgend­je­mand im Sta­dion, dass durch Spott und Hohn ein 0:1 umge­bogen werden kann? Natür­lich klappt das nicht. Zumal sich die Pfiffe nicht nur auf unsere Nr. 1 bezogen, son­dern im wei­teren Ver­lauf auf jeden, dem der Ball auch nur 20 Zen­ti­meter vom Schlappen sprang. Die Ver­un­si­che­rung war greifbar, ein Teil der Fans ver­suchte ver­zwei­felt in der ersten Halb­zeit unter dem Kom­mando unseres Capo die Stim­mung wieder in ordent­liche Bahnen zu lenken. Was aber nur teil­weise und am Ende gar nicht mehr gelang.

Damit wären wir wieder bei der Frage: Was darf ich als Fan? Habe ich bei Bezah­lung einer Ein­tritts­karte das Recht, die Spieler bei Nie­der­lage oder bei Feh­lern gna­denlos nie­der­zu­ma­chen? Bei der Beant­wor­tung dieser Frage, sollte bedacht werden, dass Fuß­ball ein Sport ist, der von Unwäg­bar­keiten und – oh, Schreck – von Feh­lern lebt. Und vorweg: Ich gestehe jedem Fuß­baller zu, dass er auf den Platz geht, um zu gewinnen und nicht, um den unzu­frie­denen Fans mit dicken Schnit­zern mal so richtig den Tag zu ver­miesen. Wie ein Fuß­ball­spiel aus­geht, das steht nun mal vorher nicht fest. Kaufe ich eine Thea­ter­karte und der Haupt­dar­steller bringt in Szene 2 plötz­lich einen völlig anderen Text, dann darf ruhig gepfiffen werden. Denn ein Thea­ter­stück ist eine fixe, vorher minu­tiös geprobte Ange­le­gen­heit, die jedes Mal 1:1 umge­setzt werden muss. Sport dagegen kann zwar auch trai­niert, geübt werden. Der Aus­gang aber ist immer von Tages­form, Taktik, genialen Ein­fällen und Aus­nutzen von Feh­lern abhängig. Des­wegen habe ich als Fan natür­lich das Recht, sauer zu sein. Aber in erster Linie auf das Ergebnis. Und natür­lich darf ich auch unzu­frieden mit den Spie­lern sein, wenn ihnen wenig gelingt. Aber die eigenen Kicker zu ver­spotten, aus­zupfeifen mit dem Ziel, sie sys­te­ma­tisch fertig zu machen, ist unterste Schub­lade. Zumal die ja auch, wie wir alle, Men­schen sind, die ver­un­si­chert werden können, denen das so wich­tige Selbst­be­wusst­sein auch mal schnell flöten gehen kann. Vor allem in Dort­mund. Ein 80.000er Sta­dion ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Aber auch eines, das ganz schnell zur zent­ner­schweren Last für die schwatz­gelben Akteure auf dem Rasen werden kann. Des­wegen haben wir als Fan im West­fa­len­sta­dion die Pflicht, sorgsam mit diesem Gut umzu­gehen. Und es nicht sinnlos zu ver­schleu­dern. Dass wir schon lange nicht mehr die besten Fans der Liga sind“ (auch wenn wir das absur­der­weise vor jedem Heim­spiel zu hören bekommen – Nobby, eine Bitte: Lass es ein­fach weg in Zukunft), ist klar. Aber mit der Leis­tung am Dienstag haben wir eine erfolg­ver­spre­chende Bewer­bung für den Titel Schlech­teste Fans der Liga“ abge­geben.

Sind das viel­leicht die nega­tiven Aus­wüchse der so herz­haft ange­strebten 50.000er-Marke im Dau­er­kar­ten­ver­kauf? Eins ist sicher: Wer mit dem Ver­spre­chen einer her­vor­ra­gend auf­spie­lenden und um die euro­päi­schen Plätze (viel­leicht mehr) mit­ki­ckenden Mann­schaft zum Kauf eines Sai­son­ti­ckets bewegt wurde, der ver­langt natür­lich auch Siege. Gelingen diese Siege nicht, werden uner­fah­rene Fans unge­halten. Fan­sein ist ein Lern­pro­zess. Wer die ganz beson­dere Psy­cho­logie des BVB-Teams nicht kennt, der kann damit auch schlecht umgehen. Und wer Repor­tern glaubt, die popu­lis­tisch behaupten, dass Fans dem eigenen Team ein­fach mal mit Sup­port­entzug und Pfiffen in den Arsch treten“ müssen, und schon läuft es, der setzt dieses natür­lich auch im Sta­dion in die Tat um. Doch nicht erst seit letzten Dienstag sollte klar sein: Das mag viel­leicht in Ein­zel­fällen klappen, im Nor­mal­fall führt ein Fan­ver­halten und eine Stim­mung wie nach dem 0:1 zu einer haus­hohen und bla­ma­blen Nie­der­lage. Und wenn dann noch Fans bei 0:2 in der Halb­zeit­pause fei­xend und lachend den Abend genießen und andere jubeln, weil Hertha BSC Berlin gegen Hansa Ros­tock ver­liert, dann darf ruhig gefragt werden, ob diese Leute über­haupt ver­stehen, was am Dienstag im Sta­dion so abging. Und ob sie über­haupt mit dem nötigen Ernst – auch wenn es nur“ ein Hobby ist – bei der Sache sind.

Und nun? So was wie gegen Ham­burg darf ein­fach nicht mehr pas­sieren. Es war beschä­mend und erin­nerte beängs­ti­gend an das Spiel gegen Lever­kusen in der letzten Saison, als Aktionen des Geg­ners beklatscht und die eigene Mann­schaft nie­der­ge­macht wurde. Fehlte jetzt nur noch, dass sich ein Mob auf­machte, um hinter der Trai­ner­bank gegen alles zu pöbeln, was zur sport­li­chen Lei­tung gehört. Ein Aus­pfeifen der eigenen Mann­schaft hat immer Ver­un­si­che­rung zur Folge. Und Ver­un­si­che­rung schießt keine Tore. Vor allem nicht im West­fa­len­sta­dion.