Seite 5: Er hat sein Spiel nie verfeinert

Und schließ­lich steht Rooney wie kaum jemand sonst für ein kaltes, freud­loses System. Seit 25 Jahren ertrinkt der eng­li­sche Fuß­ball in Fern­seh­gel­dern. Er ist ein von Gier getrie­bener Indus­trie­zweig, ver­seucht von einem kleinen Kreis höchst berech­nender Berater. Rooney und seine Leute haben dieses System gna­denlos gemolken und pressten auch noch den letzten Cent raus. Vor einigen Jahren saß ein Jour­na­list bei einer Preis­ver­lei­hung zufällig am selben Tisch wie Rooney. Er nutzte die sel­tene Gele­gen­heit, ein paar Worte mit dem berühm­testen eng­li­schen Spieler seiner Genera­tion zu wech­seln und fragte ihn, was seine Ziele im Fuß­ball wären. Die WM gewinnen? Welt­fuß­baller werden? Der große Junge und Instinkt­fuß­baller Rooney ant­wor­tete, dass er der am besten bezahlte Spieler der Welt“ sein wolle.

Trotz allem hatte er eine bemer­kens­werte Kar­riere. In der ver­gan­genen Saison brach Rooney einen der hei­ligen Rekorde des bri­ti­schen Fuß­balls und wurde zum besten Tor­schützen in Uniteds Ver­eins­ge­schichte. Er brauchte dazu 212 Spiele weniger als der alte Rekord­halter, der unta­de­lige Sir Bobby Charlton. In seiner Zeit in Old Traf­ford hat Rooney jede Rolle im Sturm und im Mit­tel­feld aus­ge­füllt, vom zen­tralen Angreifer bis zum Sechser – vom knur­renden, spu­ckenden Tee­nie­genie zum knur­renden, spu­ckenden Rou­ti­nier. Seine besten Jahre waren wohl die fünf an der Seite von Cris­tiano Ronaldo, als die kör­per­liche Nähe zu einem noch grö­ßeren Talent mit noch unbe­grenz­teren phy­si­schen Mög­lich­keiten Rooney zu beflü­geln schien.

Ein Lie­bes­brief an Ronaldo

Ein High­light dieser Kar­riere war der 5. Mai 2009, als United im Halb­fi­nale der Cham­pions League bei Arsenal mit 3:1 gewann. Das dritte Tor war zugleich Höhe­punkt und Schluss­punkt der Rooney-Ronnie-Jahre, in denen United Kon­ter­fuß­ball mit bru­taler Geschwin­dig­keit und Kraft zele­brierte. Das Tor ent­stand aus einer Ecke für Arsenal. Nemanja Vidic köpft den Ball aus dem Straf­raum. In diesem Moment sprinten Rooney und Ronaldo mit sol­chem Hunger und einer sol­chen Ent­schlos­sen­heit nach vorne, dass man schon ahnen kann, was nun kommt. Ronaldo spielt den Ball mit der Hacke in den Lauf von Park Ji-sung. Der über­quert die Mit­tel­linie und spielt einen Steil­pass auf Rooney. In höchstem Tempo nimmt Rooney den Ball mit und schlägt die per­fekte Flanke vors Tor, ein Lie­bes­brief an Ronaldo, den der Por­tu­giese im Straf­raum annimmt und ver­wan­delt. Drei­zehn Sekunden und sieben Ball­be­rüh­rungen, um von einem Ende des Feldes zum anderen zu kommen: Für solche Angriffe war Rooney gemacht.

Aber das Finale verlor United dann, und Ronaldo ging zu Real Madrid. Da war Rooney 24 Jahre alt. Er wech­selte auf die Posi­tion des Mit­tel­stür­mers und schoss in den nächsten drei Jahren 84 Tore, wäh­rend sein Klub – wie auch er selbst – in die Phase des lang­samen, gele­gent­lich immer noch begeis­ternden Nie­der­ganges glitt. Ja, es gab begeis­ternde Momente, etwa das Aus­gleichstor im Finale der Cham­pions League 2011, bevor Lionel Messi Ernst machte und das Spiel ein­tü­tete. Doch bald folgte eine schlep­pende Odyssee durch Uniteds Jahre nach der Ära von Alex Fer­guson, nach Ronaldo.

Er hat sein Spiel nie ver­fei­nert

Viel­leicht ist der Ver­gleich mit Ronaldo am erhel­lendsten, weil er die Fein­heiten aus­leuchtet, die auf diesem Level den Unter­schied machen und zeigen, wie schwierig es ist, zu den wahr­haft Großen zu gehören. Ronaldo ist acht Monate älter als Rooney. Sie kamen zur selben Zeit bei United heraus. Mit 19 war Rooney in seiner Ent­wick­lung Ronaldo voraus. Von den beiden schien er die bes­seren Chancen zu haben, zu einem Phä­nomen zu werden, Preise abzu­räumen und den euro­päi­schen Ver­eins­fuß­ball zu domi­nieren. Viel­leicht ist die Sache ganz simpel. Rooney wurde dazu ange­halten, seine Dynamik ein­zu­bringen und sein Stra­ßen­fuß­baller-Image zu pflegen, bis man ihm mit 17 sagte, dass er es nun geschafft habe. Er hat sein Spiel nie ver­fei­nert. Als sein Antritt und sein Tempo sich ver­ab­schie­deten, als er die Fähig­keit verlor, sich durch Wucht Raum zu ver­schaffen, konnte er nichts Außer­ge­wöhn­li­ches mehr leisten. Pro­fes­sio­nel­lere Spieler – Arjen Robben, Ronaldo, Messi – können die Sprit­zig­keit bis in ihre Drei­ßiger behalten. Tech­nisch beschla­ge­nere Spieler können ihre Rolle auf dem Feld neu erfinden. Aber da Rooney sich nie wei­ter­ent­wi­ckelt hatte, wurde die Abwe­sen­heit sub­ti­lerer Fer­tig­keiten zum Merkmal seiner letzten Jahre.

Rooney ist im Herbst 32 geworden. Er sieht älter aus. Sein Ver­trag bei Everton läuft bis zum Sommer 2019. Danach wird er wohl den übli­chen Weg des alternden Promi-Profis ein­schlagen und in eine Ope­ret­ten­liga wech­seln, wenn auch nur, um sein Impe­rium vor dem Ruhe­stand noch etwas aus­zu­bauen oder sich ein wenig länger vor dem zu schützen, was droht – Lan­ge­weile, Spiel­schulden, Ehe­pro­bleme und die Leere, die bleibt, wenn man das Ein­zige, was man je getan hat, nicht mehr tut.

Es hätte nicht so kommen müssen. Roo­neys Kar­riere hätte anders aus­sehen können. Statt­dessen fühlt es sich auf eine ganz eigene Art schon wie ein Tri­umph an, dass er sich wei­gert, seinen lang­samen Nie­der­gang abzu­kürzen.