Seite 4: 26 Tüten Kartoffelchips und eine Fertigmahlzeit für die Mikrowelle

Im Sommer 2016 ver­ab­schie­dete sich ein mal wieder auf dem kol­lek­tiven Rückzug befind­li­ches Eng­land mit einem 1:2 gegen Island in Nizza von der EM. Für Rooney war es der letzte Auf­tritt bei einem großen Tur­nier, diesmal in seiner Alters­rolle als schwer­fäl­liger Spiel­ma­cher im Mit­tel­feld. Er war schau­der­haft. Vor der Pause lief er beim Ver­such eines Dribb­lings ein­fach mitten in Gylfi Sigurdsson rein, weil seine Füße den Rich­tungs­wechsel nicht hin­be­kamen. Später fingen die Kameras ein, wie er auf den Ball trat und im Mit­tel­kreis umfiel, eine Szene, die im Internet endlos recy­celt wurde, eine alt­be­kannte und reflex­ar­tige Aus­prä­gung des Rooney rage, des Zornes, der in den letzten sieben Jahren seiner inter­na­tio­nalen Kar­riere so ziem­lich jedes seiner Spiele begleitet hat.

In Old Traf­ford, und auch in Wem­bley, wurde Rooney immer gefeiert, bis zum Ende. Doch außer­halb dieser Mauern ist die Wucht der all­ge­gen­wär­tigen Wut, die ihm ent­ge­gen­schlägt, erstaun­lich. Es scheint viel mit dem Gefühl zu tun zu haben, betrogen worden zu sein, als betrachte man einen ster­benden Stern, der sich ein­fach wei­gert zu ver­lö­schen.

Viel­leicht ist das Pro­blem, dass Eng­land wäh­rend Roo­neys Zeit keine anderen Stars pro­du­ziert hat. Da geht es uns wie Coleen – wir sind bei unserer Jugend­liebe hän­gen­ge­blieben. Ins­ge­samt 95 Spieler haben seit Roo­neys erstem Län­der­spiel ihr Debüt für Eng­land gegeben, aber mehr als die Hälfte von ihnen hat es nie auch nur auf zehn Ein­sätze gebracht. Nicht weniger als 21 haben nur ein Spiel gemacht. In dieser Zeit gelangen Rooney 53 Tore im Natio­nal­trikot. Er ist alles, was wir haben, ob es uns gefällt oder nicht. Here we are. Stuck in the middle with Wayne.

26 Tüten Kar­tof­fel­chips und eine Fer­tig­mahl­zeit für die Mikro­welle 

Rooney ist auch das Opfer einer struk­tu­rellen Span­nung, die mit dem eng­li­schen Klas­sen­denken zu tun hat. Ein nor­maler Typ, der gerne was trinkt, ab und zu in Rau­fe­reien gerät und ansonsten ein­fach nur einem Ball nach­rennen will? Nein, in Eng­land liegen die Dinge nie so ein­fach.

Rooney ging ohne jeden Abschluss von der Schule ab. Er hat viele Autos und ein prot­ziges Haus. Im März hat er in zwei Stunden beim Rou­lette und Black Jack 600 000 Euro ver­loren. Er wird oft als beschränkt dar­ge­stellt, obwohl das offen­kundig nicht der Fall ist und bei einem so erfolg­rei­chen Sportler auch gar nicht sein könnte. Seine Frau wird ständig für die Wahl ihrer Kleider oder Acces­soires ver­spottet. Die Sun“ ver­öf­fent­lichte mal einen Artikel, in dem es einzig und allein um einen Ein­kaufs­beleg von Coleen über 45 Pfund ging (für, unter anderem, 26 Tüten Kar­tof­fel­chips, eine Fer­tig­mahl­zeit für die Mikro­welle und viele Tafeln Scho­ko­lade).

Rooney zu ver­un­glimpfen und über seine Eska­paden zu spotten, bedeutet in Eng­land, einen bestimmten Teil der Gesell­schaft zu ver­un­glimpfen: die ange­be­ri­sche Arbei­ter­klasse – die Chavs (was mit Prolls“ nur unzu­rei­chend über­setzt wäre). Früher liebte der eng­li­sche Fuß­ball seine Typen und Gal­gen­stricke, aber damals wurden sie auch nicht im Teen­ager­alter Mul­ti­mil­lio­näre. Fuß­ball ist eben kein Arbei­ter­sport mehr, son­dern ein glattes Unter­hal­tungs­pro­dukt.

Rooney raucht – und er trinkt viel

Im Fall von Rooney ver­kom­pli­ziert sich die Sache dadurch, dass er die Chuzpe hatte, mehr zu ver­spre­chen. Er nährte die Hoff­nung, er könnte ein wirk­lich Großer werden. Und dies in einem Land, das eine belas­tete Bezie­hung zum Kon­zept des Erfolges hat, eine komi­sche Mischung aus Selbst­hass und aus impe­rialen Zeiten her­rüh­render Arro­ganz. Wer droht, etwas sehr gut zu können, dem werden Eng­länder andau­ernd vor­halten, dass er nicht der Aller­beste ist. Das erklärt zum Teil die Frust­ge­fühle, die Rooney aus­löst. Für eine Nation, die heim­lich glaubt, sie müsste durch Geburts­recht in allem an der Spitze stehen, waren seine Anflüge von jugend­li­chem Genie berau­schend. Wie konnte er es danach wagen, ein­fach nur effektiv zu sein, bloß sehr gut?

Sein kör­per­li­cher Nie­der­gang hat diesen Zorn zusätz­lich befeuert. Die letzte Saison, in der ein beweg­li­cher, dyna­mi­scher Rooney Tore schoss, liegt fünf Jahre zurück. Seither ist er sichtbar lang­samer geworden und franst an den Ecken aus. Ein Pro­zess, der durch das peri­odi­sche Auf­pols­tern seines fus­se­ligen roten Schopfes mit Haar­trans­plan­ta­tionen nur teil­weise gelin­dert wird.

Einige ver­weisen darauf, dass Rooney so jung ange­fangen hat und stets in einer höheren Alters­klasse spielte, bis hin zur Pre­mier League, wo er mit 16 Jahren gegen gestan­dene Männer antrat. Viel­leicht musste er in der här­testen Liga der Welt aus­brennen. Andere erwähnen seine Lebens­weise. Rooney raucht. Er trinkt viel. Auf seiner letzten Reise mit der Natio­nalelf schloss er sich unein­ge­laden Hoch­zeits­gästen an, die im Mann­schafts­hotel fei­erten, und becherte mit ihnen bis drei Uhr mor­gens. Im Sep­tember wurde er wegen einer Alko­hol­fahrt ver­ur­teilt. Die Polizei stoppte ihn am Steuer eines VW-Käfers, der einem Mäd­chen gehörte, das er im Pub getroffen hatte. Kein Zweifel: Das Miss­ver­hältnis zwi­schen Roo­neys Gehalt und seinem unpro­fes­sio­nellem Lebens­wandel hat die öffent­li­chen Sym­pa­thien ver­schlissen.