Seite 3: „Für Charlotte, die ich am 28. Dezember gebumst habe. In Liebe, Wayne Rooney.“

Jenes erste Ligator gegen Arsenal gilt als defi­nie­render Moment in der Früh­phase seiner Kar­riere, aber der eigent­liche Durch­bruch war sein erstes Län­der­spiel von Beginn an, im April 2003 in Sun­der­land gegen die Türkei. Die Gäste hatten eine gute, erfah­rene Mann­schaft, die in den ersten zwanzig Minuten zweimal die Füh­rung ver­passte. Doch plötz­lich schnappte Rooney sich die Bälle und lief dann ein­fach los. Einmal rollte er wie eine Pla­nier­raupe über den kan­tigen, gefürch­teten Ver­tei­diger Alpay hinweg. Etwas später ließ er zwei Gegner stehen und jon­glierte dreist den Ball im Mit­tel­kreis. Eng­land gewann 2:0.

Sechs Monate später brauchte die Elf beim Rück­spiel einen Punkt, um zur EM 2004 zu fahren. Mitte der ersten Hälfte eines über­harten Spiels vergab David Beckham einen Elf­meter. Danach pro­vo­zierte Alpay den eng­li­schen Kapitän, er schrie ihm ins Gesicht und steckte ihm sogar einen Finger in die Nase. Des­wegen kam es auf dem Weg zur Halb­zeit­pause zu einem Tumult im Spie­ler­tunnel. Beckham und Alpay standen sich dro­hend gegen­über. Da ging Rooney an seinem Kapitän vorbei und holte Alpay mit einem ein­zigen Schlag von den Füßen. Er war gerade 18. Die Presse schmolz nur so dahin.

Er wurde einmal zu oft aus­ge­knockt

Viel­leicht hätte man Alpay sagen sollen, dass Rooney in der Arbei­ter­sied­lung Croxteth auf­ge­wachsen war, einem der ärmsten und här­testen Gebiete von Liver­pool. Sein Vater, Wayne Senior, war Hilfs­ar­beiter, seine Mutter Jea­nette arbei­tete in einer Schul­küche. Sein Onkel Richie Rooney lei­tete die lokale Box­halle, wo Wayne mit sieben Jahren an Säcken zu trai­nieren begann, die von Kle­be­band zusam­men­ge­halten wurden. Bei seiner Geburt hatte sein Vater, eben­falls ein Boxer, die statt­liche Größe seines Stamm­hal­ters bewun­dert und gesagt: Wir habe hier einen Preis­kämpfer!“ Doch Rooney Junior ging es wie seinem Dad, er wurde einmal zu oft aus­ge­knockt.

So wurde es statt­dessen Fuß­ball. Rooney spielte erst auf die Garagen in seiner Straße, später folgte die Schul­mann­schaft, dann die Nach­wuchsab-tei­lung des FC Everton. Die Roo­neys waren alle fana­ti­sche Everton-Fans, fast hätte Wayne den Namen Adrian bekommen, nach dem Stürmer Adrian Heath, der in den Acht­zi­gern zweimal Meister mit Everton war. (Waynes Bruder heißt Graeme Sharp Rooney, nach dem Sturm­partner von Heath.)

Als er zehn war, schoss Rooney sechs Tore gegen ein Jugend­team von Man­chester United, dar­unter ein Fall­rück­zieher. Es war toten­still auf dem Platz“, erin­nerte sich sein Trainer Ray Hall. Dann fing ein Eltern­teil an zu klat­schen und bald applau­dierten alle wie ver­rückt.“ Als er elf war, durfte Rooney die erste Mann­schaft zum Derby gegen Liver­pool an der Anfield Road auf den Rasen führen. Er machte beim Auf­wärmen mit und lupfte den Ball über Ever­tons Keeper Neville Sout­hall hinweg ins Netz – das hatte er die ganze Woche über geübt. Als er zwölf war, traf er Coleen, die später zu seiner (leid­ge­prüften) Ehe­frau und Mutter seiner drei Kinder werden sollte. Vorher aller­dings sorgte er schon für die ersten Skan­dal­schlag­zeilen in der Regen­bo­gen­presse.

Für Char­lotte, die ich am 28. Dezember gebumst habe. In Liebe, Wayne Rooney.“

Kurz nach der EM 2004 kam heraus, dass Rooney in den zwie­lich­tigen Ecken seiner Hei­mat­stadt die Dienste von Pro­sti­tu­ierten in Anspruch genommen hatte, von denen eine zur ewigen Freude der Bou­le­vard­zei­tungen 48 Jahre alt war – und Groß­mutter. Eine andere bat ihn um ein Auto­gramm und bekam einen Zettel, auf dem stand: Für Char­lotte, die ich am 28. Dezember gebumst habe. In Liebe, Wayne Rooney.“ Was es, abge­sehen von allen anderen Dingen, schwierig für ihn machte, die Sache zu demen­tieren. Wer hätte ahnen können, dass große Jungs – so stark, so mutig, so früh­reif – so viel Ärger machen können?

Es ist Roo­neys Pech, eine Kar­riere im Rück­wärts­gang gelebt zu haben. Das Beste von ihm war das Erste von ihm. Ein Jahr nach der Türkei-Partie spielte er bei der EM in Lis­sabon sen­sa­tio­nell gegen eine starke fran­zö­si­sche Elf. Mitte der ersten Hälfte tun­nelte er Robert Pires und Claude Maké­lélé an der eng­li­schen Straf­raum­grenze und bekam Bei­fall auf offener Szene. Er ging mit dem Zidane-Trick an dessen Namens­geber vorbei und wurde dafür umge­hauen. Nach dem Wechsel star­tete er ein Solo in der eigenen Hälfte, ließ drei Mann aus­steigen und holte einen Elf­meter heraus, den Beckham ver­schoss. Da war er gerade seit 15 Monaten Profi. In den nächsten beiden Län­der­spielen traf er viermal, aber Eng­land schied im Vier­tel­fi­nale aus. Dann ging Rooney für 37,5 Mil­lionen Euro zu United, damals Welt­re­kord­ab­löse für einen Teen­ager.

Wie sind wir von damals ins Jetzt gekommen? Es ist ver­blüf­fend, dass ein Spieler, der einst wie eine Natur­ge­walt erschien, so jugend­lich und dyna­misch, seine Kar­riere der­maßen sta­tisch beenden soll, als Ziel­scheibe der Frus­tra­tion einer jün­geren Genera­tion, die nur mit dem lang­samen Dahin­sie­chen seiner späten Jahren ver­traut ist.