Wenn eines fernen Tages His­to­riker nach genau dem Moment suchen, in dem der eng­li­sche Fuß­ball vom Weg abkam, dann sollten sie nach Baden-Baden reisen. Denn an diesem Ort ging die letzte wirk­lich talen­tierte Genera­tion der Three Lions“ aus dem Leim.

Sven-Göran Eriks­sons Zeit als eng­li­scher Natio­nal­trainer fand bei der WM 2006 ihr Ende. Aber erst nachdem sein Wan­der­zirkus, ver­folgt von einem Schwarm von Foto­grafen, drei Wochen lang durch die Wein­bars und Bou­ti­quen des berühmten Kur­ortes gezogen war und zum Sinn­bild wurde für eine Fuß­ball­kultur der Promi-Exzesse, etwa der offenbar unstill­baren Sehn­sucht, die am teu­ersten ver­zierte Hand­ta­sche aus Chin­chil­la­fell zu finden, die der Mensch­heit bekannt ist. Eriksson betrach­tete das alles mit müder Resi­gna­tion. Er befand sich bereits auf Abschieds­tour, nachdem er in eine Falle der Bou­le­vard­zei­tung News of the World“ getappt war, die eine Super­yacht mie­tete und den schwe­di­schen Trainer von einem Schau­spieler, der sich als mil­li­ar­den­schwerer ara­bi­scher Scheich ausgab, mit Cham­pa­gner für 600 Euro die Fla­sche abfüllen ließ.

Lasst Wayne Rooney leben!“

Doch bevor Eriksson end­gültig abtrat, sagte er noch etwas Inter­es­santes. Nach der ver­hee­renden Nie­der­lage im Vier­tel­fi­nale gegen Por­tugal warnte er das eng­li­sche Volk: Lasst Wayne Rooney leben!“ Der Spieler war gerade vom Platz gestellt worden, weil er Ricardo Car­valhos Hoden mit seinem Schuh bear­beitet hatte, wobei in Anbe­tracht von Roo­neys Form das Über­ra­schende daran war, dass er nicht dane­ben­trat. Lasst Wayne Rooney leben!“, sagte Eriksson also. Denn ihr braucht ihn.“

Er hatte Recht. Es sollte sich zeigen, dass Eng­land Wayne Rooney brauchte. Nur viel­leicht anders als gedacht. Als abschre­ckendes Bei­spiel.

Mehr als 15 Jahre sind seit seinem großen Erwe­ckungs­mo­ment ver­gangen, dem spek­ta­ku­lären ersten Tor in der Pre­mier League gegen Arsenal, das im Oktober 2002 der Welt die Ankunft eines großen Talents ver­kün­dete. Hier kommt er, der blasse, som­mer­spros­sige Junge mit den Segel­ohren! Der Held, der aus­sieht, als hätte er sich vom Park­platz draußen ins Sta­dion geschli­chen und wäre, den Ord­nern aus­wei­chend, über die Wer­be­bande gehüpft, um den nächsten her­ren­losen Ball in den Winkel zu häm­mern.

Es ist schwierig, einem Außen­ste­henden zu erklären, wie anstren­gend und zer­mür­bend das Ver­hältnis der eng­li­schen Fans zu Rooney seither ist. Es ähnelt einer seltsam gif­tigen, seltsam leeren Obses­sion. Rooney hat große Leis­tungen gezeigt, er brach Tor­re­korde und stand mit Man­chester United dreimal im Finale der Cham­pions League. Zugleich war er der Gegen­stand eines fast über­wäl­ti­genden gemein­schaft­li­chen Ver­lusts aller Maß­stäbe. Er wurde erst in den Himmel gelobt und dann ver­höhnt als Symbol der fuß­bal­le­ri­schen Bank­rott­erklä­rung Eng­lands. Am Ende war er doch nicht der Retter, nach dem sich der eng­li­sche Fuß­ball sehnte, und auch nicht der Held aus der Arbei­ter­klasse, von dem man dachte, dass man ihn sucht.

Wayne-Rooney-Rei­se­ge­päck und Wayne-Rooney-Maus-pads

Eines aber war er unzwei­fel­haft: eine kul­tu­relle und kom­mer­zi­elle Urge­walt. Rooney mag bei einem großen Tur­nier nie weiter als bis ins Vier­tel­fi­nale gekommen sein, nie eine Rolle bei der Wahl zum Welt­fuß­baller gespielt haben und außer­halb Eng­lands nie für Furore gesorgt haben. Aber er war ein wirt­schaft­li­cher Erfolg.

Er ist der viertreichste Fuß­baller der Welt. Aktuell kann man eine Kol­lek­tion Wayne-Rooney-Geschirr kaufen, ebenso Wayne-Rooney-Wohn­tex­ti­lien, Wayne-Rooney-Mode, Wayne-Rooney-Kunst­ob­jekte, Wayne-Rooney-Rei­se­ge­päck, Wayne-Rooney-Schreib­waren und ‑Geburts­tags­karten, Wayne-Rooney-Maus-pads und min­des­tens vier ver­schie­dene Wayne-Rooney-Masken. Es sind 36 eng­lisch­spra­chige Bücher im Handel, die sich den vielen Gesich­tern des Wayne Rooney widmen, dazu gibt es noch eine Reihe Werke, die aus der Feder seiner Frau Coleen stammen, sowie eines von einer Pro­sti­tu­ierten, mit der er mal Sex hatte. Rooney hat 16,4 Mil­lionen Fol­lower auf Twitter – mehr als die Ver­einten Nationen und die eng­li­sche Pre­mier­mi­nis­terin zusammen. Nicht schlecht für einen Fuß­baller, der noch immer keine ein­zige öffent­liche Aus­sage getä­tigt hat, die einer Erwäh­nung wert gewesen wäre.

Denn selbst wer all die 36 Bücher gelesen hat, weiß nicht viel über Rooney. Löf­fel­weise werden einem Nich­tig­keiten ein­ge­trich­tert, denn ein wich­tiger Aspekt des Mannes, der sich wil­lent­lich zur Ware machen ließ, ist seine fast totale per­sön­liche Omertà, sein Schwei­ge­ge­lübde. Es fällt sogar schwer, aus dem Stand zu sagen, wie seine Stimme klingt. (Fürs Pro­to­koll: dünn, flach, nasal, mit Liver­pool-Akzent.) Zuerst sagte er aus Furcht und Schüch­tern­heit so gut wie nichts, später unter dem Ein­fluss diverser Berater, die seine depri­mie­rend fade und cha­rak­ter­freie öffent­liche Dar­stel­lung kon­trol­lierten.

Aber so läuft das Spiel in Eng­land. Für einen Artikel wie diesen hätte ich zum Bei­spiel mit Rooney selbst spre­chen sollen. In der Theorie klingt das gut. In der Praxis hätte es ein mona­te­langes Manö­vrieren durch den kom­mer­zi­ellen Kokon bedeutet, der ihn umgibt, und an dessen Ende wäre ich wahr­schein­lich trotzdem geschei­tert. Doch selbst wenn ich wie durch ein Wunder einen güns­tigen Zeit­punkt erwischt hätte oder durch pure Hart­nä­ckig­keit und die Zusage diverser Gefallen an mein Ziel gelangt wäre, würde ein Gespräch mit Rooney mit an Sicher­heit gren­zender Wahr­schein­lich­keit nichts Sub­stan­ti­elles her­vor­bringen. Außer viel­leicht einen kurzen Hin­weis am Schluss, dass er diese oder jene Schuh­marke trägt und für eine bestimmte Super­markt­kette wirbt.

Geschichte der nicht ein­ge­hal­tenen Ver­spre­chen

Obwohl sie in der Öffent­lich­keit stehen und enorme finan­zi­elle For­de­rungen stellen, reden eng­li­sche Fuß­baller nicht. Manchmal ist man ver­sucht zu ver­muten, dass sie es gar nicht können, so vor­sichtig treten sie auf, nachdem man ihnen seit frü­hester Jugend ein­ge­bläut hat, jedes aus­sa­ge­kräf­tige State­ment zu ver­meiden. In den 15 Jahren, in denen ich über Fuß­ball schreibe, habe ich Rooney mal in einer Gruppe befragt, hielt ein anderes Mal ein Mikro unter seine Nase, wäh­rend er sprach, und habe zahl­lose Fern­seh­in­ter­views mit ihm gesehen. Doch ich habe keine Ahnung, wie er abseits des Platzes ist. Er ist überall und doch nir­gends. Hilflos greift man nach den Büchern und starrt mit leerem Blick ihre Umschläge an, nimmt einen Schluck aus seiner Wayne-Rooney-Kaf­fee­tasse und erneuert das Pay-TV-Abo.

Wie auch immer, in jedem Fall sind wir nun end­lich beim Schluss­ka­pitel der Rooney-Saga ange­kommen. Im Sommer ver­ließ er United und kehrte zu seinem Stamm­verein Everton zurück, mit bis­lang erstaun­lich vielen Toren aber mit durch­wach­senem Ergebnis. Rooney ist 32. Er sieht erheb­lich älter aus. Aber es wirkten ja auch große Flieh­kräfte auf seine Lauf­bahn ein. An ihrem Ende wird man viel­leicht sagen müssen, dass Eng­land keinen Sportler her­vor­ge­bracht hat, der so pola­ri­sierte und zur Weiß­glut trieb wie Rooney. Denn seine Kar­riere ist eine Geschichte der nicht ein­ge­hal­tenen Ver­spre­chen.

Er ist … ein Phä­nomen!“

Erst 16, mit bru­taler Power und furcht­ein­flö­ßender Geschwin­dig­keit. Der Junge in Män­ner­ge­stalt hat Nerven aus Stahl und fürchtet nie­manden. Er ist Wayne Rooney. Er ist … ein Phä­nomen!“ Die eng­li­sche Presse neigt nicht zum Under­state­ment, und so hieß der Daily Mirror“ Rooney im Sep­tember 2002 auf typisch über­hitzte Weise in der Pre­mier League will­kommen. Er war noch immer bloß eine Idee, eine leere Lein­wand. Ihn umgab etwas Ver­lo­renes und Unfer­tiges. So wurde aus ihm der Junge in Män­ner­ge­stalt, der gebrauchs­fertig in irgend­einem ver­las­senen Stadt­zen­trum aus der Müll­tonne gekro­chen war. 

Dabei war Rooney da schon seit sieben Jahre beim FC Everton. Einige Monate zuvor hatte er für Eng­lands U17 ein Tor von früh­reifer Raf­fi­nesse gegen Hol­land geschossen, als er einen Schuss mit links antäuschte, dann einen Haken nach rechts schlug und den Ball im Eck ver­senkte. Bei United würde er zu einem effek­tiven und viel­sei­tigen Spieler her­an­wachsen, doch von Anfang an wurde er zum letzten Stra­ßenfuß-baller hoch­sti­li­siert, zum Gos­sen­junge mit gött­li­chen Füßen. 

Jenes erste Ligator gegen Arsenal gilt als defi­nie­render Moment in der Früh­phase seiner Kar­riere, aber der eigent­liche Durch­bruch war sein erstes Län­der­spiel von Beginn an, im April 2003 in Sun­der­land gegen die Türkei. Die Gäste hatten eine gute, erfah­rene Mann­schaft, die in den ersten zwanzig Minuten zweimal die Füh­rung ver­passte. Doch plötz­lich schnappte Rooney sich die Bälle und lief dann ein­fach los. Einmal rollte er wie eine Pla­nier­raupe über den kan­tigen, gefürch­teten Ver­tei­diger Alpay hinweg. Etwas später ließ er zwei Gegner stehen und jon­glierte dreist den Ball im Mit­tel­kreis. Eng­land gewann 2:0.

Sechs Monate später brauchte die Elf beim Rück­spiel einen Punkt, um zur EM 2004 zu fahren. Mitte der ersten Hälfte eines über­harten Spiels vergab David Beckham einen Elf­meter. Danach pro­vo­zierte Alpay den eng­li­schen Kapitän, er schrie ihm ins Gesicht und steckte ihm sogar einen Finger in die Nase. Des­wegen kam es auf dem Weg zur Halb­zeit­pause zu einem Tumult im Spie­ler­tunnel. Beckham und Alpay standen sich dro­hend gegen­über. Da ging Rooney an seinem Kapitän vorbei und holte Alpay mit einem ein­zigen Schlag von den Füßen. Er war gerade 18. Die Presse schmolz nur so dahin.

Er wurde einmal zu oft aus­ge­knockt

Viel­leicht hätte man Alpay sagen sollen, dass Rooney in der Arbei­ter­sied­lung Croxteth auf­ge­wachsen war, einem der ärmsten und här­testen Gebiete von Liver­pool. Sein Vater, Wayne Senior, war Hilfs­ar­beiter, seine Mutter Jea­nette arbei­tete in einer Schul­küche. Sein Onkel Richie Rooney lei­tete die lokale Box­halle, wo Wayne mit sieben Jahren an Säcken zu trai­nieren begann, die von Kle­be­band zusam­men­ge­halten wurden. Bei seiner Geburt hatte sein Vater, eben­falls ein Boxer, die statt­liche Größe seines Stamm­hal­ters bewun­dert und gesagt: Wir habe hier einen Preis­kämpfer!“ Doch Rooney Junior ging es wie seinem Dad, er wurde einmal zu oft aus­ge­knockt.

So wurde es statt­dessen Fuß­ball. Rooney spielte erst auf die Garagen in seiner Straße, später folgte die Schul­mann­schaft, dann die Nach­wuchsab-tei­lung des FC Everton. Die Roo­neys waren alle fana­ti­sche Everton-Fans, fast hätte Wayne den Namen Adrian bekommen, nach dem Stürmer Adrian Heath, der in den Acht­zi­gern zweimal Meister mit Everton war. (Waynes Bruder heißt Graeme Sharp Rooney, nach dem Sturm­partner von Heath.)

Als er zehn war, schoss Rooney sechs Tore gegen ein Jugend­team von Man­chester United, dar­unter ein Fall­rück­zieher. Es war toten­still auf dem Platz“, erin­nerte sich sein Trainer Ray Hall. Dann fing ein Eltern­teil an zu klat­schen und bald applau­dierten alle wie ver­rückt.“ Als er elf war, durfte Rooney die erste Mann­schaft zum Derby gegen Liver­pool an der Anfield Road auf den Rasen führen. Er machte beim Auf­wärmen mit und lupfte den Ball über Ever­tons Keeper Neville Sout­hall hinweg ins Netz – das hatte er die ganze Woche über geübt. Als er zwölf war, traf er Coleen, die später zu seiner (leid­ge­prüften) Ehe­frau und Mutter seiner drei Kinder werden sollte. Vorher aller­dings sorgte er schon für die ersten Skan­dal­schlag­zeilen in der Regen­bo­gen­presse.

Für Char­lotte, die ich am 28. Dezember gebumst habe. In Liebe, Wayne Rooney.“

Kurz nach der EM 2004 kam heraus, dass Rooney in den zwie­lich­tigen Ecken seiner Hei­mat­stadt die Dienste von Pro­sti­tu­ierten in Anspruch genommen hatte, von denen eine zur ewigen Freude der Bou­le­vard­zei­tungen 48 Jahre alt war – und Groß­mutter. Eine andere bat ihn um ein Auto­gramm und bekam einen Zettel, auf dem stand: Für Char­lotte, die ich am 28. Dezember gebumst habe. In Liebe, Wayne Rooney.“ Was es, abge­sehen von allen anderen Dingen, schwierig für ihn machte, die Sache zu demen­tieren. Wer hätte ahnen können, dass große Jungs – so stark, so mutig, so früh­reif – so viel Ärger machen können?

Es ist Roo­neys Pech, eine Kar­riere im Rück­wärts­gang gelebt zu haben. Das Beste von ihm war das Erste von ihm. Ein Jahr nach der Türkei-Partie spielte er bei der EM in Lis­sabon sen­sa­tio­nell gegen eine starke fran­zö­si­sche Elf. Mitte der ersten Hälfte tun­nelte er Robert Pires und Claude Maké­lélé an der eng­li­schen Straf­raum­grenze und bekam Bei­fall auf offener Szene. Er ging mit dem Zidane-Trick an dessen Namens­geber vorbei und wurde dafür umge­hauen. Nach dem Wechsel star­tete er ein Solo in der eigenen Hälfte, ließ drei Mann aus­steigen und holte einen Elf­meter heraus, den Beckham ver­schoss. Da war er gerade seit 15 Monaten Profi. In den nächsten beiden Län­der­spielen traf er viermal, aber Eng­land schied im Vier­tel­fi­nale aus. Dann ging Rooney für 37,5 Mil­lionen Euro zu United, damals Welt­re­kord­ab­löse für einen Teen­ager.

Wie sind wir von damals ins Jetzt gekommen? Es ist ver­blüf­fend, dass ein Spieler, der einst wie eine Natur­ge­walt erschien, so jugend­lich und dyna­misch, seine Kar­riere der­maßen sta­tisch beenden soll, als Ziel­scheibe der Frus­tra­tion einer jün­geren Genera­tion, die nur mit dem lang­samen Dahin­sie­chen seiner späten Jahren ver­traut ist. 

Im Sommer 2016 ver­ab­schie­dete sich ein mal wieder auf dem kol­lek­tiven Rückzug befind­li­ches Eng­land mit einem 1:2 gegen Island in Nizza von der EM. Für Rooney war es der letzte Auf­tritt bei einem großen Tur­nier, diesmal in seiner Alters­rolle als schwer­fäl­liger Spiel­ma­cher im Mit­tel­feld. Er war schau­der­haft. Vor der Pause lief er beim Ver­such eines Dribb­lings ein­fach mitten in Gylfi Sigurdsson rein, weil seine Füße den Rich­tungs­wechsel nicht hin­be­kamen. Später fingen die Kameras ein, wie er auf den Ball trat und im Mit­tel­kreis umfiel, eine Szene, die im Internet endlos recy­celt wurde, eine alt­be­kannte und reflex­ar­tige Aus­prä­gung des Rooney rage, des Zornes, der in den letzten sieben Jahren seiner inter­na­tio­nalen Kar­riere so ziem­lich jedes seiner Spiele begleitet hat.

In Old Traf­ford, und auch in Wem­bley, wurde Rooney immer gefeiert, bis zum Ende. Doch außer­halb dieser Mauern ist die Wucht der all­ge­gen­wär­tigen Wut, die ihm ent­ge­gen­schlägt, erstaun­lich. Es scheint viel mit dem Gefühl zu tun zu haben, betrogen worden zu sein, als betrachte man einen ster­benden Stern, der sich ein­fach wei­gert zu ver­lö­schen.

Viel­leicht ist das Pro­blem, dass Eng­land wäh­rend Roo­neys Zeit keine anderen Stars pro­du­ziert hat. Da geht es uns wie Coleen – wir sind bei unserer Jugend­liebe hän­gen­ge­blieben. Ins­ge­samt 95 Spieler haben seit Roo­neys erstem Län­der­spiel ihr Debüt für Eng­land gegeben, aber mehr als die Hälfte von ihnen hat es nie auch nur auf zehn Ein­sätze gebracht. Nicht weniger als 21 haben nur ein Spiel gemacht. In dieser Zeit gelangen Rooney 53 Tore im Natio­nal­trikot. Er ist alles, was wir haben, ob es uns gefällt oder nicht. Here we are. Stuck in the middle with Wayne.

26 Tüten Kar­tof­fel­chips und eine Fer­tig­mahl­zeit für die Mikro­welle 

Rooney ist auch das Opfer einer struk­tu­rellen Span­nung, die mit dem eng­li­schen Klas­sen­denken zu tun hat. Ein nor­maler Typ, der gerne was trinkt, ab und zu in Rau­fe­reien gerät und ansonsten ein­fach nur einem Ball nach­rennen will? Nein, in Eng­land liegen die Dinge nie so ein­fach.

Rooney ging ohne jeden Abschluss von der Schule ab. Er hat viele Autos und ein prot­ziges Haus. Im März hat er in zwei Stunden beim Rou­lette und Black Jack 600 000 Euro ver­loren. Er wird oft als beschränkt dar­ge­stellt, obwohl das offen­kundig nicht der Fall ist und bei einem so erfolg­rei­chen Sportler auch gar nicht sein könnte. Seine Frau wird ständig für die Wahl ihrer Kleider oder Acces­soires ver­spottet. Die Sun“ ver­öf­fent­lichte mal einen Artikel, in dem es einzig und allein um einen Ein­kaufs­beleg von Coleen über 45 Pfund ging (für, unter anderem, 26 Tüten Kar­tof­fel­chips, eine Fer­tig­mahl­zeit für die Mikro­welle und viele Tafeln Scho­ko­lade).

Rooney zu ver­un­glimpfen und über seine Eska­paden zu spotten, bedeutet in Eng­land, einen bestimmten Teil der Gesell­schaft zu ver­un­glimpfen: die ange­be­ri­sche Arbei­ter­klasse – die Chavs (was mit Prolls“ nur unzu­rei­chend über­setzt wäre). Früher liebte der eng­li­sche Fuß­ball seine Typen und Gal­gen­stricke, aber damals wurden sie auch nicht im Teen­ager­alter Mul­ti­mil­lio­näre. Fuß­ball ist eben kein Arbei­ter­sport mehr, son­dern ein glattes Unter­hal­tungs­pro­dukt.

Rooney raucht – und er trinkt viel

Im Fall von Rooney ver­kom­pli­ziert sich die Sache dadurch, dass er die Chuzpe hatte, mehr zu ver­spre­chen. Er nährte die Hoff­nung, er könnte ein wirk­lich Großer werden. Und dies in einem Land, das eine belas­tete Bezie­hung zum Kon­zept des Erfolges hat, eine komi­sche Mischung aus Selbst­hass und aus impe­rialen Zeiten her­rüh­render Arro­ganz. Wer droht, etwas sehr gut zu können, dem werden Eng­länder andau­ernd vor­halten, dass er nicht der Aller­beste ist. Das erklärt zum Teil die Frust­ge­fühle, die Rooney aus­löst. Für eine Nation, die heim­lich glaubt, sie müsste durch Geburts­recht in allem an der Spitze stehen, waren seine Anflüge von jugend­li­chem Genie berau­schend. Wie konnte er es danach wagen, ein­fach nur effektiv zu sein, bloß sehr gut?

Sein kör­per­li­cher Nie­der­gang hat diesen Zorn zusätz­lich befeuert. Die letzte Saison, in der ein beweg­li­cher, dyna­mi­scher Rooney Tore schoss, liegt fünf Jahre zurück. Seither ist er sichtbar lang­samer geworden und franst an den Ecken aus. Ein Pro­zess, der durch das peri­odi­sche Auf­pols­tern seines fus­se­ligen roten Schopfes mit Haar­trans­plan­ta­tionen nur teil­weise gelin­dert wird.

Einige ver­weisen darauf, dass Rooney so jung ange­fangen hat und stets in einer höheren Alters­klasse spielte, bis hin zur Pre­mier League, wo er mit 16 Jahren gegen gestan­dene Männer antrat. Viel­leicht musste er in der här­testen Liga der Welt aus­brennen. Andere erwähnen seine Lebens­weise. Rooney raucht. Er trinkt viel. Auf seiner letzten Reise mit der Natio­nalelf schloss er sich unein­ge­laden Hoch­zeits­gästen an, die im Mann­schafts­hotel fei­erten, und becherte mit ihnen bis drei Uhr mor­gens. Im Sep­tember wurde er wegen einer Alko­hol­fahrt ver­ur­teilt. Die Polizei stoppte ihn am Steuer eines VW-Käfers, der einem Mäd­chen gehörte, das er im Pub getroffen hatte. Kein Zweifel: Das Miss­ver­hältnis zwi­schen Roo­neys Gehalt und seinem unpro­fes­sio­nellem Lebens­wandel hat die öffent­li­chen Sym­pa­thien ver­schlissen. 

Und schließ­lich steht Rooney wie kaum jemand sonst für ein kaltes, freud­loses System. Seit 25 Jahren ertrinkt der eng­li­sche Fuß­ball in Fern­seh­gel­dern. Er ist ein von Gier getrie­bener Indus­trie­zweig, ver­seucht von einem kleinen Kreis höchst berech­nender Berater. Rooney und seine Leute haben dieses System gna­denlos gemolken und pressten auch noch den letzten Cent raus. Vor einigen Jahren saß ein Jour­na­list bei einer Preis­ver­lei­hung zufällig am selben Tisch wie Rooney. Er nutzte die sel­tene Gele­gen­heit, ein paar Worte mit dem berühm­testen eng­li­schen Spieler seiner Genera­tion zu wech­seln und fragte ihn, was seine Ziele im Fuß­ball wären. Die WM gewinnen? Welt­fuß­baller werden? Der große Junge und Instinkt­fuß­baller Rooney ant­wor­tete, dass er der am besten bezahlte Spieler der Welt“ sein wolle.

Trotz allem hatte er eine bemer­kens­werte Kar­riere. In der ver­gan­genen Saison brach Rooney einen der hei­ligen Rekorde des bri­ti­schen Fuß­balls und wurde zum besten Tor­schützen in Uniteds Ver­eins­ge­schichte. Er brauchte dazu 212 Spiele weniger als der alte Rekord­halter, der unta­de­lige Sir Bobby Charlton. In seiner Zeit in Old Traf­ford hat Rooney jede Rolle im Sturm und im Mit­tel­feld aus­ge­füllt, vom zen­tralen Angreifer bis zum Sechser – vom knur­renden, spu­ckenden Tee­nie­genie zum knur­renden, spu­ckenden Rou­ti­nier. Seine besten Jahre waren wohl die fünf an der Seite von Cris­tiano Ronaldo, als die kör­per­liche Nähe zu einem noch grö­ßeren Talent mit noch unbe­grenz­teren phy­si­schen Mög­lich­keiten Rooney zu beflü­geln schien.

Ein Lie­bes­brief an Ronaldo

Ein High­light dieser Kar­riere war der 5. Mai 2009, als United im Halb­fi­nale der Cham­pions League bei Arsenal mit 3:1 gewann. Das dritte Tor war zugleich Höhe­punkt und Schluss­punkt der Rooney-Ronnie-Jahre, in denen United Kon­ter­fuß­ball mit bru­taler Geschwin­dig­keit und Kraft zele­brierte. Das Tor ent­stand aus einer Ecke für Arsenal. Nemanja Vidic köpft den Ball aus dem Straf­raum. In diesem Moment sprinten Rooney und Ronaldo mit sol­chem Hunger und einer sol­chen Ent­schlos­sen­heit nach vorne, dass man schon ahnen kann, was nun kommt. Ronaldo spielt den Ball mit der Hacke in den Lauf von Park Ji-sung. Der über­quert die Mit­tel­linie und spielt einen Steil­pass auf Rooney. In höchstem Tempo nimmt Rooney den Ball mit und schlägt die per­fekte Flanke vors Tor, ein Lie­bes­brief an Ronaldo, den der Por­tu­giese im Straf­raum annimmt und ver­wan­delt. Drei­zehn Sekunden und sieben Ball­be­rüh­rungen, um von einem Ende des Feldes zum anderen zu kommen: Für solche Angriffe war Rooney gemacht.

Aber das Finale verlor United dann, und Ronaldo ging zu Real Madrid. Da war Rooney 24 Jahre alt. Er wech­selte auf die Posi­tion des Mit­tel­stür­mers und schoss in den nächsten drei Jahren 84 Tore, wäh­rend sein Klub – wie auch er selbst – in die Phase des lang­samen, gele­gent­lich immer noch begeis­ternden Nie­der­ganges glitt. Ja, es gab begeis­ternde Momente, etwa das Aus­gleichstor im Finale der Cham­pions League 2011, bevor Lionel Messi Ernst machte und das Spiel ein­tü­tete. Doch bald folgte eine schlep­pende Odyssee durch Uniteds Jahre nach der Ära von Alex Fer­guson, nach Ronaldo.

Er hat sein Spiel nie ver­fei­nert

Viel­leicht ist der Ver­gleich mit Ronaldo am erhel­lendsten, weil er die Fein­heiten aus­leuchtet, die auf diesem Level den Unter­schied machen und zeigen, wie schwierig es ist, zu den wahr­haft Großen zu gehören. Ronaldo ist acht Monate älter als Rooney. Sie kamen zur selben Zeit bei United heraus. Mit 19 war Rooney in seiner Ent­wick­lung Ronaldo voraus. Von den beiden schien er die bes­seren Chancen zu haben, zu einem Phä­nomen zu werden, Preise abzu­räumen und den euro­päi­schen Ver­eins­fuß­ball zu domi­nieren. Viel­leicht ist die Sache ganz simpel. Rooney wurde dazu ange­halten, seine Dynamik ein­zu­bringen und sein Stra­ßen­fuß­baller-Image zu pflegen, bis man ihm mit 17 sagte, dass er es nun geschafft habe. Er hat sein Spiel nie ver­fei­nert. Als sein Antritt und sein Tempo sich ver­ab­schie­deten, als er die Fähig­keit verlor, sich durch Wucht Raum zu ver­schaffen, konnte er nichts Außer­ge­wöhn­li­ches mehr leisten. Pro­fes­sio­nel­lere Spieler – Arjen Robben, Ronaldo, Messi – können die Sprit­zig­keit bis in ihre Drei­ßiger behalten. Tech­nisch beschla­ge­nere Spieler können ihre Rolle auf dem Feld neu erfinden. Aber da Rooney sich nie wei­ter­ent­wi­ckelt hatte, wurde die Abwe­sen­heit sub­ti­lerer Fer­tig­keiten zum Merkmal seiner letzten Jahre.

Rooney ist im Herbst 32 geworden. Er sieht älter aus. Sein Ver­trag bei Everton läuft bis zum Sommer 2019. Danach wird er wohl den übli­chen Weg des alternden Promi-Profis ein­schlagen und in eine Ope­ret­ten­liga wech­seln, wenn auch nur, um sein Impe­rium vor dem Ruhe­stand noch etwas aus­zu­bauen oder sich ein wenig länger vor dem zu schützen, was droht – Lan­ge­weile, Spiel­schulden, Ehe­pro­bleme und die Leere, die bleibt, wenn man das Ein­zige, was man je getan hat, nicht mehr tut.

Es hätte nicht so kommen müssen. Roo­neys Kar­riere hätte anders aus­sehen können. Statt­dessen fühlt es sich auf eine ganz eigene Art schon wie ein Tri­umph an, dass er sich wei­gert, seinen lang­samen Nie­der­gang abzu­kürzen.