Die ersten Schock­wellen sind ver­ebbt. Die Erleich­te­rung über die Ret­tung des däni­schen Natio­nal­spie­lers Chris­tian Eriksen ist riesig. Natür­lich. Die Anteil­nahme an seinem Schicksal ist gigan­tisch. Aber min­des­tens ebenso groß ist die Empö­rung über den euro­päi­schen Fuß­ball­ver­band UEFA, der mit den Leben und der Gesund­heit seiner Sportler zu spielen scheint wie ein High­roller in Las Vegas: all-in, ohne irgend­eine Rück­sicht auf Ver­luste.

Bos­niens lang­jäh­riger Natio­nal­tor­wart Asmir Begovic (AFC Bour­ne­mouth) nennt den Übel­täter nicht beim Namen, übt jedoch ver­nich­tende Kritik an der Union of Euro­pean Foot­ball Asso­cia­tions, kurz UEFA: Die Gesund­heit und das Wohl der Spieler sind seit Jahren igno­riert worden“, schimpft der Profi des eng­li­schen Zweit­li­gisten AFC Bour­ne­mouth via Twitter und warnt: Immer mehr Spiele in immer dich­tere Zeit­pläne hin­ein­zu­quet­schen, wird zwangs­läufig zu noch mehr gesund­heit­li­chen Pro­blemen für Fuß­baller führen. Lasst uns hoffen, dass die Men­schen an der Macht das irgend­wann erkennen werden.“

Kritik an den Ver­bänden

Dass dies ein ziem­lich frommer Wunsch ist, zeigte sich bereits kurz nach Erik­sens Kol­laps, als die UEFA eine unver­züg­liche Fort­set­zung der Partie zwi­schen Däne­mark und Finn­land durch­drückte – mit aller Gewalt: Wir wurden in eine Posi­tion gedrängt, in die man uns nicht hätte bringen dürfen“, berichtet Däne­marks Keeper Kasper Schmei­chel: Wir hatten zwei Mög­lich­keiten. Morgen (gemeint war der ver­gan­gene Sonntag; die Redak­tion) um 12 Uhr wieder anzu­treten oder gleich wei­ter­zu­spielen.“

Schmei­chels Kritik richtet sich nicht nur gegen die UEFA selbst, son­dern auch gegen den däni­schen Ver­band. Die DBU setzt sich zwar vor­bild­lich für die Ein­hal­tung der Men­schen­rechte in Katar ein, blieb jedoch am Samstag erschre­ckend passiv, als es galt, sich um das Wohl der eigenen Mann­schaft zu bemühen: Es hätte wahr­schein­lich einer Ein­mi­schung von oben bedurft“, erklärt Schmei­chel viel­sa­gend. Jemand hätte klar­stellen müssen, dass es nicht an der Zeit sei, eine Ent­schei­dung zu treffen, und dass man viel­leicht bis zum nächsten Tag warten sollte, ehe man eine solche Ent­schei­dung vor­nimmt.“

Auch Danish-Dyna­mite-Legende Michael Lau­drup geht mit dem euro­päi­schen Ver­band hart ins Gericht: Die däni­schen Spieler hatten eine Wahl zu treffen, die über­haupt keine Wahl war“, schimpft der ehe­ma­lige Barca-Star. Man trifft eine Ent­schei­dung so kurz nach einem so emo­tio­nalen Ereignis, das halte ich für falsch. Die UEFA hätte nur zu sagen brau­chen: Natür­lich werden wir heute Abend nicht spielen, und morgen werden wir die vor­han­denen Mög­lich­keiten prüfen.“

Die bit­tere Wahr­heit ist: Zeit, um abzu­wägen, lässt der auf­ge­blähte Ter­min­ka­lender im inter­na­tio­nalen Fuß­ball schon lange nicht mehr zu. Das zeigen allein die Rah­men­daten dieser gna­denlos durch­ge­peitschten Euro­pa­meis­ter­schaft: Das Tur­nier ist ein­ge­quetscht zwi­schen einer (Corona-bedingt) endlos langen Klub­saison 2020/21 und einer (WM-bedingt) super-engen Klub­saison 2021/22. Für Erik­sens Klub Inter Mai­land endete die natio­nale Liga erst am 23. Mai, ganze 18 Tage vor EM-Beginn. Eine ange­mes­sene Rege­ne­ra­tion gefolgt von einer sys­te­ma­ti­schen Trai­nings­vor­be­rei­tung war in dieser kurzen Zeit­spanne schlicht nicht unter­zu­bringen. Ebenso wenig wie zwi­schen dem Ende der EM und dem Start in die kom­mende Spiel­zeit.

„ Was für eine Art von Wahl hatten die Spieler hier?“

Peter Schmeichel

Dabei mahnen Sport­me­di­ziner, Spie­ler­ver­treter und Trainer wie Jürgen Klopp schon lange, dass die Gesund­heit der Profis sys­te­ma­tisch ver­heizt werde. Ein Ver­zicht auf die EM 2020 bzw. 2021 kam für die UEFA aber nicht infrage. Zu viel Spon­soren- und TV-Geld stand auf dem Spiel. Inzwi­schen, so könnte man mit Blick auf den Fall Eriksen anmerken, muss man in Nyon offenbar heikle Prio­ri­täten setzen: Geld oder Gesund­heit. Die Ent­schei­dung fürs Mone­täre vermag kaum zu über­ra­schen. Da auf den fuß­bal­le­ri­schen Schlacht­fel­dern Europas nicht die Gesund­heit der Funk­tio­näre auf dem Spiel steht (wohl aber deren Wohl­stand), wird natür­lich gekickt. Not­falls auch mal 100 Minuten, nachdem ein junger Fami­li­en­vater auf dem Rasen zusam­men­ge­bro­chen ist.

Man mag sich gar nicht aus­malen, wie die Tur­nier­lei­tung ent­schieden hätte, wäre Eriksen nicht gerettet worden. Es ist absolut lächer­lich, dass die UEFA mit einer Lösung wie dieser daher gekommen ist“, schimpft auch Däne­marks Ex-Natio­nal­tor­hüter Peter Schmei­chel, der Vater von Kasper. Die dritte Mög­lich­keit“, so Schmei­chel senior gegen­über dem bri­ti­schen TV-Sender ITV, wäre gewesen, das Spiel abzu­sagen und mit 0:3 aus der Sicht von Däne­mark zu werten. Mal ganz ehr­lich: Was für eine Art von Wahl hatten die Spieler hier?“