Toni Schley, Sie sind Mit­in­itiator der Bewe­gung Süd­kurve bleibt!“. Was macht die Süd­kurve für Sie aus?

Da muss ich aus­holen: Der FCC hat in den ver­gan­genen Jahren keinen guten Fuß­ball gespielt. Es gab für einen jungen Men­schen daher eigent­lich nur wenige Gründe ins Sta­dion zu gehen und sich den Sport anzu­gu­cken. Trotzdem ist es gelungen, viele junge Leute aus der Stadt und aus der Region für diesen Fuß­ball­verein zu begeis­tern. Die Atmo­sphäre ist so spe­ziell, dass es ein­fach Spaß macht ins Sta­dion zu kommen.

Am kom­menden Mitt­woch ent­scheidet der Stadtrat über die Zukunft ihrer Fan­kurve. Wie kam es dazu?

Als wir 2015 die neuen Pläne für einen Sta­di­on­umbau sahen, stellten wir fest, dass unsere For­de­rungen nach einer Süd­kurve für FCC-Fans in den aktu­ellen Plänen keine Rolle mehr spielten. Des­halb haben wir beschlossen für unser Anliegen gerade zu stehen und riefen unser mitt­ler­weile bekanntes Pro­jekt Süd­kurve Bleibt!“ ins Leben. Der Pro­zess des Umbaus läuft nun schon seit über zehn Jahren und seit den ersten Gedan­ken­spielen eines Sta­di­on­um­baus war für uns klar, dass ein Heimf­an­block außer­halb unserer geliebten Süd­kurve keine Option ist. Viel mehr war es unser Anliegen, die Gäs­te­fans mit denen wir uns bisher die Süd­tri­büne teilen, in den Norden zu ver­legen.

Aber warum ist die Him­mels­rich­tung so wichtig? Können nicht die selben Fans auch im Norden für diese spe­zi­elle Atmo­sphäre sorgen?

Das ist rational nicht zu erklären. Die Fans stehen teil­weise seit Jahr­zehnten bei jedem Wetter gegen jeden noch so unat­trak­tiven Gegner in dieser Süd­kurve. Nur Anfang der 2000er waren diese Blöcke für sechs Jahre nicht mehr unsere Heimat. Als wir im Januar 2007 gegen die Kickers Offen­bach zum ersten Mal wieder in unserer Süd­kurve standen, haben wir vor lauter Freude eine spek­ta­ku­läre Cho­reo­gra­phie orga­ni­siert und zusammen eine rie­sige neue Fahne gemalt. Ich erin­nere mich, wie der Bür­ger­meister von Jena auf dem Rasen stand und berührt von unserer Cho­reo­gra­phie ver­spro­chen hat, dass spä­tes­tens nach dem Umbau des Sta­dions die kom­plette Süd­kurve der Jenaer Fan­szene gehören soll. Uns war es in dem Moment egal, wie das Spiel aus­geht. Uns war es an diesem Abend nur wichtig, wieder an diesem Ort zu stehen.

Was ver­su­chen Sie dafür zu tun, um weiter an diesem Ort zu stehen zu können?

Mit Dis­kus­sionen alleine sind wir auf Grenzen gestoßen. Man kann noch so gut dis­ku­tieren, am Ende ist das Geld der ent­schei­dende Faktor. Einer unserer Ansätze war es, die durch unsere Süd­tri­büne ent­ste­henden Mehr­kosten selbst zu tragen. Im Juni 2016 star­teten wir daher das Pro­jekt Crowd­FAN­ding. Wir waren damit die erste Fan­szene in Europa, die ihre eigene Finan­zie­rungs­platt­form an den Start gebracht hatte. Diese Aktion war sehr erfolg­reich. Neben den gesam­melten 150.000€, haben wir es geschafft, öffent­lich wirksam zu sein. Poli­tiker, Sozio­logen und Sicher­heits­ex­perten sind auf dieses Thema auf­ge­sprungen und haben uns unter­stützt. Das ent­schei­dende Kri­te­rium waren am Ende also gar nicht die gesam­melten 150.000€, son­dern die über­wäl­ti­gende Anzahl an Unter­stüt­zern aus allen mög­li­chen Kreisen.

Die Stadt­ver­wal­tung führt Mehr­kosten im sie­ben­stel­ligen Bereich auf. Sind da 150.000 Euro nicht etwas zu wenig?

Die auf­ge­führten Zahlen der Stadt­ver­wal­tung sind nicht nach­voll­ziehbar und denkbar über­zogen. Aber natür­lich kann unser gesam­meltes Geld nicht die gesamten Kosten abde­cken. Des­wegen haben wir auch andere Maß­nahmen vor­ge­tragen, die man als Fan im Rahmen eines Sta­di­on­baus begleiten kann. Das Geld, was wir den Verein ohne Frage kosten, möchten wir unbe­dingt durch Arbeits­kraft wieder rein­holen. Wir sind alle bereit uns an den Bau­maß­nahmen auch kör­per­lich zu betei­ligen, damit die Kos­ten­träger an vielen Ecken Geld ein­sparen können. Aktiv am Bau unseres neuen Sta­dions mit­ge­ar­beitet zu haben, wäre für jeden Fan eine Ehre. Und das kann nochmal eine ganz andere Ver­bun­den­heit mit dem Sta­dion erzeugen.

Wie posi­tio­niert sich der Verein zu dieser The­matik?

Der Verein und die Fan­szene stehen im regen Dialog mit­ein­ander. Grund­sätz­lich unter­stützt uns der Vor­stand bei unserem Anliegen. Doch uns ist klar, dass der Verein unbe­dingt das neue Sta­dion braucht. Es ist die trau­rige Rea­lität, dass Carl Zeiss Jena wirt­schaft­lich am Tropf hängt und im Ernst­fall für eine finan­zi­elle Eta­blie­rung auch auf die Süd­kurve ver­zichten würde. Das ist schade, aber diese Posi­tion ver­stehen wir natür­lich. Wir glauben aber, dass sich das neue Sta­dion und die Süd­kurve kei­nes­falls aus­schließen muss.

Spürt man die schwie­rige Situa­tion in der Stadt?

Man kann sich nicht vor­stellen was hier gerade los ist. Der Ein­satz der Fans in diesen letzten Wochen vor der Ent­schei­dung ist sen­sa­tio­nell. Es gibt keinen, der nicht fragt was er noch erle­digen kann. Die Jungs und Mädels hängen Pla­kate aus, ver­teilen Flyer in der Uni und planen Info­stände in ganz Jena. Außerdem haben wir eine Online­pe­ti­tion gestartet, die jetzt nach 36 Stunden fast drei­tau­send Unter­stützer hat. Gerade in den letzten Tagen werden wir noch einiges auf die Beine stellen. Der Eifer der Fans bewegt viele Unbe­tei­ligte in der Stadt, auch wenn die Bevöl­ke­rung auf­grund der Kosten natür­lich zwie­ge­spalten ist.

Wie würden die Fans auf eine Ent­schei­dung gegen die Süd­kurve reagieren?

Zunächst würde es gelten, besonnen zu reagieren. Da müssen wir viel­leicht auch die jungen Wilden auf­fangen. Es ist wichtig, dass jeder Fan des FCC gänz­lich auf Van­da­lismus und Gewalt ver­zichtet. Es wäre eine trau­rige, aber auch eine poli­ti­sche, demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung, die wir akzep­tieren müssen. Trotzdem würden sich wohl die meisten wei­terhin Karten für die Süd­tri­büne kaufen.