Wenn Trainer einen neuen Klub über­nehmen oder in eine neue Saison starten, spre­chen sie gerne von Visionen und Umbrü­chen. So war es auch bei Markus Babbel. Dabei wirkte sein Enga­ge­ment schon zu Beginn eher wie eine Zweck­be­zie­hung. Die Kraich­gauer zahlten gutes Geld, Babbel brauchte einen Job. Das Angebot kam zur rich­tigen Zeit, ein biss­chen Land­luft hat schließ­lich noch nie­mandem geschadet – gerade nach der Schlamm­schlacht in Berlin.
 
Doch weil man anfangs eben Feuer ent­fa­chen muss, erzählte Markus Babbel von großen Vor­haben. Er gab Europa als Ziel aus. Ein­fach so, ohne Not, die ver­gan­gene Saison gab jeden­falls keinen Anlass dazu. Mit diesem Verein in der Cham­pions League zu spielen, bei den Großen dabei zu sein, das wäre ein Traum und ist eine Antriebs­feder für mich“, sagte Babbel den­noch.

Seit drei Jahren herrscht Still­stand
 
In Sins­heim hingen sie an seinen Lippen, denn dort, wo die Mann­schaft vor vier Jahren noch wirkte wie aus einem geheimen Sport­labor gezüchtet, herrschte seit geraumer Zeit Still­stand. In den ver­gan­genen drei Spiel­zeiten belegte der Klub die Plätze elf, elf und elf.
 
Auch die Spieler glaubten, dass diese Saison richtig was geht, und ver­kün­deten die frohe Nach­richt, als seien sie alle­samt im Sommer bei einem Moti­va­ti­ons­guru gewesen. Was gab Anlass dazu? Tor­hüter Tim Wiese war nach Sins­heim gezogen, nachdem er ein Angebot von Real Madrid abge­lehnt haben soll. Mit ihm kamen Mat­t­hieu Del­pierre, Chris und Eren Der­diyok, gestan­dene Profis, mit denen man sich in der oberen Tabel­len­hälfte eta­blieren kann. Doch Europa? Cham­pions League? Mehr noch? Del­pierre ließ wissen: Alle sind hungrig auf Titel.“ Danach verlor die Mann­schaft 0:4 im Pokal gegen einen Viert­li­gisten.
 
Und weil es auch in der Bun­des­liga nur drei Siege in 15 Spielen gab, wird die TSG Hof­fen­heim die schlech­teste Hin­runde der Ver­eins­ge­schichte spielen. 34 Gegen­tore hat die Mann­schaft bis jetzt kas­siert, Tim Wiese leis­tete sich Fehler, ver­letzte sich und wurde aus­sor­tiert. Vom Euro­pa­pokal sprach bald nie­mand mehr. Es ging um Scha­dens­be­gren­zung – nur knapp vier Monate nach dem groß ange­kün­digten Umbruch.

Spielen die Spieler gegen den Trainer?
 
Immerhin, so sehr Markus Babbel von Europa träumte, so hat er auch dieses Sze­nario vor­her­ge­sehen. Am Anfang der Saison sagte er, dass es wichtig sei, bei den Spie­lern einen Team­spirit“ zu erzeugen. Auf die Frage eines Jour­na­listen, was denn pas­siere, wenn dieser nicht ein­trete, ant­wor­tete Babbel: Dann kämpfen wir gegen den Abstieg.“ Und so herrscht in Sins­heim momentan nicht mal mehr Still­stand.
 
Oft heißt es, dass Mann­schaften gegen den Trainer spielen. So etwa in Wolfs­burg, wo Spieler wie Diego oder Bas Dost seit dem Weg­gang von Felix Magath zu Höchst­form auf­laufen. In Hof­fen­heim hat man eher das Gefühl, die Mann­schaft spiele seit dem Winter 2008 gegen die eigene Lan­ge­weile: Gelang­weilt vom eigenen Fuß­ball, von der Einöde, von den paar Zuschauern, von dem Graue-Maus-Image, von Durch­hal­te­pa­rolen, von den immer­glei­chen Sai­sons im Tabellen-Nie­mands­land, von Fan­tasie-Zielen, von einem stein­rei­chen Mäzen, der sich, viel­leicht auch gelang­weilt von der Lan­ge­weile, aus Sins­heim nach Flo­rida ver­ab­schiedet hat, und seinen Geld­beutel nicht weit genug öffnet, um echte Top­stars zur TSG zu holen.

Das Para­doxe dieses Mal: Der Trainer spricht gegen seine Profis. Neu­lich, wenige Tage nachdem die TSG Hof­fen­heim 2:4 gegen den 1. FC Nürn­berg ver­loren hatte, sprach Markus Babbel fol­genden Satz: Das lang­weilt langsam!“ Er meinte damit das Ver­halten seiner Spieler, die seinen Anwei­sungen nicht mehr folgen würden. Das kennt man nor­ma­ler­weise anders, denn Trainer stellen sich für gewöhn­lich vor ihre Spieler – auch im Abstiegs­kampf. Doch bei der TSG schien just alles ein biss­chen egal.
 
Vor dem Spiel gegen Werder Bremen gab es zwar wieder die übli­chen Durch­hal­te­pa­rolen, man wollte als Mann­schaft zusam­men­halten“ und weiter positiv sein“, doch im Spiel agierte die Mann­schaft wie seit dem ersten Pflicht­spiel der Saison, in einer aber­wit­zigen Lethargie – als wolle sie die Anti­pode zur Hin­runden-Mann­schaft 2008/09 dar­stellen.

Babbel inter­es­siere es nicht, ob er Trainer bleibt
 
Und als sei diese Atti­tüde im Fuß­ball irgendwie erstre­bens­wert, gab sich auch der Trainer nach dem Spiel so: gelang­weilt. Er sagte, dass es ihn nicht inter­es­siere, ob er nächste Woche noch Trainer sei. Später revi­dierte er diese Aus­sage in der Bild“-Zeitung zwar wieder, heraus kam aber nichts weiter als eine Durch­hal­te­pa­role: Ich bin fel­sen­fest davon über­zeugt, dass ich Freitag in Ham­burg auf der Bank sitze.“
 
Er wird nicht auf der Bank sitzen. Am Mon­tag­nach­mittag ver­kün­dete die TSG die Ent­las­sung von Markus Babbel. Gefeuert von Andreas Müller, der Mitte Sep­tember nach Sins­heim gekommen war und Markus Babbel ent­lasten sollte, da dieser in Dop­pel­funk­tion als Manager und Trainer gear­beitet hatte. Babbel ver­lässt Hof­fen­heim nach sieben Siegen in neun Monaten, und – was auch eher auf eine Zweck- statt Lie­bes­be­zie­hung ver­muten lässt – ohne eine TSG-Täto­wie­rung.
 
Bis zur Win­ter­pause über­nimmt U23-Trainer Frank Kramer die Mann­schaft. Für die Rück­runde werden ver­schie­dene Namen gehan­delt. Zum Bei­spiel Marco Kurz, Hansi Flick und Bert van Mar­wijk. Natür­lich auch Felix Magath. Immerhin: Nach Lan­ge­weile klingt das nicht.