Ich war dabei, als inner­halb von einer halben Stunde der deut­sche Fuß­ball kaputt ging. Im Oktober fuhr ich mit ein paar Freunden ins Ber­liner Olym­pia­sta­dion, um das WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel Deutsch­land gegen Schweden zu sehen. Nicht etwa auf der Pres­se­tri­büne, son­dern ganz privat in einem bunt gemischten Block aus Deut­schen und Schweden. Ich gebe zu, dass ich dem Spiel ohne große Erwar­tungen ent­gegen blickte.

Anfangs sah es so aus, als würden Freud und Leid an diesem Abend sehr ungleich ver­teilt. Nach der am Ende unbe­frie­di­genden Euro­pa­meis­ter­schaft und einer 1:3‑Niederlage im Test gegen Argen­ti­nien schien die deut­sche Mann­schaft all­mäh­lich wieder in die Spur zu kommen, vier Tage vorher hatte sie die Iren mit 6:1 aus dem eigenen Sta­dion gefie­delt. Nun wollten die Spieler gegen Schweden offenbar nahtlos an diese Leis­tung anknüpfen.

Die Schweden sind keine Hol­länder“, wusste Franz Becken­bauer schon vor Jahren zu berichten und daran hat sich wenig geän­dert. Nach 15 Minuten stand es 2:0, zur Halb­zeit 3:0, kurz darauf 4:0. Die deut­sche Elf zau­berte, wie man es in der Ära eines Rib­beck oder Völler nie für mög­lich gehalten hätte, und das anfangs beflissen ihre mit­ge­brachten Fähn­chen schwen­kende schwe­di­sche Pär­chen neben uns schaute bald melan­cho­lisch in die Gegend, als sei es einem trost­losen Ingmar-Bergman-Streifen ent­sprungen.

Wie zwei betrun­kene Elche

Selbst als Zlatan Ibra­hi­movic, ein­ziger Fuß­baller im engeren Sinne auf schwe­di­scher Seite, das 1:4 gelang, kamen die beiden nicht aus sich heraus. Dann aber schoss Mikael Lustig das 2:4. Dann Johan Elmander das 3:4. Und dann Rasmus Elm in der Nach­spiel­zeit das 4:4. Danach war Schluss mit Bergman. Wie zwei betrun­kene Elche tau­melte das Pär­chen selig vom Block.

Wer hin­gegen meint, die Melan­cholie sei jetzt auf Seiten der deut­schen Anhänger zuhause gewesen, der irrt. Deren vor­herr­schender Gesichts­aus­druck war eine leicht dümm­liche Ungläu­big­keit, mein eigenes Spie­gel­bild ver­mut­lich ein­ge­schlossen. Nie­mand begriff, was in den dreißig Minuten zuvor geschehen war.

2006 war ich im Sta­dion, als Deutsch­land im WM-Halb­fi­nale gegen Ita­lien verlor. Im Ver­lauf der Ver­län­ge­rung konnte man im Sta­dion bei­nahe phy­sisch spüren, wie die Ita­liener all­mäh­lich die Ober­hand gewannen. Meter um Meter ver­schob sich das Geschehen mit gna­den­loser Zwangs­läu­fig­keit in die deut­sche Hälfte, und als Ita­lien schließ­lich zwei Tore schoss, hat das nie­manden mehr über­rascht. Die vier Treffer der Schweden kamen dagegen aus dem Nichts, ohne einen im Spiel­ver­lauf auch nur ansatz­weise ver­an­kerten Kau­sal­zu­sam­men­hang. Als das vierte Tor fiel, musste ich lachen. Ich weiß, ich bin ein schlechter Patriot.

Danke dafür!

In den fol­genden Tagen war in den Zei­tungen zu lesen, die deut­sche Elf habe Pro­bleme in der Defen­sive, ihr fehlten die Füh­rungs­fi­guren und mit Schön­spie­lerei allein könne man auch keine Titel gewinnen. Das mag ja alles sein. Am 16. Oktober 2012 herrschte im Ber­liner Olym­pia­sta­dion aller­dings der Ein­druck vor, dass der Fuß­ball an man­chen Tagen ein­fach größer ist als Taktik und Ratio, son­dern ein­fach bloß ein geiler bizarrer Scheiß. Danke dafür.