Seite 4: Jürgen Klinsmann legt eine Phil Collins Cassette ein

4. Juli 1990, 0:31 Uhr, Stadio delle Alpi, Turin. ZDF-Ü-Wagen
Rolf Töp­per­wien ver­steht die Welt nicht mehr: Seine Cut­terin startet bereits zum wie­der­holten Mal das Video­band mit dem Litt­barski-Inter­view. Doch auf der Kas­sette ist – nichts. Axel Mewes druckst herum: Könnte sein,“ so der erfah­rene Kame­ra­mann, dass ich ver­gessen habe, die Auf­nahme zu starten.“ Wie bitte? Töppi ist aus­nahms­weise sprachlos. Mewes, diesem Repor­terschlacht­ross, unter­läuft aus­ge­rechnet bei dieser Stern­stunde ein Anfän­ger­fehler? Was er nicht weiß: DFB-Pres­se­spre­cher Niers­bach hat auf ver­ant­wort­li­cher Ebene beim ZDF insis­tiert und gebeten, Littis“ Wut­an­fall nicht aus­zu­strahlen. Mewes hat die Schuld auf sich geladen, sich die tech­ni­sche Panne aus­ge­dacht und den Mit­schnitt ver­schwinden lassen. Er wird das Geheimnis viele Jahre für sich behalten. Erst Niers­bach lüftet bei Töp­per­wiens Abschied vom ZDF im Sep­tember 2010 das Rätsel.

7. Juli 1990, 16 Uhr, Bus­fahrt zur Villa Borg­he­siana, Rom
Jürgen Klins­mann reicht eine Musik­kas­sette zum Bus­fahrer nach vorn. Aus den Boxen schallt die Stimme von Phil Col­lins. Doch kaum sind die ersten Takte von Ano­ther day in para­dise“ erklungen, regt sich laut­starker Wider­stand – nament­lich von Mat­thäus und Brehme. Phil Col­lins ver­stummt und wird durch Gianna Nan­nini ersetzt: Un’estate Ita­liana“, der Song, der auf immer den Sound­track des spä­teren Titel­ge­winns defi­nieren soll. Für die Musik im Mann­schaft­kreis ist eigent­lich Pierre Litt­barski zuständig, er rezen­siert für einen Kölner Plat­ten­laden Neu­erschei­nungen, ist ständig up to date und stellt Mix­tapes für die Team­a­bende zusammen. Er weiß: War klar, dass die Kas­sette vom Jürgen nicht lang läuft. Der hätte auch die größten Hits der Beatles ein­legen können und die anderen hätten sich auf­ge­regt…“

Herz­li­chen Dank, Rudi! Kannst gern über­nehmen“

7. Juli 1990, 19:28 Uhr, Villa Borg­he­siana 
Es klopft an der Zim­mertür von Paul Steiner und Thomas Häßler. Becken­bauer fragt: Paul, was mach ma? Willst im Finale auf die Bank? Ich könnt da auch einen Mit­tel­feld­spieler gebrau­chen.“ Steiner weiß, was das bedeutet: Für ihn geht die WM 4:3 aus – vier Mal Brat­wurst“, drei Mal Loser“. Der Kaiser hat sich ent­schieden, im Finale auf die inter­na­tio­nale Erfah­rung von Litt­barski zu setzen – und auf Thomas Häßler, weil er das Team in der Quali mit seinem Tor gegen Wales erlöst hat. Steiner und Uwe Bein erleben das Finale auf der Tri­büne.

8. Juli 1990, 21:40 Uhr, Stadio Olim­pico, Rom
Andreas Brehme steht am Elf­me­ter­punkt und wartet. Seit Ewig­keiten dis­ku­tieren die argen­ti­ni­schen Spieler mit Schieds­richter Mendéz. Er hat sich den Ball schon mehr­mals zurecht­ge­legt, doch immer wieder kickt ein Gegner die Kugel vom Punkt. Mat­thäus hat in der Halb­zeit seine Schuhe gewech­selt. Das alte Paar hat er acht Jahre lang in jedem Län­der­spiel getragen, die neuen Töppen sitzen noch nicht. Er über­trägt die Straf­stoß-Ver­ant­wor­tung fünf Minuten vor Ende des Finals an seinen Kumpel Andy. Brehme ver­sucht die Ruhe zu behalten, als in dem Tohu­wa­bohu Rudi Völler auf ihn zukommt und flüs­tert: Wenn Du den rein­machst, sind wir Welt­meister!“ Da wird selbst dem Barm­beker Jung für einen Moment mulmig: Herz­li­chen Dank, Rudi! Kannst gern über­nehmen.“

8. Juli 1990, 22:59 Uhr, Stadio Olim­pico
Frank Mill klopft an die Kabi­nentür der Argen­ti­nier. Zur Halb­zeit ging er hinter Diego Mara­dona auf der Treppe in den Kata­komben und hat ihn spontan gefragt, ob er nach dem Match dessen Trikot haben könne. Der Gold­junge hat zuge­sagt. Ob er sich nach dem ver­lo­renen Finale, dem trä­nen­rei­chen Ende, nun noch erin­nert? Die Tür geht einen Spalt auf, ein Zwei-Meter-Mann öffnet und fragt Mill, was er wolle. Der erklärt unter Zuhil­fe­nahme von Händen und Füßen sein Begehr. Die Tür geht wieder zu, kurz darauf öffnet Mara­dona und bittet Mill herein. In der Mitte der Kabine beglück­wünscht er den Deut­schen, die beiden umarmen sich. Mill drückt gerade behelfs­mäßig sein Bedauern aus, als der Argen­ti­nier in seine gepackte Tasche greift, das Jersey her­aus­fischt und es ihm in die Hand drückt. Als Mill in die DFB-Kabine zurück­kommt, wird neben ihm gerade Bun­des­kanzler Helmut Kohl von zwei Natio­nal­spie­lern mit Schampus nass­ge­spritzt.

Berti, ich glaube, ich habe grad Schmarrn erzählt“

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Was vom WM-Tri­umph übrig blieb: Zig Fla­schen Cham­pa­gner und ein Flip­chart mit elf Argen­ti­niern in der DFB-Kabine nach dem Finale.

Baader

8. Juli 1990, 23:48 Uhr, Stadio Olim­pico
Der Kaiser betritt als einer der letzten den Mann­schaftsbus. Er ist ganz eupho­risch, der Cham­pa­gner wirkt. Als er Berti Vogts, seinen Co-Trainer und desi­gnierten Nach­folger sieht, fällt es ihm wieder ein. Berti, ich glaube, ich habe grad Schmarrn erzählt.“ Ein Jour­na­list aus Ost­eu­ropa hat bei der Pres­se­kon­fe­renz gesagt, dass Deutsch­land zurecht Welt­meister sei und gefragt, was pas­siere, wenn nun auch noch die Top-Spieler aus dem Osten den Kader berei­cherten. Wer die Deut­schen über­haupt noch schlagen solle? Und Becken­bauer ist ihm im Über­schwang auf den Leim gegangen: Deutsch­land sei nun wohl auf Jahre hin unschlagbar. Als Becken­bauer Vogts seinen Faux-Pas beichtet, sagt dieser kalt lächelnd: Danke, Franz.“ Und denkt sich ins­ge­heim: Dieser Typ, man kann ihm ein­fach nicht böse sein.“

9. Juli 1990, 0:48 Uhr, Stadio Olim­pico
Klaus Augen­thaler sitzt neben einem knapp 70-jäh­rigen FIFA-Arzt im Doping­raum und lässt sich warmes Wasser über die Hände laufen. Seit mehr als zwei Stunden hofft der Libero darauf, end­lich seine Doping­probe abzu­geben. Doch egal, was er auch in sich hin­ein­kippt, unten tröp­felt es nur. Schließ­lich unter­nimmt Auge“ einen kleinen Bestechungs­ver­such: Er bietet dem FIFA-Medi­ziner seinen DFB-Sweater an, falls der sich mit der kargen Menge Urin zufrieden gäbe. Das Flut­licht im Sta­di­on­in­neren ist längst erlo­schen. Der Doping­arzt nimmt den Pulli – und lässt Augen­thaler gehen.

Ab sofort bin ich für alle der Franz. Doch ich biete euch nicht nur das Du an, son­dern auch meine Freund­schaft!“

Franz Beckenbauer zu seinen Spielern

9. Juli 1990, 0:56 Uhr, Villa Borg­he­siana
Bei der letzten Team­sit­zung vor Eröff­nung des WM-Ban­ketts sagt Becken­bauer seinen Spie­lern: Ab sofort bin ich für alle der Franz. Doch ich biete euch nicht nur das Du an, son­dern auch meine Freund­schaft!“ Mat­thäus über­reicht dem Team­chef zum Abschied im Namen des Kaders ein sil­bernes Kaffee-Ser­vice. Co-Trainer Osieck bekommt eine Standuhr.

9. Juli 1990, 6:42 Uhr, Rom, Villa Borg­he­siana
Augen­thaler ist von seiner zwei­mo­na­tigen Tochter geweckt worden. Nach der späten Rück­kunft im Hotel hat er sich bald Schlafen gelegt. Stock­nüch­tern blickt er aus dem Fenster und sieht, wie im Garten Thomas Häßler im nagel­neuen Kin­der­wagen der Augen­tha­lers sitzt und vom schwer ange­schi­ckerten Sepp Maier auf der Flucht vor der Fon­täne des Rasen­spren­gers im Kreis geschoben wird.

9. Juli 1990, 10:36 Uhr, Emp­fangs­halle Villa Borg­he­siana
Die DFB-Spieler tragen hell­blaue Hemden und Kra­watten, als sie den Bus zum Flug­hafen Rom-Ciam­pino besteigen. Einige haben schon ein Weiß­bier­früh­stück hinter sich. Nur Pierre Litt­barski hat ein WM-Touri-Shirt an, über das lässig der schwarze DFB-Schlips lappt. Kanzler Kohl hat ver­fügt, dass die Flug­be­reit­schaft der Bun­des­wehr die Welt­meister zurück nach Frank­furt bringt. Um kurz vor zwölf starten Oberst­leut­nant Hoyer und sein Adju­dant Major Wil­helms die Motoren der Boeing 707 August Euler“. Flug 1003 bringt das Team sicher zu den Fei­er­lich­keiten am Römer“.

16. April 2020, 11:12 Uhr, SMS von Wolf­gang Niers­bach an Pierre Litt­barski
Lieber Litti! Alles Gute zum 60sten Geburtstag! Bleib gesund!“

16. April 2020, 11:23 Uhr, SMS von Litt­barski
Lieber Wolf­gang! Danke für Deine Glück­wün­sche. Und danke, dass Du mich 1990 vor einer großen Dumm­heit bewahrt hast!“