Seite 3: „Du bist der Klinsmann, nicht der Péle!“

1. Juli 1990, 18:52 Uhr, Umklei­de­ka­bine, San Siro, Mai­land
Deutsch­land steht im Halb­fi­nale und die Natio­nalelf geht erst einmal in Deckung. Beim Betreten der Kabine kickt Becken­bauer den Eis­kübel weg, der seinen Weg kreuzt, und Eis­würfel ergießen sich über die anwe­senden Profis. Der Kaiser zürnt, weil sein Team gegen einen Gegner in Unter­zahl das Spiel fast aus der Hand gegeben hat. Schon am Spiel­feld­rand hat er einen ver­dutzten ita­lie­ni­schen Ball­jungen stink­sauer gefragt, ob er nicht mit­spielen wolle. Bei dem Grot­ten­kick habe er keine Sorgen, den Buben aufs Feld zu schi­cken. In der zweiten Hälfte hat dem Team befohlen, Jürgen Klins­mann nicht mehr anzu­spielen. Nun nimmt er sich den blonden Schwaben richtig zur Brust: Was glaubst Du, wer Du bist? Du bist der Klins­mann, nicht der Péle!“ Auch Andy Brehme kriegt sein Fett weg. Doch der Han­seat wagt es, Gegen­fragen zu stellen: Sorry, Trainer, aber haben Sie nie ein schlechtes Spiel gemacht?“ Das bringt den Kaiser erst so richtig in Fahrt. Einige sind vor­sichts­halber ins Ent­mü­dungs­be­cken geflüchtet, doch nun mischt der Team­chef auch den Bereich auf. Zum Glück war es im Bad so heiß,“ so Klaus Augen­thaler, der dort im Wasser planscht, dass er es nicht lange aus­hielt.“ Auf der Rück­fahrt setzt sich PR-Mann Niers­bach zum geschol­tenen Klins­mann. Jürgen, keine Ahnung, was mit dem Franz los war, soll ich da eine Aus­sprache anregen?“ Doch der blonde Stürmer lächelt den Frust weg: Quatsch, das hat der doch inzwi­schen längst ver­gessen.“

Andy, Rai­mond, wer mag? Macht’s das unter euch aus!“

4. Juli 1990, 18:22 Uhr, Stadio delle Alpi, Turin, Medi­en­park­platz
Pierre Litt­barski ist außer sich. Becken­bauer hat ihm beim Abschluss­trai­ning auf dem unebenen Geläuf eines Turiner Ama­teur­klubs bei­läufig mit­ge­teilt, dass nicht er, son­dern Olaf Thon im Halb­fi­nale gegen Eng­land auf­laufen wird. In Beglei­tung von Uwe Bein trabt Litti“ auf einen Über­tra­gungs­wagen des ZDF zu. Der Frust muss raus. Reporter Rolf Töp­per­wien erkennt sofort, was Sache ist, und gibt dem Kol­legen Axel Mewes ein Zei­chen, seine Kamera in Anschlag zu bringen. Als der Dreh beginnt, pol­tert Litt­barski los. Alles muss raus: Ver­trau­ens­ver­lust. Mensch­liche Ent­täu­schung. Nein, er sei nicht ange­schlagen, im Gegen­teil. Von wegen, Kaiser. Töp­per­wien muss gar nicht nach­fragen, da hat sich in der ver­meint­li­chen Har­monie von Erba offenbar doch einiges ange­staut. Der Reporter weiß: Dieses Inter­view ist ein Scoop.

4. Juli 1990, 20:16 Uhr, Stadio delle Alpi, DFB-Kabine
Als Franz Becken­bauer seine Spieler zum Auf­wärmen auf den Rasen schickt, fragt ein Mit­ar­beiter der Dele­ga­tion, wen er gegen Eng­land als zweiten Tor­hüter in den Spiel­be­richts­bogen ein­tragen soll. Für den Team­chef eine läs­tige For­malie. In seinem Kader sind schließ­lich alle Spieler gleich viel wert. Er ruft seinen Kee­pern Aumann und Köpke hin­terher: Andy, Rai­mond, wer mag? Macht’s das unter euch aus!“

Brat­wurst vs. Loser

4. Juli 1990, 21:48 Uhr, Stadio delle Alpi
Frank Mill und Günter Her­mann haben es im WM-Halb­fi­nale nicht in den 16er-Kader geschafft. Heute gehören sie zu den Brat­würsten“. Paul Steiner hat zu dieser Klas­si­fi­ka­tion gefunden: Wer im Kader ist und auf der Bank sitzt, ist ein Loser“. Wer auf die Tri­büne muss, eine Brat­wurst“. In der Halb­zeit haben es sich die beiden also auf dem Klo der deut­schen Umkleide gemüt­lich gemacht und sich eine Ziga­rette ange­steckt. In der Kabine herrscht geschäf­tiges Treiben, doch plötz­lich geht die Klotür auf und Becken­bauer fragt: Sagt mal, brennt hier was?“.

4. Juli 1990, 23:36 Uhr, Stadio delle Alpi
Lothar Mat­thäus kann sich das Schmun­zeln nicht ver­kneifen. Eben hat er seinen Elf­meter im Shoot-Out gegen Eng­land ver­wan­delt und ver­folgt nun ent­spannt das Geschehen. Da fällt ihm auf: Der bri­ti­sche Keeper Peter Shilton fällt wie eine Bahn­schranke. Meist reagiert der Schluss­mann erst, wenn der Ball schon vom Netz wieder auf den Rasen tippt. Was soll da noch schief­gehen? Litt­barski auf der Ersatz­bank ist sich da nicht so sicher: Er weiß, wenn sein Kölner Kol­lege Bodo Ill­gner eine Schwäche hat, dann Straf­stöße. Der Bodo hatte ja ordent­lich Spann­weite, viel­leicht schießt ihn einer an,“ hofft er. Psycho“ Pearce tut ihm den Gefallen. Ill­gner ent­scheidet sich für die linke Ecke, da rauscht der Ball heran und der deut­sche Keeper fällt drauf.